Kafka in Reschitza

Anton Sterbling und sein Buch ,,Ungewissheiten heimwärts fliehender Krähen“

Ausgabe Nr. 2900

Anton Sterbling: Ungewissheiten heimwärts fliehender Krähen. Neuere Gedichte, Kurzprosa und Erzählungen, Pop Verlag Ludwigsburg 2025, Reihe Epik Band 154 112 Seiten. ISBN 978-3863-56-41-31. 15,50 Euro.

Das Reale mit dem Fiktiven, Imaginären zu verbinden, war schon immer Anton Sterblings Sache. Egal ob längst verstorbene Dichter, schwarze Katzen oder andere Geister in allerlei Gewand plötzlich und unerwartet in den Erzählungen auftauchen und ihnen ungeahnte Wendungen geben. Da ist es kein Wunder, wenn sich der Dichter Franz Kafka aus seinem Prager Grab erhebt und im Studentenwohnheim des Autors in Reschitza erscheint. Sehen kann den finster blickenden und schüchtern wirkenden jungen Mann, der selbst für einen magischen Realismus steht, nur der Autor, denn die Kommilitonen sind dank eines Feiertages nach Hause gefahren. Weiterlesen

Daseinsbürde, epische Substanz, literarischer Ertrag

Einige Anmerkungen über die Deportation der Rumäniendeutschen in den Osten

Ausgabe Nr. 2898

Bis zur politischen Wende in Rumänien 1989/90, bis zur Öffnung des Eisernen Vorhangs, gab es zwischen Ost und West deutliche Unterschiede in der Darstellung der Deportation, der Verschickung von deutschen Landesbewohnern Siebenbürgens, des Banats und Banater Berglands, des Sathmarer Landes und Rumänischen Altreichs in die Sowjetunion.

Im Westen Europas und in Mitteleuropa war es seit je gestattet, über die Verschleppung und Zwangsarbeit während der zweiten Hälfte der 1940er Jahre zu sprechen, darüber zu schreiben und das Geschriebene zu publizieren. Doch mussten jene, die sich dazu äußerten, feststellen: In Deutschland, in Österreich war das Nachkriegsschicksal der Rumäniendeutschen ein vergleichsweise wenig beachtetes Sonderkapitel in der 1945 beginnenden und bis heute andauernden Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus, Kriegsführung und Kriegsschuld, mit Konzentrationslager, Zusammenbruch und Vertreibung. Aufgeschlossenheit für das Thema Deportation war daher auf landsmannschaftliche Kreise oder auf jene Personen beschränkt, denen südosteuropäische Problematik einigermaßen vertraut war. Weiterlesen

Vaterland der Ruhelosigkeit

Ana Blandiana und ihr Gedichtband ,,Mein Vaterland A4“

Ausgabe Nr. 2896

Ana Blandiana, Mein Vaterland A4./Patria mea A4. Gedichte Deutsch / Rumänisch, übersetzt von Maria Herlo, Katharina Kilzer, Horst Samson. Pop Verlag Ludwigsburg 2020, ISBN 978-3-86356-300-4, 155 Seiten, 19,90 Euro.

Der Gedichtband „Patria mea A4” von Ana Blandiana ist bereits ins Polnische, Italienische, Spanische, Französische, Englische, Bulgarische, Hebräische übersetzt und liegt seit 2020 auch auf Deutsch unter dem Titel „Mein Vaterland” vor. Gleich das erste Gedicht: „Das jenseitige Leben, verbunden mit uns noch irdisch Lebenden über ein Change-Office” (S. 7). So hat das immerhin noch niemand gesehen; niemand vor Ana Blandiana. Und diese Autorin ist nicht etwa flotte zwanzig Jährchen alt, sondern sie gehört zum Jahrgang 1942.Weiterlesen

Der Lyrik gewidmet

,,Rolf-Bossert“-Gedächtnispreis 2025

Ausgabe Nr. 2889

Der „Rolf-Bossert“-Gedächtnispreis wird bereits zum sechsten Mal ausgeschrieben. Er wird für 2025 erneut in Form eines Wettbewerbs vergeben. Der Preis würdigt sieben eingereichte Gedichte mit hohem künstlerischem Anspruch. Die Zuordnung zur Gattung Lyrik muss dabei deutlich erkennbar sein. Es können bis zum 10. Januar 2025 bisher nicht veröffentlichte selbstverfasste deutschsprachige Gedichte eingesandt werden. Weiterlesen

Tua res agitur!

Zu Sabin Tambreas Roman ,,Vaterländer“ (2024)
Ausgabe Nr. 2884

Szene mit Sabin Tambrea (Franz Kafka) und Henriette Confurius (Dora Diamant) aus dem Film „Die Herrlichkeit des Lebens” nach dem gleichnamigen Roman von Michael Kumpfmüller (Regie: Georg Maas und Judith Kaufmann, 2024).                                                        Foto: Christian SCHULZ (dpa)

Tua res agitur! Oder: Es geht um etwas, was mich angeht. Was mich betrifft. Mich trifft. So erging es mir beim Lesen des neuen Romans, getitelt „Vaterländer”, des deutschen Schauspielers Sabin Tambrea. Der Roman ist kürzlich im Berliner Gutkind-Verlag erschienen und kann in Hermannstadt im Erasmus-Büchercafé erworben werden.Weiterlesen

,,Denkbar wäre eine Broschüre”

Zu Joachim Wittstocks romanhafter Chronik siebenbürgischer Schicksale

Ausgabe Nr. 2879

Joachim Wittstock, einer der treuesten Teilnehmer, liest 2021 bei den Deutschen Literaturtagen in Reschitza.                         Foto: DFBB

Joachim Wittstocks neuer Roman hat lange auf sich warten lassen. Immer wieder bot sich seinem Autor Gelegenheit, bei Literaturtreffen beispielsweise kürzere oder längere Auszüge eines angekündigten größeren Werkes vorzulesen, so etwa bei den Deutschen Literaturtagen in Reschitza gut vor Ausbruch der Corona Pandemie und danach. In wenigen persönlichen Gesprächen wurde auch mal die Rede auf das Romanprojekt gelenkt und immer wieder hieß es, es sei noch nicht genug gereift, es sei noch manches zu recherchieren, zu sichten und auszuformen. Man konnte auf jeden Fall gespannt sein. Und das war ich, denn die wenigen Happen, die Kostproben oder Teaser, wie man das neuzeitlich in der Kulturwerbung nennt, die man zu Gehör bekommen hatte, hatten gewisse Erwartungen geweckt, die zum einen mit inhaltlichen Details, wie etwa der Kronstädter Szenerie zu tun hatten, zum andern mit dem Wissen, dass das Erscheinen des jetzt vorletzten Romans von Wittstock, „Die uns angebotene Welt” (Bukarest, 2007) schon viel zu viele Jahre zurücklag. Weiterlesen

Spielen auf dem Papierklavier

Dagmar Dusil stellte ihren Roman ,,Das Geheimnis der stummen Klänge“ vor

Ausgabe Nr. 2879

Die Pianistin Irisa Filip, die Schriftstellerin Dagmar Dusil und die Moderatorin der Abends, Beatrice Ungar (v. l. n. r.).        
Foto: Elisabeth DECKERS

Ihren ersten Roman, der im Pop Verlag Ludwigsburg unter dem Titel „Das Geheimnis der stummen Klänge“ erschienen ist, stellte die bekannte in Hermannstadt geborene Schriftstellerin und Übwersetzerin Dagmar Dusil am Samstag im Spiegelsaal des DFDH dem Hermannstädter Publikum vor.Weiterlesen

Gedichtlese aus 50 Jahren

Oswald Kesslers neues Buch trägt den Titel ,,Sommerdäsch mät siwe’ Kruëden“

Ausgabe Nr. 2876

Oswald Kessler freut sich über sein neuestes Buch.
Foto: Beatrice UNGAR

Heute ist es wieder soweit und unzählige Besucher strömen nach Hermannstadt zu dem zweiten Großen Sachsentreffen. Das Sächsische ist eine zähe Sprache, die sich über die Jahrhunderte in jedem einzelnen Dorf ganz eigen entwickelt hat, so dass sich manchmal Sprecher aus Nachbardörfern kaum verstehen. Und trotz der geringen Zahl an jeweiligen Sprechern hat sie durchgehalten – bis in die Neuzeit, bis ins 20. Jahrhundert, bis die Sprecher sie selber aufgegeben haben. Manche schon beim Umzug ‚in die Stadt‘, die meisten bei der Aussiedlung nach Deutschland. Dementsprechend kann man bei manchen Orten die Anzahl der Mundartsprecher bald an den Fingern abzählen. Was geblieben ist, ist das abgeschliffene Hochsächsisch, wie es zum Beispiel in Hermannstadt gesprochen wird. Wie lange noch? Hinderlich ist auch die Tatsache, dass dem Sächsischen keine Schrift zur Verfügung steht und man sich um ungefähre Umschreibungen bemüht, die dann wiederum einen Stolperstein bei der Drucklegung sächsischer Texte bilden.Weiterlesen