Eine kurze Erinnerung

100 Jahre Evangelische Landeskirche A. B. in Rumänien (II) / Von Ulrich A. WIEN

Ausgabe Nr. 2750

Bischofsinstallation 1933 mit Landeskirchenkurator Hans Otto Roth, Bischof Viktor Glondys und Friedrich Müller-Langenthal (v. l. n. r.) auf dem Großen Ring in Hermannstadt.

Herausforderungen und Antworten

Chronologisch lassen sich drei markant unterschiedene Phasen erkennen: 1. Vom Ende des Ersten Weltkriegs bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs; 2. Von 1945-1989; 3. 1990 bis heute.

Natürlich blieben Herausforderungen auch über diese jeweiligen Schwellenjahre hinaus bestehen, trotzdem gibt es eine deutliche Akzentverschiebung.

In der ersten Phase bis 1945 stand die Landeskirche vor einem Berg von Problemen und Herausforderungen:

  1. a) Die Finanzsituation war desolat, der Bischof äußerte brieflich, sie sei bankrott. Die angeschlossenen Gebiete waren teilweise ökonomisch noch schwächer, sodass unmittelbar nach dem Zusammenschluss mit diesen Kirchenbezirken um Unterstützung von außerhalb beim Gustav Adolf-Werk, aber auch beim Deutschen Evangelischen Kirchenbund in Berlin, aber auch bei diversen Reichsregierungen angesucht werden musste. Interne Finanzreformversuche scheiterten, Hilfsgelder wurden aus Verzweiflung zum Stopfen von Haushaltslöchern verwendet, was die Reputation der Landeskirche beschädigte.
  2. b) Neben anderen Gründen war die Hauptursache für die desaströse ökonomische Lage die Enteignung von Kirchengemeinden und Landeskirche durch die Agrarreform 1921, die Auflösung der Sächsischen Nationsuniversität inklusive der ertragreichen Waldgebiete der Sieben-Richter-Waldungen südlich von Hermannstadt. Die bis dahin aus diesen Immobilien fließenden Erträge brachen weg, außerdem waren die sächsischen Finanzinstitute nicht mehr in der Lage, hohe Renditen zu erwirtschaften, um die Bedürfnisse zu befriedigen. Das breit ausdiversifizierte, von der Kirche getragene und gegen staatliche Assimilationsbestrebungen der ehemaligen ungarischen Politik hartnäckig verteidigte Schulwesen war der Augapfel des landeskirchlichen Kulturprotestantismus. Die Verbindung von „Kirche und Schule“ war deshalb essenziell, nicht zuletzt weil dies auch der Minderheitenschutzvertrag von 1919 garantierte. Angesichts der ebenfalls auf Assimilation zielenden Schulpolitik der in der Zwischenkriegszeit regierenden Liberalen Partei galt eine Preisgabe der Schulverantwortung an den Staat als undenkbar. Praktisch um jeden Preis sollte die Schule als Garant der ethnischen Selbstbestimmung und Kulturerhaltung verteidigt werden. In der Weltwirtschaftskrise wurde zwar ein Abbau der Mehrzügigkeit beschlossen, aber die Einzelschule musste erhalten bleiben. Zwar gelang dieses Vorhaben in Siebenbürgen, doch in der Bukowina und Bessarabien gingen viele Schulen verloren, nicht zuletzt weil über bewusst schwammig gehaltenes staatliches Schulrecht der Minderheitenschutzvertrag faktisch missachtet wurde.
  3. c) Mit der von Bischof Friedrich Teutsch durchgeführten Generalkirchenvisitation war die Absicht verbunden, die Verbindung der Kirchenbezirke untereinander und der Gemeindeglieder mit der gesamten Landeskirche zu intensivieren. Die Regionen hatten unterschiedliche Bedürfnisse, die vom Bischof auch wahrgenommen und nach Möglichkeit auch einer Lösung zugeführt wurden. Besonders wichtig wurde dabei die Arbeit des Diaspora-Pfarrers Berthold Buchalla, dessen besonderes Augenmerk der Jugend galt, um sie für die evangelische Kirche und das „Deutschtum“ zu erhalten. Ihnen wurden nach Möglichkeit großzügig subventionierte Schulbildung in Hermannstadt ermöglicht, die sie von dem ständig erweiterten Internat, dem Diasporaheim in der Unterstadt erreichen konnten.
  4. d) Es wurde ein spirituelles Vakuum in den Gemeinden, aber auch in der Pfarrerschaft diagnostiziert. Deswegen gab es Initiativen zur theologischen Fortbildung von Pfarrern, aber auch die Evangelische Gesellschaft lud zu geistlichen Rüstzeiten und einer Intensivierung der Spiritualität ein. Dazu zählten auch die Anfänge der später verstärkten volksmissionarischen Arbeit in den Ortsgemeinden, welche auch nachhaltig vom Diakonissenhaus „Bethanien“ in Kronstadt ins Zentrum ihrer Arbeit gerückt wurde.

Unter Bischof Glondys und Bischofsvikar D. Friedrich Müller wurden ab 1933 besonders auch junge Pfarrer nach Berlin Spandau zur Apologetischen Centrale geschickt, um dort entsprechende Kompetenzen zu erwerben und angemessenes argumentatives Rüstzeug sich anzueignen. Nur kurz zu erwähnen sind ähnlich ausgerichtete Bemühungen des Kronstädter Stadtpfarrers Dr. Konrad Möckel, der mit dem von ihm begründeten „Frecker Kreis“ ebenfalls einen starken Akzent auf gegenseitige Seelsorge, christliche Bruderschaft und vertieftes geistliches Leben innerhalb der Pfarrerschaft legte.

Landkarte von 1922: ,,Verwaltungsgebiet der evang. Landeskirche A. B. in Siebenbürgen mit den angeschlossenen evang. Kirchenverbänden A. B. Altromänien, Banat, Bessarabien, Bukowina und dem Kronstädter magyarisch-evang. Dekanat im Masse 1:1,000.000/1 cm – 10 Km.“ Quelle: Beilage 1 zu der Festschrift ,, Die evang. Landeskirche A. B. in Siebenbürgen mit den angeschlossenen evang. Kirchenverbänden“, gewidmet Bischof D. Dr. Friedrich Teutsch, 1922.

  1. e) Die beginnende Ökumenische Bewegung wurde von der Landeskirche begrüßt, nicht zuletzt, weil es schon seit den Tagen von Bischof Georg Daniel Teutsch eine Pflege guter Nachbarschaft zu anderskonfessionellen Kirchen Siebenbürgens gab. Das galt nicht nur für die privaten Beziehungen, sondern auch – trotz der nun in der Staats-Verfassung privilegierten Rumänischen Orthodoxie, welche als „dominante Kirche“ herausgehoben war, – auch für die offiziellen Beziehungen. Mit dem deutschfreundlichen Metropoliten Nicolae Bălan pflegte Bischof Glondys bewusst einen engen Austausch und Dialog in gegenseitigem Respekt.

Weil in Kürze die Edition der LK-Protokolle 1919-1944 gedruckt vorliegen wird, folgt hier nur eine knappe Skizze:

  1. f) Die größte Herausforderung stellte der Nationalsozialismus dar. Die Bedingungen für den Aufstieg, auch in der Landeskirche, waren äußerst komplex: nicht zuletzt die landläufig weitverbreiteten Enttäuschungen über die nach außen hin wenig erfolgreichen Aktivitäten der parlamentarischen und kirchlichen Elite Bukarester Politikbetrieb, ja, ihr angebliches Versagen, ihr angeblich mangelnder Mut, die Rechte vor dem Völkerbund einzuklagen (damit aber einen absolut kontraproduktiven, innenpolitischen Scherbenhaufen zu provozieren), die zunehmende Verarmung aufgrund der Weltwirtschaft Depression seit 1929, die als unerträglich empfundene Belastung durch die kirchliche Schulträgerschaft sowie die Wirkung der reichsdeutschen Propaganda über den scheinbaren deutschen Wiederaufstieg sowie die vermeintliche Stärkung traditioneller Werthaltungen mithilfe der Lingua Tertii Imperii (Victor Klemperer), der naiv übernommenen, vielfach missverstandenen Naziparolen im auslandsdeutschen, speziell rumäniendeutschen Kontext führt zu einer existenziellen Krise der Landeskirche. Rassismus und nationaler Dünkel, totalitäre Entmündigung, die nicht nur von außen, sondern auch als Selbstnazifizierung von innen kam, die Auflösung einer gemeinsamen Grundhaltung, die finanzielle Strangulierung, aber auch Kompetenzmangel waren äußerst bedenkliche Erscheinungsformen, auf die die Führung der Landeskirche zu antworten hatte. Zunächst verfocht Bischof Glondys eine grundsätzliche Abwehr, dann unternahm er den Versuch der Eindämmung und Erhaltung der kirchlichen Sozialformationen von Bruder- und Schwesterschaften, Nachbarschaften, Frauenverein. Der Kampf um die Köpfe der Jugend mittels einer moderaten Modernisierung sollte eine Konkurrenz erst gar nicht aufkommen lassen. Doch die nationalsozialistische Konkurrenz wollte die Kirche ausschalten, also die ersatzlose Substitution.

Mit dem Einzug einer Mehrheit von Nationalsozialisten in das Landeskonsistorium 1938 erfolgte – trotz des Widerstrebens einer Minderheit – eine Selbstnazifizierung der Landeskirche. Sie gipfelte im Sturz von Bischof Glondys. Es folgten der Parteibefehl, Wilhelm Staedel zum Nachfolger zu bestimmen. Weil Staedel sich der Politik der Deutschen Volksgruppe vollständig unterwarf, lieferte er 1942 alle sogenannten völkischen Arbeitszweige (inklusive der Schule und der Sozialformationen) an die Deutsche Volksgruppe in Rumänien durch das aufgenötigte „Gesamtabkommen“ aus. Der beauftragte Hauptanwalt Andreas Scheiner propagierte statt der Volkskirche eine germanische „Volksreligion“. Doch es regte sich eine aktive Opposition, welche organisatorisch Bischofsvikar Müller führte. Besonders aber hat Altbischof Glondys die wesentlichen theologischen Argumente gegen diesen „nationalkirchlichen Angriff auf das Dogma der evangelischen Landeskirche“ – trotz der ausgeübten Zensur der Kirchenleitung – vorgetragen.

Infolge des Hitler-Stalin-Pakts (1939) wurden große Teile der rumäniendeutschen Bevölkerung „Heim ins Reich“ geholt; die Landeskirche verlor mehr als 110.000 Gemeindeglieder. Zu Abschiedsgottesdiensten fuhr Pfarrer Hans Petri in die Gemeinden der Dobrudscha; diese verabschiedeten sich auch von ihren Toten auf den Friedhöfen. Und es mischten sich unter die christlichen Töne auch die neue Ideologie: verschleiernd berichtet der Pfarrer, dass die Menschen nicht nur die rumänische Nationalhymne, sondern auch die beiden deutschen Lieder gesungen hätten – also nacheinander nicht nur das Deutschlandlied, sondern auch das Horst-Wessel-Lied.

Gruppenfoto zu Weihnachten aus dem Diasporaheim mit Pfr. Berthold Buchalla.

Aufruf zur Buße

In der zweiten Phase nach 1945 standen völlig andere Herausforderungen im Zentrum der Gemeinden und der Landeskirche:

Dies waren die Enteignung und Verarmung, die Entrechtung, Deportation zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion, zugleich aber auch das zunächst nur vorübergehende, dann seit 1969 stetig zunehmende Ausbluten der Gemeinden. Während der 1945 neu gewählte Bischof D. Friedrich Müller unmittelbar nach dem Zusammenbruch zur Buße rief, hinterher aber aus taktischen Gründen den angeblichen „Widerstand“ in der Landeskirche gegen den Nationalsozialismus hervorhob, wurde die belastende Vergangenheit am liebsten totgeschwiegen, denn sie konnte als Material zur Erpressung dienen und wurde entsprechend auch eingesetzt. Schweigen, Schadensbegrenzung, Interventionen war die eine Seite, Nachbarschaftshilfe, Solidarität und Trost eine andere, Denunziationen eine weitere. Die meisten der Alterskohorten, die nach 1900, besonders nach 1910 oder 1920 geboren worden waren, hatten eine politisch belastete Vergangenheit, und die nutzte der kommunistische Staat weidlich aus.

Die ganze Bandbreite menschlicher Haltungen sind auch in den Gemeinden und in der Landeskirche vorgekommen: unvermeidliche Kontakte mit dem Geheimdienst, aber klare und standhafte Abgrenzung; notwendige Kooperation im amtlichen Bereich; aber auch Kollaboration. Wenn Bischof Albert Klein einmal gewissermaßen apodiktisch über die NS-Zeit und ihre Folgen behauptete: „Wir haben unsere Zeche bezahlt“, war das im besten Fall die halbe Wahrheit. Dennoch: Kirchengemeinden und Landeskirche boten zugleich ein letztes „Sicherheitsnetz“ und einen Freiraum für den Balanceakt über dem Abgrund.

Antworten waren in den Neuaufbrüchen zu erleben. Dazu zählt beispielsweise die Gründung der Kantorenschule mit Impulsen für den Gemeindeaufbau.

Obwohl die kirchliche Schulträgerschaft, die institutionelle Diakonie und die grenzüberschreitenden Kontakte in der Volksrepublik Rumänien seit 1948 aufhören mussten, die Gängelung und Einschüchterung sowie Erpressung durch den Geheimdienst sowie über das Kultusministerium auch innerkirchlich zu einem Klima der Angst beitrug, die Isolation bedrückend war, lebte die christliche Gemeinde in anderer Weise auf.

Nicht zuletzt war das Vereinigte protestantisch-theologische Institut mit Universitätsgrad, das zunächst in Klausenburg begründet worden war, und dessen deutsche, profiliert lutherisch ausgerichtete Abteilung 1955 nach Hermannstadt verlegt werden konnte, eine segensreiche Einrichtung. Weil ein Auslandsstudium unterbunden worden war, wurden die angehenden Geistlichen im Land selbst ausgebildet.

Zwar waren die Umstände in jeglicher Hinsicht bescheiden, doch die Gemeinden standen hinter diesem Institut (im Bischofshaus)! Die Studierenden (bis 1958 auch Frauen) waren mit Ernst und Eifer dabei, und aus der Vergangenheit bekannte Defizite, besonders hinsichtlich der spirituellen und seelsorglichen Akzente, im Lebensstil und liturgischen Einübung wurden nun in der Hausgemeinschaft von Lehrenden und Lernenden vielfach überwunden. Bis etwa 1960 konnten die bestehenden Vakanzen praktisch alle besetzt werden, und die Gemeinden hatten alle ihren Pfarrer. Dies stärkte die Gemeinden innerlich und äußerlich.

Kasualien wurden zu fast 100 Prozent begehrt, trotz zeitweiliger Behinderung konnten Konfirmandenunterricht und Konfirmationen nicht nur als Tradition gelebt, sondern zu einer intensiven Stärkung des Glaubens und zur Bindung an die Gemeinde werden. Jugendrüstzeiten im Gebirge waren legendär, und auch eine von Ort zu Ort verschiedene Retraditionalisierung war zu beobachten. Trotz der Überwachung bzw. Berichtspflicht konnten ab 1961 die ökumenischen Verbindungen zum Lutherischen Weltbund und zum Ökumenischen Rat der Kirchen aufgenommen werden. Zwar fehlten keineswegs die Schikanen bei der Ausfertigung der Reisepässe oder sonstige Unannehmlichkeiten, dennoch war die Ökumene eine wichtige Horizonterweiterung, nicht zuletzt auch deshalb, weil – wie 1970 in der Schulerau – theologische Tagungen und Begegnungen mit internationalen ökumenischen Gästen im Land selber reichhaltige Impulse freisetzten. Sogar Gruppenreisen des Martin Luther Bundes haben in den besonders schweren 1980er Jahren die wichtigen Begegnungen ermöglicht und unkonventionelle Hilfe erlaubt. Trotz vielfältiger Hindernisse konnte die Partnerschaft zwischen Martin Luther Bund und Gustav Adolf Werk seit den 1960er Jahren verstetigt werden und so geistliche und materielle Herausforderungen bestehen helfen.

Aufbrüche gelangen unter Bischof Albert Klein in der Liturgie: Agende und Gesangbuch erschienen neu. Die landeskirchliche Orgelbauwerkstatt mit Hermann Binder pflegte die historischen Orgeln. Die Restaurierung der Altarretabeln wurde systematisch durchgeführt. Eine Lebensordnung wurde erarbeitet und gedruckt. Auch durften monatlich die Kirchlichen Blätter wieder erscheinen.

Einweihung des Heltauer Lutherheims für Volksmission.

Ungeheuere Umwälzungen

Nach 1990, in der bis in die Gegenwart reichenden Phase, haben wieder andere, ungeheure Umwälzungen Gemeinden und Landeskirche herausgefordert. In der Leitung standen auf geistlicher Seite Christoph Klein, Misch Gross, Hans Klein und Reinhard Guib sowie Daniel Zikeli, daneben Horst Haldenwang, Paul Niedermaier und Friedrich Philippi als Landeskirchenkuratoren und Hans Gerald Binder sowie Friedrich Gunesch als Hauptanwälte. Sehr knapp sollen die drei Jahrzehnte, die den meisten aber bekannt sind, hier skizziert werden:

Die Gemeinden wurden aufgrund der Abwanderung ausgezehrt; eine sehr kleine Zahl von inzwischen rund 12.000 Gemeindegliedern, die mit den Abbrüchen leicht an die Grenzen und über die Grenzen der Überforderung geführt wird, muss eine Überalterung bewältigen und hat sich stark sowie vorbildlich in institutionalisierter Diakonie engagiert, auch wenn in selbstkritischer Perspektive ein gewisses „zu viel“ eingestanden wurde. Schulunterricht, besonders Religionsunterricht stellt eine alltägliche Herausforderung dar, im Schülerheim in Hermannstadt werden Jugendliche auf ihrem Bildungsweg unterstützt, zugleich der Pfarrer-Nachwuchs, nachdem die deutsche Abteilung des theologischen Instituts 2006 in die Lucian Blaga Universität inkorporiert wurde, kontinuierlich, mit unterschiedlichem Zuspruch ausgebildet.

Überaus erfreulich ist die Jugendarbeit sowohl in einzelnen Gemeinden, ganz besonders aber auch über Gemeindegrenzen hinweg auf der gesamtkirchlichen Ebene – unterstützt durch das Forum.

In einer Zeit des Umbruchs, in der die hergebrachten Ordnungen ins Rutschen gerieten, steht auch die Rechtsordnung immer wieder auf dem Prüfstand, nicht nur in den 1990er Jahren, in denen die seit 1861 geltende Grundstruktur noch einmal angepasst wurde, sondern auch aktuell wieder, wenn es um die zukunftsfähige Struktur und das verlässliche Handeln von Gemeinden, Bezirken und Landeskirche geht. Seit 1921 waren Frauen wahlberechtigt und wählbar. In der Zwischenkriegszeit spielte das bei der Zusammensetzung der Leitungsgremien kaum eine Rolle, verstärkte sich aber in der zweiten Hälfte des 20 Jahrhunderts, und heute ist es nicht nur selbstverständlich, sondern oft auch bewundernswert, wie vielseitig und vielerorts mehrheitlich sich Frauen auf allen Ebenen maßgeblich engagieren, an vorderster Stelle Verantwortung tragen, besonders in der landeskirchlichen Frauenarbeit. Nicht zuletzt sind Frauen auch – trotz geäußerter Bedenken – als Pfarrerinnen ordiniert und wirken in vielen Gemeinden segensreich.

Das materielle Kulturerbe ist Verpflichtung, Herausforderung und Last: Kirchenburgen, Rückgabe von teils ruinösen Immobilien, Verkauf von Grundstücken und Pfarrhäusern, Verantwortung für Archive, Museen aber auch lebendige Kirchenmusik samt der zu pflegenden bedeutenden Orgellandschaft. Erfreuliche Groß-Restaurierungen haben nicht nur dörfliche Kirchengemeinden mithilfe von HOGs oder Kooperationen (mit der EU im Kirchenburgenprojekt) bewältigt, sondern auch die Stadtgemeinde Schäßburg, Kronstadt, Bistritz und Hermannstadt. Die mittelalterlichen Ausstattungsreste in beachtlicher Qualität erfreuen heute Gemeinden und internationalen Besuch. Zum Kulturerbe zählt auch das Evangelische Gesangbuch, nun auch in rumänischer Sprache, das in vielerlei Weise heute nötig und in Gebrauch steht. Damit ist auch die Sprachenfrage verbunden: und dass als eine frühe Reaktion auf dieses Gesangbuch ein „satis est“ (es ist genug) laut wurde, zeigt, dass hier bei einigen ein wunder Punkt getroffen wurde. Praktisch aber wird inzwischen selbstverständlich die rumänische Sprache vor allen Dingen bei der Verkündigung verwendet, sofern dies für die anwesende Gemeinde sowie die Gäste angebracht scheint. Die Frage ist noch nicht zu Ende diskutiert.

Seit der Initiative von Gerhard Möckel soll die Evangelische Akademie Siebenbürgen im neu errichteten Hans Bernd von Haeften-Haus als zivilgesellschaftliches und theologisches Denk-Labor auch über den Rahmen der Landeskirche hinaus dienen. Selbst wenn die Diskussionskultur in der Zwischenkriegszeit entwicklungsfähig war, wurde doch heftig diskutiert. Nach 1945 wurden Entscheidungen vom Kultusdepartement vorgegeben, und Diskussionen waren oft unerwünscht, oder es drohten hinterher nachteilige Folgen. Gremiensitzungen bis hin zum Landeskonsistorium waren diskussionsarm. In einer partizipativen Demokratie, wie sich die gültige Kirchenordnung präsentiert, bedarf es einer ausgeprägten Diskussionskultur, die öffentlich Verantwortung übernimmt, zivilgesellschaftlichen Einsatz fördert, wofür beispielsweise die Diskussion um den Funpark in Schäßburg zählt oder das Bemühen um die grüne Kirchenburg in Hammersdorf. Eine entsprechende Diskussionskultur ist selbstverständlich auch erforderlich für die zwischenzeitlich regelmäßigen Kuratorentage. Aber auch bei den Visitationen besteht eine besondere Herausforderung darin, das Sprachgefälle sensibel zu berücksichtigen.

Wesentlich ist dies auch im ökumenischen Dialog, der vor dem Hintergrund der Europäischen Ökumenischen Versammlung in Hermannstadt 2007 eine besondere Herausforderung, große Chance, aber auch Verpflichtung für die siebenbürgischen Kirchen darstellt. Die Beteiligung an den Dialogen zwischen der EKD und der Rum. Orthodoxie erweist immer wieder, wie die hiesigen Diskutierenden dazu in der Lage sind, Brücken zu bauen.

Aufstehen nach den Stürzen – Aufbrüche

Nach den großen Umbrüchen in der Mitte und am Ende des 20 Jahrhunderts waren es besonders reformatorisch begründete Einsichten, die dabei geholfen haben, die zum Teil verheerende Vergangenheit, die Verstrickung in Unrecht und Irrtum ansatzweise zu überwinden. Insbesondere die Rechtfertigung des sündigen Menschen, also der auf dem eigenen Kerbholz verzeichneten Vergangenheit, ohne Vorleistungen und allein aus Gnade durch die Erlösung in Jesus Christus am Kreuz in Reue und im Glauben vergeben zu bekommen, war dafür entscheidend. Über die bereits gegebenen Antworten der Vergangenheit zeichnen sich Perspektiven ab, die sowohl damals als auch heute Zuversicht geben.

Diese hoffnungsreichen Perspektiven sind internationale Solidarität und Partnerschaft von Christen weltweit, mündige und selbstbewusste Kreativität im Heiligen Geist, geistliche Erneuerung, Stärkung und Revitalisierung von Verantwortung der sogenannten Laien, konfessionsübergreifender Dialog und Kooperation aus einer souveränen Haltung heraus in gegenseitiger kritischer Solidarität. Das ist in den erinnerten und vergegenwärtigten 100 Jahren, einmal mehr, und an anderen Stellen weniger gelungen oder gescheitert. Aber die Zuversicht, die Parrhesia als Wirkung des durch die Gemeinde schreitenden Christus (Bonhoeffer), als Wirkung des Heiligen Geistes eröffnet Zukunft, und zwar innerweltlich, ökumenisch und ökologisch sowie in eschatologischer Verantwortung und Erwartung, weil die mündige evangelische Gemeinde nicht einer Pflichtethik folgt, sondern – wie wir seit 500 Jahren gewiss sind – aus der rechtfertigungstheologisch begründeten Freiheit eines Christenmenschen.

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Geschichte.