Herausragende symbolische Bedeutung

Das ,,Heltauer Vortragekreuz“ steht als Leihgabe im Landeskirchlichen Museum

Ausgabe Nr. 2766

Der Heltauer Stadtpfarrer Zoran Kézdi hält das ,,Heltauer Vortragekreuz“ noch einmal vor die Kamera, bevor es seinen Platz in der Schatzkammer des Landeskirchlichen Museums eingenommen hat, vorerst für 12 Monate. Hier ist es besser aufgehoben, weil an der Heltauer Kirchenburg derzeit noch Bauarbeiten im Gange sind. Bei der feierlichen Aufnahme des ältesten Artefaktes aus dem Besitz der Heltauer evangelischen Kirchengemeinde A. B. sagte Kézdi, er und die Gemeinde seien froh, dass das Kreuz eine ,,vorübergehende sichere Heimat“ gefunden habe, nachdem es 2016 gestohlen und 2021 wieder gefunden worden war. Foto: Gerhild RUDOLF

Das berühmte, einzigartige „Heltauer Vortragekreuz“ wurde auf Wunsch der Heltauer Kirchengemeinde als Leihgabe in die Schatzkammer des Landeskirchlichen Museums im Teutsch-Haus verbracht. Das romanische Vortragekreuz aus dem 12. Jahrhundert war erst im Jahre 1911 während Ausgrabungsarbeiten in der Krypta des Kapellenturmes der Heltauer Kirchenburg aufgefunden und seines Alters wegen „Einwandererkreuz“ genannt worden. Es wird ihm eine für die Siebenbürger Sachsen und die Evangelische Kirche A. B. in Rumänien herausragende symbolische Bedeutung beigemessen. Als Leihgabe im Landeskirchlichen Museum wird dieses mittelalterliche Artefakt sowohl in Sicherheit aufbewahrt, als auch der öffentlichen Besichtigung zugänglich gemacht. Die Aufnahme des „Heltauer Vortragekreuzes“ in das Landeskirchliche Museum fand im Beisein von Bischof Reinhart Guib am Freitag, dem 8. April, statt. Im Weiteren stellt die Museumsleiterin Heidrun König das berühmte Kreuz vor.

Ein solches Vortragekreuz wurde beim feierlichen Einzug zur heiligen Messe vorangetragen und anschließend hinter oder neben dem Altar auf einem Kreuzständer aufgepflanzt. Seit dem 11. Jahrhundert hat das Kreuz seinen festen Platz auf dem Altar.

Die Symbolik und die Ikonographie aller liturgischen Ausstattung hat einen direkten Bezug zur Liturgie. Für die katholische Kirche wird diese zuallererst durch die heilige Messe verkörpert, den eucharistischen Gottesdienst, das allerheiligste Sakrament.

Die überlieferten romanischen Vortragekreuze tragen üblicherweise auch eine Darstellung des Gekreuzigten. Ein wichtiger Prototyp aus dem 6. Jh. ist die sog. Crux Vaticana, ein Geschenk des oströmischen Kaisers Justin II. an das römische Volk. Es ist ein Gemmenkreuz aus vergoldetem Silber, das in der Vierung eine kreuzförmige Reliquie des Wahren Kreuzes enthält, und dessen getriebene Rückseite in der Vierung ein Medaillon des Gotteslammes mit dem Kreuzstab trägt. Die Kreuzenden sind mit figürlichen Darstellungen geschmückt, davon die obere den Pantokrator zeigt. Vier Edelstein-Pendilien hängen von den Querbalken. Dieses Vortragekreuz ist auch der Prototyp der zahlreichen Prozessionskreuze mit Kreuzreliquie, der sog. Staurotheken – Kreuzbehältnisse – wobei noch bis ins 12. Jh. die Reliquie häufig in einen applizierten Christus-Corpus eingelassen war, der aufrecht auf dem Suppedaneum stehend noch majestätische Züge und eine Krone trug, und dessen Arme im Segensgestus ausgebreitet waren.

Bischof Reinhart Guib besichtigt das ,,Heltauer Vortragskreuz“, das in einem Glaskasten zusammen mit wertvollen Abendmahlskelchen in der Schatzkammer des Landeskirchlichen Museums ausgestellt ist. Bischof Guib sagte in seiner kurzen Ansprache am 8. April, diese Leihgabe sei eine Bereicherung für das Museum und dankte der Heltauer Kirchengemeinde dafür.        Foto: Beatrice UNGAR

Im 13. Jh. setzt sich die Darstellung des Leidenden Christus durch. Die ikonographischen Vorbilder kommen auch wieder aus Byzanz, wo der Einfluss des überwundenen Ikonoklasmus der Ostkirche im 7. und 8. Jahrhundert zu dieser veränderten Christusdarstellung geführt hat. Gerade die menschliche Natur Christi, welche die Sterblichkeit einschließt, galt den Ikonodulen als Argument für eine bildliche Darstellung des Erlösers.

Das Heltauer Vortragekreuz folgt der Machart im venezianischen Raum verbreiteter Modelle des 13. Jahrhunderts. Die Vorderseite zeigt den toten Christus am Kreuz hängend, in getriebenes Kupferblech modelliert, das einen Holzkern umschließt.

Dem Kruzifixus entspricht auf der Vierung der Rückseite eine stilisierte Darstellung des Lammes Gottes mit dem Labarium. Die plastische Ausformung des Kruzifixus erinnert an byzantinische Vorbilder. Die Eckschilder der Kreuzenden sind mit je drei oder vier runden Halbedelsteinen besetzt. Von den Querbalken hängen zwei Pendilien aus je vier Kettengliedern und einem gefassten Halbedelstein. Diese dürften symbolische Bedeutung gehabt haben, denn auf Darstellungen frühmittelalterlicher Codices trägt die Crux Gemmata als Pendilien die Buchstaben Alpha und Omega.

Bis auf die aufgesetzten figürlichen Darstellungen ist die Oberfläche des Kreuzes mit einer Textur von winzigen Perlpunzen und Schraffuren bedeckt. Ein Vortragekreuz aus Südtirol trägt sehr ähnliche Züge: ein sehr ähnlicher byzantinisch anmutender Kruzifixus, in der gleichen Technik, die gleiche Form der Eckschilder an den Kreuzenden, die gleiche Flächentextur mit Perlpunze und Schraffur, und gleiche kreisrunde gefasste Glassteine. Allerdings tragen die Kreuzenden Symbole des Tetramorphs und der Längsbalken der Rückseite zeigt eine Darstellung Mariens in Orantenstellung.

Im Raum Friaul – Venedig sind Kreuze dieser Machart häufiger und wurden offenbar in großen Mengen hergestellt. Von Venedig ausgehende Einflüsse byzantinischer Prägung sind im 13. Jh. auch in anderen wichtigen Kunstzentren, wie Pisa, und an der Maas, im heutigen Belgien, sehr präsent.

Das wiedergefundene Vortragekreuz verweist neu auf die eigentliche Mitte unserer Kirche und Kirchlichkeit und ermutigt zum weiteren Weg unter seinem Zeichen.

Heidrun KÖNIG

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Kirche, Kunst.