Die Zeit anhalten

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Andreas H. Apelt erzählt in seinem neuen Roman die Geschichte der Bewohner eines Dorfes

Ausgabe Nr. 2943

Andreas H. Apelt: Sechsunddreißig Seelen. Roman. Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale), 2024, 303 Seiten, ISBN 978-3-96311-916-3, 28 Euro. www.mitteldeutscherver lag.de

In das beschauliche Fürstlich Drehna in der Niederlausitz wurden die Bewohner der geschleiften umliegenden Dörfer umgesiedelt, die in der DDR-Zeit dem Tagebau weichen mussten. Viele wiederum sind Vertriebene aus Schlesien und Ostpreußen. Die Menschen sind verbittert wegen des durch die deutschen Diktaturen erfahrenen Unrechts. Wehmut ergreift die Protagonisten in Apelts Roman, wenn sie zur Abbruchkante gehen und ihren längst verschwundenen Ort Presenchen in der trostlosen Mondlandschaft suchen, den keiner mehr sieht, nur noch die alte Elli Noack, die lediglich vom Friedhof die Grabsteine gerettet und auf ihrem Grundstück aufgestellt hat, wo sie mit den Toten spricht ebenso mit dem Mond.

 

Ihre Tochter flieht 1958 mit Helmut, einem ihrer beiden Söhne, nach Westberlin, um nach dem Fall der Mauer zurückzukommen. Helmut sieht seine Chance als Unternehmer, indem er als Gebrauchtwagenhändler die „Autowelt“ betreibt, aber pleitegeht. Ab und an taucht Elli Noacks geistig behinderter Sohn Kalle in ihren Gedanken auf, der im Rahmen des Euthanasieprogramms der Nationalsozialisten in Pirna-Sonnenstein ermordet wurde.

Es ist, als würde in Fürstlich Drehna die Zeit stillstehen. Tatsächlich erscheint diese Metapher in Form der alten Frau Schüllermann, die alle Uhren in ihrem Haus anhält. Sogar Linke, der früher schon Dorfpolizist war, ist in der neuen Zeit Polizeibeamter, der weiterhin in alle Bereiche seinen misstrauischen Blick richtet. Besonders als Buchsstein, der emeritierte Professor aus Amerika auftaucht, um Spuren seines Großvaters zu finden, der hier als „Trödlerjude“ unterwegs war und auf den 36-Seelen-Ort Presenchen stieß, wo er jene 36 Gerechten vermutete, die laut Talmud auserkoren sind, die Welt zu retten.

Die Bewohner, auf der Suche nach Gerechtigkeit, widersetzen sich der Eingemeindung ihres Dorfes nach Luckau. Friedhelm, der arbeitslose Forstarbeiter pflanzt in der geschundenen Natur Bäume, der einbeinige Ostpreuße Klose protestiert gegen ein Veteranentreffen von ehemaligen Stasigrößen.

Die Stimmen der Dörfler, die dem Leser allmählich ans Herz wachsen, ergeben einen vielstimmigen Chor, der den Ort wie die Landschaft charakterisiert und gleichzeitig Fragen nach Heimat stellt.

Legt Andreas H. Apelt mit seinem siebten Roman, poetisch und detailreich erzählt, einen Heimatroman vor? Aber ja, wenn Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“ auch einer ist. Apelt verteidigt Heimat und gebraucht dabei den Begriff auf eine wohltuend unideologische Weise. „Heimat ist da, wo drei Dinge sind: unsere Erinnerungen, unsere Unschuld, unsere Toten. Doch wer will sich dafür interessieren? Heimat! Schon das Wort ist so alt, dass es keiner mehr versteht.“

Als ganz so einfach erweist es sich dann doch nicht, wenn man an den aus Berlin zugewanderten Dichter Hülsmann denkt, der sich in einem verlassenen Gehöft eingerichtet hat, seine Freundin Katharina in Berlin verliert, sich aber in dem Dorf zu Hause fühlt, weil er unter diesen eigenwilligen Menschen, die ihn nehmen, wie er ist, einsam sein kann.

Oder an Professor Buchsstein, der nach anfänglichem Misstrauen von den Einwohnern aufgenommen wird, die sich zu einer verschworenen Gemeinschaft zusammenschließen. Fürstlich Drehna steht auch als ein Pars pro toto für das Schicksal aller kleinen Leute, wo auch immer, die ihr ureigenes Geheimnis haben, das sie sich nicht nehmen lassen.

Apelt versteht es meisterhaft, die Figuren vorzustellen, ihnen Stimme und Geschichte zu geben, die nach und nach weitererzählt wird, die aufgebaute Spannung hält bis zum Schluss an.

Aber niemals ist wirklich alles erzählt. Der Leser sieht sich in die Lage versetzt, die Geschichten für sich weiterzudenken. Andreas H. Apelt, 1958 in Luckau geboren, beendet mit „Sechsunddreißig Seelen“ seine Brandenburg-Trilogie, zu der „Schneewalzer“ und „Schwarzer Herbst“ gehören – ein Thema, das ihn 30 Jahre beschäftigt hat.

Michael G. FRITZ

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Bücher.