Ein mitreißender Redner und Prediger

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Zum Buch von Christian Hermann über seinen Großvater Pfarrer Alfred Herrmann

Ausgabe Nr. 2838

Christian Herrmann:   „Kein Mensch kann sich dieser Macht entziehen“ – Alfred Herrmann, Pfarrer und Sozialdemokrat 1888-1962, mit einem Geleitwort von Prof. Dr. Ulrich Andreas Wien und Beiträgen von Prof. Dr. Hermann Pitters, Honterus Verlag Hermannstadt 2023, 208 Seiten, ISBN 978-606-008-133-3.

Vor mir liegt, ganz neu im Honterus Verlag in Hermannstadt erschienen, das Buch über den ehemaligen Hermannstädter Stadtpfarrer und Bischofsvikar Alfred Herrmann (1888-1962). Im großen Querformat ist auf dem Umschlag die Abbildung des Ölportraits von Hans Eder zu sehen, das den Protagonisten an seinem 50. Geburtstag (damals noch als Stadtpfarrer von Bukarest) darstellt. Locker sitzt er da, die für ihn obligate Zigarette in der Hand. Doch das Wichtigste sind die Augen, die den hohen Intellekt, den Weitblick und die Entschlossenheit der Persönlichkeit Herrmanns einfangen. Er war ein brillanter, mitreißender Redner und Prediger, ein vielseitig gebildeter Mann und ein sehr einfühlsamer Seelsorger. Das alles hat Hans Eder hier im Blick eingefangen.

 

Wer war Alfred Herrmann, der im Titel des Buches (,,Kein Mensch kann sich dieser Macht entziehen“ – Alfred Hermann – Pfarrer und Sozialdemokrat. 1888-1962) sicherlich singulär für einen siebenbürgisch-sächsischen Pfarrer, als Sozialdemokrat bezeichnet wird? Das Buch ist vom Autor, der ein Enkelsohn Herrmanns ist, zunächst als Biographie konzipiert worden, die der Frage nach dem familiären Ursprung, den Lebensdaten und Lebensstationen nachgeht. Dazu benützt der Autor, neben der mit großer Sachkenntnis lebensnah dargestellten Beschreibung der Persönlichkeit, ein wirklich reiches und sehr wertvolles Bildmaterial aus dem Nachlass Alfred Herrmanns.

Denn sowohl er, als auch seine Frau Hilde (geb. Schmidt), waren schon sehr früh, seit Anfang des 20. Jahrhunderts, begeisterte Hobbyfotografen. So kommt es, dass der „Titelheld“ und seine Familie auch bildhaft quer durch das Rumänien seiner Zeit begleitet werden, sei es nun Kronstadt oder Leblang, sei es Czernowitz oder Bukarest, sei es im Urlaub in der Bukowina oder in der Schulerau – es sind hochwertige Aufnahmen von hohem dokumentarischem Wert.

Ebenso wird das reiche private Bildmaterial aus der Hermannstädter Zeit der frühen Nachkriegszeit, also der 1940-er und 1950-er Jahre des 20. Jahrhunderts, im Besonderen die Feierlichkeiten anlässlich des 70. Geburtstags, bei dem alles was Rang und Namen in der Evangelischen Kirche A. B. Siebenbürgens hatte, anwesend war, hier der breiten Leserschaft zugänglich gemacht. Genauso auch dasjenige des Begräbnisses von Alfred Herrmann im Jahre 1962, das beinahe den Charakter eines Staatsbegräbnisses trug.

Doch ist die geschriebene und bebilderte Biographie nur einer der Mittelpunkte des Buches: Einer Ellipse gleich hat das Buch einen zweiten Themenkreis, einen zweiten Brennpunkt – und das sind die theologisch-kirchenpolitischen, aber auch die ideologischen Fragen, die den Protagonisten beschäftigt haben. Fragen, die auch die interessierte Leserschaft bis heute, gerade im Blick auf die Aufarbeitung der 50-er Jahre in Siebenbürgen mit all den Securitate-Repressionen, beschäftigen können. Das Buch entbehrt demnach, trotz der historischen Aufmachung, nicht einer gewissen Aktualität.

Alfred Herrmann hatte bereits in der Zwischenkriegszeit in der Blumenau, in den Industrievierteln Kronstadts, die soziale Frage des neuen siebenbürgischen Proletariats im Blick. Als Pfarrer organisierte er kirchliche Heimabende und Vortragsreihen, als sozial Engagierter gründete er 1931 den ,,Evangelischen Gesellen und Arbeiter Bildungsverein“, eine erste Gewerkschaft in Kronstadt. Als Pfarrer von Bartolomä geriet er schnell in Konflikt mit den vom Nationalsozialismus beeinflussten Presbytern – und musste Siebenbürgen in Richtung Czernowitz verlassen.

Von der Theologie Karl Barths beeinflusst, hatte Herrmann ein feines Gespür dafür, dass das siebenbürgisch-sächsische Gemeinwesen nicht national sondern schon immer sozial, also auf gegenseitige Hilfe, ausgelegt gewesen ist. In der Zeit des Zweiten Weltkrieges setzte er sich als Stadtpfarrer von Bukarest vehement zunächst für die jüdische, danach für die von der Deportation betroffene evangelisch-deutsche Bevölkerung ein.

Am meisten kontrovers wird heute seine Zeit als Stadtpfarrer von Hermannstadt und als Bischofsvikar der Evangelischen Kirche A. B. in Rumänien interpretiert, als die Macht des Securitate-Staates mit harter Faust regierte. Herrmann war der Ansicht, dass „das wesentliche Gespräch mit dem herrschenden System möglich sei, und dass dieses gewagt werden müsse“ (so Hans Philippi in einem Nachruf) – denn, so Herrmann selber: „Kein Mensch kann sich dieser Macht entziehen.“ Das macht ihn, aus heutiger Sicht, natürlich angreifbar. Aber es zeigt, dass auch im Blick auf die 1950-er Jahre, das Schwarz-Weiß-Denken nicht weiterhilft, sondern dass es viele Schattierungen gegeben hat.

Singulär ist wohl das internationale Engagement des „Sozialdemokraten“ (das bezeichnet nur seine Gesinnung, nicht eine Parteizugehörigkeit) Herrmann, der, über den siebenbürgischen Tellerrand blickend, sich, als Gesandter Rumäniens, in der Friedensbewegung der 1950-er Jahre aktiv einbringen konnte.

Das Buch reiht sich dadurch als wertvolle Ergänzung zu der nötigen und wichtigen Diskussion um „Überwachung und Infiltration“ (Hannelore Baier) in der Evangelischen Kirche A. B. in Rumänien jener Zeit ein.

Der Autor geht diesen Fragen mit dem Weitblick des Historikers einerseits, aber auch mit dem eines Betroffenen und seinen Großvater zutiefst, aus Familiendokumenten Kennenden nach. Das macht dieses Buch spannend und auch unverwechselbar. Ebenso das Geleitwort des profunden Kenners dieser Zeit, Prof. Ulrich Andreas Wien, sowie auch die persönlichen Kurzstatements von Prof. Dr. Hermann Pitters. So beginnt Wien sein geleitwort: ,,Alfred Herrmann hatte Charisma. Seine Differenzsensibilität, sein Gespür für Kreativität und kreatürliche Gegebenheiten und Bedürfnisse, seine Herzenswärme für soziale Erfordernisse und die Weite seines Denk- und Erfahrungsraumes kennzeichneten ihn als ungewöhnlichen Vertreter des siebenbürgisch-sächsischen Pfarrerstandes im 20. Jahrhundert. Vielen war er Inspirationsquelle, anderen bot er Anstöße, ja anstößig schien nicht wenigen seine prinzipiell liberale Grundhaltung. Dies führte zu Spannungen. Spannungsreich war das Leben, das in diesem Band durch seinen Enkel Christian Herrmann vorgestellt wird.“

Die Buchpräsentation, die das Siebenbürgenforum und die Hermannstädter evangelische Kirchengemeinde A. B. gemeinsam organisieren, findet am Dienstag, den 24. Oktober um 18 Uhr im Spiegelsaal des Forumsgebäudes statt. Das Buch, das dort als Gratisexemplar zu haben ist, kann von dem anwesenden Autor, Pfarrer Dr. Christian Herrmann aus der Schweiz, signiert werden.

Erschienen ist das Buch mit der   finanziellen Unterstützung des Departements für interethnische Beziehungen im Generalsekretariat der Regierung Rumäniens durch das Demokratische Forum der Deutschen in Rumänien und das Demokratische Forum der Deutschen in Siebenbürgen.

Thomas PITTERS

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Bücher, Persönlichkeiten.