,,Das Apfelherz ausgeschüttet“

Ausgabe Nr. 2769

Gespräch mit Rückkehrerin Brunhilde Böhls

Brunhilde Böhls (links) im Gespräch mit Sebastian Bethge. Foto: Werner FINK

Mit einem Apfel in der Hand geht Brunhilde Böhls vom Biobauernmarkt auf dem Huetplatz Richtung Kleiner Ring. Nach wenigen Schritten stoppt sie jemand. Es ist Sebastian Bethge, der sich nach drei alten Sorten Apfelbäumchen erkundigt. Böhls ist eine gebürtige Kronstädterin und ist 1977 zusammen mit ihrer Mutter ausgewandert, nachdem der Vater 1974 in Deutschland geblieben war.  Das Einleben in Deutschland ist ihr mehr oder weniger gut gelungen. So entschloss sie sich, 2016 wieder nach Rumänien zu kommen und hier die Erinnerungen an die glückliche Kindheit aufkommen zu lassen, als sie in Brenndorf in Großmutters Garten auf Apfelbäumen herumklettern durfte. Die Obstbäume, die die siebenbürgische Landschaft prägen, sind ein Thema, für das sie sich bis heute interessiert. Auch wenn sie selber noch keinen eigenen Garten besitzt, gründete sie eine Firma und vermittelt Apfelbäumchen an interessierte Personen bzw. verkauft solche zur Pflanzzeit auf dem Biobauernmarkt auf dem Huetplatz. Mit Brunhilde Böhls führte der HZ-Redakteur Werner F i n k folgendes Gespräch:

 

Wie ist es dazu gekommen, dass Sie sich mit dem Batullapfel befassen?

Das hat auch mit meiner Kindheit in Brenndorf zu tun. Ich war ein Mädchen, das gerne auf Bäumen herumgeklettert ist. Und der Garten meiner Oma am Weidenbach, das war für mich das Größte. Mit meiner Schwester durften wir im Sommer alles ernten, alles naschen und eben auch auf Bäumen herumklettern, mit dem Fahrrad herumfahren bis zum Alt, im Alt baden, mit den Kindern im Dorf spielen. Wir kamen aus der Stadt, also wir waren immer etwas Besonderes und neugierig.  Und meine Oma hatte in ihrem Garten Klaräpfel, den Roten Astrachaner in dem Garten hinter der Scheune und auch Batull und Goldparmäne, sowie saftige Butterbirnen im Hof. Und sie hatte diesen wunderbaren Erdkeller, wo die Birnen und die Äpfel lagerten, neben dem Krautfass und neben den Kartoffeln.

Und all diese Dinge, die kamen mir in den Sinn, als meine Oma und ich einen Bekannten aus Brenndorf besucht haben. Reinhold Kreisel, Jahrgang 1915, war in den 70er Jahren aus Brenndorf ins Bergische Land ausgewandert und wir haben ihn an seinem 90. Geburtstag besucht. Er schenkte mir ein Batullapfelbäumchen. Die Edelreiser dafür hatte er aus Brenndorf in die neue Heimat geschmuggelt. Und diese Bäumchen, die ich dann in Duisburg und Umgebung, verbreitet habe, die stammten alle von dem Batullapfelbaum von Reinholf Kreisel. Dieses Geschenk war so etwas wie ein Vermächtnis für mich, also, ich soll was damit machen. Und das versuche ich seitdem.

Gibt es auch weitere Ziele, die Sie über die Bäumchen erreichen möchten?

Es handelt sich um ein umweltpolitisches Anliegen. Durch den Anbau alter Obstsorten und die Anlage traditioneller Gärten in den Dörfern und Städten könnte man viel dazu beitragen, die Biodiversität Rumäniens zu bewahren. Es gibt noch diese Gärten mit den hochstämmigen Obstbäumen, die 100 Jahre alt werden können, wo das Gras mit den vielen für die Bienen so wichtigen Wiesenblumen wachsen darf. Drei Mal im Jahr wird gemäht und das Heu getrocknet und für den Winter in diesen typischen Heuschobern gesammelt. Das sind diese sogenannten Streuobstwiesen. Hier in Siebenbürgen haben in der kommunistischen Zeit die Staatsfarmen und die Enteignung vieles kaputt gemacht und in Westeuropa sind diese alten Streuobstwiesen zerstört worden, weil man eben mit dem neuen Europa schöner aussehendes Obst, etwas Standardisiertes haben wollte.

Ich sehe auch einen Ansatz zur Erhaltung unserer Kirchenburgenlandschaft, da diese streuobstwiesenartigen Gärten sich – anders als in Westeuropa – innerhalb der Ortschaften befinden und eng mit der Siedlungsgeschichte der Siebenbürger Sachsen zusammenhängen.  Ob es der Apfelbaum auf dem Heltauer Friedhof, der Birnbaum im Hermannstädter Stadtgarten oder in Meschendorf oder Rauhtal auf der Straße ist, sie sind erhaltenswert, weil sie von einer Kultur erzählen, in der der Mensch mit der Natur in Einklang lebte.

Sie vermarkten nun selber Apfelbäumchen?

Ja, ich habe angefangen, Setzlinge zur Pflanzzeit zu kaufen und zu verkaufen. 2017 habe ich dafür eine Firma gegründet und inzwischen mehr als 500 Obstbäume alter Sorten verkauft. Wenn man davon ausgeht, dass ein solcher Baum 5 Quadratmeter Platz braucht, ergäbe das eine große Wiese von zweieinhalb Hektar. Für die Betreuung des Kundenstammes in Rumänien suche ich eine Arbeitskraft auf Stundenbasis, die Interesse an dem Thema hat.

Am liebsten würde ich die Bäumchen verschenken. Dafür habe ich 2021 versucht, den Verein mit dem Namen BatullApfelBaumSchule (BABS) zu gründen. Es scheiterte an bürokratischen Hürden. Wenn ich genug Mitstreiter finde, würde ich es noch einmal versuchen. Aber auch als kleine Firma kann ich etwas bewirken: Auf meine Initiative hin gab es im letzten Jahr eine erfolgreiche Pflanzaktion mit Volontären in der Șura Culturală im orthodoxen Pfarr- und Schulgarten in Hammersdorf. Daran schloss sich eine Versteigerung von Bäumen alter Sorten an. Das Geld sollte einem Zigeunerkind aus dem Stadtteil zugutekommen. Daran musste ich denken, als ich heuer auf dem Huetplatz die Bäumchen für die Ukrainehilfe verkauft habe. Ich war stolz, dass durch meine bescheidene Arbeit an einem Vormittag 280 Lei zusammengekommen.

Sie suchen nun gleichgesinnte Leute, mit denen Sie sich zusammenschließen?

Ich suche in erster Linie nach einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten für meinen letzten Lebensabschnitt, eine Hausgemeinschaft mit Garten in Hermannstadt oder Umgebung, ein Mehrgenerationenwohnprojekt oder eine Nachbarschaft. Das suche ich für mich und meinen Partner: Einen Garten mit altem Baumbestand, wo ich wie in dem Schrebergarten in Deutschland naturnahes Gärtnern praktizieren kann, wo Wiesenblumen wachsen und Johannisbeeren, Hollunder, Flieder, bunte Staudenbeete das Auge erfreuen. Ich suche zum Beispiel ein sächsisches Pfarrhaus, um es vor dem Verfall zu bewahren und gemeinsam mit der entsprechenden HOG neues Leben in der alten Heimat zu ermöglichen.

Wie kam es dazu, dass Sie nach Rumänien zurückkehrten?

Ich hatte ein Schlüsselerlebnis: Im Jahr 2014 machte ich eine Woche aktiven Sommer-Urlaub in der Schulerau bei Kronstadt. Ich war die einzige Deutsche in der Gruppe von Rumänen im Sporthotel. Am letzten Abend, nach gutem Essen und Trinken und guter Unterhaltung, sagte eine andere Teilnehmerin zu mir: ,,Dar, ești una de-a noastră!“ Das saß.

Und dann habe ich gedacht, ich beende mein Studium, ich habe Germanistik und Französisch studiert, und über das Rumäniendeutsche als Varietät des Deutschen geschrieben, Note 1 bekommen und mich ins Auto gesetzt und bin mit zwei Bäumchen im Gepäck nach Rumänien gefahren, wo ich mich nun überwiegend aufhalte. Bevor wir ausgereist sind, hatte ich eine glückliche Kindheit, mit all dem, was hier ist: die Berge und im Sommer die Störche und all das war gut. Das bewog mich eben zurückzukommen und zu schauen, ob das noch immer so ist, dass es sich hier gut anfühlt…

Wie ist Ihr Fazit nach 5 Jahren?

Aufgrund meiner Aktivitäten um den Batull bin ich bekannt geworden, aber nicht unbedingt beliebt. Ich habe eine stetig wachsende Kundschaft, das sind alles Gleichgesinnte. Ich freue mich, dass ich im Kleinen etwas bewegen kann. Besonders wichtig ist mir der Kontakt zu den Sommersachsen: Viele Apfelgeschichten bekomme ich zu hören: ,,Wir sind als Kinder in den Farresch Guerten geklettert und haben dort Äpfel geklaut”. Ich bin traurig, wenn sie mit den Störchen davonfahren.

Die Erfahrung von 5 Jahren zeigt mir, dass das Wissen um die alten Obstsorten und die Pflege der streuobstwiesenartigen Gärten fast gänzlich mit der Enteignung nach dem 2. Weltkrieg und dem Massenexodus verloren gegangen ist. Rumänien hat sich auf diesem Gebiet zum Entwicklungsland zurückentwickelt. Entwicklungshilfe aus dem Ausland (Schweiz, Österreich und Deutschland) wird gerne genommen, verpufft aber, sobald die Gelder nicht mehr fließen. Ich könnte einige konkrete Beispiele nennen. Nachhaltigkeit fehlt auch in diesem Bereich.

So kommt es, dass ich aus meinem Osterurlaub in Deutschland 5-jährige Batullapfelbäume und einen Roten Astrachaner aus der Baumschule südlich von Bremen mitgebracht habe, und zwar von den Setzlingen, die der Besitzer auf meinen Wunsch vor 5 Jahren gepfropft hat, als diese siebenbürgische Nationalsorte im Lutherjahr gebraucht wurde.

Mit meinem Wunsch nach gesunden, schmackhaften Früchten, mit meinem Traum von einer intakten Gartenlandschaft und mit meinen Erinnerungen an die Dorfgemeinschaften aus der Kindheit bin ich nicht allein. So sehe ich die vielen verkauften oder verschenkten Bäumchen als eine Verbindung zu meinen Landsleuten, die überall in der Welt verstreut leben und dort mehr oder weniger Wurzeln gefasst haben. Sie gingen nach Österreich, in die Schweiz, nach Süd- und Nord-, Ost- und Westdeutschland, nach Frankreich und ja, sogar nach Spanien.

Vielen Dank für das Gespräch!

Anmerkung der Redaktion: Interessierte können Brunhilde Böhls unter brunhilde.boehls@gmail.com oder unter Telefon 004(0)743-61.95.88 kontaktieren.

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