Ich fall auf die Welt

Laudatio auf Christian T. Klein zur Verleihung des Rolf-Bossert-Gedächtnispreises 2023

Ausgabe Nr. 2821

Christian T. Klein (rechts) und Dr. Enikő Dácz, stellvertretende Direktorin des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas (IKGS) an der Ludwig Maximilians Universität München, bei der Aufnahme eines Podcasts in der Deutschen ,,Alexander Tietz“-Bibliothek in Reschitza.
Foto: Beatrice UNGAR

Es gibt Zufälle, die wie Fügungen anmuten. Am 14. März 2023 las ich zwei Nachrichten kurz hintereinander: Der rumäniendeutsche Schriftsteller Richard Wagner war gestorben. Und Christian T. Klein aus Siebenbürgen wurde als vierter Preisträger zur Erinnerung an den rumäniendeutschen Dichter Rolf Bossert bekanntgegeben. Dies geschah unabhängig voneinander, natürlich tat es das. Und doch existiert eine Klammer, die die Ereignisse verbindet. Weiterlesen

Ein eindringlicher Abend

Christel Ungar las im Forschungsinstitut in Hermannstadt

Ausgabe Nr. 2820

Sie bestritten den Literaturabend (v. l. n. r.): Dr. Andreea Dumitru-Iacob, Christel Ungar, Beatrice Ungar und Dr. Rudolf Gräf.
Foto: Ioana VEȘTEMEAN

Das Forschungsinstitut für Geisteswissenschaften der Rumänischen Akademie in Hermannstadt war am Freitag, den 9. Juni, Gastgeber eines Literaturabends mit Christel Ungar,  bekannt durch die deutsche Sendung „AKZENTE“ im Rumänischen Fernsehen. Die sehr atmosphärische Bibliothek des Instituts, vor Jahresfrist Gastgeber einer Lesung des Pfarrers und Schriftstellers Eginald Schlattner, war eine gute Wahl, um die vier Gedichtbände der facettenreichen Hermannstädter TV-Moderatorin und Dichterin Christel Ungar vorzustellen. Weiterlesen

Erstmals mit Abstecher nach Temeswar

Streiflichter von der 33. Auflage der Reschitzaer Deutschen Literaturtage

Ausgabe Nr. 2818

Gruppenbild mit dem Initiator und Organisator Erwin Josef Țigla (rechts außen) und (fast) allen Teilnehmenden vor dem Eingang der Deutschen ,,Alexander Tietz“-Bibliothek in Reschitza.                             Foto: Beatrice UNGAR

Von den in Reschitza vorgestellten Büchern kann man ein Jahr zehren: Mit einer ganzen Fuhre im Gepäck reisten die Teilnehmenden auch von den 33. Deutschen Literaturtagen in Reschitza ab. Sie hatten vom 4. bis 7. August vier Tage geballtes Schrifttum aller Art erlebt, aus den Bereichen Wissenschaft, Kunst, Lyrik, Prosa, Erinnerungsliteratur und vieles mehr. Auch wenn man jedem der vier Tage einen eigenen Bericht widmen würde, man könnte der Sache nicht gerecht werden. Deshalb bieten wir im Folgenden Streiflichter von der Veranstaltung, von der ab dem 15. Juni d. J. eine Videoaufzeichnung auf der Facebook-Seite des Demokratischen Forums der Banater Berglanddeutschen zu sehen ist, das unter der Federführung von Erwin Josef-Țigla gemeinsam mit dem Kultur- und Erwachsenenbildungsverein  „Deutsche Vortragsreihe Reschitza” diesen erbaulichen Literatur-Marathon organisiert hatte.Weiterlesen

Rolf Bossert-Gedächtnispreis 2023

Ausgabe Nr. 2816

Im Rahmen der 33. Auflage der Deutschen Literaturtage in Reschitza (4.-7. Mai d. J.) wurde nun schon zum vierten Mal der Rolf Bossert-Gedächtnispreis verliehen. Der Preisträger 2023 ist der Autor Christian T. Klein. Die Laudatio stammte aus der Feder der Preisträgerin von 2021, Britta Lübbers. In einer unserer nächsten Ausgaben werden wir ausführlich über die Deutschen Literaturtage berichten. Unser Bild (v. l. n. r.): der Preisinitiator Hellmut Seiler, Christian T. Klein und Erwin Josef Țigla, Initiator und Hauptorganisator der Deutschen Literaturtage in Reschitza.                              

Foto: Beatrice UNGAR

 

Die innere Heimat entdecken

Ilse Hehn und ihr neuestes Buch ,,Diese Tage ohne Datum“

Ausgabe Nr. 2813

Ilse Hehn bei ihrer Lesung am 18. Mai 2013 aus dem Band ,,Irrlichter. Kopfpolizei Securitate. Gedichte, Notate, Collagen, Malerei/Lumini înşelătoare. Poliţia minții Securitatea“ (Gerhard Hess Verlag Ulm, 2013) im Erasmus-Büchercafé in Hermannstadt.                              Foto: HZ-Archiv

Dieses Sich-aus-dem-Staube-Machen, wie Mücken überfällt es mich manchmal. Entscheidungen aus dem Augenblick heraus. Ich reiße die Außenhaut der Tage auf, sage „Die Welt ist, und sie ist bunt und fassbar“, sage wie Gentleman Phileas Fogg zu Passepartout „In zehn Minuten reisen wir ab!“

Mit Bezug zu den Versen ,,Man müßte sich aus dem Staube machen/Und früh am Morgen unbekannt verreisen“ aus Mascha Kalékos  Gedicht ,,Einmal sollte man…“ beginnt Ilse Hehn in ihrem neuen Buch, ,,Diese Tage ohne Datum“ das Kapitel über eine Reise nach Samos, die sich einreiht in die vielen Reisen in alle Himmelsrichtungen. Es ist ein poetisches Reisetagebuch, wobei das Wort poetisch ganz groß geschrieben werden muss. Denn gleichgültig, wo sich die wissbegierige und gleichzeitig sehr kenntnisreiche Autorin aufhält, geht es ihr darum, wie Ulrich Steenberg in einem Vorwort schreibt, in Landschaften, Kultur, dem unterschiedlichen südlichen oder nördlichen Licht eine innere Heimat zu entdecken.Weiterlesen

Wenn das Land nicht mehr dasselbe ist

 Zum 75. Todestag der Autorin Maria Lazar / Von Konrad WELLMANN

Ausgabe Nr. 2812

Oskar Kokoschka: Dame mit Papagei. Öl auf Leinwand, 1916

Maria Lazar (1895-1948), heute nur wenigen bekannt, war keine Ungarin oder Rumänin, wie ihr Name vermuten ließe, sondern eine österreichisch-jüdische Schriftstellerin und Übersetzerin, deren Bücher seit einigen Jahren in Österreich wiederentdeckt und vom Literaturwissenschaftler Johann Sonnleitner im Wiener DVB-Verlag (= Das vergessene Buch) publiziert und ausführlich kommentiert wurden. Maria Lazar wurde als jüngstes von acht Kindern einer wohlhabenden jüdischen Familie 1895 in Wien geboren. Ihr Vater stirbt, als sie 13 Jahre alt ist; zu ihrer Mutter hat sie ein recht gutes Verhältnis, anders als sie es in ihrem Debütroman darstellen wird. Weiterlesen

Bewahren, erforschen, vermitteln

Der Literaturwissenschaftler Stefan Sienerth wird 75

Ausgabe Nr. 2810

Stefan Sienerth am Rednerpult bei der aus Anlass des 50. Gründungstages des Hermannstädter Lehrstuhls für Germanistik in Hermannstadt veranstalteten internationalen Jubiläumstagung, an der unter dem Titel ,,Literatur und Sprache im südosteuropäischen Raum“ vom 24. bis 26. Oktober 2019 an der Fakultät für Philologie und Bühnenkünste der Lucian Blaga-Universität Germanisten und Germanistinnen aus verschiedenen Ländern teilgenommen haben.                                          Foto: Marius STROIA

Prof. em. h. c. Dr. Dr. h. c. Stefan Sienerth gehört zu den bekanntesten Literaturwissenschaftlern und geschätzten Kennern der rumäniendeutschen Literatur, des siebenbürgisch-deutschen Schrifttums und des deutschsprachigen Literaturbetriebs Ostmittel- und Südosteuropas, dessen Ruf den Stätten seines Wirkens Anerkennung einbrachte. Als Leiter des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas (IKGS) an der Ludwig-Maximilians-Universität München (2005 bis 2013) engagierte sich der Jubilar für die Wahrnehmung der rumäniendeutschen und der rumänischen Literatur in breiten Kreisen der deutschsprachigen Öffentlichkeit. Für sein Werk und Wirken wurde der Jubilar mit dem Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturpreis (2011) geehrt und zum 70. Geburtstag verlieh ihm die Lucian-Blaga-Universität in Hermannstadt die Ehrendoktorwürde. Das bisher Erreichte soll nun in einigen Worten umrissen werden, obschon sein Wirken weit über seine Wirkungsstätten reicht. Weiterlesen

Richard Wagner und die Folgen

Einführende Sätze über den Aufbruch in die literarische Moderne / Von Horst SAMSON

Ausgabe Nr. 2809

Laudator Richard Wagner (stehend) bei der Verleihung des Adam Müller Guttenbrunn-Literaturpreises an Rolf Bossert (rechts) 1983 in Temeswar; ebenfalls im Bild: Franz Liebhard alias Robert Reiter (links) und Redakteur Franz Binder von Radio Temeswar.            Foto: Archiv Horst Samson

„Lieber Horst Samson, Richard ist gestorben. Heute, 14.3.2023, gegen drei Uhr morgens, nach langer, geduldig ertragener Krankheit, wenige Wochen vor seinem 71. Geburtstag. Er starb ruhig, im Schlaf. In Trauer Sabina Kienlechner“. Die Berliner Essayistin, Publizistin und Übersetzerin hat sich intensiv um Richard gekümmert, der die letzten Jahre vereinsamt und zurückgezogen in einem Altersheim der Hauptstadt verbracht hat.

Sabinas Nachricht erreichte mich morgens, um 7 Uhr und 49 Minuten, ich hatte gerade den PC hochgefahren, um mich der Übersetzung eines Gedichtes von Vicente Huidobro zu widmen. Ich war von Jetzt auf Gleich wie elektrisiert, mein Kopf in blanker Unordnung. Schmerz, Trauer, Erleichterung, Bedauern, Niedergeschlagenheit, Bedrückung, Wehmut, Aufatmen, Wut, Enttäuschungen – es jagten sich Gefühle in mir, wie von Hunden gehetzt. Und die Seele schlug Purzelbaum.    Weiterlesen

Themenpreis der Gruppe 48 für Dagmar Dusil

Ausgabe Nr. 2806

Die in Bamberg lebende Schriftstellerin Dagmar Dusil war eine der drei Finalistinnen (Prosa)  beim Wettbewerb um den „Themenpreis der Gruppe 48 für Prosa“ 2023, der am 5. Februar in Rösrath auf Schloß Eulenbroich bei Köln ausgetragen wurde. Vorgestellt wurde Dagmar Dusil von der Juryvorsitzenden, Prof. Dr. Heidrun Zinecker, aus Leipzig. Nicht nur die Jury hat  Dagmar Dusil  mit ihrem berührenden Text „Kalte Tage“ überzeugt, der zum Inhalt die Geschichte eines traumatisierten Kindes auf der Flucht aus der Ukraine schildert, sondern auch das Publikum, das tief bewegt die Lesung verfolgte. Nach Auszählung der Stimmen ging der mit 1.500 Euro dotierte  I. Preis an Dagmar Dusil. Dagmar Dusil hatte den inzwischen preisgekrönten Prosatext am 22. Juli 2022 im Rahmen der Mittagsmusik in der Hermannstädter evangelischen Stadtpfarrkirche in deutscher, rumänischer und englischer Sprache vorgelesen. Unterdessen liegt auch eine polnische Übersetzung des Textes vor. 

Unser Bild (v. l. n. r.): Dr. Heiger Ostertag, Catherine Grambow-Chihab, Dagmar Dusil, Therese Wanninger, Dr. Hannelore Furch, Dr. Dr. Jürgen Rembold von der gleichnamigen Stiftung.

Brückepreis 2022 an Herta Müller

Ausgabe Nr. 2802

Herta Müller.                                           Foto: dpa

Görlitz.Der Internationale Brückepreis der Europastadt Görlitz 2022 geht an die Schriftstellerin und Nobelpreisträgerin Herta Müller, die in diesem Jahr, am 17. August, ihren 70. Geburtstag feiert.

Die Rumäniendeutsche aus dem Banat lebt seit 1987 in der Bundesrepublik. In der Begründung zur Preisvergabe betont die Gesellschaft zur Verleihung des Preises mit ihrem Präsidenten Prof. Willi Xylander einleitend: „Herta Müller hat ihr Werk der Beschreibung und der Anklage von Totalitarismus, Vertreibung, Unterdrückung, Bespitzelung und Verfolgung gewidmet“, angesprochen seien damit Themen, die wieder hohe Aktualität gewonnen hätten. Weiterlesen

,,Mein Gott, was bin ich für eine Kanone“

Zum 100. Todestag des tschechischen Autors Jaroslav Hašek

Ausgabe Nr. 2801

Schwejks Abenteuer wurden auch am Hermannstädter Radu Stanca-Nationaltheater durch Viorel Rață (Schwejk) – hier  in „Švejk pe front” (Premiere am 7. Januar 2022) – inszeniert.                                                 Foto: TNRS

„Melde gehorsamst, dass ich blöd bin“ ist eine Zeichnung des Karikaturisten George Grosz von 1928 untertitelt, die den Soldaten Schwejk darstellt. Dieser Satz könnte über dem Hauptwerk des tschechischen Autors Jaroslav Hašek (sprich: „Hascheck“) stehen, der heute kaum noch bekannt ist. Dafür sind die „Abenteuer des braven Soldaten Schwejk“ (tschechisch: Svejk) unsterblich, weil sie satirisch den Irrsinn der militärischen Bürokratie des k. u. k. – Reichs und des Ersten Weltkriegs ad absurdum führen. Heute – über einhundert Jahre später – sind die Gräuel und Lügen im Krieg Russlands gegen die Ukraine leider immer noch aktuell. Am 3. Januar 1923 ist Hasek im Alter von 39 Jahren an Herzversagen gestorben.Weiterlesen