,,Sprache und Literatur sind in sich performativ“

Ausgabe Nr. 2776

Symposium zu 50 Jahren Aktionsgruppe Banat in Temeswar


Die Moderatoren Christel Ungar-Țopescu und Dr. Markus Bauer und die sechs anwesenden Gründungsmitglieder der Aktionsgruppe Banat – Werner Kremm, Johann Lippet, Anton Sterbling, William Totok, Gerhard Ortinau und Ernest Wichner (v. l. n. r.). Foto: Beatrice UNGAR

Als Herta Müller am 10. Dezember 2009 in Stockholm den Nobelpreis für Literatur entgegennahm, sagte sie in der Tischrede beim Bankett: ,,Zum Glück traf ich in der Stadt Freunde, eine Handvoll junge Dichter der Aktionsgruppe Banat. Ohne sie hätte ich keine Bücher gelesen und keine geschrieben. Noch wichtiger ist: Diese Freunde waren lebensnotwendig. Ohne sie hätte ich die Repressalien nicht ausgehalten. Ich denke heute an diese Freunde. Auch an die, die auf dem Friedhof liegen, die der rumänische Geheimdienst auf dem Gewissen hat.“

Wer heute über die Aktionsgruppe Banat spricht, kommt an dieser treffenden Aussage nicht vorbei. Sie wurde auch bei von dem Deutschen Kulturforum östliches Europa vom 23. bis 24. Juni d. J. in Temeswar veranstalteten Symposium ,,Der Wille zur Veränderung – 50 Jahre Aktionsgruppe Banat“ zitiert.

Wie Prof. Dr. Eleonora Ringler-Pascu in ihrem Vortrag am 24. Juni feststellte, sei die Gruppe ,,als solche, wenn auch noch namenlos, am 2. April 1972 während eines Rundtischgesprächs in die Öffentlichkeit getreten, das von der Neuen Banater Zeitung organisiert wurde. Damals veröffentlichte die NBZ in ihrer Hochschulbeilage Universitas das Rundtischgespräch unter dem Titel „Am Anfang war das Gespräch. Erstmalige Diskussion junger Autoren/Standpunkte und Standorte“. Zu den Teilnehmern gehörten neben dem NBZ-Redakteur Eduard Schneider, die damals noch Gymnasiasten Anton Sterbling und Gerhard Ortinau sowie die bereits Temeswarer Germanistikstudenten Johann Lippet, Werner Kremm, Richard Wagner und William Totok. Den Namen verdankt die Gruppierung Horst Weber, Redakteur der Hermannstädter Zeitung Die Woche, der in seinem Beitrag die Hoffnung zum Ausdruck brachte, dass ,vielleicht aus dieser Diskussionsgruppe eine Aktionsgruppe junger Schriftsteller‘ entstehen könnte. Die Autoren akzeptierten diesen Namen und eigneten sich ihn an, indem sie später das ,Attribut‘ Banat hinzufügten.“  Ringler-Pascu sprach ihre Freude aus, in Anwesenheit einiger Gründungsmitglieder, ,,ausgehend von den in der Zeitspanne 1972-1975 verfassten Texte und Aussagen, eine eigene textimmanente Lesart anzubieten, die sich auf den performativen Akt konzentriert, eigentlich die Betrachtung des Phänomens Aktionsgruppe Banat in seiner Einmaligkeit als eine Art Performance. Sprache bzw. Literatur sind in sich performativ!“

Die Bedeutung des Adjektivs performativ ist laut Duden ,,eine mit einer sprachlichen Äußerung beschriebene Handlung zugleich vollziehend (z. B. ich gratuliere dir)“. Performativ sein bedeutet also, Sagen und Handeln gemeinsam zu vollziehen. Ebenfalls treffend hatte Ernest Wichner 2012 – zu 40 Jahren Aktionsgruppe – in seinem Beitrag ,,’Aktionsgruppe Banat‘ die erste und letzte deutschsprachige Dichterschule in Rumänien“ (É-
tudes Germaniques
2012/3, Nr. 267) geschrieben: ,,Wir hatten (…) verstanden, daß literarisches Tun eine aktivistische Seite hat: unsere Pop-Idole, von Janis Joplin, den Rolling Stones und Jimmy Hendrix bis hin zur Temeswarer Rockband Phoenix hatten uns gelehrt, wie eingreifend, mithin einzelne Leben verändernd, künstlerische Äußerungen, die Art, wie das, was man mitteilen zu müssen meint, wirken können. Popmusik und Brecht, die Wiener Gruppe und das gestische Sprechen des jungen Peter Handke – langhaarig auch der wie unsere Pop & Rock-Idole – ergaben zusammen mit einer kritisch-polemischen Distanz zu unseren Banater Mitbürgern eine Mischung, die nicht nur auf der Textebene über eine gewisse Explosivkraft verfügte.“ Das
Publikum erlebte die sechs anwesenden Gründungsmitglieder – Werner Kremm, Johann Lippet, Gerhard Ortinau, Anton Sterbling, William Totok und Ernest Wichner – an den beiden Tagen sowohl frontal als auch als aktive Zuhörer und Diskutanten. Frontal, als jeder der sechs einen Rückblick in je eigener Art und Weise anbot, dann bei dem  von Christel Ungar-Țopescu und Dr. Markus Bauer moderierten Podiumsgespräch am Nachmittag des ersten Tages, bei dem sie mit Texten den aus Krankheitsgründen abwesenden Richard Wagner würdigten. Den Beitrag des ebenfalls aus Krankheitsgründen abwesenden Albert Bohn verlas die Hauptorganisatorin Ingeborg Szöllösi. Diese hatte die Kurzbiografien der Gründungsmitglieder, der Vortragenden und der Akteure der am Abend des ersten Tages im Deutschen Staatstheater Temeswar gebotenen Hommage auf Rolf Bossert auf Blättern ausgedruckt und ausgelegt, was sehr hilfreich war. Gab es doch noch zwei weitere Podiumsdiskussionen am Freitag Vormittag. Zunächst mit den Germanistinnen Dr. Ana-Maria Dascălu-Romițan, Dr. Michaela Nowotnick und Prof. Dr. Eszter Probszt, moderiert von der ungarndeutschen Autorin und Journalistin Angéla Korb zur Resonanz und Rezeptionsgeschichte der Aktionsgruppe Banat und zum Schluss mit Prof. Dr. Ioan Bogdan Lefter, Prof. Dr. Daniel Vighi und Dr. Noémi Kiss, moderiert von Dr. Enikö Dácz, über die Bedeutung der Aktionsguppe Banat für andere Schriftstellerinnen und Schriftsteller.

Hoffentlich wird dem Symposium ein Sammelband gewidmet, da alle Beiträge bemerkens- und lesenwert gewesen sind. Die Stimmung während der beiden Tage wird allerdings darin nicht einzufangen sein.

Beatrice UNGAR

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Bildung, Bücher, Geschichte, Kultur.