Das Ereignis des Jahres

28. Auflage des Internationalen Hermannstädter Theaterfestivals hat begonnen

Ausgabe Nr. 2736

Das 28. Internationale Hermannstädter Theaterfestival findet noch bis Sonntag statt. Unser Bild: ,,La Serva Padrona“ (Die Magd als Herrin) von Giovanni Battista Pergolesi nach einem Libretto von Gennaro Federico führte die Temeswarer Rumänische Nationaloper (Regie Silviu Purcărete, Bühnenbild Dragoș Buhagiar) am Samstagabend im Lulu-Saal in der Kulturfabrik auf; Narcisa Brumar und George Proca glänzten in ihren Rollen als Serpina bzw. Uberto.         Foto: Dragoș DUMITRU

So könnte man das Internationale Hermannstädter Theaterfestival – kurz FITS – betiteln. Die größte Veranstaltung der Stadt am Zibin wächst von Jahr zu Jahr und ist der kulturelle Höhepunkt des Sommers. Die 28. Auflage des Theaterfestivals ist in vollem Gange, hat am Freitag, dem 20. August begonnen und dauert noch bis diesen Sonntag, dem 29. August. Das Motto lautet „Construim speranța împreună“ („Gemeinsam bauen wir Hoffnung auf“), daran Teil nehmen Schauspieler/innen und Künstler aus 37 Ländern. Im Programm stehen über 600 Veranstaltungen. Zu den gewohnten Indoor-, sowie Outdoor-Veranstaltungen sind diesmal einige Events exklusiv online zu sehen. Dazu kommt eine „Hybrid-Variante“, bei der wichtige Theaterstücke gefilmt und live in Kinosälen gesendet werden. Für Theaterliebhaber bedeutet das die Qual der Wahl, wie jedes Jahr.

 

Was anders ist, sind natürlich die Covid-19 Bestimmungen, an die man sich als Zuschauer halten muss. Für Geimpfte kein Problem, denn die Veranstalter banden jenen ein grünes Armband um, das für die ganze Festivalzeit gültig ist. Hin und wieder hörte man allerdings Geschichten, dass der ein oder andere (Ungeimpfte) ganz auf FITS verzichtet hatte, aus Angst vor der Ansteckung. Das gewohnte Gedränge vor den Türen der Theatersäle blieb deswegen aus und man konnte meistens noch kurz vor Beginn der Vorstellung Eintrittskarten ergattern. So geschehen auch am ersten Festivaltag, beim hoch gepriesenen Theaterstück der beiden Theater „Cheek by Jowl“ und „Moskow Pushkin Drama Theater“: „Cavalerul înflăcărat“ (Der Ritter von der brennenden Mörserkeule)  von Francis Beaumont. Die weltweit nur selten aufgeführte Komödie aus der elisabethanischen Ära war absolut köstlich anzusehen. Kurz zum Inhalt: Kaum sind die ersten Dialoge des Stückes „Die Tochter des Spekulanten“ gesprochen, da wird der Prolog von einem Ehepaar aus dem Publikum unterbrochen: Ein Geschäftsmann, seines Zeichens Gewürzgroßhändler, und seine Frau protestieren: Sie wollen ein anderes Stück sehen, am besten eines mit einem Gewürzhändler als Helden. Kurz entschlossen schicken die Geschäftsleute ihren Enkel Tim auf die Bühne. Er soll einen Ritter spielen und zum Ruhm der Branche große Taten vollbringen. Sein Zeichen soll das Werkzeug der Gewürzhändler sein: die Mörserkeule. Es kommt einiges durcheinander, wenn im Folgenden, parallel zum geprobten Stück der Bühnenprofis, Tim mit Unterstützung von Onkel und Tante als eine Art Don Quijote, eine Ritterhandlung improvisiert. Das führt zu urkomischen Verwicklungen und Wandlungen, doch bis zum Schluss siegt das Theater.

Agrippina Steklova (links) und Alexander Feklistov (mit Gitarre) waren absolut köstlich anzusehen in der Komödie „Cavalerul înflăcărat“ (Der Ritter von der brennenden Mörserkeule).                   Foto: Adi BULBOACĂ

Theater, aber vor allem Tanz und Zirkus-Performances gab es schon am ersten Tag überall im Zentrum von Hermannstadt: am Großen Ring, in der Heltauergasse und am Habermannmarkt. Die schon oft beim FITS gewesenen „Deus ex Machina“ heizten dem Publikum auf dem Großen Ring mit ihrer Akrobatikshow „Galileo“ am Eröffnungsabend aus schwindelerregender Höhe ein. Es folgte das traditionelle Feuerwerk, das vom Theaterparkplatz gezündet wurde und fast 30 Minuten lang den Himmel hell und bunt leuchten ließ.

Das Wochenende war gespickt mit unterhaltsamen Theaterstücken, lustig und tragisch, rumänisch und ausländisch, für jeden Theaterliebhaber war etwas dabei. Erwähnenswert am Samstag, dem 21. August waren die Komödie „Salba dracului“ (moldauisch umgangssprachlich für Faulbaum) von Vasile Alecsandri, in der Regie von Alexandru Dabija des Teatrul Dramatic „Fani Tardini“ aus Galați und die Oper „La serva padrona“ (Die Magd als Herrin) von Giovanni Battista Pergolesi (Musik) und Gennaro Federico (Text), die von der Rumänischen Nationaloper Temeswar, in der Regie von Silviu Purcărete aufgeführt wurde. Die gesungene Geschichte der Magd Serpina (Narcisa Brumar), die das Haus des alten Junggesellen Uberto (George Proca) beherrscht und ihn mit weiblicher List davon überzeugt, dass sie als einzige als seine Ehefrau in Frage kommt, wurde wie die meisten Indoor-Veranstaltungen in der Kulturfabrik IACM Construcții SA UniCredit gezeigt.

Gruppenfoto aus dem Stück „Itinerarii. Într-o zi lumea se va schimba“ von Yann Verburgh, in der Regie von Eugen Jebeleanu. Foto: Bogdan BOTOFEI

Am Sonntag, dem 22. August war das Theaterstück „Itinerarii. Într-o zi lumea se va schimba“ von Yann Verburgh, in der Regie von Eugen Jebeleanu ein Muss für alle Theaterfans.  Aufgeführt wurde das Stück von „ARCUB & Compagnie des Ogres“, einer rumänisch-französischen Zusammenarbeit. Angesprochen wurden aktuelle Themen, wie Bullying in der Schule, Sexismus am Arbeitsplatz, Migration, Homofobie u.a.. Es ist die Art von Theaterstück, die den Zuschauer fesselt, ihn die Zeit vergessen lässt. Zweieinhalb Stunden vergingen wie im Flug und jede Szene fühlte sich an wie ein gespannter Bogen, dessen Pfeil zum Schluss abgeschossen wird. Persönliche Erlebnisse der Schauspieler wurden mit klassischen Theaterstücken wie „Drei Schwestern“ von Anton Tschechow, „Hamlet“ von William Shakespeare oder „Der Vater“ von August Strindberg verflochten.

Kritik an der Gesellschaft übten auch die Schauspieler des Stücks „Jocuri din curtea din spate“ (Die Schaukel) von Edna Mazya, in der Regie von Diana Mititelu, des Staatstheaters Constanța, das am  Montag, dem 23. August, im Kinder- und Jugendtheater „Gong“ gespielt wurde. Auf einem Spielplatz trifft die vierzehnjährige Jenny auf vier ältere Schulkameraden. In ihrem Streben nach Anerkennung lässt sie sich auf anfangs harmlos scheinende Spiele ein. Zunehmend provokativer werden die Übergriffe und enden in der Vergewaltigung des Mädchens. Das Stück der israelischen Dramatikerin Edna Mazya beruht auf einer wahren Begebenheit. Es ist schonungslos, und trotzdem sensibel und vielschichtig.

Spektakulär: die Akrobaten der Kompagnie „Jumping Robots“ (Russland), hier vor dem Hotel Römischer Kaiser.         Foto: Sebastian MARCOVICI

Einen Einblick in die korrupte Welt der Politiker ließ uns Ignasi Vidal mit seinem Theaterstück „Demnitate“ (Würde) am Dienstag, dem 24. August werfen. Die beiden Schauspieler Marius Manole und Șerban Pavlu waren absolut großartig in ihren Rollen als Freunde und Politiker, in einem Stück über Loyalität, Korruption, Moral, Politik und Freundschaft. Es geht um die Macht im Inneren einer großen Partei, um die Manipulation der kleinen Angestellten und vor allem um die Diskrepanz zwischen der Politik, die im TV gezeigt wird und der Politik hinter geschlossenen Türen.

Es folgt ein volles Wochenende mit vielen sehenswerten Theaterstücken, Konzerten, Tanzvorstellungen, Zirkus- und Akrobatikshows. Das Internationale Theaterfestival findet nur einmal im Jahr statt und sollte nicht verpasst werden.

Cynthia PINTER

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Theater.