Urzellauf in Agnetheln: 20 Jahre seit der Wiederaufnahme dieses Brauches
Ausgabe Nr. 2944

In zotteligen Anzügen aus grobem Leinen mit aufgenähten schwarzen Stoffstreifen und ausgestattet mit schweren Kuhglocken um die Hüften, Peitschen sowie der Quetsche zogen die Urzeln durch die Straßen. Foto: Eduard RESCHKE
Agnetheln zeigte sich beim diesjährigen Urzellauf von seiner eindrucksvollsten Seite. Peitschenknallen, Kuhglocken und Blasmusik erfüllten die Stadt am Harbach, während sich Straßen, Fenster und Balkone rasch mit Zuschauerinnen und Zuschauern füllten. Sie waren sich einig: Das muss man erlebt haben. Der Urzellauf am 25. Januar 2026 hatte eine besondere Bedeutung: 20 Jahre sind vergangen, seit der 1689 erstmals urkundlich erwähnte Brauch in Agnetheln wiederbelebt wurde. Entsprechend groß war die Beteiligung.
Rund 320 Urzeln nahmen teil, hinzu kamen etwa 40 weitere Mitwirkende, die Zunftfahnen, Zunftladen und symbolische Figuren trugen. Insgesamt zog eine rund 360 Personen starke Parade aus Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen aus allen Alters- und Berufsgruppen durch die Stadt.
Der Umzug startete um 10 Uhr beim IMIX-Werk. Die Urzeln trugen ihre typischen Kostüme: zottelige Anzüge aus grobem Leinen mit aufgenähten schwarzen Stoffstreifen, schwere Kuhglocken um die Hüften, Peitschen sowie die Quetsche, mit der Krapfen an das Publikum verteilt wurden.

Reifenschwinger Horia Șchiopota balanciert mit sechs vollen Weingläsern vor zahlreichen Schaulustigen im Stadtzentrum vor dem Rathaus.
Fotos: Eduard RESCHKE
Auffälligstes Element ist die individuell gestaltete Maske, deren groteske Gesichtszüge jede Urzel unverwechselbar machen.
Vor dem Rathaus hielt die Parade und es sprachen Radu Curceanu, Vorsitzender des Urzelvereins „Breasla Lolelor” (Urzelzunft), Bürgermeister Alin Schiau-Gull sowie Bogdan Pătru, der 2006 als Grundschullehrer in Agnetheln mit seinen Viertklässlern die Wiederaufnahme des Brauchs initiiert hatte.
Während der Parade sorgten Blasmusik mit der Neppendorfer Blaskapelle und eine Darbietung mit siebenbürgisch-sächsischen Tänzen der Tanzgruppe des Jugendforums Hermannstadt unter der Leitung von Sebastian Arion für zusätzliche Akzente.

Die Tanzgruppe des Hermannstädter Jugendforums war auch in diesem Jahr dabei.
Es waren auch die traditionellen Zunftdarstellungen zu sehen: der Bär mit seinem Treiber für die Kürschner, das Schneiderrösschen mit dem Mummerl für die Schneider, der Reifenschwinger der Fassbinder sowie weitere Figuren der historischen Handwerkerzünfte. Angeführt wurde der Zug vom Paradehauptmann der Schusterzunft, begleitet von zwei Engelchen. Hebt er das Schwert, dürfen die Urzeln Lärm machen – senkt er es, müssen sie still sein.
Der Urzellauf blickt in Agnetheln auf eine lange Geschichte zurück. 1689 erstmals urkundlich erwähnt, war er über Jahrhunderte eng mit den Handwerkerzünften verbunden.

Bär (Dan Vâștes) und Bärentreiber (Valer Iuga).
Nach mehreren Unterbrechungen wurde der Brauch 2006 durch den Lehrer Bogdan Pătru gemeinsam mit seinen Schülerinnen und Schülern wieder ins Leben gerufen. Heute gilt er als kulturelles Erbe, getragen vom Verein „Breasla Lolelor“.
Auch die „Georg Daniel Teutsch“-Schule war in das Geschehen eingebunden. Dort fanden begleitende Aktivitäten für Kinder statt, an denen sich zahlreiche Lehrkräfte, Eltern sowie Schülerinnen und Schüler beteiligten. Die Schule war an diesem Tag stark besucht.
Nach der etwa zweistündigen Parade begann der eigentliche Urzellauf. In zwölf sogenannten Parten zogen die Urzeln durch die Stadt, besuchten Freunde, knallten mit den Peitschen, sangen, lachten und verteilten Krapfen.
Um 20 Uhr begann der Urzelball, der bis in die frühen Morgenstunden dauerte. Dabei wurden auch die neu hinzugekommenen Urzeln traditionell „getauft”. Ein festlicher Moment, der den Übergang in die Gemeinschaft der Urzeln markiert.
Agnetheln zeigte bei schönstem Wetter, wie lebendig sein jahrhundertealter Brauch bis heute ist.
Mit jedem Peitschenknall wurde es wärmer – auf den Straßen und bei den Menschen.
Eduard RESCHKE