Mireille Mathieu feierte 60 Bühnenjahre in Bukarest
Ausgabe Nr. 2948

Mit der gleichen Energie und Frische wie immer blühte Mireille Mathieu so richtig auf bei ihrem zweiten Konzert in Rumänien, am 22. Februar in der Sala Palatului in Bukarest. Foto: andreipartos.ro
Seit Jahrzehnten hatten es alle sehnlichst erwartet. Kein Wunder, dass sich so viele auf den Weg gemacht hatten, trotz Eis und Schnee und fortgeschrittenem Alter. Sie kamen aus allen Ecken und Enden zur Bukarester Sala Palatului, die sie unwirsch und unvorbereitet empfing, obwohl ausverkauft. Dabei hätte wohl der Preis einer Karte im VIP-Bereich ausgereicht, um den Platz vor dem Konzertsaal räumen zu lassen! 60 Bühnenjahre, zu diesem Anlass trat am 22. Februar 2026 der Spatz von Avignon wie man Mireille Mathieu gern nannte zum zweiten Mal in Rumänien auf. Und machte Furore!
„Mon Credo”, „C’est Ton Nom”, „Acropolis adieu”, „Ne me quitte pas”, „Santa Maria” und „Tous les enfants chantent avec moi”, sind nur einige der Schlager, die während der über 2 Stunden live ertönten. Liebe, Leidenschaft und große Gefühle – davon singt sie und dafür liebt sie ihr Publikum. Mit der gleichen Energie und Frische wie immer blühte Mireille Mathieu so richtig auf vor einem warmen, dankbaren Publikum, das sie mit Blumen empfing für die die bald 80-jährige Sängerin jedes Mal Schritt um Schritt bis an den Bühnenrand machen musste. Ein schweres Unterfangen für einen Menschen, der schwer geht. „Merci merci…mulțumesc” erklang dazu begeistert ihr junges helles Stimmchen.
Wie soll man sie nicht lieben? Respekt dem Publikum gegenüber, Respekt den Musikern gegenüber, die mit ihr auf der Bühne standen, Respekt sich selbst gegenüber. Trotz sichtbarer physischer Behinderung stand sie selbstbewusst und sicher mit ihrem berühmten Haarschnitt, zwei eleganten schwarzen Kleidern und Stöckelschuhen auf der Bühne – ganz die „grand dame de la France”.
In Frankreich wird Mireille Mathieu, die 1,53 Meter misst, „Grande Dame” genannt, denn sie gehört zum Kulturgut der Grande Nation. Der Durchbruch in Frankreich gelang ihr gleich mit ihrem ersten Album 1966. Die französische Presse lobte ihren „Spatz von Avignon” in den höchsten Tönen. Es hieß u. a. „mit Mathieu ist uns eine neue Piaf geschenkt worden”. Heute 60 Jahre danach steht sie immer noch auf der Bühne mit ihrer Stimme, die sie wohl überleben wird.
Ihr Geheimnis? „Ich bin eine sehr disziplinierte Person und führe ein sehr geordnetes Leben, ich brauche 9 bis 10 Stunden Schlaf, ich esse viel Fisch, Gemüse und natürlich mache ich viele Gesangsübungen”, erklärt Mireille Mathieu lächelnd in einem Interview und fügt hinzu: „Manchmal wenn ich bei Freunden bin, trinke ich gern Champagner oder ein Glas Bordeaux.” Die erfolgreichste Sängerin Frankreichs hat weltweit über 190 Millionen Tonträger verkauft in elf verschiedenen Sprachen. Chansons, die unter die Haut gehen – und das schon seit sechs Jahrzehnten. Kein Wunder, dass am Ende ihres Bukarester Auftritts der ganze Saal bei „La vie en rose” mitsang. „Jetzt kann ich zu Eurem Gesang tanzen”, erklang wiederum das sympathische Stimmchen. Ohne Starallüren und mit perfekter Haltung.
Dabei ist sie eine sehr zurückgezogene Person, wenn es um ihr Privatleben geht, einzig mit ihrer Mutter und ihren Schwestern (und sie hat 13 Geschwister) zeigt sie sich in der Öffentlichkeit. „Meine Mama ist für mich das Wertvollste im Leben, sie hat 14 Kinder großgezogen, und hat mich liebend gern auf Konzertreisen begleitet.” 2018 schloss Marcelle-Sophie Poirier im Alter von 94 Jahren für immer die Augen. Die 79-Jährige vermisst ihre Mama noch heute. So manch einem standen Sonntag Abend die Tränen in den Augen, während Mireille Mathieu das Lied „Maman” mit voller Kraft sang, begleitet von Photoeinlagen, auf denen sie mit ihrer Mutter zu sehen ist – „Mama, Du bist die schönste Frau der Welt”, so der Text.
Man fühlte sich wehmütig und zugleich glücklich und getragen von dieser außergewöhnlichen Sängerin und zollte ihr liebend gern Standing Ovations vor allem nach den langen Tönen, die sie immer noch halten kann. Unglaublich!
Mit ihrer Stimme erobert sie immer noch jeden, diese Frau aus der Arbeiterklasse, die es von der Wellblechhütte in Avignon auf die Bühnen der Welt geschafft hat. Die sich schon als Mädchen um ihre 13 jüngeren Geschwister gekümmert und, statt zur Schule zu gehen, in der Papierfabrik gearbeitet hat. „Jahr um Jahr kam noch ein Bruder oder eine Schwester hinzu, es war einfach schön” – so Mireille Mathieu.
Diese herzliche Verbundenheit entsteht auch in Bukarest 2026 zwischen dem Publikum und ihr. „Auch nach mehr als 3.500 Konzerten bleibt das Lampenfieber”, so Mireille Mathieu und „Jedes Konzert ist eine neue Begegnung, und ich möchte immer die Erwartungen des Publikums erfüllen. Das ist eine echte Herausforderung.” Und der ist sie am 22. Februar 2026 in Bukarest gerecht geworden. „Es war herrlich, eigentlich bin ich nur meinen Eltern zuliebe gegangen und dann diese Stimme! Umwerfend!” – so der Kommentar eines jungen Mannes auf dem Heimweg durch den Schnee und dann noch – „sie hätten aber wirklich räumen können – aus Respekt vor einer so großen Sängerin!”
Christel UNGAR