,,Es weht ein frischer Wind“

Streiflichter von den Feierlichkeiten zur Einweihung der Stadtpfarrkirche

Ausgabe Nr. 2743

Heller und freundlicher ist der Innenraum der evangelischen Stadtpfarrkirche in Hermannstadt. Dadurch kommt auch das minutiös gereinigte und restaurierte Orgelsprospekt aus der Barockzeit besser zur Geltung.                                     Foto: Fred NUSS

,,Eine Kirche ist nicht schon dann eine Kirche, wenn sie fertig gestellt und eingeweiht ist. Eine Kirche wird eine Kirche mit jedem Kind, das darin getauft ist; mit jedem Gebet, das darin gesprochen wird, und mit jedem Toten, der darin beweint wird. 
Dieser Ort wird ein heiliger Ort, indem Menschen ihn heiligen mit ihren Tränen und mit ihrem Jubel.“  In diesen in der als Dialog gestalteten Predigt gesprochenen Sätzen fasste Stadtpfarrer Kilian Dörr zusammen, was die evangelische Stadtpfarrkirche alles bedeutet, deren Einweihung letzte Woche an drei Tagen ausgiebig gefeiert wurde.

 

Rumäniens Staatspräsident Klaus Johannis und seine Gattin Carmen Johannis im Gespräch mit Stadtpfarrer Kilian Dörr und Vikarin Angelika Beer, die im Rahmen des Einweihungsgottesdienstes eine Dialog-Predigt gehalten haben.               Foto: Beatrice UNGAR

Das reichhaltige Programmangebot war für alle Altersklassen und Geschmäcker gedacht und nicht nur die Mitglieder der Hermannstädter evangelischen Kirchengemeinde A. B. nahmen es wahr. Insofern war die Wiedereinweihung der evangelischen Stadtpfarrkirche knapp vor Abschluss des zweiten Bauabschnitts der Renovierungsarbeiten ein Fest für die Stadt selbst aber auch für die Partnergemeinden aus dem Ausland. Eigens angereist war u. a. eine kleine Delegation von der evangelischen Pfarrgemeinde Johanneskirche mit Pfarrer Lutz Lehmann an der Spitze. Nicht zuletzt stellt die Stadtpfarrkirche ein wertvolles Kulturerbe für Rumänien insgesamt dar und dies war wohl auch einer der Gründe, die Staatspräsident Klaus Johannis bewogen, gemeinsam mit seiner Gattin Carmen Johannis der Einladung zum Einweihungsgottesdienst am Sonntag, den 10. Oktober, Folge zu leisten. 2007, als Hermannstadt gemeinsam mit Luxemburg und der Großregion Europäische Kulturhauptstadt  war, stellte nicht nur für den damaligen Bürgermeister Klaus Johannis eine Herausforderung dar. Es war auch das Jahr, in dem die Dritte Europäische Ökumenische Versammlung in Hermannstadt stattgefunden hat und das Jahr, in dem die evangelische Kirchengemeinde erfuhr, dass ihre Stadtpfarrkirche einsturzgefährdet ist. Der Innenraum der Kirche musste abgesichert werden, nachdem Stücke aus dem Gewölbe sich gelöst hatten und hinuntergefallen waren.  Die Sanierungsmaßnahme im Rahmen des von der EU geförderten Regionalen Operationellen Programms wurde 2008 in Angriff genommen. Im Oktober 2010 wurde der Finanzierungsvertrag für das EU-Projekt zur Sicherung des 700 Jahre alten Dachstuhls und des Gewölbes unterzeichnet, 2011 war Baubeginn und nach dreieinhalb Jahren, Mitte August 2014, wurde die Sanierung des Kirchendaches abgeschlossen. Bei den Arbeiten kamen immer mehr Mängel zum Vorschein und machten ein Nachfolgeprojekt unumgänglich. Es sollte unter dem genauen Titel  „Die Aufwertung des Kulturerbe-Gebäudes – die evangelische Stadtpfarrkirche A. B. in Hermannstadt – durch Konservierungs- und Restaurierungsarbeiten an dem Gebäude sowie die Modernisierung der umgebenden Infrastruktur, Huetplatz, Hermannstadt, Kreis Hermannstadt“ als EU-Projekt aus dem Regionalen Operationellen Programm für die Zeitspanne 2014-2020 gefördert werden, wobei der Finanzierungsvertrag am 11. April 2017 unterzeichnet wurde.

Zum Auftakt der Performance am Freitagabend überreichten Kurator Udo Puschnig und Pfarrer Lutz Lehmann Stadtpfarrer Kilian Dörr eine Osterkerze für 2022.Foto: Beatrice UNGAR

Ebenfalls im Jahr 2007 zeichnete am 30. September ein Team des TV-Senders ZDF den Sonntagsgottesdienst auf. Die Aufzeichnung wurde am 14. Oktober ausgestrahlt und kann als Geburtsstunde der Sanierung der Stadtpfarrkirche angesehen werden, denn sie führte zu einer großzügigen Anschubfinanzierung durch private Spenden. So konnte man aus  den Kollekten, die zum Teil von der Heimatgemeinschaft der Hermannstädter in Heilbronn gesammelt und geschickt wurden, ein aufwändiges Schutzgerüst einbauen lassen, und von den Zuwendungen des evangelischen Fabrikanten Helmut Kreutz, der mit seiner Frau Elfriede ebenfalls die Übertragung gesehen hatte, konnten die Planungsarbeiten in Auftrag gegeben und das erste EU-Projekt beantragen.

Amalia Verzea (links) stellte die Restaurierung der Vitralien der Stadtpfarrkirche in einem anschaulichen Vortrag am Sonntagmittag vor. Zu sehen ist auch die hierher translozierte beschädigte Stolzenburger Orgel.                                                                              Foto: Beatrice UNGAR

Nicht zuletzt wurde 2007 in einem Haus der evangelischen Kirchengemeinde in der Fleischergasse die Behindertenwerkstatt gegründet. So kam es, dass einige der dort Betreuten in die Feierlichkeiten eingebunden wurden. So am Freitagabend in der Performance  ,,Building. Hope. Together“ und am Sonntag im Einweihungsgottesdienst, in dem sie je eine in dieser Werkstatt hergestellte Kerze für jede Fürbitte anzündeten.

Pfarrer Gregor Schmoly von der evangelischen Pfarrgemeinde Johanneskirche aus Klagenfurt (1. v. l.) und Dechant Hans-Georg Junesch (2. v. l.) bei der Einsegnung  der Martinsberger Orgel und des vorreformatorischen Flügelaltars.Foto: Dragoș DUMITRU

In der Ferula der evangelischen Stadtpfarrkirche wurde am Freitagmittag die Martinsberger Orgel und der vorreformatorische Altar der Hermannstädter Stadtpfarrkirche eingeweiht. Zu Beginn lud Musikwart Jürg Leutert alle zum Singen des Kanons „Vom Aufgang der Sonne“ ein. Es folgte die Segnung der Orgel und des Altars durch Hans Georg Junesch, Dechant des Kirchenbezirks Hermannstadt, Pfarrer Michael Reger und Pfarrer Gregor Schmoly von der Johanneskirche aus Klagenfurt.

Den Klang der Orgel konnten die Besucher gleich mehrmals bewundern, denn das Musikerehepaar Jürg Leutert und Brita Falch Leutert gaben, begleitet von einigen Mitgliedern des Hermannstädter Bachchores mehrere Kostproben. Die Martinsberger Orgel wurde 1811 von Samuel Joseph Maetz gebaut und stand bis vor drei Jahren in der Martinsberger Kirche. 1980 wurde die Orgel von Hermann Binder einer Generalreparatur unterzogen. Im November 2018 wurde alles außer dem Gehäuse und der Balganlage in die Werkstatt der Firma SC COT SRL in Honigberg transportiert, um dort gereinigt, kontrolliert und repariert zu werden. Im Lauf der Planung für die Renovierung der evangelischen Stadtpfarrkirche Hermannstadt stellte sich heraus, dass der Turmfuß der Ferula ein idealer Ort für die Martinsberger Orgel ist, wo sie nun auch aufgestellt wurde. Der Orgelrestaurator Ferdinand Stemmer von der Firma SC COT SRL sprach über die Restaurierung und den Aufbau auf der neuen Empore der Martinsberger Orgel. Er verriet, dass das fehlende Register, die „Vox Humana“, in Honigberg gebaut und nun in der Orgel neu eingebaut wurde.

Mit Stadtkantorin Brita Falch Leutert an der Martinsberger Orgel ließen einige Mitglieder des Hermannstädter Bachchors  unter der Leitung von Musikwart Jürg Leutert u. a. die Chorale „Herr Jesu Christ, dich zu uns wend“ und „Jesus bleibet meine Freude“ von Johann Sebastian Bach erklingen.Foto: Cynthia Pinter

Der vorreformatorische Altar wurde 1720 mit dem neugotischen Altar ersetzt, der jetzt in der Stadtpfarrkirche steht. Der alte Altar stand eine Zeit lang im Ursulinenkloster bis zu dessen Abriss 1868, als der Altar in die Elisabethkirche und dann in die Ferula gebracht wurde, wo er bis Anfang der 1980-er aufbewahrt worden war. Nun kann der vorreformatorische Flügelaltar zusammen mit der Martinsberger Orgel in der Ferula der Stadtpfarrkirche bewundert werden.

Die Performance ,,Building. Hope.Together“ bestritten Bachchor, Kinderchor und Menschen mit Behinderungen. Zum Abschluss ,,regnete“ es bunte Luftballons.    Foto: Beatrice UNGAR

In dem Einweihungsgottesdienst am Sonntag boten die Neppendorfer Vikarin Angelika Beer (A. B.) und Stadtpfarrer Kilian Dörr (K. D.) eine Dialog-Predigt und die begann so: A.B.: ,,Neue Steine auf dem Fußboden, eine neue, helle Farbe an den Wänden, neue Lampen an den Seiten. Ein frischer Wind weht durch diese schöne alte Kirche. Der Kirchenraum wirkt viel breiter als vorher –  es lässt sich anders atmen darin“. KD: ,,Anders atmen – nicht nur, weil so vieles neu ist. Sondern auch, weil wir als Menschen hier Platz finden mit unserer Imperfektion, mit unserer Fehlerhaftigkeit. Und da haben unsere Vorfahren in einer Art Predigt der Steine eine Imperfektion offenbar bewusst eingebaut: Bei früheren Veranstaltungen haben wir oft vergeblich versucht,  den langen Teppich im Mittelgang auszurichten, und es wollte nicht gelingen. Nun haben die Architekten das bestätigt: es kann gar nicht gelingen, denn schon vom Grundriss her ist diese Kirche so gebaut, dass in der Längsachse ein leichter Knick ist. Offenbar haben schon die, die das Fundament auf den Boden zeichneten und dann die Gräben zogen, offenbar haben sie es darauf angelegt, dass alle, die nach ihnen weiterbauen, keine Perfektion erreichen können.  Wie Leonhard Cohen singt: ,,Forget your perfect offering/ There is a crack in everything./ That’s how the light gets in.“ (Vergiß deine ganzen Bemühungen um Perfektion./In allen Dingen gibt es einen Knick. /Aber genau dort kommt ein Lichtstrahl durch.).Und das ist tröstlich.

Am Samstag und am Sonntag gab es auch Kirchenführungen für Kinder unter dem Motto ,,Kinder entdecken die Kirche“.                                                                              Foto: Dragoș DUMITRU

Man kann dem nur zustimmen, was auf der Homepage der Hermannstädter evangelischen Kirchengemeinde A. B. zu lesen ist: ,,Die Stadtpfarrkirche von Hermannstadt ist im Laufe der Geschichte mit zahlreichen Attributen belegt worden:  Als ‚merckwürdigstes Gebäude Hermannstadts‘, wird sie in einem Reisebericht bezeichnet; der Hermannstädter Gelehrte Emil Sigerus nannte sie eine wahre ‚Gedenkhalle‘ der Siebenbürger Sachsen. Heute ist sie viel mehr: ein Wahrzeichen der Stadt Hermannstadt.“ Die Aufzeichnung des Einweihungsgottesdienstes finden Sie unter https://www.facebook.com/EvangKircheHermannstadt/videos/197448785800023/

Cynthia PINTER

Beatrice UNGAR

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Kirche.