„Die EAS ist ein Teil meines Lebens“

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Gespräch mit Roger Pârvu, dem Programmleiter der EAS in Hermannstadt

 

Roger Pârvu, Mitte dreißig, „in Kronstadt geboren, getauft und konfirmiert“, kam als Absolvent der Honterus-Schule nach Hermannstadt, um Theologie zu studieren. Nach sechs Semestern hat er zum Schauspielstudium gewechselt und auch am Theater gearbeitet. Seit 2008 ist er an der Evangelischen Akademie Siebenbürgen (EAS) als Programmleiter tätig.Mit Roger Pârvu sprachen Dana Havriciuc und Melitta Homm (Mediasch), Bettina Heltmann und Anca Irimină (Hermannstadt), Ildiko Hidas (Ungarn) und Florin Marin Ilieş (Deva), koordiniert von Anneliese Heltmann (Hermannstadt).

 Wir befinden uns in einem schmucken Gebäude in Neppendorf, dem Sitz der Evangelischen Akademie Siebenbürgen. Was können wir uns denn unter dieser „Akademie“ vorstellen?

In den fünfziger Jahren, nach dem Zweiten Weltkrieg, hat die evangelische Kirche in Deutschland nach einer Möglichkeit gesucht, in der zerrütteten Gesellschaft wieder Fuß zu fassen. So entstanden die meisten Akademien, die auch heute noch Tagungen anbieten zu gesellschaftspolitischen Themen, Fragen der Umwelt, Naturwissenschaft, Medizin, Kunst, Medien, Psychologie, Philosophie und natürlich Theologie. Unsere Einrichtung wurde in einer ähnlichen Umbruchsituation 1991 gegründet. Durch die Rückkehr des Ehepaars Möckel aus Deutschland wurde es möglich, nach deutschem Modell die Evangelische Akademie Siebenbürgen, als selbstständigen eingetragenen Verein, zu gründen. Die Akademie wuchs schnell über die Vorstellungen der Möckels hinaus und so wurde 2001 das Hans Bernd von Haeften-Tagungshaus eröffnet.

Wie verstehen Sie die Rolle der EAS?

Die Akademie ist ein Ort für den ökumenischen, interethnischen und interdisziplinären Dialog. Ökumenisch, weil uns der christliche Gedanke verbindet. Wir fördern das Gespräch zwischen den 19 anerkannten Glaubensgemeinschaften in Rumänien. Aber die Zugehörigkeit zu einer Glaubensgemeinschaft geht Hand in Hand mit der Zugehörigkeit zu einem Volk und daher der interethnische Dialog. Der Hauptgedanke ist, zur Entwicklung der Zivilgesellschaft in Rumänien beizutragen, deshalb interdisziplinär. Die Themen der Tagungen und der Workshops reichen von Umweltschutz bis zu Geschichte.

Wer kann „Akademiemitglied“ werden?

Jeder, man muss nur einen Antrag stellen! In diesem Augenblick haben wir 78 feste Mitglieder, ethnisch komplett durchmischt und von den Altersgruppen her reicht das Ganze von 30 bis 94. Die Mitglieder können Impulse für Themenbereiche geben, soweit möglich gehen wir auf diese Anregungen ein. Es hängt natürlich davon ab, was in der betreffenden Zeitspanne finanzierbar ist.

Nennen Sie uns bitte ein wichtiges Programm der EAS.

Die EAS hat sich in den letzten drei Jahren an einem riesengroßen EU-finanzierten Projekt beteiligt. Es waren insgesamt 25 Partner aus Deutschland, Österreich, Rumänien, der Ukraine und Moldawien dabei. Im Rahmen dieses Projektes wurde für 9 Universitäten ein neues Masterstudium für Journalistik aufgebaut.

Wie stellen Sie sich die Jugendarbeit im Rahmen der EAS vor?

Weiterbildung in außerschulischem Rahmen – das ist bei Studenten in Rumänien in den letzten 20 Jahren leider verloren gegangen. Besuch von Tagungen und Fachdiskussionen, das ist der Punkt, wo die EAS ansetzt. So haben wir im Jahr 2014 den Studentischen Dialog- und Lesekreis ins Leben gerufen, der sich beispielsweise ein Semester mit dem schwierigen Hauptschriften Theodor W. Adornos auseinander setzte. Dieser Diskussionskreis wurde heuer in Partnerschaft mit dem Lehrstuhl für Pädagogik der Lucian-Blaga-Universität zu einem wissenschaftlichen Dialogkreis weiterentwickelt. So haben wir uns in diesem Semester für ein betont pädagogisches Thema entschieden, und zwar „Von Pestalozzi bis zum Hightech-Unterricht – Pädagogik als Zukunftsgestaltung und ihre Vordenker“. Wichtige Texte aus der Pädagogik werden gelesen, besprochen und aufbereitet. Außerdem gibt es Vorträge, über die im Anschluss diskutiert wird. Das Ganze in einem wöchentlichen Turnus. Wir versuchen durch unsere Arbeit die Studentenschaft anzusprechen und diese Tradition der außeruniversitären wissenschaftlichen Auseinandersetzungen wieder zu beleben. Natürlich kommen dabei ganz interessante Impulse ins Haus, aber wir versuchen uns auch die Zuhörerschaft für die nächsten 10-15 Jahre zu sichern. Um Schüler und Studenten zusammenzubringen, haben wir in diesem Jahr eine Partnerschaft mit der Friedrich-Ebert-Stiftung und der Lucian-Blaga-Universität aufgebaut. In der Universitätsbibliothek haben wir eine Ausstellung über die Formen des Rechtsradikalismus in Rumänien gezeigt. Im Rahmen dieser Ausstellung wurden Workshops für über 200 Schüler und Studenten organisiert.

Gibt es ein Programmangebot für jüngeres Publikum?

Programme für jüngere Schüler als Neuntklässler gibt es nicht, aber wir können den Schulen entgegenkommen, die Programme vorschlagen.

Woher kommt die Finanzierung für Ihre Veranstaltungen?

Da die Akademie in der Trägerschaft eines selbstständigen Verein liegt, gibt es auf der einen Seite eine ganz große Freiheit in der Gestaltung der Programme, zugleich aber stehen wir mit dem Finanzierungsproblem auch allein. Das heißt, wir müssen selber sorgen, dass die Einnahmen des Hauses so eingesetzt werden, dass das Ganze auch reicht. Natürlich veranstalten wir auch Programme in Partnerschaft mit externen Finanzierungen.

Was planen Sie für die Zukunft?

Im April 2016 werden wir zusammen mit dem CNSAS (Consiliul Naţional pentru Studierea Arhivelor Securităţii) zwei Ausstellungen nach Hermannstadt bringen, und zwar eine über die Verfolgungsmethoden der Securitate und die zweite über die Securitate und die Jugend in Rumänien. Es werden auch Workshops angeboten, damit sich Jugendliche mit den Themen auseinandersetzen können.

Gibt es eine Zusammenarbeit zwischen der EAS und den Hermannstädter Schulen?

Ende Oktober hatten wir ein interessantes Projekt mit dem Titel „Story in my Pocket“ in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Kulturzentrum. Fachleute haben Schülern und Studenten beigebracht, wie Könner filmen und fotografieren, wie man das ganze Material zusammenfügt. In kleinen Gruppen wurde mit dem Handy aus der eigenen Tasche ein Film über Hermannstadt gedreht.

Kann die EAS durch ihre Tätigkeit das politische Umfeld beeinflussen?

Beeinflussen ja, direkt Politik betreiben nein. Weil wir nicht nur unter uns bleiben wollen, versuchen wir in der Zivilgesellschaft etwas in Gang setzen. Politik wird ja nicht nur von Politikern gemacht.

Hat sich das Konzept der EAS in Rumänien durchgesetzt?

Ja! Es ist zwar die einzige deutschsprachige Einrichtung dieser Art, aber es gibt noch drei orthodoxe Akademien, zwei reformierte und eine katholische, mit denen wir auch schon zusammengearbeitet haben.

Wir danken für das Gespräch.

 

Die Interviewer und ihr Gesprächspartner auf den Stufen des Hans-Bernd-von-Haeften Tagungshauses der EAS (v. l. n. r.) Florin Marin Ilieş, Ildiko Hidas, Bettina Heltmann, Anca Irimină, Melitta Homm, Roger Pârvu und Dana Havriciuc.                                             

Foto: Anneliese HELTMANN