Schreiben zwischen Nachruf und Neubeginn

Ausgabe Nr. 2769

Zur leidigen Frage um das Sein oder Nicht-Sein rumäniendeutscher Literatur

Dr. Carmen Elisabeth Puchianu (am Rednerpult) spricht über rumäniendeutsche Literatur, Autor Thomas Perle (rechts) hört zu. Foto: Beatrice UNGAR

Von rumäniendeutscher Literatur im Spannungsfeld von Sein und Nicht-Sein sprechen zu wollen oder zu müssen erweist sich als durchaus müßig, solange Joachim Wittstock schreibt, solange Eginald Schlattner schreibt, solange Balthasar Waitz schreibt, solange meine Wenigkeit schreibt. Ich beginne, womit ich enden wollte: Wo wir sind, ist rumäniendeutsche Literatur. Und zwar in ihrer vollkommen authentischsten und autochthonsten Form. Sie lässt sich an unseren Gedichten, an unseren Erzählungen und Romanen, an unserem ganzen Leben und Werken ablesen. Sie ist, was sie ist. Sie ist, was wir sind.

Das Sein der rumäniendeutschen Literatur

Aus literaturgeschichtlicher und -wissenschaftlicher Sicht verstehen wir das Adjektiv rumäniendeutsch als ein Konstrukt oder Kunstwort, dessen Entwurf konkreten ethnisch-kulturellen sowie topografisch-politischen Gegebenheiten im Nachkriegsrumänien entspricht und grundsätzlich ein wissenschaftliches Arbeitsinstrument darstellt.  Es nimmt auf kulturelle und literarische Phänomene Bezug, die im Kontext der rumänischsprachigen Mehrheitskultur vor allem unter den historischen Gegebenheiten des Sozialismus in Rumänien in deutscher Sprache entstanden und rezipiert worden sind. Hierzu einige aufschlussreiche Definitionen: Peter Motzan identifiziert 1980 die rumäniendeutsche  Literatur als „Literatur der mitwohnenden deutschen Nationalität in Rumänien“ (vgl. Motzan, Peter: Die rumäniendeutsche Lyrik nach 1944. Problemaufriß und historischer Überblick. Dacia Verlag, Klausenburg, 1980, S. 10.) und zitiert anschließend Eduard Eisenburger mit Bezug auf Spezifik und Entstehung dieser Literatur: „Die mitwohnende Nationalität, entstanden im Ergebnis eines historischen Entwicklungsprozesses, ist eine relativ beständige, ethnische (nationale und Sprach-)Gemeinschaft mit eigenen Wesenszügen (Sprache, Kultur, Tradition, Eigenbewusstsein), die mit anderen Nationen (oder Nationalitäten) auf demselben Territorium zusammenlebt und sich in dieselbe ökonomische, politische und staatliche Organisation eingliedert.“ (ebd.)

Motzan greift weiterhin auf die Meinung von Alfred Kittner zurück, den er mit Folgendem zitiert: „Das, was wir heute rumäniendeutsche Literatur nennen, ist aus der Vereinigung dreier Ströme entstanden: der deutschen Dichtung des Banats, Siebenbürgens und der Bukowina. Die lange angestrebte Annäherung zwischen siebenbürgisch-sächsischen und banat-schwäbischen Elementen, durch die Verlagerung und zeitweilige Zentralisierung der einst isolierten geistigen Mittelpunkte zwangsläufig eingetreten, führte einerseits zum Verwischen manches charakteristischen Zuges, während andererseits der Grundstein zu einer heute unleugbar einheitlichen Entwicklung gelegt wurde.“ (Vgl. Reichrath, Emmerich: Einblick in eine Entwicklung. Gespräch mit Alfred Kittner über seine Arbeit an der Anthologie rumäniendeutscher Lyrik. In: Neuer Weg, 7408/2, 111/1973, nach Motzan, 1980, S. 10.)

Motzan hebt auch unmissverständlich hervor, dass die rumäniendeutsche Literatur „in der gegenwärtigen Etappe der sozialistischen Gesellschaft […] erst recht nicht aus dem größeren Gesellschafts- und Kommunikationsraum, innerhalb dessen sie sich entwickelt“ herausgelöst werden könne (Vgl. Motzan, 1980, S. 11). „Die Eingliederung in die sozialistische Gesellschaft“ wertet Motzan als Vorteil für die Schreibenden, denn sie „trug dazu bei, dass die aktuellen Problembereiche des rumäniendeutschen Schriftstellers um ein Mehrfaches gewachsen sind und sich stärker mit jenen rumänischer Schriftsteller überlagern“ (vgl. ebd. S.23).  Es gehe um den Repräsentationsanspruch und um die Frage, in wessen Namen Erfahrungen und Erlebnisse artikuliert würden, so Motzan (ebd.) und weniger um Stoff und Thematik, denn „der heutige rumäniendeutsche  Schriftsteller vertritt nach außen hin nicht eine rumäniendeutsche Gesellschaftsform, sondern die Gesellschaftsform Rumäniens. Die Leistungen und Interessen der Rumäniendeutschen können heute unmöglich von den Interessen Rumäniens getrennt werden.“ (vgl. Csejka, Gerhardt: Bedingtheiten der rumäniendeutschen Literatur. In: Neue Literatur (NL) 8/1973, S. 27,  nach Motzan, 1980, S.23). Die Autoren ihrerseits verstehen sich und ihre Texte als Teil rumänischer Realität, wie folgender Aussage von Franz Hodjak zu entnehmen ist: „[…] die rumäniendeutsche Literatur kann nur mit rumänischem Pass auf europäisches Niveau vorstoßen.“ ( vgl. Axmann, Elisabeth: Dieses-Auf-der-Grenze-Gehen. Gespräch mit Franz Hodjak. In: NL 8/1973, S. 41, nach Motzan, 1980, S. 23).

Ein durchaus prophetisches Wort, dem sich während der 1970er und 1980er Jahre auch die jüngeren Autoren, jene in das System Hineingeborene, anschließen: „Wir müssen unser Verhältnis zur hiesigen Realität durchdenken. Das Spezifikum als Minderheit  gehört in die zweite Reihe. Im Vordergrund muss die Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit stehen. […] Das wirkliche Beschäftigen mit hiesiger Realität setzt ein aufmerksames Durchdringen dieser Realität voraus, das auch an gewissen negativen Aspekten und Verhaltensweisen nicht vorbeigeht, also konstruktive Kritik übt, gleichzeitig aber auch das Positive benennt im Gedicht.“ (Vgl. Richard Wagner im Gespräch mit Eduard Schneider, Neue Banater Zeitung, 1972.)

Die rumäniendeutsche Literatur zeichnet sich im Gegensatz zu früheren Epochen deutschsprachiger Literatur aus Siebenbürgen, dem Banat und der Bukowina durch ihren überregionalen, globalen (oder globalisierten) Charakter sowie durch ihre enge Anbindung an die sozialistische und kommunistische Periode der rumänischen und (ost)europäischen Geschichte aus. Auch erhebt sie berechtigten Anspruch auf den Status einer Insel-, Rand- und Minderheitenliteratur auf Grund ihrer sprachlich-ethnischen Voraussetzungen. Ohne Ausnahme wird die rumäniendeutsche Literatur von Individuen produziert, die sich durch ihre Herkunft in jeder Hinsicht als Teil der deutschsprachigen Minderheit ausweisen, dem entsprechend Deutsch als ihre Muttersprache benutzen, in dieser Sprache erzogen und ausgebildet werden und in dieser Sprache schreiben. Die Meisten sind Abgänger germanistischer bzw. philologischer sowie evangelisch-theologischer Studiengänge.

Das leidige Kunstwort, das von den damit bezeichneten Literatinnen und Literaten immer wieder abgelehnt worden war – man wollte sich schlicht und einfach als deutsch Schreibende  verstehen und lehnte diese, wie man meinte, etwas zu kleinkarierte Etikettierung ab -, erweist sich jedoch als äußerst nützlich, insofern es eine kulturelle Enklave absteckt, die von einem anderssprachigen Topos umgeben wird und deren Lebensrealität während bestimmter historisch abgegrenzter Zeitläufe in deutscher Sprache reflektierte.

Vom Schreiben als Nachfahrin, Hinterbliebene und Totgesagte

Als ethnischer  Mischling wächst man gleich in einem dreisprachigen Familienumfeld auf, hat eine Mutter-, eine Vater- und  eine Großmuttersprache, die in einem sozusagen als genetische Vorlage existieren und die man aus frühester Kindheit abrufen kann. Jeder Sprache entspricht ein Teil des eigenen Selbst, entspricht ein Teil der Lebensrealität. Man kann sich verbergen, man kann sich ausdrücken, so oder so. Der erste Impetus zum Schreiben rührt von einem persönlichen Verlust: dem frühen Tod des Vaters. Dazu gesellen sich bald weitere, weniger fatale aber doch schwerwiegende Verluste hinzu: Gute Freundinnen und Freunde, Verwandte und Bekannte wandern aus. Zu jenem Zeitpunkt, man spricht von den frühen 1970er Jahren, dient das Schreiben ausschließlich der Selbsttherapierung, es dient dazu, dem Verlust etwas entgegenzusetzen und sich sozusagen den Tod vom Leibe zu halten (vgl. Puchianu, Carmen Elisabeth: Statt eines Vorwortes. In: Die Professoressa. Ein Erotikon in gebundener und ungebundener Rede. Pop Verlag Ludwigsburg, 2019, S. 9ff). Noch etwas kindlich zwar, aber doch metaphorisch pointiert,  lässt sich der Versuch dem Gedicht Sonnenblumen ablesen. Das Gedicht erscheint in der Schülerzeitung Debüt und Debatte (Karpatenrundschau14/6. April 1973). Ab 1973 oder 1974 schreibt man nicht nur in deutscher Sprache. Tagebuchaufzeichnungen werden sowohl in deutscher als auch in englischer und rumänischer Sprache abgefasst, in Abhängigkeit von persönlicher Befindlichkeit und/oder Beschäftigungen. Man bereitet sich für das angestrebte Anglistikstudium und die entsprechende Aufnahmeprüfung vor, man besucht aber auch die Kurse der Volkskunstschule in der Klasse des Kronstädter Graphikers Klement Bela und kommt so auch mit rumänischen und ungarischen Künstlern zusammen, entdeckt seine eigenen Fassetten und assoziiert sie mit jeweils einer anderen Schreibsprache.

Am Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre gewinnt das Englische zeitweilig sogar die Oberhand. Alte Typoskripte belegen, dass der erste Ansatz zu einem autofiktionalen Roman in englischer Sprache mit dem Titel Innuendos in C Major 1979 begonnen und zwischen 1981 und 1983 in deutscher Sprache als Gedankensplitter – Acht belanglose Kapitel über ein fiktives Ich erneut aufgegriffen wird. Die Hinwendung zur Prosa erfolgt allerdings erst am Ende der 1980er Jahre unter dem Einfluss der Prosa von Joyce, Kafka, Mann und Marquez, es entstehen erste Kurzprosatexte, davon einige wenige in der Zeitschrift Neue Literaturerscheinen. Das immer wieder aufgegriffene und aufgeschobene Romanprojekt nimmt erst in den 2000er Jahren Gestalt an und erscheint 2012 unter dem Titel Patula lacht im Passauer Karl Stutz Verlag. Gedichte werden in englischer und deutscher sowie in rumänischer Sprache abgefasst. Eine Entscheidung muss gefällt werden, als es darum geht, ob und wo die Texte überhaupt veröffentlicht werden sollen.

Die Option, Realität schreibend und nicht etwa zeichnend zu bewältigen, wird Ende der 1970er getroffen, unmittelbar nach Beendigung des Anglistik- und Germanistikstudiums in Bukarest. Der bevorstehende Umzug aus der Heimatstadt in das rumänische Dorf Filipeştii de Târg/Kreis Prahova, wo man als Englischlehrerin zugeteilt worden ist und man von 1979 bis 1983 auch bleibt, bestärkt diese Option.

Nur schreibend ist der mehrfache Kulturschock zu bewältigen und zwar dreisprachig, zumindest bis 1980, als die Redaktion der Neuen Literatur sich  bereit erklärt, den Text Geschichte im Heft 11/1980, S. 26 zu veröffentlichen und somit das eigentlich literarische Debüt zu ermöglichen. Die knappe Einschätzung „bemerkenswert“, von Csejka in einer Rezension des NL-Heftes auf der Kulturseite der Tageszeitung Neuer Weg, reicht als Ermutigung zu weiterem Schreiben von Gedichten aus. Die NL nimmt weitere Texte in der Rubrik Junge Autoren auf, man fungiert als rumäniendeutsche Nachwuchsautorin. Die NL bietet kritische Reflexion, legt qualitative Maßstäbe an und lässt reifen, was reifen kann. Aus der Rubrik Junge Autorenöffnet sich der Weg in die Seiten der anerkannten Autoren der Zeitschrift, zur Teilnahme an Gruppenlesungen und schließlich zur Aufnahme in die Debütanthologie Der zweite Horizont (1988). Die Anthologie umfasst Gedichte von Hella Bara, Hanna Bühlen, Helmut Britz, Juliana Modoi und meiner Wenigkeit, sie erscheint im Dacia Verlag (Klausenburg) und wird von Franz Hodjak lektoriert und herausgebracht unter Einsatz sämtlicher strategischer Tricks, um den  damals auferlegten Zensurbedingungen gerecht werden bzw. diesen ausweichen zu können.

Das alles spielt sich im Zeitraum 1980-88 ab, das wollen wir hier noch einmal deutlich festhalten, zu einer Zeit, in der die ,,Aktionsgruppe Banat“ bereits zum überregional bekannten Mythos geworden war und verdeckt als Adam Müller-Guttenbrunn-Literaturkreis in und außerhalb von Temeswar agierte, in der sich die Lebenslage der rumänischen Gesellschaft zunehmend verschlechterte, man selbst vier Jahre als Englischlehrerin und Wochenendpendlerin zwischen Kronstadt und Filipeştii de Târg sein Dasein fristet, bis 1983 die Rückkehr nach Kronstadt mit zeitweiliger Anstellung an der Honterusschule unter äußerst schwierigen Umständen möglich wird und mehr und mehr konsekrierte Dichterinnen und Dichter der rumäniendeutschen  Szene Rumänien verlassen. So ist zunächst auch kein persönlicher Kontakt zu der Szene möglich. Erst in Kronstadt macht das der KR-Literaturkreis möglich und der Kontakt zu den dortigen

 

 

 

 

Deutschlehrerinnen und deutschsprachigen Journalisten.

1988 erscheint die Anthologie Der zweite Horizont  beinahe schon am Ende der Zeit rumäniendeutscher Literatur. Eigentlich sollte sie den vier Autorinnen und dem einen Autor die Tür zum individuellen Debüt öffnen – das war die Regel damals unter sozialistischen/kommunistischen Gegebenheiten. Allerdings bringt sie zunächst etwas ganz anderes: Etliche Heimbesuche des sogenannten ,,sectorist“, des für das Wohnviertel zuständigen Sekuritatemanns und daraus resultierende Vorladungen zu Unterredungen am Arbeitsplatz und in  neutraler Räumlichkeit wie etwa in einem Zimmer des renommierten Hotels Aro/Carpați. Erst nach dem Sturz des Regimes ist daran zu denken, einen Eigendebütband zusammenzustellen und zu veröffentlichen. Franz Hodjak erweist einem diesen Liebesdienst noch kurz vor seiner Auswanderung aus Klausenburg im Dacia Verlag. So kommt 1991 der Gedichtband Das Aufschieben der zwölften Stunde auf die dreizehnte zu einem Zeitpunkt aus dem Druck, da die rumäniendeutsche Literatur ein Jahr zuvor bereits für tot, man selbst (zusammen mit weiteren zehn oder zwölf Autorinnen und Autoren) zur hinterbliebenen Nachfahrin und Totgesagten erklärt worden ist. 1990 erscheint nämlich in Deutschland (Hitzeroth Verlag) die Alternativanthologie unter dem Titel Nachruf auf die rumäniendeutsche Literatur (hrsg. v. Wilhelm Solms).  Der Nachruf summiert die Stimmen der Ausgewanderten, jener Autorinnen und Autoren, die sich nur noch in ihrer Sprache heimisch fühlen und für die die Zuordnung rumäniendeutsch hüben wie drüben eine kreative Nische darstellt. Allerdings werden sie bald in eine andere Nische verschoben und von Literaturwissenschaftlern und Kritikern im binnendeutschen Sprachraum und bald auch in Rumänien unter dem Stichwort ,,Migrantenliteratur“ gehandelt. Ans Ende der Anthologie setzt Solms einen Nachtrag unter dem Titel Die Hinterbliebenen und fasst zusammen, was von der rumäniendeutschen Literatur noch übriggeblieben sei: Joachim Wittstock, Anemone Latzina, Georg Scherg, Friedrich Schuster, Ursula Bedners, Ricarda Terschak, Helmut Britz, Hella Bara, Juliana Modoi, Marius Koity, Balthasar Waitz und meine Wenigkeit – deren Nachnamen im Übrigen mit stimmhaftem Anfangskonsonant (Buchianu) wiedergegeben wird -,  nicht ausgewanderte rumäniendeutsche Autorinnen und Autoren, die ihrem Status von Hinterbliebenen entsprechend möglicherweise die letzten dieser Spezies sein sollen.

Vom Sein oder Nicht-Sein in der Nachwendezeit

Unmittelbar nach der politischen Wende erlebt man das Wegbrechen sämtlicher Stützpfeiler rumäniendeutscher Kultur und Literatur in Rumänien: Die NL, die meisten Germanisten, die meisten Kritiker, die meisten Leser wählen den Weg der Auswanderung. Übrig bleiben die Bodenständigen, die Hartnäckigen und Standhaften als bloßgelegtes Skelett, als Rückgrat rumäniendeutscher Literatur am Scheideweg.

Dazu rechnen wir zu allererst Joachim Wittstock sowie den etwas kontroversen Eginald Schlattner und in aller Unbescheidenheit meine Wenigkeit. Balthasar Waitz, Michael Astner und Christel Ungar ergänzen das spärliche Gesamtbild. Autorinnen und Autoren des Stafette-Literaturkreises überschreiten u. E. das Niveau von kreativen Schreibübungen kaum und können im besten Fall als kollektives Phänomen zur Annäherung an eine Zweit- oder Fremdsprache gewertet werden.

Im Kontext dieser absurden Losigkeit, wie Samuel Beckett es sagen würde, die die rumäniendeutsche Literatur am Anfang der 1990er Jahre kennzeichnet, ruft Erwin Josef Țigla im Banater Bergland die Veranstaltungsreihe der ,,Deutschen Literaturtage in Reschitza“ ins Leben mit der Absicht, der totgesagten rumäniendeutschen Literatur jenen von der 1988 erschienenen Anthologie vorausgesagten zweiten Horizont, sprich eine letzte Chance auf Weiterbestehen  in Aussicht zu  stellen. Denn eine Literatur lebt nicht allein durch ihre Autorinnen und Autoren, sie lebt letztendlich durch ihre Veröffentlichung in Verlagen und Fachpublikationen und durch ihre Leser. Das alles versucht die Veranstaltung in Reschitza anzubieten oder zumindest anzuregen. Ein gewagtes und äußerst schwieriges Unterfangen, das sich über die Jahre als durchaus lebensfähiges Experiment erweist und einen lebendigen Dialog zwischen lebenden Literatinnen und Literaten und einem ebensolchen Publikum vermittelt, so gut es eben möglich ist. Dabei soll zumindest teilweise jener kritisch konstruktive Austausch gefördert werden, der Literatur und literarische Qualität am Leben hält. Ein einzigartiges und durchaus löbliches Unterfangen, das Literaturtreffen in Reschitza. Es versammelt anfangs hauptsächlich in Rumänien lebende und schreibende Autorinnen und Autoren unterschiedlicher Generationen, Schöpferinnen und Schöpfer unterschiedlicher, mehr oder weniger gehaltvoller Genres. So kommt es zum Dialog, zum Austausch  und zum Weiterleben der rumäniendeutschen Literatur. Allerdings unter stark veränderten Voraussetzungen: Die autochthone Klientel der Literaturtage nimmt von Jahr zu Jahr etwas mehr ab, keine nennenswerten Nachwuchsautorinnen und -autoren rücken nach und wenn etwas nachrückt, fehlt es an thematischer Konsistenz, an Anknüpfpunkten, an literarischer Qualität und sprachlicher Reife. Andere springen in die Bresche wie etwa die zu Stammgästen gewordene Slowenische Gruppe aus Maribor oder Zufalls-
entdeckungen, die den Status von schreibenden Eintagsfliegen leider nicht überschreiten. Ehemalige Aktionsgruppler der ausgewanderten rumäniendeutschen Szene besinnen sich der totgesagten Literaturnische und nehmen nun ihrerseits an den Literaturtagen mit einiger fachmännisch-poetischer Prästanz teil. Die zweieinhalbjährige Corona-Pandemie setzt noch einmal allem einen Dämpfer auf. Das Ausweichen in die Virtualität lässt zwar Neuzugänger zu, deren Anbindung an die rumäniendeutsche Literatur ist allerdings nur schwer nachvollziehbar.

Statt eines Fazits

Die rumäniendeutsche Literatur entsteht in ihrer autochthon authentischen Form dort, wo man über sich und die Welt in deutscher Sprache mit dem Flair des Altösterreichischen und mit Untermischung von rumänischen und ungarischen Ausdrücken und Wendungen schreibt und das ein Leben lang. Man hat es  nicht besonders leicht dabei: Unter den gewandelten Gegebenheiten muss man sich im Schreiben immer wieder neu erfinden und neu inszenieren, Entscheidungen sind zu treffen, wo man veröffentlicht werden soll, will man überhaupt gelesen  und rezipiert werden. Bodenständigen stehen einige wenige Verlage mit deutschsprachigem Schwerpunkt zur Verfügung: hora und Honterus in Hermannstadt oder aldus in Kronstadt. Das Leben und Schreiben nach dem Nachruf von 1990 öffnet einem aber auch neue Möglichkeiten  und Wege. Im Zuge erster didaktischer Reformprojekte der unmittelbaren Nachwendezeit kommen Kontakte zu deutschen Verlegern zustande: Christian Weischer nimmt sich der Herausgabe des Prosabandes Amsel – schwarzer Vogel1995/1997 im Lagrev Verlag (München) an und 1999 beginnt die Zusammenarbeit mit dem Passauer Verleger Karl Stutz, in dessen Verlag zunächst der Gedichtband Unvermeidlich Schnee (2002), danach der Prosaband Der Begräbnisgänger (2007) und der bereits erwähnte Roman Patula lacht (2012) erscheinen sowie drei Bände der Reihe Kronstädter Beiträge zur Germanistik. Neue Folge (2012-2014). Zwischendurch nutzt man auch die siebenbürgischen Verlage aldus (Der Ameisenhaufen und andere Geschichten, 1996 und 1998: Verortete Zeiten. Gedichte, 2006) und hora (Ein Stückchen Hinterhof. Novellistische Familienchronik, 2001). Bei Karl Stutz ist man gut aufgehoben, leider verstirbt der Verleger 2015 und der Verlag geht bankrott.  2018 zeigt sich der Ludwigsburger Pop-Verlag interessiert und veröffentlicht 2019 den Mischband Die Professoressa. Ein Erotikon in gebundener und ungebundener Rede. Lesereisen im In- und Ausland können angetreten werden, man wird rezipiert, man wird gelegentlich Gegenstand germanistischer Untersuchungen, insofern man von literaturwissenschaftlichen Kliquen und einzelnen Forscherinnen und Forschern wahrgenommen wird.

Das Schreiben zwischen Nachruf und Neubeginn erweist sich immer wieder als ebenso kräftezehrender wie revitalisierender Schaffensakt.

Man bleibt lebendig solange man schreibt und, um noch einmal das Thomas-Mann-Wort zu paraphrasieren, wo man ist, ist rumäniendeutsche Literatur.

Carmen Elisabeth PUCHIANU

 

Den hier und auf Seite II abgedruckten Vortrag hielt die Kronstädter Germanistin und Schriftstellerin Carmen Elisabeth Puchianu am 30. April d. J. im Rahmen der Jubiläumstagung der Evangelischen Akademie Siebenbürgen, die vom 29. April bis 1. Mai d. J. zum Thema ,,Von Minderheit zu Minderheit. Rumäniendeutsche Literatur zwischen Ost und West“ im ,,Hans Bernd von Haeften“-Tagungs- und Konferenzzentrum in Neppendorf stattgefunden hat.

Veröffentlicht in Sprache, Forschung, Aktuelle Ausgabe, Bildung.