Romatanz auf höchstem Niveau

Teile diesen Artikel

Streiflichter von der Sommerschule für Romakultur im Freilichtmuseum
Ausgabe Nr. 2489
 
 

5-romatanz

„Gav?”, fragte Oana Burcea, “Dorf” antwortete Pepi, der kleine Romajunge Names Petre. „…Xer”? Petre wurde nachdenklich, er schien vergebens im Köpfchen nach der Bedeutung zu suchen. „Esel”, antwortete Oana. „Esel heißt măgaro”, wandte der kleine Junge ein. Es war die Einführung in die Sprache und Kultur der Roma, die Oana Burcea im Rahmen der „T-aves Baxtalo“- Sommerschule für Romakultur im Freilichtmuseum am vergangenen Wochenende hielt. Traditionelle Gerichte, Handwerksprodukte, Auftritte der profesionellen Tanzgruppe „Romafest“ standen auf dem Programm.

 

„Xer“ könne man sich leicht merken, stellte eine Dame fest, die an der Sprache und Kultur der Roma „von der wissenschaftlichen Seite“ her interessiert war. „Xer“ spricht man nämlich „Her“ aus und da musste man unwillkürlich an die deutsche Bedeutung des Wortes denken. Auch wenn die Teilnehmer nicht zahlreich erschienen waren, ging es während der kurzen Romanes-Stunde lustig zu, während Pepi fleißig Oana half und die Anwesenden im Handbuch des Sprachwissenschaftlers Gheorghe Sarău blättern durften. Pepi kommt übrigens aus Ighișu Vechi und geht bereits in die sechste Klasse.

Die Teilnehmer hatten die Möglichkeit, die Unterschiede zwischen verschiedenen Romagemeinschaften, verschiedene Aspekte des Lebens, Bräuche, Produkte verschiedener Romahandwerker kennen zu lernen. Wie z. B. das „Zigeunergericht” funktioniert, wurde ebenfalls von Oana erklärt. Das Zigeunergericht werde einberufen, falls es Uneinigkeiten im Rahmen der Gemeinschaft gibt und darauf werde immer noch innerhalb einiger Romagemeinschaften in den Kreisen Kreis Hermannstadt und Kronstadt und vor allem in der Gegend Olteniens zurückgegriffen. Es gab natürlich auch die Möglichkeit, mit den Angehörigen der Romagemeinschaften ins Gespräche zu kommen.

Angeboten wurden traditionelle Gerichte wie Palatschinken mit geriebenem Kürbis oder „Śax aj Mas” (Kraut und Fleisch), das Frau Veta in einem großen Kessel kochte. Frau Veta aus Ighișu Vechi soll als eine weise Frau innerhalb ihrer Gemeinschaft gelten, wobei viele Mitglieder der Gemeinschaft (und nicht nur diese) sie um Rat bitten. Sie versteht sich angeblich auch auf das Kartenlesen.

Angetroffen werden konnten im Rahmen der Sommerschule Angehörige verschiedener Gemeinschaften, u. a. Roma aus dem Harbachtal, ein Silberschmied aus Alexandria, Kesselschmiede aus Pretai, Korbflechter und Ziegelbrenner aus Malmkrog. „Es würde mir das Herz schmerzen, wenn diese Handwerkstradition verloren gehen würden”, sagte ein Kesselschmied namens Niculae mit sächsischem Hut auf dem Kopf. Er lebt bei Fogarasch und erzählt: „Wir sind leidenschaftlich überall dabei, wohin man uns einlädt, ob wir was verkaufen oder nicht”. Es gebe sogar Sachen vom Großvater, die er zu verschiedenen Anlässen mitbringe. Gelernt habe man das Handwerk von den Vorfahren, die sich 300 Jahre lang damit befasst haben sollen. Die Materialien seien teuer, die Tradition könne man allerdings nicht lassen. „Wir haben mehrere Kinder, die in den Ferien hämmern, damit dieses Erbe nicht verloren geht”, sagte Niculae. In ein fremdes Land zu gehen, könne er sich nicht vorstellen. Niculae hatte von den Großeltern auch vieles von der Deportation nach Transnistrien in der Zeit des Zweiten Weltkrieges erfahren, den schweren Bedingungen da. Nach der Rückkehr aus Transnistrien sollen sie als Nomaden von Dorf zu Dorf gezogen sein. Verweilt hätten sie an einem Ort solange es Arbeit gegeben hätte und bis diese getan war. Langsam wurde man dann sesshaft und die Tradition des Wanderns mit den Zelten sei verlorengegangen. Die letzte Familie, die noch so lebte, soll es vor 5-6 Jahren noch in Scharosch an der Kokel gegeben haben. Man habe sich nun modernisiert, die Kinder schicke man zur Schule.

Auch von den Hochzeitsbräuchen seiner Gemeinschaft wusste Niculae vieles zu erzählen. Man schlachte dafür u. a. ein Kalb oder ein Schwein, die man dann aufgehängt den Gästen zur Verfügung stelle. Die Gäste, die bei solchen Angelegenheiten in kleinen Gruppen ankommen, könnten sich dann nach Wunsch ein Stück Fleisch abschneiden und es braten. Viel Wert gelegt werde da auf frisches Essen. Wichtig sei, dass Mädchen bis zur Eheschließung „unberührt“ bleiben. Darauf scheint man da sehr großen Wert zu legen. Laut Oana Burcea sei dies auch ein Grund, der dazu führt, dass Mädchen vorzeitig mit der Schule aufhören müssen.

5-kochen

Und als das professionelle Romaensemble „Romafest“ auftrat, zeigte Niculae, dass er auch tanzen kann. Der Auftritt war schließlich ein von allen erwarteter Augenblick. „Roma-
fest“ ist ein professionelles Romatanz-Ensemble, das inzwischen in vielen Ländern Europas Auftritte hatte. Auch im Rumänischen Fernsehen waren sie schon des öfteren zu sehen, u. a. in Sendungen wie „România Dansează” des Senders Antena 1 im Jahr 2013 oder im „Românii au talent” in diesem Jahr. Geleitet wird die Gruppe gegenwärtig von Szanto Attila aus Glodeni und Totti Ovidiu aus Sächsisch-Regen, die mit ihren Parterinnen und den Musikern dabei waren. Bereits nach dem „Verbunk” wurden die Anwesenden verzaubert und konnten nicht lange zusehen. Bald tanzten alle mit. Die beiden waren übrigens 2007 einer Einladung gefolgt und verbrachten fünf Jahre beim Cirque du Soleil.

Gegründet wurde „Romafest“ um 2001 und es besteht hauptsächlich aus acht Jungen oder Männern, acht Frauen und fünf Musikern. Initiator der Gruppe soll noch Lőrinc Lajos gewesen sein, der in der ersten Hälfte der 90-er Jahre Choreograf des ungarischen „Maros“-Kunstensembles gewesen ist. Tetsuo Masunaga, ein Freund, soll der Romatanzgruppe dann auch in Japan Auftritte ermöglicht haben.

„Das Ensemble haben wir so aufgestellt, dass wir Romatanz auf höchstem Niveau anbieten“, erklärten Attila und Ovidiu. „Ein höheres Niveau als dies gibt es nicht. Wir sagen das mit viel Selbstvertrauen“. Die neuesten Ziele der Gruppe gaben Attila und Ovidiu auch bekannt. „Wir gründen eine Romatanzschule in Sächsisch-Regen, an der man Romanes sprechen und Romatänze tanzen lernen kann. Alle sind herzlich eingeladen“, unterstrichen die beiden. Die Schule sei laut ihrer Aussage die erste dieser Art in Rumänien.

Werner FINK

Reka VERES

 

Attila und Ovidiu von Romafest“ sorgten für die Tanzeinlagen und regten alle Anwesen zum Mitmachen ein.                        

Foto: Werner FINK

 

Śax aj Mas“ heißt das Gericht aus Fleisch und Kraut, das die aus Ighișu Vechi im Harbachtal stammende Dorfweise“ Veta kochte.          

Foto: Reka VERES

 

 

 

 

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Gesellschaft.