Für die Gemeinde da sein

HZ-Gespräch mit Pfarrer Heinz Dietrich Galter zu dessen 30. Pfarramtsjubiläum

Ausgabe Nr. 2754

Pfarrer Heinz Dietrich Galter vor dem Altar der Neppendorfer Kirche.  Foto: Beatrice UNGAR

Am 30. November 2021 feierte Pfarrer Heinz Dietrich Galter sein 30. Pfarramtsjubiläum in der Neppendorfer Kirchengemeinde. Am 30. November 1991 hat er diese Pfarrstelle übernommen, nachdem er vorher sechs Jahre lang in Jakobsdorf tätig gewesen war. Mit dem Seelsorger, der auch unter dem Spitznamen „Pfarrer Vollgas“ bekannt ist, führte HZ-Redakteurin Cynthia P i n t e r ein Gespräch über seine Tätigkeit und das Leben in Neppendorf.

 

Sie sind nun seit 30 Jahren als Seelsorger im Pfarramt Neppendorf tätig. Wir gratulieren dazu herzlichst! Sie sind hier auch aufgewachsen, da Ihr Vater, Heinz Galter hier Pfarrer war…

Ja, von meinem siebenten Lebensjahr an, bis ich dann selbst Pfarrer wurde.

War das ein Wunsch von Ihnen, hier zu bleiben?

Nicht unbedingt, es hat sich so ergeben. Mein Vikariat machte ich  in Hammersdorf, wo ich während der Studienzeit schon Organist und Chorleiter war. Dann ging ich für sechs Jahre nach Jakobsdorf als Pfarrer, wo ich 1991 ohne Gemeinde geblieben bin. Zur gleichen Zeit kamen meine Kinder ins schulpflichtige Alter. Es war also eine gute Fügung, dass mein Vater in Rente ging, die Stelle frei wurde und die Gemeinde mich gewählt hat.

Wie war das erste Jahr in Neppendorf?

Es war spannend. Vieles war gut organisiert, das Pfarramt wie die Gottesdienstordnung. Man musste allerdings auf mehr Dinge achten, als bei einer kleinen Gemeinde.

Welche Ziele hatten Sie sich damals gesetzt?

Es war nicht leicht, denn es war mitten in der großen Auswanderungszeit und Ziele konnte ich mir kaum setzen, weil wir praktisch in der Struktur den Ereignissen nachgehinkt sind und es war schwierig Leute für die kirchlichen Gremien zu finden, weil jeder gesagt hat, ich weiß nicht, ob ich noch nächstes Jahr hier bin. Es war also eine sehr schwierige Zeit. Dann kam noch dazu, dass der Pfarrer aus Kleinscheuern auswanderte. Also hab ich 1992, ein halbes Jahr nachdem ich in Neppendorf angefangen hatte, gleich zwei weitere Gemeinden übernehmen müssen: Kleinscheuern und Reußdörfchen. Das ging so bis 1994, dann bekam ich Großau und Hamlesch dazu, weil auch der Großauer Pfarrer ausgewandert war. Ich hatte kaum Zeit, mich in Neppendorf einzuleben, da kamen die anderen Gemeinden dazu, was aber auch gut war. Ich war das schon aus Jakobsdorf gewohnt, wo ich drei Gemeinden zu betreuen hatte, jeden Sonntag drei Gottesdienste. Es hat mir große Freude gemacht, diese Gemeinden zu besuchen und das ist bis heute so geblieben. Auch die ganz kleinen Gemeinden, zum Beispiel Hamlesch, wo wir den Gottesdienst in der Küche von Frau Katharina Krech halten. Das gehört eben dazu und die Leute sind sehr dankbar. Es gibt eine andere Resonanz, als wenn man in einer großen Kirche vor vielen Menschen predigt. Hier ist diese Herzlichkeit, diese Menschlichkeit. Die Dankbarkeit ist eine große Genugtuung für mich.

Was war die größte Errungenschaft während der letzten 30 Jahre in Neppendorf?

Die größte Errungenschaft war, dass wir das Hans-Bernd-von-Haeften-Haus der Evangelischen Akademie Siebenbürgen bauen konnten.

Können Sie mehr darüber erzählen? Wie ist die Akademie entstanden?

Die Idee ein eigenes Tagungshaus zu haben, hatte Pfarrer Gerhard Möckel. Dann kamen verschiedene Anwesen in Frage. Die Pfarrhäuser in Hammersdorf, Großau und Schellenberg wurden als Varianten vorgeschlagen. Die Gemeinden wollten das aber nicht. Letztendlich hat man sich zu einem Neubau durchgerungen. Die Kirchengemeinde Neppendorf hat einen Baugrund zur Verfügung gestellt, 1997 haben wir den Grundstein gelegt, wo auch Barbara von Haeften, die Witwe von Hans Bernd von Haeften – dem Namensgeber des Hauses – dabei war. Fertig war das Gebäude aber lange nicht. Es kam dann nämlich die große Inflation und das Geld, das wir hatten, reichte nicht einmal für das Fundament. Da hieß es also: Augen auf und durch! Das heißt Augen aufmachen, nach Spenden Ausschau halten, damit wir das durchziehen können. Wir haben dann kirchliche und andere Institutionen in Deutschland angeschrieben und Spenden beantragt und etappenweise immer weiter am Haus gebaut. Es gab damals auch keine Baumärkte, kein Baumaterial. Das Haus stand fast zwei Jahre als Rohbau da. Also habe ich den LKW-Führerschein gemacht und bin fast jede Woche nach Wien gefahren. Frau Barbara Schöfnagel, damals Gemeinderätin der Stadt Wien, hat das Material bestellt und eingekauft, ich bin dann Sonntag nach den Gottesdiensten mit dem LKW nach Wien losgefahren, habe am Montagvormittag aufgeladen, zu Mittag Zollpapiere gemacht und bin wieder die Nacht durchgefahren, so dass ich am Dienstag in Neppendorf ankam. Das ging so mehrere Jahre. 2001 haben wir das Tagungshaus in Betrieb genommen – es war aber noch nicht alles fertig. Erst 2003 war der Bau dann tatsächlich fertig.

Die Akademie ist ein Verein und finanziert sich selber. Wir hatten die dabei benötigte Technik und vermieteten oft das Haus für Tagungen. Wir waren ja die ersten Player auf dem Markt und es hat auch gut funktioniert. Unser System wurde auch von der Orthodoxen Akademie in Sâmbăta de Sus übernommen.

Auf welche Herausforderungen sind Sie in der Gemeinde gestoßen?

Die Gemeinde schrumpfte. Eine neue Kirchenordnung musste her. Ich war damals, in den 1990er Jahren, Mitglied im Landeskonsistorium und zusammen mit Wolfgang Rehner Junior – heute Superintendent der ev. Kirche A.B. der Steiermark – waren wir praktisch die Motoren für die Zusammenstellung der neuen Kirchenordnung. Die vorige Kirchenordnung war nämlich nach dem Zweiten Weltkrieg beschlossen worden, die hat nicht mehr den Gegebenheiten entsprochen. Also hat man eine Kommission gegründet, die eine neue Kirchenordnung ausgearbeitet hat, die im Juni 1997 beschlossen wurde.

Das war die Herausforderung. Das Kleinerwerden der Kirche: Pfarrer wanderten aus, gingen in Rente. Die Neustrukturierung der Kirche war die Herausforderung. Welche Möglichkeiten schafft man, damit lebensfähige Einheiten entstehen können. Pfarrgemeinden wurden zu Pfarrverbänden umstrukturiert. Vorher war die Betreuung und Verwaltung der Gemeinden kompliziert, ein Teil meiner Gemeinden, nämlich Reußdörfchen und Kleinscheuern wurden vom Bezirk verwaltet. Großau und Hamlesch gehörten verwaltungsmäßig zur Neppendorfer Gemeinde. Also haben wir alle von mir betreuten Gemeinden  zusammengelegt und nun gehört alles zum Gemeindeverband Neppendorf.

Wie viele Gemeindeglieder hatte die Neppendorfer Gemeinde vor 30 Jahren und wie viele sind es heute?

Damals waren wir noch über 500 Gemeindeglieder. Aber als ich hier aufwuchs, waren es noch über 4.000. 1990 sind über 2.300 Evangelische aus Neppendorf ausgewandert. Das war eine große Gemeinde, die nun fehlte, der Kirchenchor, die Blaskapelle, alles hatte aufgehört zu existieren. Auch die Nachbarschaften und alle Strukturen, die es gab. Es waren vorher 26 Nachbarschaften, die wir auf vier reduziert haben, zwei oberhalb, zwei unterhalb von der Kirche. Später wurden zwei Nachbarschaften daraus und heute ist die Gemeinde eine einzige große Nachbarschaft.

Unsere Kirchengemeinde zählt heute 114 Gemeindeglieder. Die Anzahl ist aber seit gut 15 Jahren immer konstant. Es ist eine interessante Gemeinde, die eine ländliche Prägung hat, trotz der Nähe zu Hermannstadt. Für viele ist genau das ansprechend.

Was macht Ihnen bei der Arbeit als Seelsorger am meisten Spaß?

Es ist eine ständige Herausforderung, wie man die Gemeinde begleitet. Ich bin sehr offen für Gespräche und höre schnell heraus, wo der Schuh drückt und versuche dann, Hilfe anzubieten. Wenn man sich einmal ausgesprochen hat, ist man selbst etwas befreiter und hat nicht mehr die Last auf den Schultern. Die Kommunikation ist ganz wichtig. Schön sind dann immer die freudigen Ereignisse in den Familien: eine Geburt, eine Hochzeit, ein Geburtstag. Auch in Trauerfällen ist es gut, dass man Sachen besprechen kann, denn oft tragen Menschen Vorwürfe mit sich herum. Durch das Gespräch entlastet man sie wieder. Das gehört zum Dienst des Pfarrers, dass man zur Seite steht und Menschen über einen längeren Zeitraum begleitet.

Welchen Rat würden Sie angehenden Pfarrerinnen und Pfarrern geben?

Ich hatte sechs oder sieben Vikarinnen und Vikare, die bei mir gelernt haben. Wichtig war mir immer, dass sie auf die Gemeinden hören. Sie sollten offen sein und das Besondere an der jeweiligen Gemeinde erkennen lernen. Denn jede Gemeinde ist ein bisschen anders. Zum Beispiel sind in Reußdörfchen die Menschen bulgarischer Abstammung, die haben andere Stickmuster, andere Bräuche. In Hamlesch war gutes Weinland, das heißt viele waren Weinbauern, die wiederum anders sind als Bauern, die von der Landwirtschaft gelebt haben. Törnen war früher eine hörige, also eine Leibeigenen-Gemeinde, und ist wieder ganz anders. Dort sind die Menschen sehr fromm. Du musst mit jeder Gemeinde anders umgehen. Auch in Neppendorf spielt die Nähe zur Stadt eine große Rolle. Auch zwischen Landler und Sachsen waren große Unterschiede.

Wie würden Sie Jugendliche dazu motivieren, evangelische Theologie zu studieren?

Einfach durch die Art, wie ich das Pfarrersein selbst gelebt hab. Ich komme ja aus einer Pfarrerfamilie, bin in der 4. Generation Pfarrer. Vorher hatte man ein anderes Bild und Selbstverständnis von einem Pfarrer. Ich wollte anfangs auch nicht Pfarrer werden, sondern habe Orgelbau gelernt, daraus einen Beruf zu machen, hat sich aber dann nicht ergeben. Heute bin ich dankbar, dass es so gekommen ist. Ich empfinde das Pfarrersein als für die Gemeinde Dasein. Ich hab schon in Jakobsdorf, wo ich noch als „Herr Vuoter“ angeredet wurde, den Bauern bei der Kartoffelernte geholfen. Ich hab nicht so in das typische Pfarrerschema gepasst. Wir hatten Gitarren- und Flötengruppe, einen Chor und eine Blaskapelle. Sogar eine moderne Tanzgruppe habe ich in der Zeit gegründet, aber auch alte Bräuche wieder zum Leben erweckt. In Jakobsdorf feierte man den Johannistag. Da hat man eine Johanniskrone gebunden – so wie beim Kronenfest am Peter- und Pauls-Tag. Für die Jugendlichen war es wichtig, dass man für sie da war. Aus Jakobsdorf haben drei junge Leute Theologie studiert.

Sie machen gerne Musik. Seit wann sind Sie bei Trio Saxones dabei?

Alfred Dahinten und Andreas Hartig hatten sich schon zusammengetan und hatten einen Gitarristen aus Mühlbach, der hatte aber keinen Bezug zu den deutschen Schlagern. Also kamen sie auf mich zu, ob ich nicht mitmachen wolle. Ich habe zugesagt und den ersten großen Auftritt hatten wir 2015 beim Heimattag in Dinkelsbühl. Die Band sollte eine Lücke füllen, denn es gab hier keine Band, die deutsche Schlager spielte. Aus dieser Not heraus haben wir uns zusammengetan, weil wir Freude an der Musik haben. Dann kam  mit dem Schlagzeuger Wolfgang Schüller das Plus dazu. Vor kurzem ist Andreas Hartig nach Österreich ausgewandert. Das Ehepaar Adrian und Alexandra Pamfilie sprang nun ein. Beide sind Musiker und ergänzen sich und die Band ganz gut.

Sie sind auch als „Pfarrer Vollgas“ bekannt. Welches sind Ihre Motorrad-Lieblingsrouten in Siebenbürgen?

Das ganze Land gefällt mir und darum möchte ich es auch anderen zeigen. Zu diesem Zweck bin ich als Guide für die sechstägige Enduro Tour durch Rumänien zuständig, die von dem BMW Enduropark Hechlingen aus Deutschland organisiert wird. Wir möchten die kulturelle Vielfalt Siebenbürgens zeigen, das Zusammenleben von Rumänen, Ungarn, Sachsen und Roma. Das ist alles sehr wertvoll und wird viel zu wenig wahrgenommen und geschätzt.

Lieblingsrouten? Ich versuche, immer auch Neues zu entdecken. Die Transalpina muss einmal im Jahr gefahren werden und die Transfăgărașan auch. Dieses Jahr ist die traditionelle südsiebenbürgische Tour geplant und anschließend wollen wir mit den Endurofahrern eine Donautour fahren.

Haben Sie noch andere Freizeitbeschäftigungen? Welche?

Zurzeit habe ich viel Freude an Tieren. Außer Hühnern noch Enten und Schafe – Kamerunschafe, die ich auch versuche bekannt zu machen. Ich bin ja auch Mitglied in dem Verein IRCA Europa, dessen Vorsitz ich inne habe. Das ist die International Rural Churches Association. IRCA ist ein Netzwerk von Menschen aus aller Welt, welche sich dem ländlichen Raum und dem Evangelium von Jesus Christus verbunden fühlen. Man möchte auf das Besondere im ländlichen Raum aufmerksam machen. In den meisten kirchlichen Gremien sitzen Vertreter aus den Städten. Jene aus dem ländlichen Raum kommen meistens zu kurz. Wie kann man den Bauern helfen? Was sind die Probleme? Wie kann man der Landflucht gegensteuern, damit die Menschen nicht mehr in die Städte ziehen? Es gibt auch junge Menschen, die aufs Land ziehen, aber keinen Bezug zum Dorf entwickeln. Zum Beispiel in Hamlesch. Das Dorf wird von Săliște verwaltet. Săliște kassiert kräftig, aber Hamlesch dümpelt vor sich hin. Die Kinder müssen pendeln, man hat die Schulen geschlossen. Was für einen Anreiz hat eine junge Familie, damit sie in Hamlesch wohnt? Wir wollen Anreize schaffen. Man könnte z. B., wenn man ein Familienunternehmen auf dem Land gründet, eine Steuerbefreiung oder sonstige Unterstützung bekommen. Das ist leider noch nicht im Blick. Die großen Firmen kaufen das Land von den Kleinbauern ab, die dadurch verschwinden. Diese Sachen tun einem weh. Nicht nur das traditionelle Handwerk, sondern auch das lokale Wissen geht verloren – denn der Bauer wusste früher z. B., dass man vor dem 12. Oktober nicht mit der Weinlese beginnen durfte. Heute macht man alles am Wochenende, denn dann hat man Zeit. Die erste IRCA Europa-Tagung fand 2012 in Neppendorf statt und Rumänien hat den Vorsitz und die ganze Abwicklung läuft über die EAS.

Haben Sie ein Zukunftsprojekt?

Bei meiner 30-jährigen Feier hat Prof. Hermann Pitters den Wunsch geäußert, dass ich den Doktor mache. Ich hatte mit dem Doktorat begonnen, hab auch viel geforscht über die Entwicklung des Gottesdienstes in Siebenbürgen. Ich verspüre aber keinen großen Drang danach, da meine Frau und unsere Tochter schon promoviert haben und den Doktortitel tragen. Ich habe diesen Ehrgeiz nicht, aber wenn es sich ergibt… Ich lass es einfach auf mich zukommen. Ich genieße die Zeit mit der Familie, den vier Enkelkindern und versuche, das Beste aus jedem Tag zu machen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Persönlichkeiten.