Überall zu Hause

Nachruf auf den Banater Bildhauer Ingo Glass

Ausgabe Nr. 2795

Ingo Glass (1941-2022).                                                                                           Foto: Ursula GLASS

Der international bekannte und vielfach geehrte rumäniendeutsche Künstler Ingo Glass ist Ende Oktober im Alter von 81 Jahren verstorben. Der am 9. April 1941 in einer wohlsituierten Temeswarer Kaufmannsfamilie geborene Ingo Gerhard wuchs in Lugosch auf, wohin seine Familie nach dem Krieg aus politischen Gründen umgezogen war. Der Vater war wegen illegaler Heimkehr nach Rumänien mehrere Jahre inhaftiert.

Die Mutter entdeckte die Begabung des Sohnes und schickte ihn zur ersten in Wien akademisch ausgebildeten Banater Bildhauerin Elisabeth Popper, einer Hanak-Studentin,  die wegen den antijüdischen Repressalien in Wien nach Lugosch zurückgekehrt war, für fünf Jahre in die „Lehre“. Glass betonte in Gesprächen immer wieder den Grundstock, der ihm von Popper nicht nur für seine Studienrichtung mit auf den Lebens- und Berufsweg gelegt worden war.

Nach dem Abitur 1960 in Lugosch studierte Glass von 1961 bis 1967 an der Hochschule für bildende Künste in Klausenburg, als Meisterschüler bei Artur Vetro. Mit dem Staatsexamen in Kunstgeschichte und Diplom für Kunst, Fachrichtung Skulptur, schloss er als Jahrgangsbester das Studium ab und bekam seine erste, für seine Künstlerlaufbahn entscheidende Arbeitsstelle am Museum für Gegenwartskunst in Galatz. Daher blieb er dieser Stadt ein Leben lang verbunden, schuf für sie bedeutende Frühwerke – die 13 Meter hohe „Kathedral“-Monumental-
skulptur „Septenarius“ aus dem Jahr 1976 zählte Glass zu seinen wichtigsten Arbeiten -, so dass auch die Hafenstadt ihn nicht vergessen hat. In einem Beitrag der Regionalzeitung Viața Liberă aus dem Jahr 2012 wurde der Bildhauer ehrend als „Galatzer“ bezeichnet, der „die Welt erstaunen ließ“. Mehr notgedrungen als zufällig entdeckte der Bildhauer in der Industrie- und Hafenstadt für seine Kreationen den Rohstoff Metall bzw. Stahlblech, dem er sich über ein halbes Jahrhundert reichen und erfolgreichen Schaffens hindurch verschrieben hat. Hier und in den folgenden Schaffensjahren in Bukarest, wo er auch promovierte, liegen dementsprechend auch die Wurzeln seiner Hinwendung zur konkreten Kunst, zu deren wichtigsten Vertreter der international anerkannte Plastiker zählt. Zu den richtungweisenden frühen Skulpturen zählte der Künstler auch seinen „Turm für Siebenbürgen“, der seit 1974 in Sépsiszentgyörgyi/Sankt Georgen/Sfântu Gheorghe steht. In Deutschland beteiligte sich Glass mehrmals mit Werken an Gemeinschaftsausstellungen mit bildenden Künstlern aus Siebenbürgen.

Durch zahlreiche Eigenausstellungen in Städten in Rumänien – beispielsweise 2014 in Bistritz, in Bukarest, Galatz, Klausenburg, Oradea, Temeswar oder zuletzt in Lugosch – und Europas nach seiner Ausweisung 1979 aus Rumänien wurden die Kunstwerke des originellen und eigenwilligen wie auch mutigen Bildhauers rasch weltbekannt. Heute stehen seine meist großen und durch die grellen Grundfarben (rot, gelb, blau) auffälligen Metallskulpturen mit geometrischen Formen (Kreis, Dreieck, Quadrat) vor allem in den Donau-Anrainerländern, aber auch in Australien, Israel, Japan, Mexiko, Polen, Spanien, den USA und Ägypten, kleinere andererseits in vielen Sammlungen und Museen.

Seine zweite Heimat fand der Gestalter-Künstler in München, wo er rasch in den Künstlerkreis aufgenommen wurde. Hier entstanden viele Werke, die in Wanderausstellungen durch viele Länder gezeigt wurden. Der Erfolg brachte Glass, der zuletzt in Budapest lebte und arbeitete, zahlreiche Ehrungen ein. So u. a. 1995 den Donauschwäbischen Kunstpreis des Bundeslandes Baden Württemberg, 2004 den Kultur-Verdienstorden für Bildende Kunst im Rang eines Offiziers, Rumänien, 2010 den Seerosenring, Wanderpreis des Seerosenkreises München, 2011 Ritterkreuz des Verdienstordens der Republik Ungarn im Rahmen seiner Ausstellung im Generalkonsulat von Rumänien in München, 2012 Ehrenbürger der Stadt Temeswar, 2013 Bundesverdienstkreuz am Bande. Lugosch, die Stadt seiner Kindheit und Jugend, verlieh ihm 2017 die höchste Auszeichnung, den „Stadtschlüssel“, anlässlich seiner Ausstellungseröffnung.

Luzian GEIER

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Persönlichkeiten.