Gespräch mit der scheidenden Heimseelsorgerin Petra Stöckmann-Kothen
Ausgabe Nr. 2942

Petra Stöckmann-Kothen auf der Kanzel der evangelischen Kirche in Neppendorf.
„Geboren am 30. Juli 1964 als zweites von vier Kindern, aufgewachsen in Gödenstorf, Landkreis Harburg, Niedersachsen – in der Nordheide / Lüneburger Heide”, so stellt sich Diakonin Petra Stöckmann-Kothen vor und fährt fort: „Nach der Schule machte ich eine Ausbildung zur ländlichen Hauswirtschafterin, anschließend besuchte ich eine Fachschule und neben der Arbeit im Erholungszentrum Wittensee (ähnlich dem Elimheim in Michelsberg) besuchte ich die Meisterschulung der Landwirtschaftskammer Kiel, Abschluss 1987 als Meisterin der ländlichen Hauswirtschaft. Zuletzt besuchte ich das Seminar für evangelischen Gemeindedienst MBK in Bad Salzuflen und machte 1991 den Abschluss als Gemeindehelferin.”
Im September 2025 feierte sie ein Jubiläum: 30 Jahre Seelsorgerin im „Dr. Carl Wolff”-Altenheim in Hermannstadt. Ende Januar 2026 nimmt sie Abschied und zieht zurück nach Deutschland. Lesen Sie im Folgenden ein Interview mit Petra Stöckmann-Kothen, das HZ-Redakteurin Beatrice U n g a r zum Jahreswechsel geführt hat.
Wie kamen Sie nach Hermannstadt?
Während der Ausbildung zur Gemeindehelferin lernte ich im Kirchenkreis Herborn eine Gruppe Menschen kennen, die intensive Beziehungen zu Siebenbürgen hatten, schon in den 1980er Jahren einige Hilfstransporte unter anderem nach Hermannstadt unternahmen und im Dezember 1989 direkt einen großen LKW für Siebenbürgen beluden. So kam ich auf die Idee, mich hier für ein freiwilliges Jahr zu bewerben.
Ich durfte kommen und war von September 1991 bis August 1992 im Elimheim in Michelsberg, während der Schulferien, und sonst im Schülerheim, im Einsatz. Weil es mir so gut gefiel, blieb ich bis zum Frühjahr 1993 und arbeitete in der Kirchengemeinde Fogarasch mit dem Pfarrer Hans-Karl Heinrich.
Anschließend machte ich das Anerkennungsjahr als Gemeindehelferin. In der Hannoverschen Landeskirche – aus der ich komme und in der ich mein Anerkennungsjahr machte – benötigte ich dann eine weitere Aufbauausbildung, um dort als Diakonin (andere Kirchen haben andere Bezeichnungen für Gemeindehelfer) anerkannt zu werden. Dieses konnte ich nahtlos anschließen.
Während eines Urlaubs mit einer MBK-Schwester im November 1994 in Hermannstadt und Fogarasch – bei dem es mir hier so richtig gut ging – traf ich auch Herrn Bischof Dr. Christoph Klein. Es war beim Geburtstag meiner Hermannstädter Ersatzmama Christa Binder. Auf seine Frage, wie es mir hier erginge, erzählte ich wie gut es für mich war, wieder hier zu sein. Darauf lud er mich am nächsten Tag in sein Büro und bot mir die Stelle als Seelsorgerin im frisch eröffneten „Dr. Carl Wolff“-Altenheim an. Wir planten für drei Jahre, dann könnte man weitersehen.
Weil ich in der Gemeinde in Deutschland noch die Jugendsommerfreizeit geplant und zu verantworten hatte, konnte ich erst im September 1995 die Stelle antreten.
Meine Eltern haben mich gebracht – ihr Auto war voll und meines auch. Aus den drei Jahren sind nun 30 geworden und inzwischen versuche ich meine Habe hier wieder auf ein ähnliches Maß zu reduzieren.
Ich glaube, dass es mein Platz von Gott war und er mich hierhergeführt hat. Sonst hätte ich es wohl auch nicht so lange ausgehalten. Und weil sich meine Nachfolge nun auch schon so nahtlos anfügt, glaube ich mich auch jetzt auf dem rechten Weg.
Gott hat mir dann auch für einige Jahre meinen Mann Michael Kothen geschenkt, der mich in dieser Arbeit immer und mit viel Eifer unterstützt hat, wie ihr ja wisst.
Auch das hat natürlich dazu beigetragen, dass ich hiergeblieben bin.
Überhaupt hat mich Michael immer voll und ganz unterstützt. Es war für ihn nie ein Problem, dass ich an den Wochenenden für gewöhnlich gearbeitet habe. Und er hat auch finanziell mich und meine Arbeit unterstützt. Ich hatte ja weder ein Büro noch einen Dienstwagen. Und es gab auch kein offizielles Budget für die Arbeit im Heim. Wenn die Spenden von Freunden nicht ausreichten, haben wir es privat finanziert.
Welche war die größte Herausforderung?
Eine war es sicher, sich von liebgewonnenen Menschen zu verabschieden. Mit manchen Bewohnern hatte und habe ich eine sehr intensive Beziehung. Und so war es mir manchmal richtig schwer, eine Aussegnungsfeier und vielleicht auch die Beerdigung für einen Menschen zu leiten. Manchmal konnte ich einen Kollegen bitten, diesen Dienst zu übernehmen.

Petra Stöckmann-Kothen (stehend) beim Krippenspiel 2025, das im Dr. Carl Wolff-Altenheim seit Jahren zum festen Bestandteil des Gottesdienstes an Heiligabend gehört. Fotos: Beatrice UNGAR
Sie sind ja in ein anderes Land gekommen. Wie haben Sie sich eingewöhnt?
Die Eingewöhnung war 1995 keine große Sache, denn einige der Bekannten und Freunde von meiner Zeit als Freiwillige waren noch hier. Viele Mitarbeiter im Landeskonsistorium und auch meine Ersatzeltern haben mich herzlich wieder aufgenommen. Zu den Ersatzeltern bin ich gekommen, weil die erste Tochter mit Familie im August 1991 auswanderte und die zweite im September folgte. So haben sie mich als Tochter aufgenommen. Damals war die jüngste Tochter noch in Hermannstadt, sie war und ist mir eine liebe Schwester!
Trotzdem ist es hier eine andere Welt oder?
Nun, einen Kulturschock hatte ich im September 1992, als ich im Urlaub in Deutschland war und mit einem Bekannten bei einer Feier in Kiel war – das war dann für mich eine andere Welt.
Das schönste Erlebnis?
Das war schon unsere Hochzeit hier. Die Trauung hier in der Kirche von Neppendorf war etwas besonders Schönes! Die Mitarbeiter aus Thalheim waren fast alle gekommen, auch aus dem Heim waren einige Bewohner und Mitarbeiter dabei und die Kollegen vom Landeskonsistorium. Ebenso viele aus den zu Neppendorf gehörenden Gemeinden – die Kirche war voll.
Im beruflichen Bereich sind die schönen Erlebnisse immer wieder Aktionen, die wir im Heim machen können. Die Bewohner machen so gerne mit, da sind die Vorbereitungen schon schön. Aktionen wie Krippenspiel, Oster- und Pfingstspiele oder auch die Weltgebetstage.
Besonders war es jetzt, mit Marius Ungureanu ein Theaterstück zu den Bremer Stadtmusikanten einzuüben. Es wurden zwei Vorstellungen gegeben. Auch als Statist, der ich war, war es eine große Freude und ein wunderschönes Erlebnis.
Was haben Sie vor 1991 von Siebenbürgen bzw. Rumänien gewusst?
Mein Vater war Anfang der 1970er Jahre für seine Firma in Bukarest und Bistritz. 1972 waren meine Mutter und mein Bruder mit. Mein Vater war mit dem Auto gefahren, zwei Wochen sollten sie bleiben, aber es wurden mindestens acht daraus. Für uns, meine ältere Schwester und mich, war es toll, mit den Großeltern zuhause zu bleiben, wir mussten ja in die Schule gehen.
Meinen Eltern hatte es auch recht gut gefallen, gerade auch mein Bruder, der etwas über ein Jahr alt war und strohblond, sorgte für sehr positive Reaktionen wo immer sie hinkamen.
Sie haben auch bei der Frauenarbeit der Evangelischen Kirche A. B. in Rumänien mitgemacht. Waren Sie von aller Anfang dabei?
Ich habe ab ca. 1996 bei den Seniorenfreizeiten mitgemacht, immer mal wieder eine Bibelarbeit oder ähnliches gestaltet. Die ersten noch von Anne Junesch organisiert. Als dann Brigitte Auner Geschäftsführerin wurde, fragte mich Ilse Philippi, ob ich nicht einsteigen könnte, um regelmäßig Andachten bei Veranstaltungen zu übernehmen. Seitdem habe ich oft für den Rundbrief der Frauenarbeit der EKR die Andachten verfasst – das habe ich auch für die Hermannstädter Zeitung, die Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien und die Kirchlichen Blätter und während der Pandemie für Radio Neumarkt gemacht.
Den Weltgebetstag haben Sie ja auch regelmäßig im Heim gefeiert…
Ja, das waren immer schöne Vorbereitungszeiten. Der Gottesdienst wurde immer von einigen Bewohnerinnen gelesen. Nur einmal fiel er aus. Kurz vor dem Beginn der Vorbereitung, ich hatte die Hefte schon verteilt, wurden zwei krank und dann starben beide und auch eine dritte völlig unerwartet. In jenem Jahr konnte ich den WGT nicht im Heim feiern, ich hatte keine Kraft, andere zu bitten, mitzulesen.
In den ersten Jahren hatten wir auch von anderen Konfessionen Leserinnen, das gelang in den letzten Jahren nicht mehr.
Wie war die Zusammenarbeit mit den anderen Konfessionen?
In der ersten Zeit kamen einige orthodoxe Pfarrer ins Altenheim, die mich nicht angeguckt haben. Dann kam Pfarrer Sămărghițan und er bat mich bei jeder Beerdigung nach vorne zu kommen und die Aussegnung mit ihm zusammen zu machen. Er hat immer betont, dass dieses Heim ein ökumenisches Haus ist. Das war ihm wichtig. Mit den Vertretern der römisch-katholischen Kirche, z. B. mit Pfarrer Oskar Raicea, hat es immer super funktioniert. Mit ihm gemeinsam habe ich vor knapp 20 Jahren das Autohaus Huber eingeweiht. Auch mit den Reformierten klappt es sehr gut, seit Pfarrer Varro Sándor da ist.
Sie haben ja auch immer wieder Gottesdienst in den Gemeinden in den Kirchenbezirken Hermannstadt und Mediasch gehalten…
Ja, das habe ich bis zur Pandemie regelmäßig gemacht. Gleich zu Beginn meiner Tätigkeit im Heim bin ich darum gebeten worden, Vertretungen zu übernehmen. Aber es gehörte nicht zu meiner Arbeitszeit, es war mein Privatvergnügen.
Gottesdienste habe ich auch schon in der freiwilligen Zeit gemacht. In den Gemeinden, die von Pfarrer Hans Dietrich Schullerus betreut wurden, Reußdörfchen und Kleinscheuern; Vertretung für Pfarrer Marius Maurer in Hamlesch und Törnen sowie über Pfingsten 1992 für Pfarrer Werner Lutsch in Großprobstdorf, da war ich in Wurmloch, Mortesdorf, Eibesdorf und eben Großprobstdorf.
Und in Fogarasch und den dazugehörigen Geimeinden habe ich auch regelmäßig Gottesdienste übernommen.
Das war dann ja auch eine andere Erfahrung als im Altenheim…
Ja, ich bin aber immer gerne auf die Dörfer gefahren. Allerdings konnte man nicht unbedingt immer die Predigt aus dem Heim auch so für die Dorfgemeinden nutzen. Das Heim ist schon eine andere Welt.
Sie haben auch einen starken Neppendorf-Bezug…
Weil ich dort seit 1999 wohne, bin ich dann dort auch in die Gottesdienste gegangen. Und dazu war Pfarrer Dietrich Galter der beste Freund von Michael. So kam es dann auch dazu, dass ich regelmäßig im Gemeindeverband Gottesdienste übernommen habe.
Als dann Pfarrer Siegfried Schullerus in Rente ging, waren die Kollegen der Hermannstädter Stadtpfarrgemeinde sehr zurückhaltend, was die Mitarbeit im Heim betraf. Obwohl die meisten evangelischen Bewohner dort Mitglieder waren und sind. Da war Dietrich Galter dann gerne bereit, mir zu helfen – er übernahm quasi die Aufgaben, die sonst Siegfried Schullerus tat. Das waren vor allem die Gottesdienste mit Abendmahl, die man möglichst zu zweit leiten musste, weil es viele Besucher waren.
Welche andere Aufgaben haben Sie wahrgenommen?
Zu Beginn meiner Tätigkeit wurde ich die Diakoniebeauftragte der Landeskirche. In diesem Rahmen arbeitete ich im Diakonischen Werk mit – einige Jahre betreute ich die Diakoniereferentinnen, die in den verschiedenen Bereichen Rumäniens eingesetzt waren. Und ab 1998 war ich auch regelmäßig beim Helferinnentreffen des Kirchenbezirkes Hermannstadt dabei. In dem Rahmen initiierte ich die Winterhilfe für die evangelischen Rentnerinnen und Rentner des Bezirkes. Zusammen mit Jörg Georgi bauten wir dann das „Gute Haus” auf, eine Arbeit für Obdachlose.
Dazu wurde ich vom Landeskonsistorium in den Vorstand des Diakonischen Werkes der EKR entsandt. Später dann in den Vorstand des „Dr. Carl Wolff”-Vereins. In den ersten beiden Schuljahren habe ich auch Religion unterrichtet.
Herzlichen Dank für das Gespräch.