Aufblitzen in einem schwarzen Zeittunnel

Archäologische Grabungen neben und in der evangelischen Kirche in Alzen

Ausgabe Nr. 2774

Die Funde in der Sakristei.  Foto: die Verfasserin

Im dritten Jahr nach dem Einsturz des Gewölbes der evangelischen  Kirche warten die Alzner von nah und fern sehnlichst darauf, dass ihre Bemühungen um die Renovierung nun auch sichtbare Ergebnisse zeitigen. Die Kirchengemeinde Alzen und die Heimatortsgemeinschaft (HOG) haben sich von Anfang an wie selbstverständlich der Aufgabe gestellt, ihr Gotteshaus seiner Bestimmung gemäß wieder nutzbar zu machen.  Rasch gelang es dem Vorsitzenden der HOG, Hans Tekeser, in Peter Mrass einen Architekten zu finden, dem die fachliche Beratung für die Renovierungsarbeiten und die Koordination der ersten Arbeitsschritte anvertraut werden konnte. Auch substanzielle Spenden konnten schon binnen kurzer Zeit gesammelt werden.

 

Da die Kosten für die Behebung der schweren Schäden jedoch immens sind, bemühte sich die Kirchengemeinde Alzen, dankenswerter Weise unterstützt von Ovidiu Ganț, dem Parlamentsabgeordneten des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien (DFDR), mit Erfolg um die Zusage von finanziellen Mitteln aus der öffentlichen Hand.

Wie viel den Alznern ihr Gotteshaus bedeutet, wie sehr sie sich, unabhängig von ihrem jetzigen Wohnsitz, immer noch mit dem altehrwürdigen Baukomplex auf dem Kirchberg verbunden fühlen, kann man spüren, wenn man sie an diesem besonderen Ort, der für sie die Geschichte ihrer über sieben Jahrhunderte alten Gemeinschaft atmet, bei Gemeindearbeiten oder gemeinsamem Feiern erlebt. Es ist auch dieses Erbe, mit der Kirche als ihrem Herzstück, das die Alzner zusammenhält.

Bevor jedoch mit der Renovierung des Sakralbaus aus dem 13. Jahrhundert, einem Baudenkmal der Kategorie A, begonnen werden kann, müssen noch einige Hürden genommen werden.

Grabungsschnitt am Westturm.  Foto: Udo DENGEL

Die mitunter sehr aufwendigen Vorbereitungsarbeiten schreiten dennoch voran, und sie sind für jeden sichtbar. Es handelt sich um archäologische Grabungen, die vergangenen Monat in der Kirche und auf dem Kirchhof durchgeführt wurden. Neben zahlreichen anderen Fachgutachten gehört auch ein archäologisches  Gutachten zu den gesetzlichen Auflagen,  die erfüllt sein müssen, bevor die Genehmigung  für die Renovierung erteilt werden kann. Architekt Peter Mrass, der mit der Aufstellung des Expertenteams betreut ist, hat im Auftrag der Kirchengemeinde Alzen sowie  ihrer Projektpartner, der HOG Alzen und dem Landeskonsistorium der Evangelischen Kirche A. B. in Rumänien, Professor Dr. habil. Ioan Marian Țiplic von der Lucian Blaga-Universität Hermannstadt für die Grabungen gewinnen können.

Unter seiner Leitung legte das Grabungsteam an sieben verschiedenen Stellen Grabungsschnitte an und hob Gruben bis zu einer Tiefe von 2,5 Metern aus. Im Innenraum der Kirche wurde neben dem Südportal, dem Nordportal und in der Sakristei gegraben. Die Grabungen an den Außenwänden betrafen den Glockenturm, die Nordseite der Kirche mit den Überresten der abgetragenen romanischen Sakristei und den Chor.

Gefunden wurden Teile von mehreren menschlichen Skeletten, ein gut erhaltener hölzerner Sargdeckel über einem Grab, das ungeöffnet blieb, weiterhin Brandspuren, Backsteine des Fußbodens aus der alten Sakristei und ein noch unidentifizierter kleiner Metallklumpen mit Flecken von Grünspan.

Jeder einzelne Fund ist zumindest für den Laien interessant und wirkt auf den Betrachter wie ein Aufblitzen von Vergangenheit in einem schwarzen Zeittunnel. Für die Alzner kann ein Blick auf uralte  Skelette die Begegnung mit Spuren von Menschen aus ihrer eigenen Ahnenreihe bedeuten.

Die meisten Funde lassen sich dem zuordnen, was über mittelalterliche Kirchen im allgemeinen und aus der Baugeschichte der Alzner Kirche im besonderen bekannt ist. Das sind etwa die Grabstätten innerhalb und in unmittelbarer Nähe der Kirche, außerdem ein Skelett, von dem sich ein Teil unter dem Fundament des zu Beginn des 16. Jahrhunderts in östliche Richtung verlängerten Chors befindet, ein weiteres Skelett, teilweise überbaut von dem Fundament des südlichen Seitenschiffs, weitere Grabstätten in der Sakristei.

Der Forschungsbericht von Professor Țiplic steht noch aus, jedoch hält der Hermannstädter Archäologe es für wahrscheinlich, dass durch die Grabungen auch neue Erkenntnisse gewonnen werden konnten. Er fand Hinweise darauf, dass an der Stelle der romanischen Basilika, die bisher als erster Sakralbau in Alzen galt, zuvor eine Saalkirche gestanden habe. Das wäre eine kleine Sensation!

Auf weitere interessante Informationen kann man hoffen, da am Grabungsort biologisches Material zwecks weiterer Untersuchungen gesichert wurde.

Eine Hoffnung kann Professor Țiplic leider nicht nähren: Dass es sich bei den in der Sakristei gefundenen Teilen eines Kinderskeletts um die sterblichen Überreste von Despina, dem Töchterchen des Jacobus Palaeologus und dessen Ehefrau Eufrosina handelt.

Jacobus Palaeologus war ein bedeutender  Humanist, der die Reformation in Siebenbürgen mitgeprägt hat. Die Familie war vor einer Pestepidemie aus Klausenburg nach Alzen geflohen, wo das kleine Mädchen als Wickelkind 1575 verstarb. Ihre Eltern stifteten ein Epitaph, es befindet sich  am Südpfeiler des Triumphbogens.

Inzwischen wurden die Grabungsschnitte im Freien zugeschüttet, die im Innenraum der Kirche sind offen geblieben, da für die Bewilligung des Renovierungsprojekts wohl weitere Grabungen nötig sein werden.

Auch wenn es noch eine Weile dauern könnte, bis alle Vorarbeiten geleistet sind und die Renovierung beginnen kann, so ist man diesem Etappenziel nun doch, für jeden einsehbar, einen Schritt näher gekommen. Und vielleicht werden noch  Geheimnisse aufgedeckt, die die Alzener für die lange Wartezeit wenigstens zum Teil entschädigen.

Edith FELEKI-DENGEL

 

Veröffentlicht in Forschung, Aktuelle Ausgabe.