Geläuterte Vernunft

Zum 250. Geburtstag Samuel von Brukenthals / Von Thomas NÄGLER

Ausgabe Nr. 2730

 

Zum 300. Geburtstag des Sammlers, Gubernators und Museumsgründers Baron Samuel von Brukenthal bringt die Hermannstädter Zeitung einige ausgewählte Beiträge aus der Presse  der letzten hundert Jahre, um zu veranschaulichen, wie Brukenthal vor 100 und vor 50 Jahren gewürdigt wurde. In unserer aktuellen Ausgabe lesen Sie an dieser Stelle den Beitrag des siebenbürgischen Historikers  Dr. Thomas Nägler (1939-2011), der aus Anlass des 250. Geburtstags des Barons in der Ausgabe Nr. 187/23. Juli 1971 der Hermannstädter Zeitung erschienen ist.

 

Samuel von Brukenthal wurde am 26. Juli 1721, vor 250 Jahren also, geboren. Sein Vater, Michael Brekner, mit dem Prädikat ,,von Brukenthal“ geadelt, war 1703 Landtagsabgeordneter und nach seiner Bewährung auf seiten der Kaiserlichen im Kuruzenkrieg Königsrichter von Leschkirch geworden.

Über die ersten Lebensjahre des späteren Staatsmannes Samuel von Brukenthal ist wenig bekannt. Er lebte im Leschkircher Vaterhaus und es ist anzunehmen, dass er zunächst in Leschkirch die Schule besucht hat. In seinem 12. Lebensjahr brachten ihn die Eltern zwecks Erlernung der ungarischen Sprache nach Klausenburg, danach kam er ans Hermannstädter Gymnasium, wo ihm die Grundlagen seiner humanistischen Bildung vermittelt wurde. 1743 inskribierte Brukenthal an der Universität Halle, die in jener Zeit die Stärkste Anziehung auf die Siebenbürger Sachsen ausübte. Ausser Geschichte studierte Brukenthal noch Philosophie und Theologie und lernte Französisch.

Ein Ausschnitt aus der Liste mit den 19 Meisterwerken aus der Brukenthalschen Gemäldesammlung, die 1948 als ,,Leihgabe“ (Lucrări împrumutate) nach Bukarest, ins damals im Aufbau befindliche Nationale Kunstmuseum (Muzeul Național de Artă) gebracht wurden. Auf der Liste befinden sich Jan van Eycks ,,Mann mit der Sendelbinde“, das kostbarste Stück der Galerie, sowie Werke von Lorenzo Lotto, Hans Memling, Pieter Bruegel d. J., David Teniers d. J., Philips Wouwerman, Rosalba Carriera, Jacob Jordaens, Antonello da Messina. Diese einfache Liste, ohne jegliche Unterschrift oder Stempel habe ausgereicht, um diese Werke aus dem Brukenthalmuseum  nach Bukarest zu bringen.  Dort verblieben sie bis zum Jahr 2006, als sie nach langem Hin und Her endlich zurückerstattet wurden. In seinem vorliegenden Beitrag – 1971 war Rumänien ein kommunistischer Staat – konnte Dr. Thomas Nägler nicht darauf hinweisen, dass das Brukenthalmuseum und seine Sammlungen enteignet worden sind, auch nicht darauf, dass im Mai 1968 acht Gemälde aus dem Museum gestohlen worden sind. Der sensationelle Gemälderaub war der erste, der je in Rumänien stattgefunden hatte. Eine lapidare Pressemeldung wies damals darauf hin, über die Ermittlungen und ihr Ergebnis wurde nicht berichtet. Nach 30 Jahren, 1998, tauchten vier der Bilder in den USA auf. Die Gemälde – es handelte sich um Werke von Tizian, Frans van Mieris d. Ä., Rosalba Carriera und dem ,,Mann der Legende des Hl. Augustin“ – kamen auch erst auf Umwegen wieder zurück nach Hermannstadt.

Nach einem kurzen Aufenthalt in Jena kam Brukenthal 1745 nach Hermannstadt zurück, wo er zuerst Gerichtsschreiber und 1751 Vizenotär wurde. Es ist für Brukenthal bezeichnend, dass er von Anfang an auf eine Karriere in der sächsischen Verwaltung verzichtete und in den Guberniumsstellen seinen Aufstieg versuchte.

Als Gerichtsschreiber und Vizenotär stiess Brukenthal auf die in Siebenbürgen scharf ausgetragenen Zeitfragen. Siebenbürgen war nicht aufgrund einer längeren historischen Entwicklung dem Habsburgerreiche angegliedert, sondern durch Waffengewalt den Türken entrissen worden. Leopold I. hatte ein bedeutendes Land übernommen, das aber innenpolitisch zerrissen war. Territorialrechtlich in Gebiete des ungarischen Adels, der Szekler und Sachsen gegliedert, die verschiedene Rechte, Gewohnheiten und Sprachen hatten, durch äusseres Eingreifen immer wieder vereint und getrennt, wirtschaftlich auf unterschiedlichem Niveau, mit einem noch auf den klassischen Methoden der Feudalordnung beruhenden System, war Siebenbürgen ein Land, in dem die Mehrheit der Bevölkerung, die Rumänen, ebenfalls durch Tradition, rechtlos war. In seiner Vorrangstellung von Frankreich, Preussen und Russland überholt, hoffte nun Österreich mit seinen neuen Erwerbungen (Ungarn, Siebenbürgen, Teile Polens und der Bukowina) seine Gegner aus dem Feld zu schlagen. Die Oberschichten der drei damals anerkannten Völker – Ungarn, Szekler und Sachsen – fochten einen dreifachen Kampf  aus: untereinander, gegen die Österreicher und alle zusammen gegen die Rumänen, die für gleiche Rechte und finanzielle Entlastung kämpften. Nur aus dieser Gesamtlage heraus ist das Werk Brukenthals zu verstehen.

Als gut informierter Gubernialsekretär reiste Brukenthal 1759 zum erstenmal nach Wien, um hier Fragen des Guberniums und der sächsischen Nation vorzutragen. Von vornherein war Brukenthals Tätigkeit doppelt belastet und sie blieb es bis zum Ausscheiden aus seinem Amt. Als Gubernialsekretär oblagen ihm, um ein Beispiel zu nennen, Fragen der Besteuerung, die für das Herrscherhaus günstig ausfallen mussten. Andererseits betraute ihn die sächsische Nationsuniversität mit ihren Wünschen, die im allgemeinen auf die Wiedereinführung der eingeschmälerten Rechte hinauszielten.

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In Wien erst sollte Brukenthal den Aufbau der österreichischen Herrschaft kennenlernen, das komplizierte System von Eingaben, Referenzen und Audienzen, wo Vertreter und Kommissäre, Deputationen aller Völker und Volksschichten eintrafen, die um die Gunst der Kaiserin Maria Theresia warben. Hier erkannte Brukenthal, dass Siebenbürgen nur ein kleiner Teil der Donaumonarchie war und dass bei dem gegebenen System kleine Forderungen viel Aufwand nötig machten. Wir betonen, dass Brukenthal dank seiner Fähigkeiten, seiner gründlichen Kenntnisse in der Verwaltung, seiner überzeugenden Denk- und Vorgangsweise, seiner Vorbildung für die bis ins Tausendste gehenden juridisch-historischen Streitfragen, seiner Aufgabe gewachsen war und mit überraschenden Ergebnissen nach Hermannstadt zurückkehrte.

Die Wahrung der sächsischen Eigenverfassung wie auch allgemein siebenbürgische Fragen, die durch das Einwirken Brukenthals in Wien zufriedenstellend gelöst wurden, rückten ihn in das allgemeine Interesse der Wiener und Hermannstädter Behörden.

Am Wiener Hof kam es zu jener Zeit zu weitläufigen Verhandlungen über die Besteuerung des siebenbürgischen Fürstentums, in denen die mittelalterlich-ständische Überlieferung Siebenbürgens mit dem absolutistisch regierten Grossstaat nicht zu vereinbaren waren. Hauptthemen der Auseinandersetzungen waren Urbarialregulierung, Kontributionsfrage, Konzivilität (Gleichberechtigung der Rumänen und Ungarn auf dem Sachsenboden), Militarisierung der siebenbürgischen Grenzen und die Frage der Auswanderung der Leibeigenen aus Siebenbürgen.

Am 6. Juli 1774 wurde Brukenthal als Stellvertreter des abgesetzten siebenbürgischen Gubernators  zum bevollmächtigten Kommissär und Vorsitzenden des Guberniums ernannt. Drei Jahre später, am 30. Juli 1777, wurde er Gubernator des Grossfürstentums Siebenbürgen. Die Kaiserin Maria Theresia nannte Brukenthal einen Mann ,,mit Scharsinn, Fähigkeit, Diensteifer und vor allem Klugheit und Genauigkeit“. In den politischen Kämpfen zwischen den verschiedenen Nationalitäten waltete Brukenthal im Namen der Gerechtigkeit und ging selbst gegen die Sachsen streng vor.

Das Geburtshaus Brukenthals in Leschkirch. Foto: Sibiu 100

Am 30. November 1780 wurde Brukenthal als Gubernator vom Thronfolger Josef II: bestätigt. Schon vorher, während der ersten Reise Josefs II. durch Siebenbürgen, bemerkte Brukenthal, dass die Vorstellungen der beiden weit auseinander lagen. Die Zentralisierungsabsichten des Kaisers trafen die alten Rechte der ständischen Nationen und damit auch ihre Selbstverwaltung. Brukenthal widersetzte sich dem mit grosser Vorsicht.

Der Bauernaufstand  von 1784, geführt von Horia, Cloșca und Crișan, wies erneut auf die feudalen Klassengegensätze hin. Brukenthal hat die Ursache dieses Bauernaufstandes richtig erkannt und hat oft auf die missliche Lage der siebenbürgischen Leibeigenen hingewiesen. Er selbst gibt an, dass die von Wien vorgesehenen, zum Teil von ihm selbst ausgearbeiteten Sozialmassnahmen  viel zu spät ins Auge gefasst worden sind. Brukenthal hätte durch energisches Eingreifen die Lage der Bauern zum Teil erleichtern können. Nach Ausbruch des Aufstandes versuchte er erfolglos, diese ,,unglückseligen Menschen“, wie er sie nannte, dem Adelsgericht zu entziehen. Die schon gefährdete Lage, in der er sich befand, zwang Brukenthal, die von Josef II. befohlenen Massnahmen durchzuführen. Die späteren durchgreifenden Reformen Josefs II. verstärkten hingegen das Misstrauen zwischen Kaiser und Gubernator.Die neue Verwaltungsreform war schliesslich Ursache für die Amtsenthebung Brukenthals. So wie Brukenthal den Anfechtungen von allen Seiten nicht gewachsen war, musste auch Josef II. seine Reformen später widerrufen. Chronologisch stand Brukenthals Tätigkeit am Ausgang des Mittelalters. Sowohl Josef II. als auch sein Gubernator  haben eine moderne Zeit vorausgeahnt, dabei aber auseinandergehende Meinungen vertreten. Während Josef II., kurz vor der Französischen Revolution, die progressiven Kräfte aller in seinem Reich lebenden Völker im Hinblick auf die Bildung eines zentralisierten Staates förderte, vertrat Brukenthal, trotz seiner Aversion gegen Ungerechtigkeiten aller Art – die auf seine aufklärerisch-humanitischen Ideen zurückzuführen ist – die rechtliche Absonderung der Siebenbürger Sachsen. Diese Einstellung war jedoch von den historischen Gegebenheiten bereits überholt.

In Siebenbürgen selbst hat die ,,Școala Ardeleană“ als soziale Strömung für die Aufhebung der Leibeigenschaft und die Gleichberechtigung der Rumänen mit den ständischen Nationen mehr geleistet als Kaiser und Gubernator. Der noch zu Brukenthals Lebzeiten redigierte ,,Supplex libellus Valachorum“ (1791) blieb zwar nur ein theoretisches Programm, half aber um die Jahrhundertwende einer neuen Generation, die im 18. Jahrhundert noch nicht zu lösenden Fragen besser zu verstehen.

Von den Ideen der Aufklärung beseelt, widmete sich Samuel von Brukenthal Zeit seines Lebens verschiedenen Zweigen der Wissenschaft und der Kunst. Seiner Sammlertätigkeit verdankt das nach ihm benannte Museum seinen Grundstock. Ein Teil der Privatsammlungen Bruken-
thals, hauptsächlich Gemälde und Bücher, erwarb Brukenthal selbst oder durch Vermittler und Kunstverständige aus Wien, einen anderen Teil erwarb er in Siebenbürgen. Vor seinem Tod vermachte Brukenthal sämtliche Kunstschätze sowie die Bibliothek dem Hermannstädter Gymnasium.

Ausser Bildern, Büchern und Handschriften umfassten die Sammlungen Brukenthals auch eine grosse Anzahl von Mineral- und Gesteinsproben aus Siebenbürgen, eine Porzellansammlung, archäologische Funde aus der Zeit des römischen Dakien – wie Gemmen und Kameen -, die Münzsammlung mit wertvollen antiken und mittelalterlichen Münzen.  Das Brukenthalpalais, das Mitte der 80er Jahre des 18. Jahrhunderts fertig stand, ist eines der bedeutendsten Barockbauten Südosteuropas.  Das Brukenthalmuseum, das – entsprechend dem Wunsche des Gubernators – jedem den Zutritt ermöglicht, ist eine bedeutende Kulturstätte Rumäniens geworden, wo die Bereicherung der Sammlungen und die wissenschaftliche Forschung mit viel Eifer betrieben werden.

Nach 250 Jahren bleibt Brukenthal ein bedeutender Politiker und Staatsmann Siebenbürgens. Samuel von Brukenthal hat die Geschichte der Völker Siebenbürgens mehr als ein Jahrzehnt lang wesentlich mitbestimmt. ,,Kein Gesetz gebietet, dass die Stände – die Gesellschaft, welche zwischen dem König und dem Volk steht – aus Prinzen, Graffen und Baronen bestehen soll. Nach Verschiedenheit der Grund-Verfassung kann diese Gesellschaft aus den ansehnlichsten Männern freyer Gemeinschaften oder Städte bestehen.“  Die immer wiederkehrende Bezugnahme auf die ,,geläuterte Vernunft“ als Definition der Aufklärung, zu der er sich dadurch bekennt, bringt auch dem Landesfürsten Pflichten, denn ,,wenn die Vorgesetzten sich alles erlauben, wozu sie Macht und Gewalt besitzen, so ahmen die Untergebenen ihrem Beispiel willig nach“.

 

 

 

 

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