Die innere Heimat entdecken

Ilse Hehn und ihr neuestes Buch ,,Diese Tage ohne Datum“

Ausgabe Nr. 2813

Ilse Hehn bei ihrer Lesung am 18. Mai 2013 aus dem Band ,,Irrlichter. Kopfpolizei Securitate. Gedichte, Notate, Collagen, Malerei/Lumini înşelătoare. Poliţia minții Securitatea“ (Gerhard Hess Verlag Ulm, 2013) im Erasmus-Büchercafé in Hermannstadt.                              Foto: HZ-Archiv

Dieses Sich-aus-dem-Staube-Machen, wie Mücken überfällt es mich manchmal. Entscheidungen aus dem Augenblick heraus. Ich reiße die Außenhaut der Tage auf, sage „Die Welt ist, und sie ist bunt und fassbar“, sage wie Gentleman Phileas Fogg zu Passepartout „In zehn Minuten reisen wir ab!“

Mit Bezug zu den Versen ,,Man müßte sich aus dem Staube machen/Und früh am Morgen unbekannt verreisen“ aus Mascha Kalékos  Gedicht ,,Einmal sollte man…“ beginnt Ilse Hehn in ihrem neuen Buch, ,,Diese Tage ohne Datum“ das Kapitel über eine Reise nach Samos, die sich einreiht in die vielen Reisen in alle Himmelsrichtungen. Es ist ein poetisches Reisetagebuch, wobei das Wort poetisch ganz groß geschrieben werden muss. Denn gleichgültig, wo sich die wissbegierige und gleichzeitig sehr kenntnisreiche Autorin aufhält, geht es ihr darum, wie Ulrich Steenberg in einem Vorwort schreibt, in Landschaften, Kultur, dem unterschiedlichen südlichen oder nördlichen Licht eine innere Heimat zu entdecken.Weiterlesen→

Wenn das Land nicht mehr dasselbe ist

 Zum 75. Todestag der Autorin Maria Lazar / Von Konrad WELLMANN

Ausgabe Nr. 2812

Oskar Kokoschka: Dame mit Papagei. Öl auf Leinwand, 1916

Maria Lazar (1895-1948), heute nur wenigen bekannt, war keine Ungarin oder Rumänin, wie ihr Name vermuten ließe, sondern eine österreichisch-jüdische Schriftstellerin und Übersetzerin, deren Bücher seit einigen Jahren in Österreich wiederentdeckt und vom Literaturwissenschaftler Johann Sonnleitner im Wiener DVB-Verlag (= Das vergessene Buch) publiziert und ausführlich kommentiert wurden. Maria Lazar wurde als jüngstes von acht Kindern einer wohlhabenden jüdischen Familie 1895 in Wien geboren. Ihr Vater stirbt, als sie 13 Jahre alt ist; zu ihrer Mutter hat sie ein recht gutes Verhältnis, anders als sie es in ihrem Debütroman darstellen wird. Weiterlesen→

Bewahren, erforschen, vermitteln

Der Literaturwissenschaftler Stefan Sienerth wird 75

Ausgabe Nr. 2810

Stefan Sienerth am Rednerpult bei der aus Anlass des 50. Gründungstages des Hermannstädter Lehrstuhls für Germanistik in Hermannstadt veranstalteten internationalen Jubiläumstagung, an der unter dem Titel ,,Literatur und Sprache im südosteuropäischen Raum“ vom 24. bis 26. Oktober 2019 an der Fakultät für Philologie und Bühnenkünste der Lucian Blaga-Universität Germanisten und Germanistinnen aus verschiedenen Ländern teilgenommen haben.                                          Foto: Marius STROIA

Prof. em. h. c. Dr. Dr. h. c. Stefan Sienerth gehört zu den bekanntesten Literaturwissenschaftlern und geschätzten Kennern der rumäniendeutschen Literatur, des siebenbürgisch-deutschen Schrifttums und des deutschsprachigen Literaturbetriebs Ostmittel- und Südosteuropas, dessen Ruf den Stätten seines Wirkens Anerkennung einbrachte. Als Leiter des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas (IKGS) an der Ludwig-Maximilians-Universität München (2005 bis 2013) engagierte sich der Jubilar für die Wahrnehmung der rumäniendeutschen und der rumänischen Literatur in breiten Kreisen der deutschsprachigen Öffentlichkeit. Für sein Werk und Wirken wurde der Jubilar mit dem Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturpreis (2011) geehrt und zum 70. Geburtstag verlieh ihm die Lucian-Blaga-Universität in Hermannstadt die Ehrendoktorwürde. Das bisher Erreichte soll nun in einigen Worten umrissen werden, obschon sein Wirken weit über seine Wirkungsstätten reicht. Weiterlesen→

Richard Wagner und die Folgen

Einführende Sätze über den Aufbruch in die literarische Moderne / Von Horst SAMSON

Ausgabe Nr. 2809

Laudator Richard Wagner (stehend) bei der Verleihung des Adam Müller Guttenbrunn-Literaturpreises an Rolf Bossert (rechts) 1983 in Temeswar; ebenfalls im Bild: Franz Liebhard alias Robert Reiter (links) und Redakteur Franz Binder von Radio Temeswar.            Foto: Archiv Horst Samson

„Lieber Horst Samson, Richard ist gestorben. Heute, 14.3.2023, gegen drei Uhr morgens, nach langer, geduldig ertragener Krankheit, wenige Wochen vor seinem 71. Geburtstag. Er starb ruhig, im Schlaf. In Trauer Sabina Kienlechner“. Die Berliner Essayistin, Publizistin und Übersetzerin hat sich intensiv um Richard gekümmert, der die letzten Jahre vereinsamt und zurückgezogen in einem Altersheim der Hauptstadt verbracht hat.

Sabinas Nachricht erreichte mich morgens, um 7 Uhr und 49 Minuten, ich hatte gerade den PC hochgefahren, um mich der Übersetzung eines Gedichtes von Vicente Huidobro zu widmen. Ich war von Jetzt auf Gleich wie elektrisiert, mein Kopf in blanker Unordnung. Schmerz, Trauer, Erleichterung, Bedauern, Niedergeschlagenheit, Bedrückung, Wehmut, Aufatmen, Wut, Enttäuschungen – es jagten sich Gefühle in mir, wie von Hunden gehetzt. Und die Seele schlug Purzelbaum.    Weiterlesen→

Themenpreis der Gruppe 48 für Dagmar Dusil

Ausgabe Nr. 2806

Die in Bamberg lebende Schriftstellerin Dagmar Dusil war eine der drei Finalistinnen (Prosa)  beim Wettbewerb um den „Themenpreis der Gruppe 48 für Prosa“ 2023, der am 5. Februar in Rösrath auf Schloß Eulenbroich bei Köln ausgetragen wurde. Vorgestellt wurde Dagmar Dusil von der Juryvorsitzenden, Prof. Dr. Heidrun Zinecker, aus Leipzig. Nicht nur die Jury hat  Dagmar Dusil  mit ihrem berührenden Text „Kalte Tage“ überzeugt, der zum Inhalt die Geschichte eines traumatisierten Kindes auf der Flucht aus der Ukraine schildert, sondern auch das Publikum, das tief bewegt die Lesung verfolgte. Nach Auszählung der Stimmen ging der mit 1.500 Euro dotierte  I. Preis an Dagmar Dusil. Dagmar Dusil hatte den inzwischen preisgekrönten Prosatext am 22. Juli 2022 im Rahmen der Mittagsmusik in der Hermannstädter evangelischen Stadtpfarrkirche in deutscher, rumänischer und englischer Sprache vorgelesen. Unterdessen liegt auch eine polnische Übersetzung des Textes vor. 

Unser Bild (v. l. n. r.): Dr. Heiger Ostertag, Catherine Grambow-Chihab, Dagmar Dusil, Therese Wanninger, Dr. Hannelore Furch, Dr. Dr. Jürgen Rembold von der gleichnamigen Stiftung.

Brückepreis 2022 an Herta Müller

Ausgabe Nr. 2802

Herta Müller.                                           Foto: dpa

Görlitz. – Der Internationale Brückepreis der Europastadt Görlitz 2022 geht an die Schriftstellerin und Nobelpreisträgerin Herta Müller, die in diesem Jahr, am 17. August, ihren 70. Geburtstag feiert.

Die Rumäniendeutsche aus dem Banat lebt seit 1987 in der Bundesrepublik. In der Begründung zur Preisvergabe betont die Gesellschaft zur Verleihung des Preises mit ihrem Präsidenten Prof. Willi Xylander einleitend: „Herta Müller hat ihr Werk der Beschreibung und der Anklage von Totalitarismus, Vertreibung, Unterdrückung, Bespitzelung und Verfolgung gewidmet“, angesprochen seien damit Themen, die wieder hohe Aktualität gewonnen hätten. Weiterlesen→

,,Mein Gott, was bin ich für eine Kanone“

Zum 100. Todestag des tschechischen Autors Jaroslav Hašek

Ausgabe Nr. 2801

Schwejks Abenteuer wurden auch am Hermannstädter Radu Stanca-Nationaltheater durch Viorel Rață (Schwejk) – hier  in „Švejk pe front” (Premiere am 7. Januar 2022) – inszeniert.                                                 Foto: TNRS

„Melde gehorsamst, dass ich blöd bin“ ist eine Zeichnung des Karikaturisten George Grosz von 1928 untertitelt, die den Soldaten Schwejk darstellt. Dieser Satz könnte über dem Hauptwerk des tschechischen Autors Jaroslav Hašek (sprich: „Hascheck“) stehen, der heute kaum noch bekannt ist. Dafür sind die „Abenteuer des braven Soldaten Schwejk“ (tschechisch: Svejk) unsterblich, weil sie satirisch den Irrsinn der militärischen Bürokratie des k. u. k. – Reichs und des Ersten Weltkriegs ad absurdum führen. Heute – über einhundert Jahre später – sind die Gräuel und Lügen im Krieg Russlands gegen die Ukraine leider immer noch aktuell. Am 3. Januar 1923 ist Hasek im Alter von 39 Jahren an Herzversagen gestorben.Weiterlesen→

Aus der Seemannskiste des Urgroßvaters

Neuauflage: ,,Die Märchenmühle. Ein Roman für Kinder“ von Hans Fink

Ausgabe Nr. 2800

Hans Fink: Die Märchenmühle. Ein Roman für Kinder, Ion Creangă Verlag Bukarest 1985, Umschlaggestaltung und Illustrationen Sieglinde Bottesch, 102 Seiten, ISBN 978-3-446-27470-9. Das Buch war vor kurzem noch antiquarisch zu kaufen in dem Erasmus-Büchercafé in Hermannstadt.

An Romanen für Kinder ist die Literatur der Rumäniendeutschen nicht reich, vergessen wurden einige auch infolge der Umbrüche, die diese Gemeinschaft erfahren hat. Zu letzteren zählt „Die Märchenmühle“, die 1985 im Bukarester Kinderbuchverlag „Ion Creangă“ erschienen war, illustriert mit Zeichnungen der Künstlerin Sieglinde Bottesch. Das Buch war bald ausverkauft, obwohl die Edition im Vergleich zu heutigen Ausgaben aus unseren Kreisen relativ hoch war (1.800 Exemplare).Weiterlesen→

Virtuos am Rande des deutschen Kulturraums

Nachruf auf den Übersetzer, Literaturhistoriker und Mentor Gerhardt Csejka

Ausgabe Nr. 2798

Gerhardt Csejka (1945-2022). Foto:  Markus LIEBERENZ

Nur Stunden nach seinem Ableben in Berlin reagierten in Rumänien Hunderte von Menschen in den sozialen Medien mit Trauerbekundungen, darunter bekannte Schriftsteller wie Ioana Pârvulescu und Mircea Cărtărescu. Der Übersetzer, Literaturhistoriker und -kritiker Gerhardt Csejka verstarb 77jährig am 25. November 2022 in der deutschen Hauptstadt. Die Reaktion entspricht dem guten Ruf, den Csejka in weiten Teilen der rumänischen Literaturlandschaft als Übersetzer hatte. Dass Mircea Cărtărescu, der hierzulande alle Jahre wieder als potentieller Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt wird, 2007 mit dem Roman ,,Die Wissenden“ (Orbitor. Aripa stângă) in der Literaturszene des binnendeutschen Sprachraums einen Erfolg verbuchen konnte, verdankt er der Übersetzung Csejkas. Der Übersetzer selbst wurde ein Jahr später mit dem Übersetzerpreis der Kunststiftung des deutschen Bundeslandes Nordrhein-Westfalen geehrt. Weiterlesen→

Keine seichte Lektüre

Erster Gedichtband von Brigitte Hermann erschienen

Ausgabe Nr. 2793

,,Eine Sammlung meiner zeitlich, räumlich und inhaltlich unterschiedlich entstandenen poetischen Niederschläge, die hoffentlich nicht schlagen, erschlagen, sondern vielleicht ein wenig berühren“. So beschreibt  die in Hermannstadt geborene und heute in Dachau lebende Brigitte Hermann ihren jüngst im Hermannstädter Armanis-Verlag erschienenen ersten Gedichtband, in dem sie 80 Gedichte veröffentlicht, die „aus der Menge ragen“ – um gleich eine sprachliche Anleihe bei ihr zu machen. Schon im Titel „Untiefenfrei“ lässt sie die Sprache schillern und spielt durch Doppeldeutigkeiten mit Leser und Leserin, deren Aufmerksamkeit sie schnell auf ihre Seite(n) bringt.Weiterlesen→

Von Old Shatterhand bis János Xantus

Besuch bei den Filmemachern Gábor und Áron Xantus (I) / Von Werner FINK

Ausgabe Nr. 2792

János (John) Xantus in der Uniform der amerikanischen Marine 1861.

„Die Traumhelden und die Traumlandschaften unserer Jugendjahre – er hat sie erzählt und beschrieben wie kein anderer, ja verkörpert im wahrsten Sinne des Wortes. Ging er doch in seinem blonden deutschen Helden Old Shatterhand alias Kara Ben Nemsi vollends auf. Die Rede ist vom Volksschriftsteller Karl May, der es wie kein anderer verstand, seine Leser zu fesseln“, schreibt Konrad Wellmann in einem Artikel in der Hermannstädter Zeitung von 2012 zum 100. Todestag von Karl May (1842-1912) und stellt ebenda fest:  „Jung und Alt liebten seine starken Helden, hassten die Bösewichte und bewunderten seine angeblich selbst erlebten Abenteuer. Dabei hat Karl May erst im Alter einige Stätten seiner Romane kennen gelernt.“ Wenn Karl May erst im Alter die Stätten seiner Romane kennengelernt hat, wer war es, der ihm als Inspiration diente? Diese Gedanken gingen bestimmt ganzen Generationen Lesern durch den Kopf. Antworten zu finden wird versucht in dem Film ,,Magyar volt-e Old Shatterhand“ (War Old Shatterhand ein Ungar?/ 2006), von Gábor Xantus und dessen Sohn Áron Xantus. Expeditionsreisen sind übrigens eine Herzensangelegenheit der Beiden. Neulich drehten sie einen Film über Emil Racoviță (1868-1947), der 2021 mit dem Preis der Rumänischen Akademie und Ende September d. J. vom  Verband der Rumänischen Filmemacher (UCIN) ausgezeichnet wurde.Weiterlesen→

Vom Klapotetz und der Apfelalm

Streiflichter von den 32. Deutschen Literaturtagen in Reschitza

Ausgabe Nr. 2786

Gruppenbild der Teilnehmer.
Foto: DFDBB

Was sucht eine Bierfabrik auf der Apfelalm? Gutes Wasser natürlich. Und was ein Klapotetz im Hof der Deutschen ,,Alexander Tietz“-Bibliothek? Die Spende des Landes Steiermark soll, so Gastgeber und Hauptorganisator Erwin Josef Țigla, die bösen Geister vertreiben… Der Klapotetz ist eine im südsteirischen Weinland verbreitete Vogelscheuche und besteht aus einem Windrad mit Welle und Schlägeln, die durch ihr rhythmisches Geklapper die Vögel von den Weingärten zur Zeit der Traubenreife fernhalten sollen. Der Name stammt aus dem Slowenischen: klopótec, zu deutsch „Klapper“. Solchen und ähnlichen Fragen konnten die Teilnehmenden an den 32. Deutschen Literaturtagen in Reschitza vom 19. bis 21. August nachgehen. Weiterlesen→

Von Angesicht zu Angesicht

Iris Wolff und Horst Samson lasen im Rahmen der Künstlerresidenz Kleinschenk

Ausgabe Nr. 2786

Carmen Schuster (stehend), Horst Samson (sitzend) und  Iris Wolff (stehend) bestritten die Veranstaltung im voll besetzten Erasmus-Büchercafé (v. l. n. r.).               Foto: Beatrice UNGAR

Das war schon eine sehr besondere Veranstaltung mit den Schriftstellern Iris Wolff und Horst Samson am 1. September in der wohligen Atmosphäre des Erasmus-Büchercafés. Die Veranstaltung fand im Rahmen der Künstlerresidenz Kleinschenk statt, eine Initiative des Vereins CONTRAFORT PRO Kleinschenk und der Kirchengemeinde Kleinschenk. Das Konzept wurde von Carmen Schuster und Michael Lisske erarbeitet und von Elisabeth Ochsenfeld, Galeristin und Künstlerin, kuratiert.  Ziel ist es, die Kirchenburg Kleinschenk auch einer anderen Nutzung als derjenigen für Gottesdienste zuzuführen, sie als Kulturkirche einem breiteren Publikum vorzustellen. Die jährliche Künstlerresidenz Kleinschenk ist eine Plattform, die bildende Künstler, Bildhauer, Schriftsteller und Galeristen aus unterschiedlichen Ländern zusammenbringt und sie zum Austausch auffordert.Weiterlesen→