Erhebliche Übertreibungen

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Wer war und woher kam der Buchdrucker Philippus pictor?

Ausgabe Nr. 2919

Holzschnitt: Christus und das Hermannstädter Wappen darstellend.

Hier geht es um eine besondere Persönlichkeit Hermannstadts, über die viel auch ohne Fachkenntnis und widersprüchlich geschrieben wurde. Erfassen lässt sie sich nur aus den Umständen seiner Lebenszeit.

Philippus ist ein neutestamentlicher Name, der im zehnten Kapitel des Matthäusevangeliums bei der Aufzählung der Jünger von Jesus genannt wird.

Unser Philippus hingegen lebte am Ausgang des 15. und in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Er hatte neben seinem Taufnamen noch keinen Familiennamen. Nach eigener Aussage und festgehalten im Hermannstädter Staatsarchiv stammte er aus der Moldau.

 

 

Auch damals schon lebten in jenem Land vom Glauben her zahlreiche Bürger, die römisch-katholisch waren. Gewissermaßen gab es damals in der Vorreformationszeit als katholisches Rückgrat des Landes entlang des Sereth bedeutende Handelshäuser. Deren begüterte Vertreter sahen sich sicher sehr genau die Umgebung an, in der sie lebten. Das waren die letzten Jahrzehnte der sehr langen Regierungszeit des Fürsten Stefan, den die Nachwelt wegen seiner Kriege gegen die Osmanen den Großen nennt.

Nun müssen wir im Hinblick auf das, was aus unserem Philippus geworden ist, zunächst an die lange Nachwirkung von einem der ältesten bekannten Künstler der Moldau denken, an Gavril Uric. Als Sohn eines Schreibers am Fürstenhof von Bogdan II., dem Vater von Fürst Stefan, geboren, wurde er in dem Kloster Vânător-Neamț zu einem Kaligraphen und Miniaturisten ausgebildet, der als solcher sogar eine für jene Zeit einzigartige Fachschule gründen sollte. Von ihm hat sich beispielweise ein Evangeliar, also ein mit Malerei ausgestaltetes Buch mit den vier Evangelien, aus dem Jahr 1429 erhalten, welches nun in der Universitätsbibliothek von Oxford aufbewahrt wird.

Einfache Stockpresse, vorwiegend für die Herstellung von Einblattdrucken. Mühselig können aber auch in kleinster Auflage Bücher gedruckt werden.

Fürst Stefan war stets bemüht, sein Land unangreifbar zu gestalten. So baute er entsprechende Befestigungsanlagen, dazu Klöster und Kirchen. Hier folgt ein kleiner Ausschnitt dieser Bemühungen:

  • Auf dem Grund der einstigen griechischen Kolonie Tyras, wo sich an der Mündung des Dniesters in das Schwarze Meer eine kleine Grenzbefestigung befand, erbaute er in den Jahren 1452, 1476 und 1479 unter dem Namen Cetatea Albă eine mit Wehrmauern umfriedete Festung. Die Anlage kam aber schon im Jahre 1484 unter türkische Herrschaft und wurde für lange Zeit unter dem Namen Akkermann ein osmanisches Verwaltungszentrum.
  • Eine zwischen den Jahren 1374-1391 in Suczawa errichtete von viereckigen Türmen umgebene Hofburg wurde von ihm bei der Anlage von runden Türmen nach gotischer Art mit einem umfassenden Verteidigungssystem umgeben. Im Inneren der Burg wurde eine prachtvolle Fürstenresidenz eingerichtet. Gelegentlich wurde auch diese Anlage auf Befehl der Türken zu einer Ruine gesprengt.
  • Auf einer schwer zugänglichen Höhe bei der Stadt Tg. Neamț gab es seit den Jahren 1374-1392 unter der Bezeichnung Cetatea Neamțului eine weitere Regentenburg. Fürst Stefan umgab sie in den beiden Jahren 1475-1476 mit 20 Meter hohen Wehrmauern und vier Basteien. Diese Burg war danach nur noch durch eine feste Brücke auf Pfeilern sowie durch eine Zugbrücke zugänglich. Auch diese Anlage wurde gelegentlich von den Türken in eine Ruine verwandelt.
  • Von Stefans Kirchenbauten erwähnen wir die im Jahre 1487 errichtete Klosterkirche Zum heiligem Kreuz in der Gemeinde Pătrăuți bei Suczawa. Sie hat einen besonders harmonisch proportionierten, dreiteilig kegelförmigen, Grundriss, der später oft in der Moldau verwendet wurde. Dazu kommt ein recht eigenwilliger Kuppelbau auf dem Kirchenschiff sowie gotische Fenster und Türeinrahmungen. Diese Anlage gehört seit 1993 zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Fürst Stefan starb am 2. Juli 1504 und wurde in einem Wandnischengrab des einst von ihm angeregten Baus der Klosterkirche von Putna bestattet. Seine Nachfolger Bogdan III. und Ștefăniță ließen während ihrer Regierungszeit von nahezu 25 Jahren das Land verfallen, den Türken Tribut zahlend. Danach versuchte der Fürst Petru Rareș während seiner ersten Regierungszeit zwischen 1527-1538 den Verfall des Landes aufzuhalten, was nicht gelang. Eben im Jahr 1538 wurde die Moldau ein Vasall der Osmanen.

Stets wanderten damals die Handwerkergesellen oder Studenten aus der Moldau über das vom Herrscherhaus der Jagellonen verwaltete Krakau nach Westeuropa, sicher so auch unser Philippus. Wegen den misslichen Zuständen im Land dürften mehrere von ihnen nicht wieder heimgekehrt sein, natürlich auch unser Philippus. Aus seinem späteren Verhalten können wir folgern, er habe erfahren, wie Martin Luther am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen gegen den Ablasshandel in lateinischer Sprache an die Türe der Schlosskirche zu Wittenberg angeschlagen hatte.

In der Wahl seines zukünftigen Wirkungsbereiches wendete sich unser Philippus nach Siebenbürgen in Ungarn, welches durch die es umgebenden Karpaten einen gewissen Schutz vor den Osmanen bot. Hinzu kam der weitere Schutz durch die zahlreichen Verteidigungsanlagen der Siebenbürger Sachsen. Besonders Hermannstadt war in seinem Blickfeld, da der Zugang durch das Alttal noch nicht möglich war, die Landstraße in die Walachei führte recht beschwerlich bergauf-bergab über die Hügel und Täler im Westen des Roten-Turm-Passes.

In einer Veröffentlichung aus dem Jahr 2010 wies die Archivarin Liliana Popa aufgrund der im Staatsarchiv vorhandenen Urkunden darauf hin, Philippus pictor sei in Hermannstadt zwischen den Jahren 1520-1554 nachweisbar. Er war hier nicht nur als deutsch-rumänischer Übersetzer sondern auch als Kaligraph und Miniaturist für Hermannstadt und die Sächsische Nationsuniversität betreffend die Korrespondenz in rumänischer Sprache zuständig. Allerdings trat er anfangs kaum in Erscheinung, da man nicht nur in Hermannstadt die Bemühungen des Osmanischen Reiches verfolgte, in zeitlich begrenzten Abschnitten ihr Reichsgebiet zu erweitern.

Aus dem 1546 von Filip Moldoveanul gedruckten slawischen Evangelienbuch: Titelblatt des Markusevangeliums mit dem Hermannstädter Wappen.

So eroberte der junge Sultan Süleyman I. im Jahre 1521 die Grenzfestung Belgrad, danach im Jahre 1526 auch die Festung Peterwardein an der Donau. Da sich nun kein weiterer Feind zeigte, ergriffen die Osmanen die Gelegenheit. Sie verließen Serbien und fielen in Ungarn ein, am rechten Donauufer sich flussaufwärts bewegend. In der sumpfigen Ebene bei Mohács stellte sich ihnen am 29. August 1526 ein improvisiertes königlich-ungarisches Verteidigungsheer, welches vernichtend geschlagen wurde. Dabei kamen viele Bischöfe und Magnaten Ungarns um, während König Ludwig II. auf der Flucht ertrank.

Nun fühlten sich sowohl die Habsburger als auch der Adel erbberechtigt. So kam es zu zwei rechtmäßigen Königswahlen, beim Landtag am 10. November in Stuhlweißenburg Johann I. Szapolyai und beim Landtag am 17. Dezember 1526 in Preßburg Ferdinand I. von Habsburg – die sich als konkurrierende Könige gegenüberstanden. Die Folgen dieser ungewöhnlichen Konstellation hat in jüngerer Zeit der Historiker Harald Roth bei der Herausgabe eines Geschichtswerk im Stuttgarter Alfred Kröner Verlag im Jahre 2003 folgendermaßen zusammengefasst: In dieser Situation bat König Johann I. die Hohe Pforte um Unterstützung und unterstellte sich dem Sultan im Jahre 1528, so dass Ungarn als unterworfenes – nicht erobertes – Land nach islamischem Rechtsverständnis Teil des Osmanischen Reiches wurde und dadurch sein eigenes Rechts- und Gesellschaftssystem behalten durfte. Der in Landau am Bodensee wirkende Universitätsprofessor der Theologie Ulrich Andreas Wien hat in den letzten Jahren wiederholt auf die gewissermaßen innenpolitische Autonomie der Stände sowie auf die Religionsfreiheit in Siebenbürgen hingewiesen, wodurch frühaufklärerischen, rationalistischen Humanisten Refugium und Heimstatt geboten wurde.

Dazu müssen wir auch an Hermann Dankwart Pitters denken, der nicht nur eine Professur für Kirchengeschichte am Protestantischen Theologischen Institut hatte. Als langjähriger Schriftleiter der Monatsschrift Kirchliche Blätter hat er beispielweise im Jahre 1983 dazu ein Beiheft als Festschrift zum 500. Geburtstag von Martin Luther herausgebracht. Aus einem darin von Pitters selbst gestalteten Beitrag entnehmen wir hier einige Gedanken: 1521 hatten sächsische Kaufleute Schriften Luthers von der Leipziger Messe nach Siebenbürgen gebracht. Es war bezeichnend, dass auch der Sachsencomes Markus Pempflinger die neue Bewegung förderte und diese gegen kirchliche Gegenwehr in Schutz nahm (…) Ab 1523 wirkte in Hermannstadt der ehemalige Dominikanermönch Georg, der im Hause des Ratsherrn Johannes Hecht aufgenommen worden war und in den Kirchen Hermannstadts in deutscher Spache im Sinne Luthers predigte (…) Auch soll in der Unterstädtischen Elisabethkirche ein ehemaliger Franziskanermönch aus Schlesien eine eifrige Predigttätigkeit in lutherischem Geiste enfaltet haben (…) Ähnliches geschah aber auch in Kronstadt, Schäßburg, Burgberg, Kleinscheuern, Baumgarten oder Zied, trotz der Drohung des Reichstages vom Mai 1525: alle Lutheraner sollten gefangengenommen und verbrannt werden (…) 1529 musste der Hermannstädter Stadtpfarrer Martin Hutter, ein offener Gegner kirchlicher Neuerungen, sein Amt niederlegen, wobei die Dominikaner aus der Stadt vertrieben wurden (…) Endlich wurde 1536 Matthias Ramser ins Stadtpfarramt berufen, der eine ausgesprochen evangelische Gesinnung hatte.

Nach Emil Sigerus begab sich Matthias Ramser noch am Ende der vorreformatorischen Zeit, also im Jahre 1541, nach Kronstadt, um mit Johannes Honterus über die Einrichtung des evangelischen Gottesdienstes Rücksprache zu halten.

Nun folgen einige Erläuterungen über die übliche Arbeit unseres Philippus pictor. So erfahren wir durch Mária Papucs-Willcocks, der Herausgeberin der Protokolle aus den Jahren 1522-1565 von Hermannstadt und der Sächsischen Nationsuniversität, dass am 19. Januar 1540 der Rat den Hermannstädter Petrus Aurifaber freisprach in seinem Rechtsstreit mit Despina Milița, genannnt bassarabina, also der damals rund 52 Jahre alten und rüstigen Witwe des Fürsten der Walachei Neagoe Basarab, da diese trotz mehrmaliger Vorladung durch Handschriften des Schreibers Philippus pictor zu keinem Verhör erschienen war. Der Freispruch wurde am 30. April des gleichen Jahres bestätigt, da die Witwe weitere Verhöre versäumt hatte. Andererseits erwähnt Liliana Popa, nach der Durchführung der Reformation, also am 2. Juni 1549, habe Philippus in seinem Haus einen Botschafter aus der Walachei empfangen und diesen mit Wein, Brot sowie einem mittelgroßen Lamm bewirtet, was der Stadthann mit 18 Denar beglichen hat (ein Denar war damals eine Silbermünze mit dem Gewicht von 0,7 Gramm); wonach schon am 24. Juli einige Bojaren – also Angehörige des hohen Feudaladels – aus der Walachei zu Gast bei unserem Philippus weilten, mit Weißbrot, Wein und Geflügelfleisch sowie mit Hafer für die Pferde der Gäste bewirtet wurden, wofür der Stadthann nun 43 Denar bezahlte.

In jener Zeit geschah in Hermannstadt außergewöhnliches. Zwischen 1957-1961 hatte nämlich der Bibliothekar der Teleki-Bolyai-Fachbücherei in Neumarkt am Mieresch aus Druckerzeugnissen acht Altpapierdruckfragmente freigelöst und dazu ein Festtagskalenderblatt beginnend mit dem Jahr 1525 für 50 Jahre. Aus dem Begleitext des Kalenderblatts erfahren wir, dass dieser Einblattdruck am 5. Januar 1525 in Hermannstadt von Lucas Trapoldner mit Unterstützung des Pfarrers Valentinus Corvinus enstanden war. Doch hat Trapoldner sogar ein ganzes Buch gedruckt. Da hatte nämlich im Jahre 1885 der evangelische Pfarrer Leonhardt aus Rumes der evangelischen Landeskirchenbibliothek einen alten Sammelband geschenkt, in dem theologischen Werke mit Pestbüchern zusammengebunden waren. Darunter befand sich ein Manuskript, welches die Kopie eines Pestbüchleins von Sebastian Puschner war. Dieser stammte aus der Zips und war Doktor der freien Künste sowie der Arznei. Im Jahre 1528 wurde er zum Stadtphysikus von Hermannstadt ernannt, wo er bereits am Ende des Jahres 1533 oder am Anfang des Jahres 1534 starb. Bedeutsam ist, dass der Kopist des Büchleins auch folgende Einzelheit übermittelt hat: Gedruckt in der Hermannstadt durch M. Lucam Trapoldner im Jahr des Herren 1530. Es handelt sich hierbei um die Belege der ältesten Druckerzeugnisse in Siebenbürgen, wobei über Lucas Trapoldner bekannt ist, dass er nach Studien zwischen 1519-1520 in Köln den Titel eines Magisters erworben hatte, 1525 Lehrkraft für Philosophie in Hermannstadt wurde, zwischen 1531-1545 ebenda städtischer Notar war, 1546 das Hermannstädter Schulwesen leitete und 1547 ebenda als Stadtrat starb. Als die im Jahre 1862 in Hermannstadt gegründete Irrenanstalt nach 1876 zur nationalen Irrenstalt Ungarns umgewandelt wurde und von ungarischen Ärzten betreut wurde, da hat der aus Budapest stammende Arzt und Psychiater Béla Révész die ganze Publikation Trapolders im November 1910 im Leipziger Archiv für Geschichte der Medizin veröffentlicht, die im Jahre 2020 als Faksimilie von Robert Offner und Thomas Șindilariu in ihren Band Schwarzer Tod und Pestabwehr im frühneuzeitlichen Hermannstadt übernommen wurde. Wie soeben veröffentlicht wurde, hatte Trapoldner in seinen letzten Jahren das geruhsame Leben eines Patriziers geführt – etwa am 24. August 1546 25 Floren (also Gulden), Zwanzigstzoll für eingeführte Waren aus dem Osthandel bezahlend.

Aus dem 1546 von Filip Moldoveanul gedruckten slawischen Evangelienbuch: Initiale „M” mit zwei Schwertern und darüber die Krone – dem Hermannstädter Wappen entnommen, in eigenwilliger Form aber das Wappen selbst darstellend.

Lucas Trapoldner und Phillippus pictor waren zeitwise Amtskollegen in der Stadtverwaltung sowie in der Sächsischen Nationsunversität, wobei sie sich sicher auch sonst noch in Hermannstadt begegnet aind, wo es damals nur ebenerdige Wohnhäuser innerhalb der Stadtmauern und noch keine Wohnviertel außerhalb der Verteidigunganlagen gab. Irgendwann dürfte Phillippus in den Besitz der einfachen Druckanlage Trapoldners gekommen sein.

Johannes Gutenberg hatte bekanntlich seine Erfindung, mit beweglichen Lettern zu drucken, im Jahre 1440 gemacht, begann aber erst ab 1445 mit dem Bibeldruck in kleiner Auflage. Gleichsam wurden am Ausgang des 15. und zu Beginn des 16. Jahrhunderts auf Jahrmärkten Andachtsbilder, Ablassbriefe oder einzelne Kalenderblätter vertrieben. Es handelte sich um Einblattholzschnitte im Hochdruckverfahren, wobei wegen der raschen Abnutzung der Druckplatte, auch Druckstock gennant, bei geringer Auflage auch Bücher gedruckt werden konnten. Gedeon Borsa veröffentlichte im Jahre 2003 in deutscher Sprache in Ungarn über Buchdrucker des 15. Und 16. Jahrhunderts. Nach ihm soll im Jahre 1465 der Buchdruck auch in Italien, vorwiegend in Venedig, 1470 in Frankreich, 1473 in Ungarn (in Ofen, vor England oder Spanien) eingeführt worden sein. Um so eine altertümliche Anlage, die in jeder Zimmerecke kaum sichtbar abgestellt werden konnte, handelt es sich beim Erwerb von Phillippus.

Was er mit seiner Anschaffung tat, erfahren wir von zwei Historikern, die sich mit den Druckerzeugnissen von Philippus besonders beschäftigt haben. Zunächst handelt es sich um Zsigmond Pál Jakó, stammend aus Roșiori nördlich von Großwardein, der nach dem Abschluss von Universitätsstudien in Budapest und der Erlangung ebendort auch eines Doktorates als Mittelalterfachmann in Klausenburg hohe Ämter an der Universität und in Forschungseinrichtungen bekleidete. Zum andern handelt es sich um Lajos Demény, der aus einem kleinen ungarischen Weiler bei Sächsisch Regen, Kisfülpös/Filipișu Mic, zugehörig zur Gemeinde Bretzdorf/Beresztelke/Breaza stammt. Nach erstem Unterricht in Neumarkt am Mieresch studierte er Geschichtswissenschaften in Klausenburg, auch bei Professor Jakó, seine Ausbildung in Leningrad (wie Sankt Petersburg zeitweillig hieß) abschließend. Da machte er eine bedeutsame Entdeckung, von der hier noch berichtet wird. Heimgekehrt sollte er in Bukarest zuerst im Unterrichtswesen und danach als Abteilungsleiter im Akademieverlag, wie auch als Mitarbeiter des Forschungsinstituts für Geschichtswissenschaften Nicolae Iorga wirken, seine freundschaftlichen Beziehungen zum einstigen Professor Jakó pflegend.

Schon in der Ausgabe vom Februar 1880 des Korrespondenzblattes des Vereins für siebenbürgische Landeskunde wird erwähnt: Am 16. Juli des Jahres 1544 wurden für die Veröffentlichung des Glaubensbekenntnisses in rumänischer Sprache dem Philippus pictor ein bibale (also Trinkgeld) von zwei Floren zugesprochen. Zwei Gulden entsprachen damals immerhin einem Wochenlohn von Philippus. Andererseits hat sich von diesem Druck kein Exemplar erhalten, so dass sich – ohne Möglichkeiten einer fachgerechten Überprüfung – erhebliche Übertreibungen über das Hermannstädter Druckereiwesen bildeten.

Nach den Unterlagen im Hermannstädter Staatsarchiv soll Philippus pictor am 22. Juni 1546 den Druck eines slawischen Evagelienbuches abgeschlossen haben. Auch dieser Druck ist nicht erhalten, wonach die Spekulationen über das Hermannstäster Druckereiwesen ins Willkürliche anstiegen.

Erst die Entdeckung von Lajos Demény sollte aufklären, denn ein von Philippus in den Jahren 1552 und 1553 gedrucktes slawisch-rumänisches Evangeliar sollte auftauchen. Dieser Band befand sich einst im Besitz des zwischen den Jahren 1653-1658 in der Moldau regierenden Wojewoden Gheorghe Ștefan, kam danach in das Eigentum eines Sammlers, der das Exemplar noch vor dem Jahr 1883 einer Bücherei in Sankt Petersburg übergab. Demény konnte diese – bedauerlicherweise schadhafte – Rarität auf einem Mikrofilm aufnehmen. Dem Werk fehlen am Ende einige Seiten mit dem Kolophon, also mit den Angaben über den Drucker und den Druckort. Darüber gibt es aber einen kaum bekannten Beweis. Denn etwa 20 Kilometer nördlich der Mündung des Samosch in die Theiß, an dem aus den Beskiden der Waldkarpaten entspringenden Wasserlauf der Ung, wo sich vor rund tausend Jahren eine königliche Grafschaft befand, die sich im Mittelalter in die Verwaltungseinheit eines Komitates verwandelte, da befindet sich heute Ungvár, in deren Universitätsbibliothek sich ein zweites – und vollständiges – Evangelienbuch befindet. Auf Umwegen durch Übersetzung und leider ohne die Wiedergabe von Bildmaterial erfahren wir, dass es tatsächlich von Philippus in Hermannstadt gedruckt worden ist.

Lajos Demény hatte alle hiesigen Druckerzeugnisse aus der Mitte des 16. Jahrhunderts untersucht und kam zu folgendem Ergebnis: Philippus verwendete nach dem vorhandenen Wasserzeichen Papier aus der Kronstädter Papiermühle und recht eigenwillig geformte Buchstaben und Illustrationen, die er wohl selbst recht mühsam aus Holz – zum Teil wie damals üblich des Buchsbaums – geschnitten hatte. Einzigartig die wiederholte Verwendung des Hermannstädter Wappens, aber desselben auch bei der Gestaltung vom Buchstaben M, sowie die Darstellung von menschlichen Gestalten – etwa vom Bildnis Christi.

Zwei Kronstädter Persönlichkeiten der Veröffentlichung geschichtlicher Ereignisse, der Arzt Arnold Huttman und der Historiker Paul Binder, irrten allerdings, als sie 1555 für das Todesjahr von Philippus ermittelten. Die Aufklärung erfolgte durch die Publizistik von Mária Pakucs-Willcocks. Tatsächlich ging am 29. Juli 1555 ein langjähriger Prozess mit der Anhörung zahlreicher Zeugen zu Ende. Der Abschlussurkunde wurde gleichsam als weitere Aussage ein Revers – also eine schriftliche Erklärung rechtlich bedeutsamen Inhalts – beigefügt. Es handelt sich um eine Stellungnahme des am Geschehen beteiligten Philippus – wohlgemerkt – vom 4. November des Jahres 1551. Im Sommer 1555 lebte der Stadtschreiber nicht mehr, nachdem die Archivarin Liliana Popa seine Existenz aufgrund von Archivurkunden nur für die Zeit zwischen 1520-1554 belegen konnte.

Nun breitete sich ab 1553 in Siebenbürgen wieder einmal die Pest aus und erfasste im Jahre 1554 außergewöhnlich stark auch Hermannstadt, wo der aus dem mährischen Iglau stammende Johann Stubing bei einem Jahreslohn von 150 Gulden Stadtphysikus war. Obwohl er nach einem entspechenden Studium in Wittenburg und vermutlich auch in Padua ausgebildet wurde, war er dem Umfang der Seuche nicht gewachsen. Nach Emil Sigerus gab es 3200 Opfer, so dass man östlich der Altstadt einen großen Friedhof anlegte, zu dem man kommen konnte, nur nachdem die Stadtmauer durchbrochen und an Stelle das Leichentürchen eingesetzt wurde. Philippus pictor erlag vermutlich der Seuche.

Abschließend eine Würdigung: Professor Zsigmond Pál Jakó sah nach dem Vorbild der Renaissance und der Reformation der Siebenbürger Sachsen den Hermannstädter Buchdrucker auch als Schriftsteller und Gelehrten, der das rumänischsprachige Schrifttum einige Jahre vor Diakon Coresi in Siebenbürgen begründete.

Manfred WITTSTOCK

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Geschichte.