Zwischen Kitsch und Tradition

Der 55. Töpfermarkt hat am Wochenende auf dem Großen Ring stattgefunden

Ausgabe Nr. 2738

Der 55. Hermannstädter Töpfermarkt fand am Samstag und Sonntag auf dem Großen Ring statt. Unser Bild: Welcher Krug ist wohl der schönste?         Foto: Ruxandra STĂNESCU

Bei der 55. Auflage des Töpfermarktes, der traditionell am ersten Wochenende im September stattfindet, konnte man eine traurige und besorgniserregende Tendenz nicht mehr ignorieren: Die echten Töpfer und Keramiker werden mehr oder weniger langsam aber sicher durch die Kitsch-Hersteller und -Verkäufer der bulgarischen und chinesischen Keramik vom Markt vertrieben.

Organisiert wird der Töpfermarkt von Cindrelul Junii Sibiului, in Zusammenarbeit mit dem Astra-Museum, das u. a. die Listen mit den Töpfern und Keramikern zur Verfügung stellt, die noch selber in den eigenen Werkstätten ihre Ware herstellen und auch zu den anderen Märkten im Freilichtmuseum im Jungen Wald eingeladen werden. Im Vergleich zu diesen Märkten schien der diesjährige Töpfermarkt auf dem Großen Ring ein regelrechter Basar zu sein. Die Ware, die bisher auf dem Romamarkt zu finden war, der parallel zum Töpfermarkt organisiert wird, fand dieses Jahr Einzug auf dem Töpfermarkt und wird von jetzt auch nicht mehr zu vertreiben sein, falls nicht alle Organisatoren und Finanzierer dagegen kämpfen, trotz Freundschaften, politischen Druck und persönliche Vorliebe für Kitsch.

Traditionelle Teller und Tassen aus Horezu.             Foto: die Verfasserin

Auch wenn die Anzahl der traditionellen Handwerker seit Jahren zurückgeht, muss man die klassischen Horezu-Teller nicht mit übergroße rosarote Schuhe und Männchen aus geklebten Blumentöpfen mit riesigen Augen ersetzen – lieber klein aber fein sollte dieser Markt bleiben, mit traditioneller oder moderner Keramik, originell, plastik-, klebstoff- und serviettenfrei. Und ja, es wäre Platz in Hermannstadt auch für einen zweiten Keramikmarkt, für alle anderen Anbieter und ihre Kunden.

Eine weitere Hürde für den Käufer ist, originale, in traditionellen Töpferzentren hergestellte Ware zu kaufen, denn inzwischen machen es sich auch einige Handwerker einfach: Sie bestellen Keramikware in Bulgarien oder China, die waschecht aussieht, und verkaufen sie hier als eigene Produkte. „Zum Teil ist die Ware so gut kopiert”, erklärt Olga Popa vom Astra-Museum, „dass es sogar uns, als Experten, täuschen könnte”. Da hilft nur eins: die Unterschrift des Künstlers. „Vom Künstler signierte Ware können Sie ruhig kaufen, besonders wenn der Töpfer auch der Verkäufer ist, die wird noch nicht gefälscht”, erklärte im Weiteren die Museografin.

Dieses Jahr kamen die traditionellen Künstler u. a. aus Horezu, Korund, Baia Mare. Olga Popa: „Dieses Jahr ist ein absolut sensationelles Mädchen dabei, aus Braniştea/Kreis Galaţi, Mihaela Pleșea, das unter unseren Augen aufgewachsen ist, durch die Projekte und Schulolympiaden des Museums.”

Aus dem Ausland war pandemiebedingt nur ein einziger Töpfer aus Ungarn angereist, auch aus Rumänien waren weniger als im Vorjahr dabei, „und qualitativ auch schwächer”, wie die Museografin traurig zugeben musste. „Viele der Töpfer, die noch traditionell arbeiten, sind eher älter, stellen weniger her und verkaufen ihre Ware oft aus der eigenen Werkstatt oder auf bevorzugen Märkte, die näher an ihren Wohnorten liegen. Außerdem haben viele von ihnen keine Lehrlinge – nicht einmal in den eigenen Familien wird die Tradition weitergeführt.” Dabei ist die Keramik weiterhin sehr beliebt: „Es fehlen einfach die guten Schulen. Wir hoffen, durch das neue Projekt des Museums im Schatzkästlein am Kleinen Ring  Handwerkerschulen zu organisieren”, so Olga Popa.

Wann und ob es besser wird mit der Qualität auf dem Töpfermarkt bleibt bis zum ersten Wochenende im September 2022 abzuwarten.

Ruxandra STĂNESCU

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