„Rumänien steht für viel Positives”

Interview mit S. E. Dr. Peer Gebauer, dem neuen Deutschen Botschafter in Bukarest

Ausgabe Nr. 2743

Botschafter Dr. Peer Gebauer beim Gespräch im Konsulat der Bundesrepublik Deutschland in Hermannstadt.                                          Foto: Ruxandra STĂNESCU

Seit Ende August ist Dr. Peer Gebauer der neue Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Rumänien und seine erste Dienstreise hat ihn nach Hermannstadt geführt – eine Entscheidung, die er nicht bereut, wie er im Interview mit HZ-Redakteurin Ruxandra STĂNESCU erklärte.

Stellen Sie sich bitte vor.

Ich heiße Peer Gebauer, bin seit Ende August als neuer Deutscher Botschafter in Rumänien akkreditiert, 50 Jahre alt, verheiratet, zwei Kinder, stamme ursprünglich aus Stuttgart, also aus dem Schwabenland – das ist ein Begriff, der auch hier immer wieder fällt – und bin seit 2000 im diplomatischen Dienst. Ich habe bislang eine klassische diplomatische Karriere absolviert, mit verschiedenen Verwendungen im Inland wie im Ausland. Als Auslandsposten waren das ein paar Jahre in Tel Aviv, danach in Japan, zuletzt in Thailand, als ständiger Vertreter an der Botschaft. Die letzten vier Jahre habe ich im Bundeskanzleramt, entsandt  vom Auswärtigen Amt, im außenpolitischen Team der Bundeskanzlerin gearbeitet. In den letzten zwei Jahren als einer der stellvertretenden außenpolitischen Berater. Jetzt,  kurz nach Dienstantritt, wurde ich gebeten, nach Berlin zurückzukehren und so war ich die letzten sechs Wochen als außenpolitischer Berater der Bundeskanzlerin tätig. Das war eine spannende Zeit, und so schade es war, Rumänien nochmals verlassen zu müssen, so interessant war es auf der anderen Seite, wieder einmal ganz nah zu sein an der Politik und an der sehr beeindruckenden Bundeskanzlerin. Jetzt bin ich seit dem Wochenende endgültig hier in Bukarest, meine erste Dienstreise hat mich nach Hermannstadt geführt und ich freue mich sehr darüber.

Warum nach Hermannstadt?

Ich habe mir ganz bewusst überlegt, wo mich meine erste Dienstreise führen soll. Ich finde Hermannstadt ist eine sehr gute und auch naheliegende Wahl für mich als Deutscher Botschafter, denn die deutsche Minderheit ist ein ganz zentraler und wichtiger Bezugspunkt. Ich muss sagen, ich habe den Eindruck, dass ich eine wunderbare Entscheidung getroffen habe, denn diese Stadt präsentiert sich fantastisch, eine wunderschöne Stadt, eine fantastische Landschaft und die Gespräche, die wir gestern und heute geführt haben, bestärken mich in dem Eindruck, dass es hier ganz viele tolle Projekte der Zusammenarbeit gibt und ein großes Potenzial, um die Beziehungen weiter auszubauen.

Zu ihrem Werdegang: Warum haben Sie sich für eine politische Karriere entschieden?

Ich habe Jura studiert und während des Rechtsreferendariats die Chance genutzt, einige Monate an einer Auslandsvertretung zu arbeiten. Ich war also drei Monate an der Deutschen Botschaft in Washington D. C. tätig, habe dort den diplomatischen Betrieb kennen gelernt und fand das so spannend, dass ich mich schließlich entschlossen habe, dort mein Glück zu versuchen.

Und ist es spannend geblieben?

Es ist ein wunderbar spannender Lebensweg, den ich bisher durchlaufen konnte und ich habe die Entscheidung nie bereut.

Sie sind jetzt zum ersten Mal Botschafter.

Richtig.

Bietet Rumänien einen guten  Einstieg?

Es ist ein fantastischer Einstieg. Rumänien hat enorm viel zu bieten, es ist ein enger Partner Deutschlands in der EU und in der NATO und wir sind verbunden über ganz viele bilaterale Kontakte und Beziehungen. Das betrifft den Bereich der Wirtschaft, wo wir eine großartige Erfolgsgeschichte haben. Ich habe gelernt, dass Deutschland der größte Investor in Rumänien ist, unglaublich viele Unternehmen sind vorort tätig und natürlich auch umgekehrt. Und dann haben wir eben diesen Schatz der deutschen Minderheit hier in Rumänien, der das Arbeiten für eine deutsche Botschaft und für einen deutschen Botschafter eben wirklich einzigartig macht. Ich denke, da beneiden mich einige Botschafter in anderen Ländern darum.

Welche Ziele, welche Schwerpunkte haben Sie?

Ich will zum einen den Bereich der Europapolitik natürlich weiter in den Fokus nehmen. Wie schon erwähnt, sind wir enge Partner in der Europäischen Union. Die EU besteht mittlerweile aus sehr vielen Mitgliedern und wir merken zunehmend, dass es durchaus auch interne Spannungen und unterschiedliche Nuancierungen gibt und es mit einigen europäischen Mitgliedstaaten schwieriger ist, zusammenzuarbeiten. Rumänien ist ein wunderbares Beispiel für einen sehr konstruktiven europäischen Partner und ich glaube, dass das für uns als Bundesrepublik sehr lohnend ist, uns noch intensiver in europapolitischen Themen mit Rumänien auszutauschen.

Darüber hinaus sind wir, wie erwähnt, Partner und Alliierte in der NATO. Die Sicherheitspolitik ist ein Bereich, der für uns aber auch für Rumänien von besonderer Bedeutung ist, denn Rumänen ist ein Außengrenzstaat der NATO und in einer Region beheimatet, die einige politische Herausforderungen mit sich bringt. Es ist mein besonderes Anliegen, diese sicherheitspolitische Kooperation weiter auszubauen und zu vertiefen.

Dann haben wir das ganz große Feld der bilateralen Beziehungen, einen intensiven Wirtschaftsaustausch und eine kulturelle Nähe über die deutsche Minderheit und ich will diesem Bereich einen besonderen Fokus in meiner Arbeit geben. Und ich freue mich darauf, neue Vorhaben und neue Projekte anzustoßen.

Sie haben Ihr Amt mitten in einer politischen und sanitäten Krise übernommen. Macht dies Ihr Leben schwieriger?

Ja, zum einen ist die Pandemie ein Thema, das uns auf der ganzen Welt intensiv beschäftigt.  Rumänien ist gerade in einem sehr heftigen Anstieg der Infektionszahlen, das ist für das Land schwierig und bedeutet auch für uns als Botschafter, dass wir unsere Arbeit und unsere Kontakte anpassen müssen. Das ist kein rumänienspezifisches Phänomen, das haben wir weltweit und damit müssen wir eben umgehen. Die Innenpolitik im Land befindet sich in der Tat im Moment in einer etwas unruhigen Phase. Demokratie bedeutet, dass es verschiedene Parteien, verschiedene politische Ansichten und einen innenpolitischen Diskurs gibt. Man ist nicht immer einer Meinung, man muss gewisse Diskussionen führen und auch schauen, dass man Kompromisse schließt und wieder zusammen kommt. Ich denke, das zeichnet Demokratie aus, von daher würde ich denken, dass Phasen der Diskussion und des Miteinanderringens per se nicht negativ sind, sondern eher normal für eine Demokratie. Ich wünsche dem Land, dass man wieder konstruktiv zusammen kommt. Für einen Diplomaten, einen ausländischen Beobachter in einem solchen Land, ist das ein spannender Prozess und natürlich versuchen wir, das auch zu verstehen und einzuordnen und es auch unserer Zentrale in Berlin verständlich zu vermitteln. Das ist eine spannende Aufgabe, die wir gerne erfüllen. Dafür müssen wir mit allen Beteiligten viele Gespräche führen.

Ist es also schwieriger oder nur spannender?

Ich würde sagen, es ist spannender.

Welche sind, Ihrer Meinung nach, die Stärken bzw. die Schwächen Rumäniens?

Rumänien hat in den letzten 30 Jahren eine fantastische Entwicklung durchlaufen und präsentiert sich auch heute in einem wunderbaren Zustand. Das zeigt, dass in dem Land und in der Gesellschaft ein riesiges Potenzial steckt. Die deutschen Unternehmen investieren heute auch in Forschung und Entwicklung, es ist ein Standort mit einer hochausgebildeten qualifizierten IT-Elite, das sind riesige Stärken, die Rumänien im wirtschaftlichen Bereich zu bieten hat. Im politischen Bereich habe ich bereits erwähnt, dass Rumänien ein sehr verlässlicher und konstruktiver Partner innerhalb der EU und der NATO ist und das bietet auch riesige Vorteile.

Jedes Land, auch Rumänien, hat natürlich die Chance, sich weiter zu entwickeln. Ich glaube, dass Rumänen Bereiche hat, in denen sich das Land engagierter und selbstbewusster zeigen kann. Z. B. im Feld des Tourismus, wo Rumänien so Vieles zu bieten hat, zum Beispiel Siebenbürgen, das Donaudelta oder die Schwarzmeerküste. Es ist aber touristisch weniger erschlossen als andere Länder in der Nachbarschaft.

Ich glaube, dass Rumänien innerhalb der EU seine Stimme durchaus selbstbewusster erheben  und sich konstruktiv einbringen kann und sich nicht so bescheiden zurückhalten muss, denn Rumänien steht für viel Positives.

Was kann im Sicherheitsbereich getan werden?

Es gab bereits im Sommer eine erste Beteiligung der  Deutschen Luftwaffe an der Forward Presence – da geht es eher um die Absicherung des NATO-Luftraums – und ich weiß, dass es auch da Überlegungen in Berlin gibt, für ein weiteres Engagement deutscher Soldatinnen und Soldaten bei der Sicherung der Außengrenzen der NATO. Rumänien ist auch Heimat mehrerer multinationaler Militäreinrichtungen – auch in Hermannstadt ist eine im Aufbau begriffen – und wir werden weitere deutsche Soldatinnen und Soldaten schicken, denn diese Kooperation ist sehr wichtig. Die Region, in der sich Rumänien befindet, das Schwarze Meer, die Nähe zur Ukraine, wo ein Konflikt weiterhin existiert, die Nähe auch zur Türkei und damit zum Nahen Mittleren Osten ermöglicht es, einen besonderen Blick auf diese besonderen Themen zu haben und ich würde mich freuen, wenn wir den Austausch über die sicherheitspolitischen und regionalpolitischen Fragen intensivieren könnten.

Haben Sie einen besonderen Wunsch für Ihre Zeit hier in Rumänien?

Ich freue mich erstmals riesig hier zu sein und wenn ich einen Wunsch äußern kann, den ich mir  hoffentlich selber erfüllen kann, dann ist dieser, möglichst viel von diesem wunderschönen Land zu entdecken und mit möglichst vielen Menschen ins Gespräch zu kommen. Hermannstadt war erst der Auftakt, es wird bestimmt nicht die letzte Reise hierher bleiben, ich werde ganz sicher auch privat mit der ganzen Familie wiederkommen, aber es gibt bestimmt noch viele andere Orte, die ich bereisen will und ich hoffe, dass ich nach meiner Zeit als Botschafter den Eindruck haben werde, ganz viel entdeckt zu haben.

Herzlichen Dank.

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Persönlichkeiten, Politik.