Einzigartiges Projekt – einmalige Chance

Schülerinnen und Schüler aus Deutschland zu Besuch in Hermannstadt

Ausgabe Nr. 2773

Gruppenfoto aller Teilnehmenden an der Exkursion nach Rimetea vor dem 1129 Meter hohen  sogenannten Szeklerstein  in den Trascăului Bergen.                                                            Foto: Privat

12 Schülerinnen und Schüler der Alfred-Delp-Schule reisten im Rahmen des Erasmus plus-Projekts „Ausgebrummt und abgeblüht?– Insektensterben in Mittel- und Osteuropa“ Mitte Mai nach Hermannstadt. Damit erwiderte die Gruppe aus Hargesheim in Rheinland-Pfalz den Besuch ihrer Kolleginnen und Kollegen vom Samuel-von-Brukenthal-Gymnasium, ihrer Partnerschule, der Anfang Mai stattgefunden hatte.

Unter der Leitung von Biologielehrerin Prof. Lucia Todoran vom Samuel-von-Brukenthal-Gymnasium und Studiendirektor Bernd Schumacher aus Deutschland, der an der katholischen Privatschule Erdkunde und Biologie unterrichtet, kam das naturwissenschaftliche Projekt zu Stande. Initiant Schumacher, der zwischen 2004 und 2007 als Gastlehrer an der Brukenthalschule tätig war und auch heute eine starke Verbundenheit zur Schule verspürt, erklärt, dass ihm die Idee während einer Fortbildung mit Lehrkräften des Gymnasiums, die er 2018 mit seiner Frau leitete, kam. „Auch abends haben wir uns alle so gut verstanden. Da wusste ich, wir müssen ein Projekt machen“, erinnert sich Schumacher.

Während der Fortbildung sei unter anderem eine Dokumentation des Professors Lászlo Rákosy von der Babeș-Bolyai-Universität in Klausenburg über das Insektensterben gezeigt worden. Schumacher führt aus: „Der Film zeigte auf, dass die Insektenvielfalt in Rumänien hoch ist und es noch viele Strukturen zu deren Erhaltung gibt.“ Dies sei besonders im Vergleich zu Deutschland auffällig, wo die Insektenvielfalt seit 1989 um 75 Prozent gesunken ist. Dies hat, wie der Lehrer meint, zu folgender These geführt: „Viele Insekten hier in Rumänien, wenige in Deutschland.“ Diese These galt es während des Projekts, das durch das Erasmus plus-Programm der EU finanziert wird, mit den insgesamt 24 Schülerinnen und Schülern der 12. Klasse zu untersuchen.

Ursprünglich war der Zeitraum von 2019 bis 2021 vorgesehen. Doch „in causa pandemia“ mussten vier der ursprünglich acht Austausche – je zwei Besuche im jeweils anderen Land für die Schüler- und Lehrerschaft – gestrichen und das Projekt bis 2022 verlängert werden, so der Studiendirektor. Umso erfreulicher ist es, dass der Aufenthalt der Schülergruppe aus Rumänien in Deutschland stattfinden und die Partnerschule aus Deutschland die Reise ebenfalls antreten konnte, wie die Direktorin des Brukenthal-Gymnasiums, Monika Hay, bei der Begrüßung am 18. Mai in der Schulaula erzählte.

Das Forschungsprojekt lässt sich gemäß Bernd Schumacher auf drei Teile herunterbrechen. Im ersten Teil wird die These mittels der Auswertung von sogenannten Malaise-Fallen, die Fluginsekten fangen, überprüft. Die Fallen wurden in Bad Kreuznach respektive Michelsberg/Cisnădioara aufgestellt und ihre Werte 14-tägig gemessen. „Die Auswertung einer solchen Falle in Rumänien gab es wahrscheinlich noch nie“, weiß der Projektleiter.

Quantitativ habe sich die These nicht bewiesen, obwohl wie erwartet die Insektenmenge in Deutschland sehr niedrig war und den Werten der Jahre 2004 bis 2016 entsprach. „Die Werte in Rumänien waren auch nicht viel besser“, berichtet Schumacher. Mit maximal sechs Gramm Insekten pro Tag – in Deutschland waren es knapp vier Gramm – sei nur die Hälfte der Prognose erreicht worden. Eine qualitative Auswertung übersteige leider die Kapazitäten des Projekts. Schumacher begründet: „Wir haben über 2500 verschiedene Insektenarten gefunden.“

Im zweiten Teil gehe es darum, zu klären, warum das Insektensterben in Deutschland schneller fortschreitet als in Rumänien. Hierzu nennt Schumacher drei zentrale Faktoren: die monostrukturelle Landwirtschaft, die Insektizide in Form von Neonikotinoiden und die Lichtverschmutzung.

„Das Tun“ stelle den letzten Teil dar. Dieser umfasst die Neuanlage von Insektenhabitaten in Deutschland, die Einführung in insektenschonende Grünlandbewirtschaftung anhand von Einblicken in drei Zeitschnitte – 2022, 1965 und 1950 – sowie einen Baumschnittkurs. Fünf Hektar rund um die Alfred-Delp-Schule seien bereits vom Besitzer in Grünland mit regionalen Pflanzen transformiert worden. „Das ist eine sehr schöne und unerwartete Konsequenz des Projekts“, freut sich Schumacher.

Unter anderem umfasste das Programm der Woche in Rumänien Exkursionen nach Eisenburg/Rimetea und Hahnbach/Hamba zu Imker Wilhelm Tartler sowie diverse Wanderungen.

Hervorzuheben ist gemäß Studienleiter Schumacher auch der Vortrag von und die Exkursion mit Prof. Dr. Lászlo Rákosy, mit Pflanzen- und Instektenbestimmung sowie Kulturlandschaftskartierung im Westgebirge.

Das Treffen der Hermannstädter von nah und fern, das Maifest und der evangelische Gottesdienst standen ebenfalls auf dem vollen Wochenplan. Als besonderes Highlight bezeichnete Schumacher die Pferdewagenfahrt von Petersdorf/Petiș nach Marktschelken/Șeica Mare.

„Ich habe mich entschieden, mitzumachen, um etwas über Insekten aber auch über die deutsche Kultur zu lernen“, erklärt der 16-jährige Mihai. Zu seinen Erwartungen an die Woche meint der Brukenthalschüler: „Ich will den deutschen Schülern zeigen, dass Rumänien nicht in der dritten Welt ist und hoffe, dass sie Spaß hier haben.“ Die Familie von Mihai hat Maurice und Finn aus Deutschland für die Woche aufgenommen. „Wir wurden sehr gut empfangen“, so der 18-Jährige Maurice. Er fügt hinzu: „Es ist ein total einzigartiges Projekt und eine einmalige Chance.“ Finn pflichtet seinem Schulkameraden bei: „Ohne dieses Projekt wäre ich nie nach Rumänien gekommen.“ Der ebenfalls 18-Jährige freut sich auch darüber, neue Leute kennengelernt zu haben.

„Ich bin sehr zufrieden, wie es gelaufen ist“, meint Schumacher. Unter den Teilnehmenden lägen die Zustimmungswerte zwischen 75 und 100 Prozent. Schumacher beobachtet: „Den Schülerinnen und Schülern aus Rumänien gefallen die theoretischen Teile besser, denen aus Deutschland die praktischen Einheiten.“ Schön findet Schumacher zudem, dass sich Beziehungen entwickelt haben, die mehr als das Wissenschaftliche umfassen.

Am 24. Mai ging es für die 12 Schülerinnen und Schüler aus Deutschland wieder zurück nach Hause. In sogenannten Roll-Ups für das Erasmus plus-Programm müssen die Ergebnisse des Projekts nun nach Abschluss vorgestellt werden.

Carla HONOLD

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Bildung.