Im Weinberg des Herrn

150 Jahre seit der Geburt des Pfarrers und Liederdichters Carl Reich

Ausgabe Nr. 2773

Pfarrer Carl Reich auf dem Heldenfriedhof in Kerz 1930.

Am 4. Juni waren es 150 Jahre seit der Geburt des Pfarrers und Liederdichters Carl Reich (4. Juni 1872 – 11. März 1953). Seine vielfache Begabung und sein umfassendes Wirken als Lehrer und Seelsorger, als Wirtschaftsmann und Heilkundiger und insbesondere als Liederkomponist wirkt bis heute nach und lohnt, betrachtet zu werden. Manche seiner Lieder sind Volksgut geworden. So gehört sein Lied „Angderm Lirber såß ech ist“ zum Liederschatz der Siebenbürger Sachsen, aber kaum jemand weiß, wer der Schöpfer des Liedes war. Wer war dieser Carl Reich? Sein Urenkel Prof. Heinz Acker erkundet im Folgenden dessen Lebensweg.

 

Geboren wurde Carl Reich 1872 in Mediasch als sechstes von acht Kindern des Seilermeisters Michael Reich und der Regina Gräf. Das Seilerhandwerk wird zu jener Zeit unrentabel und so zieht die Familie nach Hetzeldorf, in der Hoffnung auf ein besseres Fortkommen.

An das gottesfürchtige Elternhaus hat der kleine Carl dankbarste Erinnerungen: „…schön war es am Abend, wenn der Vater uns alle um sich versammelte und wir im Dämmerlichte schöne Lieder sangen, dass die vom Felde heimkehrenden Leute stehen blieben und sich darüber wunderten, wie man nach des Tages Last und Hitze noch singen könne…“. Diese früh eingepflanzte Liebe zur Musik sollte ihn ein Leben lang begleiten. In Hetzeldorf besucht er die Volksschule. In seinen Lehrern (Rektor Depner) und dem Orts-pfarrer Franz Obert, dem späteren Stadtpfarrer von Kronstadt, findet er liebevolle Vorbilder, denen er nachstreben wollte. Doch den Besuch des Untergymnasiums in Mediasch kann der Vater nur mit Mühe bestreiten.

Waldemar Schachl: Carl Reich,  1947.

Die Gestalt von Christian Fürchtegott Gellert, der aus ärmlichen Verhältnissen zu bedeutender Geistesgröße aufstieg, beeindruckt den Jungen. Er liest der todkranken Mutter aus dessen „Jugendgeschichten“ vor. Die Frage der Mutter, ob er auch einmal solch ein „Diener Gottes“ werden möchte, wird zu seiner Lebensfrage. Ausgestattet mit dem letzten Gulden des Vaters macht er sich im Vertrauen auf Gott auf den Weg nach Hermannstadt. Hier, am Landeskirchlichen Lehrerseminar, findet er in dem Seminarleiter Friedrich Teutsch, dem späteren Bischof, einen verständnisvollen Förderer, der die besonderen Fähigkeiten seines Zöglings erkennt. So kann er 1892 das Seminar beenden und sieht sich nun am Ziel seiner Wünsche, als Lehrer und Pfarrer ein „Mitarbeiter im Weinberg des Herrn“ zu sein. Als Lehrer in Schlatt lernt er Regina Mild, die Tochter des dortigen Ortspfarrers kennen. Sie wird seine Ehefrau und treue Wegbegleiterin durch ein bewegtes Leben hindurch.

Nach kurzer Dienstzeit in Reußen kommt der junge Lehrer nach Reichesdorf. Hier kommt es zu der bedeutsamen Begegnung mit dem dortigen Gemeindenotar Georg Meyndt. Dieser beeindruckt ihn durch seine Fähigkeit, aus den Tageseindrücken und Beobachtungen des Dorflebens spontan Lieder zu schöpfen, die er abends im Familienkreis zur Laute vorträgt. Reich erkennt sofort die außerordentliche Genialität dieser Lieder und ist sich bewusst, dass er sie aufzeichnen muss, denn der Dorfnotär Meyndt ist der Notenschrift unkundig. So sammelt und notiert er die Lieder seines Freundes und gibt sie 1914 bei W. Krafft in Hermannstadt unter dem Titel „Kut mer sängen int“ (vun den Līdern des Georg Meyndt) heraus. „Brännchen um gräne Rīn“, „Än der Gass do stīt en Bonk“, „Gade Morjen“, ,,Det Motterhärz“ und all die herrlichen Lieder Meyndts wären ohne Carl Reichs Eingreifen nie bekannt und zu beliebten Volksliedern geworden. Mir sind diese Lieder seit Kindesbeinen vertraut, denn Großmutter (Helene Georg, die Tochter von Carl Reich) sang sie bei ihren täglichen Verrichtungen, und so war es mir ein Bedürfnis, sie neu zu bearbeiten und nach 100 Jahren wieder zugänglich zu machen (Johannis Reeg-Verlag 2008).

Unter dem Einfluss Meyndts beginnt Reich nun selber Lieder im Volkston zu schreiben. Er hat mittlerweile den Lehrerberuf aufgegeben und ist Pfarrer in Kerz geworden. Hier im Pfarrhaus von Kerz, inmitten der Ruinen des ehrwürdigen Zisterzienserklosters, weht noch der Geist des hier wirkenden Viktor Kästner (1826-1857), des großen Mundartdich-ters, ein weiterer Anstoß, sich der Mundartdichtung zuzuwenden. Die Besinnung auf die Mundart ist Ausdruck des Zeitgeistes im Bestreben nach Selbstfindung und Selbstbehauptung der eigenen Volksgemeinschaft als Aufbegehren gegen die Magyarisierungstendenzen der ungarischen Regierung. Da entstehen nun seine Lieder, die sich bald verbreiten: „Wat schengst ta si gälden“, „Äm Ären“, „Det ängstlich Lewken“, „Es steht eine alte Eiche“, „Auf der Heide“, „Im Walde blüht ein Blümelein“ u. v. a. m. Sein „Angderm Līrber såß ech ist“ ist in Siebenbürgen nahezu so volkstümlich geworden, wie das von ähnlicher Stimmung geprägte Kirchner’sche „Bäm Hontertstroch“, das einen so erstaunlichen Siegeszug um die Welt erlebte.

Mit poetischem Feingefühl wählt er die Texte befreundeter Dichter, wie Otto Piringer, Josef Lehrer, Misch äm Rudt (Orend), Grete Lienert-Zultner u.v.a. Auch die ersten Interpreten hat er sich selber herangezogen. Es sind seine vier Kinder, die das erste Gesangsquartett der Familie bilden: die Töchter Jini (Regine Galter), Lenchen (Helene Georg) und die Söhne Karl und Otto Reich, die diese Tradition des familiären Musizierens fortführen werden, so dass sich der Familienchor von Generation zu Generation gewaltig vergrößern sollte.

Heute noch zeigt der Kerzer Pfarrer Michael Reger seinen Besuchern die Kerze im Fenster des Pfarrhauses, mit der die beiden Pfarrerstöchter Jini und Lenchen ein Stelldichein mit den beiden jungen Kerzer Lehrern signalisierten. Jini wurde die Frau des poetischen Schwärmers Kuno Galter, später Pfarrer in Großschenk und Lenchen die Gattin des kämpferischen Wilhelm Georg, später Lehrer in Hermannstadt. Die Söhne aber setzten das Werk des Vaters fort: Otto Reich als Pfarrer, Dichter und Liederkomponist und Karl-Gustav als geschätzter Seminarlehrer und bekannter Mundartdichter.

In Kerz wird der umtriebige Pfarrer 25 Jahre auf vielfältigste Weise wirken. Mit seiner ansteckenden Fröhlichkeit versieht er Schuldienstvertretungen, leitet gleichermaßen Kulturgruppen wie auch als Mitbegründer den örtlichen Raiffeisenverein, bringt alle lahmenden Uhren des Dorfes wieder zum gehen und gilt, spätestens seit er den abgehackten Zeh eines Bauern wieder angenäht hatte, weithin nahezu als „Wunderrabbi“. Nie verlässt er das Haus, ohne sein „Medizinköfferchen“, denn in dem Dorf, wo es keinen praktizierenden Arzt gibt, ist ständig erste Hilfe zu leisten.

Das einst der Mutter gegebene Versprechen, ein „Diener Gottes“ zu sein, war aber sein oberstes Gebot. So war es für ihn selbstverständlich, dass ein guter Hirte seine Herde nie verlassen wird. Als der Erste Weltkrieg ausbrach und sich ein Großteil der Gemeinde, darunter auch die eigene Familie, vor den herannahenden rumänischen Truppen auf die Flucht ins Ungewisse machte, da blieb er mit wenigen Standhaften im Dorf. In seinem „Kriegstagebuch“ verzeichnet er akribisch die Gräueltaten der durch das Dorf marodierenden Truppen und zwar von „Freund und Feind“. Nahezu 100 Jahre später (2011) veröffentlichte Friedrich Schuster neben Reichs umfassender Ortschronik (1905-1930) auch dessen Aufzeichnungen „Wie der Krieg zu uns kam“ als wichtige Zeitdokumente. Reich setzt sich für die Ehrung der Gefallenen in den Schlachten rings um Kerz ein. Die Einweihung des von ihm initiierten Heldenfriedhofs im Inneren der Abteiruine am 30. Sept. 1928 gestaltet sich zum Medienereignis (Siebenbürgisch-Deutsches Tageblatt vom 2. Oktober 1928).

Hohe Vertreter aus Militär-, Kirchen- und Zivilbehörden sind zugegen: seine Hochwürden, Bischof Friedrich Teutsch, der deutsche Konsul Lautz, Baron de la Roche aus München seitens der deutschen Kriegsgräberfürsorge, sowie der Berliner Beauftragte Ing. Karl Stauss. Anwesend gewesen sei laut Konrad Klein auch der Hermannstädter Bildhauer Rudolf Zelch, der Gestalter der prägnanten Rolandstatue, die ursprünglich für das Hammersdorfer Kriegs-Denkmal bestimmt war.

Die legendäre Kerze hinter einem Fenster des Kerzer Pfarrhauses.  Foto: Anna REGER

Auch in der Folgezeit erweist Carl Reich Standhaftigkeit. Nun ist er Pfarrer in Almen. Doch die Zeiten werden stürmisch, denn braunes Gedankengut macht sich auch in der beschaulichen Gemeinde breit und spaltet die Bewohner. Als Parteigänger der völkischen Bewegung ihm den Zutritt zur Kirche verweigern, weicht er einfach mit seinen Konfirmanden in den Nachbarort Schlatt aus. In seiner kritischen Haltung dem Nationalsozialismus gegenüber sieht er sich verbunden mit den „Michaelsbrüdern“ um den Kronstädter Stadtpfarrer Konrad Möckel, die eine kirchliche Erneuerungsbewegung anstrebten.

Im Pfarrhaus von Almen kommt es aber auch zu ergiebigen künstlerischen Begegnungen. Die junge Lehrerin Grete Lienert-Zultner aus dem benachbarten Nimesch, ist häufig zu Gast im Pfarrhaus, wo sie in Carl Reich einen väterlichen Mentor findet. Ihrer Zusammenarbeit verdanken wir wunderbare Lieder, wie „Det ängstlich Lefken“, „Nor īst noch wīl ich dir begenen“, „Et wäll en klinzig Kängderhånd“ u. a. m.

Rüstig bis ins hohe Alter hat er noch Vertretungsdienste in etlichen Gemeinden (Freck, Jakobsdorf, Honigberg und Rothbach) geleistet.

Carl Reich hat seinen Namen „Reich“ als ein Omen verstanden und sich selber als einen zwar unwürdigen, und dennoch reich beschenkten „Diener Gottes“ gesehen, reich an mannigfaltigen Geistesgaben, an erwiesener Gottesgunst und an einer Nachkommenschaft, die den Segen seines Wirkens „bis ins siebte Glied“ – wie es die Bibel verheißt – fortzutragen versprach. Sein Lebens-Credo findet sich in der Schlusszeile des Lassel/Kästner-Liedes „Ich will ich wär e Vijelchen“, wo es heißt:

„…Dänn wat äs ädler af der Iërd, als diënen, dä as läw uch wiërt / mät Leif uch Liëwen nätzen“. (Denn was ist edler auf der Welt, als denen, die uns lieb‘ und wert, mit Leib und Leben nützen).

Das Lied wurde zur „Familienhymne“, die bei allen Treffen der riesig angewachsenen Lehrer- und Pfarrersippe Reich-Georg-Galter – so bei den „Reichs-Tagen“ 2008 – als Bekenntnis zu dem Credo des Stammvaters Reich erklingt.

Die Kohlezeichnung, die der Kronstädter Maler Waldemar Schachl 1947 von ihm anfertigte, zeigt die feinsinnigen Gesichtszüge, das Verschmitzte seiner blauen Augen, die hinter einer Nickelbrille so viel Güte auszustrahlen wussten. Das Ornat, mit den typischen Silberschnallen, verleiht ihm die Würde seines Amtes. Die feine, vor Anteilnahme leicht bebende Stimme, mit der er uns Geschichten erzählend zu faszinieren vermochte, klingt nur noch in meinem Ohr nach. Mein Geburtstagswunsch: Es möge mir gelingen, die vielen Lieder, die größtenteils noch nie gedruckt wurden, zu bearbeiten und zu veröffentlichen.

Prof. Heinz ACKER

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Persönlichkeiten.