Zwischen Traum und Wirklichkeit

Neueste Premiere des Radu Stanca-Nationaltheaters in der Kulturfabrik aufgeführt

Ausgabe Nr. 2727

Szenenfoto mit Kristin Henkel (links) und Daniel Bucher.Foto: TNRS/Cătălin MUREȘAN

Ein Mann erwacht neben einer Frau. Er erinnert sich an nichts. Wer ist sie? Wie kommt sie hierher, in diesen Raum? Was haben sie miteinander zu tun? So beginnt „Die Geschichte von den Pandabären“, von Matei Vișniec, die am Donnerstag, dem 17. Juni, in der Kulturfabrik IACM Construcții, im „Lulu-Saal“ des Radu Stanca-Nationaltheaters (RST) stattgefunden hat. Die neueste Premiere an der deutschen Abteilung des RST kam durch eine Kooperation mit dem Theater ECCE aus Salzburg in Österreich mit der Unterstützung des Österreichischen Kulturforums zustande. In dem Theaterstück, in der Regie von Ben Pascal, sind Daniel Bucher (RST) und Kristin Henkel (Theater ECCE) die Hauptprotagonisten. Das Bühnenbild schuf Gerd Walter, die Musik dazu komponierte Astrid Wiesinger, und Remo Rauscher entwarf die visuellen Effekte.

 

In der Geschichte von den Pandabären wacht ein Saxophonspieler (Daniel Bucher) neben einer schönen Unbekannten (Kristin Henkel) auf und kann sich nicht erklären, wer sie ist und wie er sie kennengelernt hat. Doch eine undurchdringliche Faszination geht von der schönen Unbekannten aus, der er sich nicht zu entziehen vermag. Sie scheint mehr zu wissen, als sie ihm erzählen möchte. Nach vergeblichen Versuchen, die Wahrheit über die letzte Nacht herauszufinden, besiegeln die beiden einen Pakt: Neun Nächte wird sie ihn in seiner Wohnung besuchen und mit ihm leben – dafür spielt er Saxophon für sie. Wie vereinbart taucht sie Nacht für Nacht bei ihm auf. Und so beginnt ein Spiel zwischen Traum und Wirklichkeit, in der sich die beiden Personen immer mehr von der Realität entfernen. Sie schweifen gemeinsam durch Kindheitserinnerungen, proben die Verständigung ohne Worte und das Zusammensein in Abwesenheit. Und immer wieder läutet das Telefon, doch er geht nicht ran, man hört nur die hinterlassenen Nachrichten. Schließlich ist das Stück keine Liebesgeschichte, sondern eine Geschichte über den Tod. Zum Schluss hört man die Nachbarn des Saxophonspielers, wie sie in die Wohnung einbrechen wollen, weil schon seit einer Woche keine Bewegung mehr zu hören war und ein suspekter Geruch aus der Wohnung strömt.

In der Aufführung am Donnerstag wurden die Zuschauer mit einer sehr dunklen Atmosphäre überrascht. Die Bühne bestand aus einer runden Plattform, auf der die bunten visuellen Effekte live projiziert wurden. Die Schauspieler lagen, knieten, saßen darauf in sehr dumpfem, diffusem Licht. Trotzdem waren Mimik und Gestik von Daniel Bucher ziemlich gut sichtbar, der in seiner Rolle sehr überzeugend wirkte. Die Schauspielerin Kristin Henkel war im Vergleich eher unscheinbar, vielleicht war das aber auch so von der Regie gewollt.

„In der ‚Geschichte von den Pandabären‘ wollten wir Theaterkunst mit visueller Kunst mixen. Genauer gesagt haben wir mit Hilfe der live Lichtdesign-Projektionen die optimale Atmosphäre für die poetische Geschichte der Pandabären zu erzeugen versucht. Ich bin von Matei Vișniecs Text fasziniert, der beim Lesen geradezu einlädt zu träumen. Dabei entstehen eine Menge Bilder im Kopf. Diese Bilder und Träume versuchen wir auf der Bühne herzustellen, um unsere Vision über die Pandabären mit dem Publikum zu teilen“, erklärte Regisseur Ben Pascal.

„Die Geschichte von den Pandabären“ veröffentlichte Matei Vișniec 1994 in französischer Sprache unter dem Titel „L’histoire des ours pandas racontée par un saxophoniste qui a une petite amie à Francfort”. Matei Vișniec wurde 1956 in Rădăuți geboren. Von 1976 bis 1980 studierte er Geschichte und Philosophie an der Universität Bukarest, danach arbeitete er als Geschichtslehrer. 1977 begann er Lyrik und Theaterstücke zu schreiben. Während eines Aufenthaltes in Frankreich beantragte er 1987 politisches Asyl. 1989 ließ er sich in Paris nieder und schrieb an der „École des Hautes Études en Sciences Sociales“ seine Dissertation über kulturellen Widerstand gegen die kommunistischen Regimes Osteuropas. 1993 erhielt er die französische Staatsbürgerschaft. Seit seiner Übersiedlung nach Frankreich schreibt Vișniec überwiegend in französischer Sprache. Seine oftmals tragikomischen Stücke wurden bislang in mehr als 30 Sprachen übersetzt, regelmäßig bei internationalen Festivals aufgeführt und erhielten zahlreiche Preise. In Rumänien zählt er seit dem politischen Umsturz von 1989 zu den meistgespielten Bühnenautoren.

Cynthia PINTER

 

 

 

 

 

 

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