,,Mehr als eine formelle Ehrung“

Eginald Schlattner mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt

Ausgabe Nr. 2728

Sichtlich gerührt zeigt der Schriftsteller und Pfarrer Eginald Schlattner die Urkunde über die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes vor, die ihm Botschafter Cord Meier-Klodt überreicht hat.                 Foto: Beatrice UNGAR

„Ich glaube nicht fehlzugehen, wenn ich meine, dass diese Ehrenerweisung am Ende einer langwährenden Biographie nicht nur die sporadischen Meriten des Erwählten benennt, sondern die Lebensgeschichte als Ganzes begeht, das Geschehene in seinem Widerspruch ermisst.  Gewiss haben sich die abwägenden Begutachter  nicht allein am Gelungenem orientiert, an Erfolg, an Großtaten, sondern mit im Auge behalten das Verfehlte, Irrtümer, die Schuld. Damit beinhaltet diese hohe Auszeichnung mehr als eine formelle Ehrung und artige Huldigung einer Person.“ Dies erklärte der Schriftsteller und Pfarrer Eginald Schlattner, als er erfuhr, dass Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ihm das Bundesverdienstkreuz verliehen hat.

In der diesbezüglichen Pressemitteilung der Deutschen Botschaft in Bukarest heißt es, dass die Verleihung ,,in Anerkennung und Würdigung von dessen lebenslangen Engagements für die Förderung europäischer Werte, Toleranz und interethnischen Respekts“ erfolgt sei.

Überreicht hat das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland Botschafter Cord Meier-Klodt dem bekannten Schriftsteller und Gefängnispfarrer Eginald Schlattner am Donnerstag der Vorwoche im Rahmen eines Festaktes im Garten des Deutschen Konsulats in Hermannstadt.

Die Schlattner-Brüder Eginald (2. v. r.) und Kurtfelix (3. v. l.) setzten sich nach dem Festakt mit Kindern und Enkelkindern sowie Gästen zu einem Plausch in den Schatten.                                             Foto: Beatrice UNGAR

Er werde ,,eine bleibende Erinnerung an diesen wichtigen Tag in unseren bilateralen Beziehungen“ bewahren, sagte Konsul Hans Erich Tischler der Hermannstädter Zeitung. Es war tatsächlich ein denkwürdiger Tag und alle vom Deutschen Konsulat hatten eifrig bei den Vorbereitungen  mitgedacht und mitgemacht. So wurden die ca. 40 Eingeladenen herzlich empfangen und es wurden ihnen Sitzplätze im  Schatten der vielen Bäume im Garten des Konsulats angeboten. Bei der Hitze eine Wohltat.

Dem Gewürdigten war die Erregung kaum anzumerken, während er in seiner andächtigen Art der Rede des Deutschen Botschafters lauschte (Anm. der Red.: Die Rede ist oben im Wortlaut abgedruckt). Als Eginald Schlattner Orden und Urkunde entgegengenommen hatte und nun selbst eine Ansprache halten sollte,    wurde es mehr als persönlich und emotional, wie man es von ihm gewohnt ist. Er werde statt den genehmigten 20 Minuten 21 Minuten sprechen, schickte er voraus. Er tat es dann konsekutiv in den drei Sprachen, die in Siebenbürgen mal jede und jeder sprechen konnte: Zunächst in Deutsch, seiner Muttersprache, dann in Rumänisch und schließlich richtete er auch einige gut gewählte Sätze auf Ungarisch an die Anwesenden. Diese mussten erstaunt feststellen, wie schnell 21 Minuten vergehen, wenn Eginald Schlattner am Rednerpult wie immer sein Bestes gibt. Länger dauerte es dann bis alle Anwesenden dem Gewürdigten ihre Glückwünsche überbrachten. Ein besonderes Geschenk hatte der Verleger Traian Pop mitgebracht: Den neuesten Roman des seit 47 Jahren in Rothberg dienenden Seelsorgers: ,,Drachenköpfe“. Das Buch konnten dann beim ,,Tag der Offenen Tür“ auf dem Pfarrhof in Rothberg alle Gäste signiert in Empfang nehmen.

Eginald Schlattner: Drachenköpfe. Roman, Pop Verlag Ludwigsburg, 2021, Reihe EPIK Bd. 116, 188 Seiten, ISBN 978-3-86356-308-0

Zurück zu der Ordensübergabe. Besser als der Gewürdigte selbst kann wohl niemand erwägen und beschreiben, welche Bedeutung sie hat. Deshalb lassen wir zum Schluss wieder Eginald Schlattner zu Wort kommen, der in seiner deutschen Ansprache u. a. sagte: ,,Die Würdigung zur  Stunde gilt einer Biographie, die  sich statistisch dem Ende zuneigt. Es war ein weiter Weg der Wandlungen vom behüteten Sohn bürgerlicher Familie   zum letzten sächsischen Pfarrer einer evangelischen Kirchengemeinde, die es nicht mehr gibt. Vom Hitlerjungen, auf den Lippen das Lied: ,Heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt‘ bis zum Gebet: Vaterunser, ,unser Vater!‘ Womit weltweit alle Menschen als Brüder und Schwester mitgeliebt sein wollen.

Eine Biographie, die  wegen ihres kontroversen Augenscheins in vieler Leute Munde  ist mit chronischen Zurufen, und das  über ein halbes Jahrhundert und bis heute: Man weiß nicht, wo man eher weghören möge: Bei den Wohlgesonnenen  oder den  Böswilligen.

Doch ausgesprochen vom obersten Gremium der deutschsprachiger Kollektivität erfüllt diese Ordensverleihung für den Bedachten eine transzendente Mission.

Es erweist sich, dass durch die allerhöchste Unterschrift des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier im Schloss Bellevue das viele an  Umstrittenem und Fraglichem dieser Biographie aufgehoben worden ist in Hegelscher Diktion.

Oder schlichter, wie etwa Konrad Adenauer befindet: ,Ehrungen, das ist, wenn die Gerechtigkeit ihren liebenswürdigen Tag hat.'“

Beatrice UNGAR


,,Ein sicht- und hörbares Zeichen“

Ansprache S. E. Botschafter Cord Meier-Klodt

 In der offiziellen Begründung des Ordensvorschlags, die dem Bundespräsidenten vorgelegen hat, heißt es an hervorgehobener Stelle: „Mit Eginald Schlattner möchten wir eine große Persönlichkeit Rumäniens aus dem Kulturkreis der deutschen Minderheit für sein Werk und Wirken ehren. Beide, Werk und Wirken Eginald Schlattners, Siebenbürger Sachse, 1933 in Arad geboren, stehen in ihrer umfassenden Botschaft sinnbildlich für Toleranz und gegenseitigen Respekt zwischen den Kulturen und Ethnien des Landes, für Zivilcourage, Prinzipientreue und unermüdliches Eintreten für europäische Werte und historische Wahrheit.“

Diese charakteristische Haltung wird in meinen Augen in allen drei großen Wirkungskreisen Schlattners deutlich:

Zunächst dem des Schriftstellers, der das gerade eben in abstrakten Begriffen Gesagte immer wieder erzählerisch und autobiographisch aufbereitet und prägnant auf den Punkt gebracht hat, etwa in seinem letzten großen Buch „Wasserzeichen“ von 2018: „Wir sind die einzigen östlichen Deutschen, die als Volksgruppe nicht vertrieben worden sind. Wir hätten noch weitere Jahrhunderte hier schiedlich-friedlich mit den anderen neunzehn Völkerschaften Himmel und Erde teilen können. Man liegt sich nicht dauernd in den Armen und fällt sich nicht jeden Tag um den Hals. Aber man achtet jeden in seiner Andersartigkeit von Sprache, Brauch und Glauben. Dieser andere im Zungenschlag gehört zu meiner Selbstverortung dazu, seine mir gebieterisch zugesprochene Bestätigung als Siebenbürger Sachse, als Deutscher. Erst indem der andere dazugehört, bin ich, was ich bin.“

Schöner, einprägsamer, „europäischer“, kann man die plurikulturelle Vielfalt Rumäniens nicht beschreiben. Noch poetisch-komprimierter formuliert er an anderer Stelle im gleichen Buch mit Blick auf das so leidgetränkte letzte Jahrhundert: „Tränen flossen in vielen Sprachen“.

Und auch das bekannte Lebensmotto Schlattners, der seit vier Jahrzehnten auf dem Kirchhof von Rothberg lebt, klingt durch die Zeilen hindurch: „Verlasse den Ort des  Leidens nicht, sondern handle, dass die Leiden den Ort verlassen.“

Dies leitet über zum Wirkungskreis des Pfarrers und Seelsorgers, der sich unermüdlich für sozial Schwache und Benachteiligte einsetzt, und auch dies nicht abstrakt, sondern immer ganz konkret, etwa als Gefängnisseelsorger oder auch als schützende Hand über die kleine Roma-Gemeinde von Rothberg. Für diese hat er auch dann die Sonntagspredigt gehalten, wenn nur drei Kinder aus dem Dorf daran teilnahmen. Und selbst vor ganz leerer Kirche hat er, sofern bei einigermaßen guter Gesundheit, die Andacht nie ausfallen lassen, immer in dem Bewusstsein, dass vieles im Leben unklar sein mag, eines aber nicht: dass nämlich sein Gott ihn genau dort und nur dort haben will.

Und schließlich, drittens, das Wirken als „homo politicus“ aus tiefer moralischer Überzeugung und vor dem Hintergrund dessen, was er bereits als sehr junger Mensch in der Zeit des Kommunismus in Rumänien am eigenen Leibe erfuhr. Ich spreche hier von dem immer wiederkehrenden Leitmotiv, das Eginald Schlattners Leben und Schreiben in vielfachen Facetten durchzieht: die Frage des Umgangs mit Verantwortung und Schuld – auch der eigenen Schuld.

Und auch dies kann man wieder nicht besser sagen, als es Schlattner selbst (erneut in „Wasserzeichen“) zu Papier gebracht hat: „Übergroß wird die Frage der Schuld – Schuld mit den Augen Gottes gesehen. Schuld anderer, was andere mir angetan haben, bitte, jeder ist sich selbst der Beste. Damit ist man rasch zur Hand. Aber bedrängend ist, an wem ich schuldig geworden bin. Über den anderen zu Gericht sitzen, da ist jeder die Gerechtigkeit in Person. Aber mit der eigenen Vergangenheit ins Gericht gehen, da wird man kleinlaut“.

Aufarbeitung der Vergangenheit, nach Holocaust und anderen Gräueltaten, begangen von Deutschen an Menschen und ganzen Völkern in der Zeit des Nationalsozialismus, ist ein Grundpfeiler deutschen Selbstverständnisses geworden. Nicht auf Anhieb, nicht ohne Mühen, nie ohne Brüche und auch nie abgeschlossen, leider immer wieder von Unbelehrbaren auch in Frage gestellt, bis heute. An ihr muss also beharrlich weitergearbeitet werden, um die Lehren der Vergangenheit immer wieder erneut ins Bewusstsein zu heben, damit sich die Vergehen nicht wiederholen.

Eine ebensolche schonungslose Aufarbeitung der Vergangenheit vor dem Hintergrund seiner eigenen Vita zieht sich als „roter Faden“ durch Werk und Wirken Eginald Schlattners. Dafür steht er mit allem was er ist und tut – als Mensch, Pfarrer, Seelsorger und Schriftsteller, mit großen Romanen vom „Geköpften Hahn“ über „Rote Handschuhe“ bis zu jenen „Wasserzeichen“, ergänzt durch viele Erzählungen, kleinere Schriften, öffentliche Stellungnahmen, Interviews. Nein, kleinlaut war er nie!

Und dies nun schon ein ziemlich langes und bewegtes Leben lang, für dessen sichtbare Zeugnisse wir einfach nur dankbar sind und für das wir ihm vor allem weiter gute Gesundheit und Schaffenskraft wünschen.

Ich komme zum Schluss: Für dieses – frei nach Johann Wolfgang von Goethe in Faust II – „immer strebende Bemühen“ können wir zwar keine „Erlösung“ anbieten. Wer kann das schon in der weltlichen Sphäre? Aber wir können ein hoffentlich weithin sicht- und hörbares Zeichen setzen, wie wir die Lebensleistung dieses sehr besonderen Menschen, seine Verdienste um die deutsch-rumänischen Beziehungen und unsere gemeinsamen europäischen Werte beurteilen. Und genau dies hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier getan, als er Eginald Schlattner das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland verlieh.

 

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