An Brukenthals 200. Geburtstag

Aus dem Siebenbürgisch-Deutschen Tageblatt Nr. 14473 vom 26. Juli 1921

Ausgabe Nr. 2729

Adelsbrief des Barons Samuel von Brukenthal, 1762.

Zum 300. Geburtstag des Sammlers, Gubernators und Museumsgründers Baron Samuel von Brukenthal bringt die Hermannstädter Zeitung einige ausgewählte Beiträge aus der Presse  der letzten hundert Jahre, um zu veranschaulichen, wie Brukenthal vor 100 und vor 50 Jahren gewürdigt wurde. In unserer aktuellen Ausgabe lesen Sie an dieser Stelle den Brukenthal gewidmeten Leitartikel, der in der Ausgabe Nr. 14473 am 26. Juli 1921, dem 200. Geburtstag des Barons, des Siebenbürgisch-Deutschen Tageblatts in Hermannstadt erschienen ist.

 

In eine entscheidungsschwere Zeit führt uns der heutige Gedenktag zurück. Noch lasteten die Nachwehen der langwierigen inneren Kriege des 17. und des beginnenden 18. Jahrhunderts auf den entvölkerten Gauen des Sachsenvolkes. Von  Schulden gedrückt, wirtschaftlich geschwächt und zurückgeblieben, unvermittelt dem Wettbewerb des Auslandes ausgesetzt, fand es die Kraft nicht, sich zur alten Bedeutung wieder aufzurichten. Seine Ohnmacht nützten wetteifernd völkische Gegner und staatliche Finanzpolitiker aus, es zu entrechten und zu knechten. Und zugleich sucht die von der Staatsgewalt gestützte Papstkirche ihm den selbsterrungenen und treu bewahrten Schatz seiner evangelischen Eigenkirche und Geistesbildung zu entreißen oder doch zu verkümmern.  Wie viel Festigkeit und selbstloses Eintreten für das Gesamtwohl, wie viel Kampfesmut und unermüdete Schaffensfreude, wie viel Klugheit und Weitblick brauchte es da, um sich gegen all die Not und Bedrückung erfolgreich zu wehren und darüber hinaus noch den großen Frontwechsel von Osten nach Westen im wirtschaftlichen und staatlichen Leben zeitgerecht durchzuführen.

Wir würden dem Volk und seinen Führern Unrecht tun, wenn wir sagen wollten, dass sich von all dem in den Gauen und Gemeinden, Ratsstuben und Amtsstellen nichts gefunden hätte. Die Herzen schlugen warm in Stadt und Land für altes Recht und wertes Vätererbe, und in den Ratsstuben ist viel gedacht und gesorgt, beschlossen und geschrieben worden. Auch an gutgemeintem, wohlgegründetem Eintreten für die bedrohten Volksgüter fehlte es nicht,  und  mehr als einmal wurde  der weite Weg zur höchsten Rechtsquelle angetreten. Daneben aber gab es doch auch zage Herzen, ja es fehlte auch an denen nicht, die da wichen und eignes Wohl auf Kosten des Gesamtwohles erstrebten. Vor allem aber fehlte einer, der mit hingebender Liebe zum angestammten Volke und zu allem, was ihm wert und teuer war, die Überlegenheit des Geistes und Willens verband, die ihn befähigen konnte, die Zersplitterten und Verzagten zu sammeln zu entschlossener Wehr und dann zur wirkungsvollen Verteidigung, zum Gegenangriff. Nach einem solchen suchte man in dem Volksrate, wenn man wieder einen Verteidiger der Volksrechte nach Wien entsenden oder an die Spitze des Volkes stellen wollte, nach einem andern Harteneck, kühn und klug wie er, aber echter und reiner an Sinn und Wesen.

So sieht Brukenthals Gartenhaus (erbaut in den Jahren 1770-1772) auf der Hallerwiese (heute Str. Constantin Noica 48) heute aus.Foto: Beatrice UNGAR

Und das ist die große Bedeutung des 26. Juli 1721, dass er diesem Verlangen die Erfüllung brachte, als die Not am größten war. Dem Wunsche entsprach die Erfüllung, aber nach Ort und Art wohl kaum der Erwartung. Brukenthal ist nicht in einem Brennpunkt des sächsischen Lebens und nicht aus einem damals schon vielgenannten, führenden Geschlecht geboren, sondern in dem kleinsten Vorort des kleinsten sächsischen Kreises. Es ist aber gewiß kein Zufall, dass wir gerade unseren kleineren Stühlen und Stuhlsvororten eine Reihe führender Männer verdanken. Es sammelt sich in den vorschreitenden Familien dieser Kreise ein reiches Maß von Lebensklugheit und Leistungskraft, die unzersplittert forterbend von Geschlecht zu Geschlecht sich mehren und zuletzt überquellend auf weitere Kreise wirken kann. Dabei bringt es die enge Berührung mit dem umgebenden Volksleben in jeder Richtung seiner Äußerung mit sich, dass Führer, die solch kleinen Orten entstammen, inniger noch als andere mit dem Wurzelboden des Volkstums verwoben sind. Es sind Züge, die in Brukenthal wiederkehren und die er – und wir mit ihm – seinem kleinen, ländlichen Heimatsort Leschkirch und dem geistigen und seelischen Erbe seines Vaterhauses verdanken.

Sein Entwicklungsgang aber hat etwas von der Art jener Quellen an sich,  die mählich und unbeachtet in der Tiefe ihre Wasserkräfte sammeln, dann mit einem Male in unversieglicher Fülle hervortreten und zur Stromesbreite wachsend durch die Lande ziehen, bis sie sich ins große Meer ergießen. So hat auch Brukenthal unbeachtet seine Kräfte gesammelt und gemehrt in Haus und Schule, Heimat und Fremde, in Amt und Leben, bis es ihn im engen Kreise nicht mehr litt und zu größeren Aufgaben hindrängte. Er stand schon im reiferen Mannesalter (im 38. Jahr), als sein Volk ihm die Vertretung wichtiger Lebensfragen bei Hofe anvertraute. Es ist außerordentlich spannend zu beobachten, wie dann seine Kraft, von ihm selbst anfangs fast zaghaft noch eingesetzt, sich Schritt um Schritt weiterentfaltet, wie sein Ansehen unten und oben, bei seinen Volksgenossen und den Landesbehörden, bei den Hofämtern und der Herrscherin Jahr um Jahr, fast Monat um Monat, wächst, bis er sich überall die Anerkennung errungen oder erzwungen hat, deren er zur Erreichung seiner Ziele bedurfte.

Diese Ziele aber sind und bleiben für ihn allezeit die Verteidigung des Rechtsbesitzes seines Volkes, die Sicherung und Hebung seiner Geltung im Staatsleben. Es hatte ihn im Innersten ergriffen und empört, dass man von allen Seiten auf sein vereinsamtes kleines Volk, das seine Kraft im opferwilligen Dienst für Vaterland und Herrscherhaus verzehrt hatte, eindrang, um ihm sein schwererrungenes Erbgut an Besitz und Recht zu entreißen und das Freigeborene in den Knechtstand hinabzudrücken. Aus all seinen zahlreichen Eingaben, Darlegungen, Beschwerden, Verteidigungs- und Kampfschriften spürt man halb abgetönt, halb heiß aufflammend die innere Erregung über die gedrückte Lage seines Volkes heraus. Einem ungarischen Bekannten sagte er einmal: „Man hat bisher so gerne gesagt: ‚Nur ein Sachse‘. Jetzt möchte ich den sehen, der es noch zu sagen wagt“.

Die Wege, die er zur Erreichung dieses Zieles eingeschlagen, sind nicht immer und überall die gleichen. Er hatte es in den langen Jahren seiner stillen Amtstätigkeit gelernt, sein heißes Herz in die Hand zu nehmen und auch kluge Umsicht walten zu lassen. Es ist politische Erbweisheit in ihm früh wirksam geworden, die er bei seinen reichen geistigen Anlagen und Kenntnissen zu diplomatischer Staatskunst weiterbildete. Nie ist sie kleinlich, immer großzügig, nie hinterhältig, immer geradlinig.

Es war ihm bald klar geworden, dass sein kleines Volk nicht gegen alle Bedränger zugleich ankämpfen könnte. Einen musste es sich zum Freunde machen. Auch das ergab sich von selbst, dass dies nicht der nähere, sondern der weiter entfernte Gegner sein müsste, die Wiener Regierung. Mit ihr konnte Brukenthal um so eher zu einer Verständigung gelangen, weil sie selbst auch sich vielfach im Gegensatz gegen die ungarisch-adligen Stände befand. Dazu erforderte die Einfügung in den neuen Staatsverband und die notwendige Orientierung nach Westen hin eine Besserstellung zur Regierung, auch wenn sie mit Opfern erkauft werden musste. Es gelang, beiderseits die Überzeugung von der Dienlichkeit des Einverständnisses zu erreichen, dem Wiener Hof im Sachsenvolk eine Stütze zu bieten und diesem verlorene Rechte zurückzugewinnen und neue Lebenskräfte zuzuführen.

Brukenthal hat insbesondere Maria Theresia, diese kluge, seelenkundige Frau, für seine Gedanken gewonnen. Mit keinen anderen Mitteln, als mit seinen klaren, überzeugenden Darlegungen, die ganz der königlichen Sinnesart der Königin entsprachen. Was sonst über seine Beziehungen zu der Herrscherin gesagt worden ist, das ist Geschwätz der damaligen und späteren Lästerzungen. Der Vorwurf, dass er die guten Beziehungen zu Hof und Herrscherin für selbstische Zwecke ausgenützt habe – zu seiner Bereicherung – zerfällt ebenso in nichts, wie der in jenen Jahren oft laut gewordene, dass er seine Erfolge der Preisgabe seines Glaubens zu danken habe. Wir wissen, wie hoch er gerade dies väterliche Erbgut wertete und in ihm seines Lebens Grund und Hoffnung suchte und fand, und wir wissen aus seinen Papieren, dass er seine Besitzungen redlich erworben hat. Ja, wir können einen Schritt weitergehen: auch sein äußerer Glanz und Reichtum war ihm ein Mittel, seinem Volk vermehrtes Ansehen, wirtschaftliche Förderung und reiche Bildungsmittel zuzuführen. Bis über seinen Tod hinaus hat Brukenthal gerade hiefür zu sorgen gesucht.

Nein, die Diplomatie hat ihm sein innerstes Wesen nicht verdorben. „Ich denke gerade, Sie, wie ihr Wappen (die Bethlenische Schlange), deshalb können wir nicht übereinkommen“, durfte er dem Hofkanzler Bethlen sagen. Es war ja auch nicht gut anders möglich, da Brukenthal im Grunde eine Kämpfernatur war, wie wir wenige gehabt haben. Der Kampf war ihm Lebensfreude, und diese Freude steigerte seine Kräfte und machte ihn zu einem gefürchteten Gegner. Die Bethlen und Nemes, Lazar und Izdenczy, Odonell und Auersperg haben seine Klinge gefühlt und sind ihr trotz weitgehender Unterstützung von anderer Seite erlegen. War es da zu verwundern, dass dem kühnen Recken eine Reihe von geheimen und offenen Feinden erwuchs, die nur auf die Gelegenheit warteten, ihm heimzuzahlen. Sie glaubten sie gekommen, als er seine Amtsgewalt verloren hatte; der alte Kämpfer aber war ihnen an Geisteskraft noch immer überlegen. Er ging auch aus diesen Kämpfen als Sieger hervor, aber sie haben ihm nicht Freude, sondern Schmerz bereitet. Er musste es als eine Tragik seines Lebens fühlen, dass er gegen solche Feinde am Schlusse seines Lebens für seines Namens Ehre und die Lauterkeit seines Wirkens kämpfen musste, eine Tragik, die gerade großen Männern nicht erspart bleibt, wenn kleine Naturen ans Ruder kommen.

Und auch die andere Tragik ist ihm nicht erspart geblieben, dass er, von seinem Entwickelungsgang wohl gegen seine anfänglichen Gedanken, zum Landeschef emporgetragen, in den letzten Jahren seines Amtswirkens, nachdem er so viel für ein besonnenes Einbauen des Landes in den Gesamtstaat getan hatte, nun gegen dessen unbesonnene Einzwängung unter Josef II. ankämpfen musste. Er hat den Kampf mit dem ungestümen Revolutionär auf dem Thron ohne Aussicht auf Sieg und Dank aufgenommen, nicht für sein Volk nur, auch für das ganze Land. Er ist hier und dort unterlegen, aber Leopolds II. Regierung hat ihm nachträglich doch noch Recht gegeben.

Und da hat er dann die versöhnende Freude erlebt, dass sein Volk die Kraft in sich gefunden, wieder aufzubauen, was Josef II. zerstört hatte, und in ruhiger Weiterarbeit auch nachfolgende Eingriffe in sein Innenleben zu überwachsen. Er durfte, als er das Ende seines Lebens nahen sah, das seines Volkes innerlich für so gefestigt halten, dass er es zum nie aussterbenden Erben seiner Sammlungen einsetzen konnte. Und er durfte die Überzeugung mit sich nehmen, dass diese innere Lebenskraft seines Volkes zum nicht geringen Teil ein Ertrag seines Kämpfens und Arbeitens war.

Er war zur rechten Zeit gekommen und hatte seine Sendung erfüllt; er konnte im Frieden fahren, wie er es gewünscht: „von dem Segen der Guten begleitet“.

Wir wissen es heute, wie reich sich die Segenswirkung seines Lebens auch in den späteren Zeiten erwiesen hat, wie sie seines Volkes Kindern Häuser gebaut hat, als das Haus, das er gestützt und erhalten hatte, im Sturm der Zeiten zerfallen war. Wir sind uns dessen dankbar bewusst, dass der lebenerhaltende Neubau der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts ohne seine wanklose Zeugenschaft für „Glauben und Art“ unseres Volkes nicht möglich gewesen wäre. Und wir schöpfen daraus die Überzeugung, dass sein Segen auch in unseren Tagen des schweren Neubauens und Neueinlebens sich fortwirkend bezeugen werde, wenn wir, wie er, alles setzen an unseres Volkes Ehre und nicht müde werden in Kampf und Arbeit für unsere höchsten Lebensgüter.

 

 

 

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