Orgel spielen ist faszinierend

Gespräch mit der US-amerikanischen Orgelkünstlerin Renée Anne Louprette

Ausgabe Nr. 2793

Renèe Anne Louprette an der Stolzenburger Orgel von Samuel Mätz.                    Foto: Max SHUZ

Die US-amerikanische Orgelkünstlerin Renée Anne Louprette, Assistenzprofessorin für Musik am Bard College nahe New York, Dirigentin und vor allem Konzertorganistin, nimmt derzeit ein Fullbright-Stipendium für sechs Monate in Anspruch, um die siebenbürgische Orgellandschaft zu studieren. Anfang Oktober gastierte sie in Hermannstadt und bestritt zwei Auftritte in der evangelischen Stadtpfarrkirche. Am Freitag gestaltete sie an der Martinsberger Orgel von Samuel Mätz die Mittagsmusik und am Samstag das abendliche Konzert an der Stolzenburger Orgel von Johannes Hahn. Im Vorfeld ihrer beiden Konzerte in der Hermannstädter Stadtpfarrkirche führte HZ-Praktikant Fabian L u t s c h folgendes Gespräch mit Renée Anne Louprette.

Wie haben Sie zur Orgel, der Königin der Instrumente gefunden und was fasziniert Sie so daran?

Angefangen habe ich bereits vierjährig mit dem Klavierspiel. Außerdem sang ich bereits früh in diversen Chören und spielte die Instrumente Fagott und Cello, mit denen ich auch Teil verschiedener Ensembles und Orchester war. Ich genoss also eine sehr breite musikalische Ausbildung. Klavier wollte ich schließlich am Konservatorium studieren. In meinem dritten Studienjahr bekam ich über einen Klassenkameraden die Möglichkeit, eine freigewordene Organistenstelle bei einer unitarischen Kirche zu übernehmen. Ich tat dies und begann relativ zur selben Zeit an der Universität Orgelstunden bei einem hervorragenden Professor zu nehmen. So lernte ich nach und nach die Kunst des Orgelspiels und konnte nach einigen Monaten schließlich auch das erste Bach-Werk spielen. In London und Toulouse hatte ich schließlich die Möglichkeit zu einem Orgelstudium. Parallel dazu wuchsen auch immer mehr meine Verantwortungen im kirchenmusikalischen Bereich, denn ich wirkte nach und nach immer mehr auch als Dirigentin verschiedener Chöre und Orchester. Sehr froh bin ich im Nachhinein, den Weg zur Orgel gefunden zu haben. Faszinierend finde ich dabei neben der enormen Klangvielfalt vor allem die Tatsache, auf demselben Instrument und derselben Tastatur zu spielen wie Organisten bereits vor hunderten von Jahren.

Wie sieht so ein Berufsalltag bei Ihnen aus, wie können wir uns so ein Leben als Organistin und Assistenzprofessorin zugleich vorstellen?

Das Bard College zeichnet sich durch sehr kleine Klassen aus, was eine äußerst individuelle Beziehung zu den Schülern ermöglicht. Mein Wirken fokussiert sich dabei vor allem auf unser Barockorchester, mit welchem ich alle zwei Wochen probe. Außerdem unterrichte ich natürlich auch, unter anderem über historische Tasteninstrumente und das Orgelspiel. Daneben habe ich natürlich eine Menge eigener Konzerttermine als Solist oder als Teil von Ensembles.

Sie hatten bereits Konzerte auf der ganzen Welt und auf den verschiedensten Orgeln – wo genau waren Sie schon überall? Und gibt es einen Auftritt, der Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Im Dezember 2018 hatte ich die Möglichkeit  in der Kathedrale von Notre Dame in Paris zu spielen. Unvergesslich bleibt dieser Auftritt nicht nur, weil es schon immer mein Lebensziel war, dort zu spielen, sondern auch, weil mein Konzert dort nur wenige Monate vor dem Großbrand im April 2019 stattfand. Die Tatsache, dass ich eine der letzten Organisten war, welche den alten wunderbaren Klang dieser geschichtsträchtigen Kirche erleben durften, ist vor allem im Nachhinein sehr beeindruckend. Denn der Klang wird nie mehr der gleiche sein.

Eine besondere Ehre, eine solch renommierte Künstlerin wie Sie bei uns im doch beschaulichen Siebenbürgen begrüßen zu dürfen, obwohl Sie schon Notre Dame bespielten! Sie sind nun für ganze sechs Monate von August bis Januar hier bei uns. Wie genau kamen Sie denn auf Siebenbürgen?

Ich begann vor einigen Jahren, Rumänisch zu lernen, was mir aufgrund meiner Französischkenntnisse relativ leicht fiel. Während der zahlreichen Coronalockdowns hatte ich viel Zeit und nutzte diese, meine Sprachkenntnisse mit Hilfe einer Online-Rumänischlehrerin aufzubessern. Diese stammte ursprünglich aus Kronstadt und erzählte mir viel über die zahlreichen siebenbürgischen Orgeln, wodurch mein Interesse geweckt wurde. 2021 schließlich kam ich das erste Mal nach Siebenbürgen und gab in der Schwarzen Kirche mein erstes Konzert. Es ergab sich ein sehr guter Kontakt zum Kronstädter Kirchenmusiker Steffen Schlandt sowie dem Orgelbauer Árpád Magyar aus Honigberg. Daraus entwickelte sich schließlich der Plan, in diesem Jahr für längere Zeit in Siebenbürgen zu weilen, um die hiesige Orgelvielfalt in Gänze entdecken und im Rahmen eines Forschungsprojektes dokumentieren zu können. Und deshalb bin ich hier; und sehr glücklich, wie freundlich ich von allen Kollegen und Menschen hier aufgenommen wurde. Das schätze ich sehr.

Grund Ihres Aufenthaltes ist also ein Forschungsprojekt und der Plan, siebenbürgische Orgeln zu dokumentieren. Wie haben wir uns dieses Projekt vorzustellen und wie läuft es ab?

Für mich, die ich vor allem Orgelspielerin bin, ist es natürlich in erster Linie interessant, die Orgeln zu spielen und deren Klänge zu entdecken. Dabei spiele ich auf ihnen entweder alleine oder in konzertlichem Rahmen. Ferner dokumentiere ich die Instrumente auch durch Fotos, Videos und Audioaufzeichnungen. Ich hoffe, in den sechs Monaten insgesamt zehn bis fünfzehn Orgeln dokumentieren zu können. Im Rahmen der Dokumentation informiere ich mich auch über die Geschichte der Orgeln, welche ich schriftlich festhalte.

Die Schweizer Zeitung NZZ bezeichnete Siebenbürgen als ,,die Region mit der höchsten Dichte an Kirchenorgeln”- sie haben also bestimmt noch einiges vor in den nächsten Monaten. Gibt es einen Ort bzw eine Orgel, die Sie auf jeden Fall noch besichtigen und bespielen möchten?

Unter anderem durfte ich bereits die Intrumente in Kronstadt und Mediasch erleben, Hermannstadt ist nun dran. Die Bistritzer Orgel sowie die beiden Schäßburger Hauptorgeln möchte ich ebenso gerne bespielen wie Orgeln in verschiedenen Dorfkirchen z. B. in Deutsch-Weißkirch.

In Kronstadt haben sie bereits am Orgelsommer teilgenommen und jetzt konzertieren Sie in Hermannstadt: Können Sie uns ein wenig über Ihre Auftritte hier berichten, z. B. über das Programm?

Ich habe bei meiner Probe gemerkt, dass vor allem frühe italienische Werke auf der Hahn-Orgel sehr gut klingen. Das findet man sehr selten. Daher werde ich darauf auf jeden Fall italienische Musik aus dem 17. Jahrhundert zu Gehör bringen aber auch Partiten von Georg Böhm (1661-1733), dem größten Beeinflusser von Johann Sebastian Bach, wie z. B. ,,Freu dich sehr, o meine Seele” oder ,,Ach wie nichtig, ach wie flüchtig” .

Vielen Dank für das Gespräch!

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Musik.