Spurensuche in einem Land, das es nicht gibt

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Was Schwarzmeerdeutsche in Transnistrien hinterlassen haben

Ausgabe Nr. 2922

Die einstige Kirche der lutherischen Siedler ist seit Sowjetzeiten ein Kulturzentrum. Eine vom Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung angebrachte Glastafel veranschaulicht den ursprünglichen Zustand.

Vor über 200 Jahren haben sich deutsche Siedler auf dem Gebiet zwischen den Flüssen Dnjestr und Bug niedergelassen und den Kolonistenbezirk Glückstal gegründet. Eine Reise nach Transnistrien, in ein Land, das auf den meisten Karten nicht zu finden ist, zeigt, welche Spuren sie trotz Krieg, Flucht und Vertreibung hinterlassen haben. Der aktuelle HZ-Praktikant Tobias J a r i t z hat vor kurzem eine Reise in die „Pridnestrowische Moldawische Republik” unternommen und berichtet im Folgenden davon:

Wenn man in Zhenjas alten, methanbetriebenen Mazda steigt, fällt einem als Erstes das sowjetische Jagdflugzeug auf, das, festgebunden am Rückspiegel, im Auto hin und her fliegt. Auf den Tragflächen trägt es die Jahreszahlen 1941 und 1945, zwischen denen der „große vaterländische Krieg“ tobte, wie der Zweite Weltkrieg im russischen Einflussgebiet auch heute noch genannt wird. Obwohl Zhenja nur Russisch spricht, verständigt man sich mit Händen und Füßen und die eineinhalb Stunden von Chişinău bis zur transnistrischen Grenze vergehen wie im Flug. Beim Passieren eines Checkpoints der russischen Armee vor der Grenzübergangsstelle zeigt er begeistert auf den russischen Panzer, der seinen Lauf auf die Straße gerichtet, die Grenzen eines Landes schützt, das von keinem Staat der Welt anerkannt wird, nicht einmal von Russland selbst.

Eine kürzlich errichtete Tafel weist schon von weit her auf die deutschen Siedlungen hin.

Die Entstehung dieses Staates, der sich heute Pridnestrowische Moldawische Republik, kurz PMR, nennt, gründet in der Perestroika-Politik von Michail Gorbatschow. Diese förderte neben mehr Autonomie auch einen aufkommenden Nationalismus in der Moldauischen Sozialistischen Sowjetrepublik, zu der das heutige Transnistrien gehörte. Infolgedessen wurde unter anderem russisch als zweite Amtssprache abgeschafft. Als sich 1990 die Unabhängigkeit der Republik Moldau von der Sowjetunion abzeichnete, rief man in der mehrheitlich russischsprachigen Region östlich des Flusses Dnjestr eine eigene, unabhängige Republik aus. Das wollte die Regierung in Chişinău jedoch nicht hinnehmen und so entstand ein militärischer Konflikt, der erst durch das Eingreifen der 14. russischen Armee, die noch heute in Tiraspol stationiert ist, 1992 endete und über 500 Todesopfer forderte.

Nach der Grenzstation erreicht man die Stadt Bender, die westlich des Dnjestrs liegt und mit knapp 100.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt der PMR ist. Es folgt das Passieren von etlichen kommunistischen Denkmälern, Kasernen und einem weiteren Kontrollposten der russischen Armee, bevor man den Dnjestr überquert und sich der Hauptstadt Tiraspol nähert. Dort stößt Andrej zu uns und begleitet uns auf unserem Weg nach Norden in den Rajon Grigoriopol, wo die von Schwarzmeerdeutschen gegründeten Siedlungen Glinoe, Karmanowo und Kolosowo liegen.

Der Gedenkstein, der in Glinoe/Glückstal von Nachfahren deutscher Siedler, die in die USA auswanderten, errichtet wurde.

Andrej hat mithilfe von Büchern und Liedern Deutsch gelernt, organisiert nun seit 2013 Touren in die ehemaligen Deutschen Kolonistendörfer und kennt sich gut mir deren Geschichte aus. „Nachdem das russische Zarenreich die Gebiete zwischen Dnjestr und Bug 1792 vom Osmanischen Reich eroberte, wollte man in diesem dünn besiedelten Gebiet, das nur Nomadenstämme als Weideland für ihr Vieh nutzten, neue Menschen ansiedeln und Dörfer gründen.“ So beschloss Zar Alexander I. 1804, deutsche Familien anzusiedeln. Die ersten Familien, vor allem Schwaben und Franken, trafen noch im selben Jahr ein. Sie mussten die ersten Jahre in der damals armenischen Siedlung Grigoriopol verbringen, bis man 1808 einen Ort fand, wo ein erstes Dorf errichtet werden sollte. Im Frühling 1809 ließen sich schließlich 125 Familien in Glückstal nieder, das zum Hauptort eines neuen Kolonistenbezirks werden sollte.

An der Ortseinfahrt von Karmanowo ist auf einem kommunistischen Monument zwischen den Jahreszahlen 1809 und 1944 – die an die deutsche Gründung erinnern – der alte deutsche Name des Ortes – Neudorf – in kyrillischer Schrift zu lesen.

Viel erinnert heute nicht mehr an die deutsche Geschichte des Dorfes, das seit 1944 Glinoe genannt wird und wie jedes andere Dorf in der Umgebung aussieht. Im Jahr 2002 ließen amerikanische Nachfahren von deutschen Siedlern einen Gedenkstein in Glinoe aufstellen, der vor dem Gebäude steht, in dessen Keller das Ortsmuseum untergebracht ist. Dieses besteht aus zwei Räumen: Einer ist dem „großen vaterländischen Krieg“ und seinen Helden gewidmet, der andere der allgemeinen Geschichte des Dorfes seit der Gründung durch die Siedler. Neben deutscher Tracht und Gebetsbüchern finden sich auch Familienalben mit zahlreichen Fotos aus alten Zeiten. Auch die Kirche, die von den deutschen Bewohnern 1845 errichtet worden war, hat sich zu großen Teilen erhalten. Allein der Kirchturm wurde von den Sowjets abgetragen, als sie aus ihr ein Kulturzentrum machten.

Bei der Volkszählung 2015 gaben im Rajon Grigoriopol noch 190 Menschen an, Deutsche zu sein, von welchen jedoch nur noch 22 Deutsch sprechen konnten. Das waren allesamt alte Menschen und die Zahl ist heute noch viel geringer. „Als ich angefangen habe, in diese Dörfer zu fahren, besuchte ich oft eine alte Frau namens Lydia, die im kleinen Dorf Kotovka (früher Neufeld) lebte. Sie war eine der wenigen, die noch Deutsch sprechen konnte, aber sie ist leider vor einigen Jahren gestorben“, berichtet Andrej. „Heute gibt es nur noch Menschen mit deutschen Nachnamen, aber niemand kann mehr Deutsch sprechen.“ Lydias Geschichte erzählt die von vielen Deutschen, die die Glückstaler Kolonien ihre Heimat nannten.

Im Keller eines Hauses in Glinoe/Glückstal wurde ein Ortsmuseum eingerichtet, in dem sich auch Ausstellungsstücke über die deutsche Geschichte des Dorfes befinden.                                                                   Fotos: Tobias JARITZ

Als die deutsche Wehrmacht das Gebiet zwischen den Flüssen Dnjestr und Bug 1941 eroberte, wurde es als Transnistrien in Ion Antonescus faschistisches Rumänien eingegliedert, weshalb die Verwendung des Wortes „Transnistrien“ seit 2024 per Gesetz in der PMR mit Faschismus gleichgesetzt und strafbar ist. Die deutschen Siedlungen erhielten einen Sonderstatus in Rumänien und waren direkt dem Sonderkommando R unterstellt, das wiederum der SS unterstand. Bis zur Rückeroberung der Gebiete durch die Rote Armee beteiligten sich viele deutsche Siedler an Verbrechen gegen Juden und sowjetische Zwangsarbeiter. Als sich Wehrmacht und SS zurückzogen, kamen auch die meisten deutschen Einwohner mit in Richtung Westen, wo sie eine neue Heimat fanden. Die wenigen, die übrigblieben waren den Vergeltungsmaßnamen der Sowjets ausgeliefert und wurden nach Kasachstan und Sibirien umgesiedelt, wo sie Zwangsarbeit leisten mussten. Die verlassenen Häuser wurden an russische, ukrainische und moldauische Familien übergeben. In Kasachstan lernte Lydia, die aus einem deutschen Dorf in der heutigen Ukraine stammte, ihrem Mann kennen, mit dem sie nach der Zeit der Zwangsarbeit in seine Heimat Neufeld zog.

Am Hof der Schule in Glinoe/Glückstal haben sich zwei deutsche Grabsteine „erhalten“, die in einem Eck liegen. Leider ist von den Namen nichts mehr zu entziffern. Die Grabsteine stammen von dem benachbarten Grundstück, wo sich ein inzwischen aufgelassener Friedhof befindet.

Kotovka gehört heute zur Gemeinde Karmanowo, wohin sich Zhenjas Mazda über die immer schlechter werdenden Straßen plagt. Das Dorf wurde ebenfalls 1809 von deutschen Siedlern gegründet und trug bis 1944 den Namen Neudorf. Daran erinnert heute nur noch ein kommunistisches Monument an der Ortseinfahrt. Im nächsten Ort, in Kolosowo (deutsch Bergdorf) existiert noch ein verlassener deutscher Friedhof. „Dorthin kommen wir aber heute leider nicht, denn für diese Straßen bräuchten wir einen Geländewagen“, erzählt Andrej.

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Geschichte.