,,Mein Gott, was bin ich für eine Kanone“

Zum 100. Todestag des tschechischen Autors Jaroslav Hašek

Ausgabe Nr. 2801

Schwejks Abenteuer wurden auch am Hermannstädter Radu Stanca-Nationaltheater durch Viorel Rață (Schwejk) – hier  in „Švejk pe front” (Premiere am 7. Januar 2022) – inszeniert.                                                 Foto: TNRS

„Melde gehorsamst, dass ich blöd bin“ ist eine Zeichnung des Karikaturisten George Grosz von 1928 untertitelt, die den Soldaten Schwejk darstellt. Dieser Satz könnte über dem Hauptwerk des tschechischen Autors Jaroslav Hašek (sprich: „Hascheck“) stehen, der heute kaum noch bekannt ist. Dafür sind die „Abenteuer des braven Soldaten Schwejk“ (tschechisch: Svejk) unsterblich, weil sie satirisch den Irrsinn der militärischen Bürokratie des k. u. k. – Reichs und des Ersten Weltkriegs ad absurdum führen. Heute – über einhundert Jahre später – sind die Gräuel und Lügen im Krieg Russlands gegen die Ukraine leider immer noch aktuell. Am 3. Januar 1923 ist Hasek im Alter von 39 Jahren an Herzversagen gestorben.

Geboren wurde Hašek in der Walpurgisnacht des Jahres 1883 in Prag als Sohn einer Näherin und eines Mathematiklehrers, der Alkoholiker war und oft gewalttätig gegen seine Frau und die beiden Söhne war. Zunächst besucht Jaroslav das Gymnasium, das er jedoch bald nach dem frühen Tod des Vaters wegen schwacher Leistungen verlassen muss. Nach einjähriger Lehre als Drogist entlassen, schafft er das Abitur und arbeitet 1902 kurze Zeit in einer Bank, die er wegen häufiger Abwesenheit verlassen muss. Nun debütiert er als Dichter – auch dies zunächst ein Misserfolg. Dieses mehrfache Scheitern führt zu einem Leben als Vagabund durch Österreich-Ungarn und Bayern, wo er das einfache Volk kennenlernt, aber auch seine Gesundheit aufs Spiel setzt.

Zurück in Prag schreibt er bis zum Ausbruch des Weltkriegs für anarchistische Blätter und für die Zeitschrift „Welt der Tiere“, in der er – scheinbar seriös – neu entdeckte Tierarten vorstellt. Nachdem diese Phantasie-Tiere „entlarvt“ werden, wird er auch hier gekündigt. Mit Gleichgesinnten gründet er aus Jux die „Partei des gemäßigten Fortschritts im Rahmen der Gesetze“, die die k. u. k.-Monarchie lächerlich macht.

Hašek hat 2010 die Journalistin Jarmila Mayerova geheiratet und entfaltet nun eine unglaubliche Produktivität. Er schreibt fast täglich Kurzgeschichten für zahlreiche Blätter – meist nachts in Kneipen, die auch den anekdotischen Stoff für den künftigen Schwejk-Roman liefern und finanziert damit z. T. seinen enormen Alkoholkonsum. Seine Geschichten spielen meist im Milieu einfacher Leute.

Beim Ausbruch des Weltkriegs wird Hašek als Einjährigfreiwilliger eingezogen, läuft jedoch wie viele tschechische Soldaten 1915 zu den Russen über, kämpft zunächst in der Tschechischen Legion gegen Österreich-Ungarn, tritt dann in die Rote Armee ein und wird 1918 Mitglied der KP. Er bringt es zum Politkommissar, entgeht im Bürgerkrieg knapp einer Hinrichtung wegen Hochverrats und gibt mehrere Frontzeitungen heraus. Die körperlichen Strapazen der Kriegsjahre hinterlassen gesundheitliche Spuren. Hašek kehrt 1920 nach Prag zurück – als Bigamist mit einer russischen Frau, weil er noch nicht von Jarmila geschieden ist. Er kauft schließlich ein kleines Haus in Lipnice in der Nähe von Prag.

Im Wirtshaus „Zur Böhmischen Krone“ beginnt er mit der Arbeit an seinem Roman, zu dem er 1911/12 mit fünf Kurzgeschichten den Grundstein gelegt hatte. Danach veröffentlichte er in Kiew 1917 das Buch „Der gute Soldat Schwejk in Gefangenschaft“. In Lipnice beschließt Hašek, seinen „Helden“ in einem sechsbändigen Roman zu verewigen, in dem er teilweise eigene Erlebnisse in Prag, beim Militär und an der Front verarbeitet. Von 1921-22 verfasst er die ersten drei Bände. – Der Titel „Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk“ führt teilweise zu Missverständnissen. Im Tschechischen heißt er „Die Schicksale (=Geschicke) des guten Soldaten Svejk“. Das Wort „brav“ wurde früher im Sinne von „tapfer / tüchtig“ verwendet.

Schwejk ist der Typus des Schelmen, des weisen Narren, keinesfalls ein Tölpel, sondern ein durchaus intelligenter und schlauer Sancho Pansa in der Tradition des Spaniers Cervantes.

Schwejk hat hunderte von Anekdoten und Geschichten auf Lager, die er in allen möglichen Situationen – passend oder unpassend – von sich gibt und damit vor allem Vorgesetzte irritiert oder zum Wahnsinn treibt. Er entlarvt dadurch die Absurdität, Entmenschlichung und Grausamkeit des Krieges. Scheinbar naiv stellt er sich dumm, so dass man ihn oft für einen Idioten hält, der in eine „Klapsmühle“ gehöre.

Der Erste Teil („Im Hinterland“) des Romans beginnt mit dem Zivilleben Schwejks, in dem er den „Beruf“ eines Hundefängers und -händlers ausübt. Als er seine „Begeisterung“ für den Krieg nach dem Attentat auf den Thronfolger Franz Ferdinand öffentlich kundtut, wird er verhaftet, von Gerichtsärzten untersucht und landet im Irrenhaus. Schließlich wird er eingezogen, bei der Musterung als Simulant eingestuft und kommt in Garnisonsarrest. Danach beginnt seine „Laufbahn“ als Offiziersdiener (= „Putzfleck“ bzw. „Pfeifendeckel“) beim versoffenen Feldkuraten (Militärgeistlichen) Otto Katz und danach beim Oberleutnant Lukas. Seine „Karriere“ endet abrupt, als er ihm einen Hund verkauft, den er vorher dem Oberst Kraus von Zillergut gestohlen hat. Als dieser seinen Hund auf der Straße wiedererkennt, kommt es zur Katastrophe: Lukas und Schwejk werden zur Strafe an die Front geschickt!

Damit beginnt der Zweite Teil („An der Front“), in dem Schwejks Missgeschicke im Zug, an der Seite seines Oberleutnants geschildert werden, der sich seiner beim nächsten Halt entledigt, weil Schwejk ihm auf die Nerven geht. Nun beginnt sein Herumirren auf der Suche nach seinem Regiment, das in Budweis stationiert ist. Nach langem Marsch, bei dem er immer wieder die falsche Richtung einschlägt, wird er als russischer Spion verdächtigt und verhaftet. Im Dritten Teil („Die glorreiche Dresche“) geht der Vormarsch durch Ungarn über Budapest bis an die Grenze Galiziens weiter und der  Vierte Teil („Fortsetzung der glorreichen Dresche“) erzählt seinen versehentlichen Transport inmitten russischer Kriegsgefangener – bis er schließlich wieder bei seiner Marschkompanie landet.

Hier bricht nach fast 900 Seiten das Werk ab, das der kranke Autor zuletzt nur noch diktieren konnte. Bekanntlich endete der Weltkrieg mit der Niederlage der österreichisch-ungarischen und deutschen Truppen, deren Rückzug der Autor vermutlich in den letzten zwei Bänden erzählen wollte. Und möglicherweise – nach russischer Gefangenschaft – Schwejks Rückkehr ins Zivilleben…

Den Erfolg der ersten Bände in der Tschechoslowakei erlebte Hašek 1922 noch kurz vor seinem plötzlichen Tod – allerdings war es ein Verkaufserfolg beim heimischen Lesepublikum, nicht jedoch bei den konservativen Kritikern, die ihn ignorierten oder als ordinär verrissen. Einige jüngere Kritiker wie Julius Fucik, Max Brod (Kafkas Freund) u. a. erkannten den weltliterarischen Rang des Romans.

Von Grete Reiner, einer Prager Jüdin (1944 in Auschwitz ermordet), zum ersten Mal 1926 ins Deutsche übersetzt (bei Rowohlt erschienen), trat der Roman auch in Deutschland seinen Siegeszug an. Dazu trugen die kongenialen Zeichnungen von Josef Lada, einem Freund Hašeks, bei.

Eine grundlegend neue Übersetzung mit Kommentar und Nachwort von Antonín Brousek erschien 2014 im Reclam-Verlag. Die Anmerkungen informieren über Handlungsorte, Personen und historische Zusammenhänge.

Hašek mochte die Deutschen nicht. In seinem Roman macht er sich stellenweise über die Verbündeten der Österreicher lustig. Dennoch lieben sie seinen Schwejk, vor allem seine Darsteller in den Verfilmungen mit Heinz Rühmann (BRD 1960) und dem Österreicher Fritz Muliar (TV-Serie, 1972-77).

Leider hat Jaroslav Hašek seinen Weltruhm nicht mehr erlebt. Am 3. Januar 1923 ist er im Alter von 39 Jahren an Herzversagen gestorben. Er soll einmal gesagt haben: „Mein Gott, was bin ich für eine Kanone. Was nützt mir das aber, wenn es die Welt nicht weiß.“ – Inzwischen weiß sie es …

Konrad WELLMANN

Veröffentlicht in Literatur, Aktuelle Ausgabe.