Roadtrip mit außergewöhnlichen Lebensgeschichten

Weltpremiere am Sonntag im Hermannstädter Radu Stanca-Nationaltheater

Ausgabe Nr. 2724

In einem Frauenhaus in Irland tröstet Iris (Gabriela Pîrlițeanu) eine Landsfrau (Cristina Ragos).     Foto: Adrian BULBOACĂ

„Das Theater ist nicht zu Ende, wenn man den Theatersaal verlässt“. Nach diesem Motto schreibt Alexandra Badea ihre Theaterstücke. Es sind meist Dokumentartheaterstücke, die sehr aktuelle Themen und Probleme der heutigen Gesellschaft umfassen. So auch das neueste Theaterstück der rumänischen Abteilung „De cealaltă parte a lumii“ (deutsch: Am anderen Ende der Welt). Das zweistündige Stück wurde am Sonntag, dem 30. Mai, in Weltpremiere am Hermannstädter Radu Stanca-Nationaltheater aufgeführt.

Alle Sitzplätze waren Tage zuvor ausverkauft, also organisierte man kurzerhand eine Vorpremiere, die am Samstag, direkt nach den Proben stattfand, und die ebenfalls ausverkauft war.

 

„Ach, ist es nicht schön, wieder im Theatersaal zu sitzen? Trotz Maske…“, rief eine Zuschauerin in der zweiten Reihe ihrer Sitznachbarin am Sonntagabend zu, die zwei Stühle weiter saß – Distanz muss immer noch eingehalten werden. Man hatte das Gefühl, jeder im Saal freut sich besonders, wieder Theaterluft schnuppern zu können. Das Bühnenbild (von Cosmin Florea) lud bereits zum Träumen ein: eine Waldlandschaft mit vier großen, bis an die Decke reichenden Tannen, eine Holzhütte, ein Zelt, eine Bushaltestelle… nur die Badewanne und die Autoreifen scheinen aus einer anderen Welt zu sein. Dann beginnt das Theaterstück und man merkt, die Figuren sind auch alle aus einer anderen Welt. Sie stellen Menschen dar, die sich in einem Selbstfindungsprozess befinden, die Weltenbummler und Aussteiger sind. So zum Beispiel der Grieche – gespielt von Marius Turdeanu – der die ganze Welt mit seinem Motorrad durchstreift hat und keine langfristigen Beziehungen mit Frauen eingehen kann oder der junge Architekt – gespielt von Ali Deac – der bei einer Architekturfirma ein Burnout erlitt und mitten im Wald eine Community gegründet hat.

Zoe und Iris gespielt von Cendana Trifan (links) und Gabriela Pîrlițeanu (rechts) gehen auf einen Roadtrip.                   Foto: Adrian BULBOACĂ

Hauptperson in dem Theaterstück ist Iris, interpretiert von Gabriela Pîrlițeanu, eine Rumänin, die ihren Freund beim „Colectiv“-Brand verloren hat. Sie lernt in Wien die geheimnisvolle Zoe – gespielt von Cendana Trifan – kennen, die sie auf ihren Roadtrip durch Europa mit dem Wohnwagen mitnimmt. Wie in einem Entwicklungsroman lernt Iris verschiedene Menschen kennen, jeder hat außergewöhnliche Lebensgeschichten zu erzählen, die Iris helfen ihren Weg zu finden. In Frankreich verbringt sie Zeit in einem Flüchtlingscamp, wo sie einem Flüchtling (Iustinian Turcu) begegnet, der ihr von der Entsetzlichkeit des Krieges erzählt und in Irland hilft sie einer Rumänin in einem Frauenhaus (Cristina Ragos) den Weg nach Hause zu finden.

„Das Stück handelt von Resilienz, von dem Vermögen der Menschen verschiedene Traumata zu überwinden und der Fähigkeit, schwierige Lebenssituationen ohne anhaltende Beeinträchtigung zu überstehen“, erklärte die Autorin und zugleich Regisseurin des Stücks Alexandra Badea bei einer Pressekonferenz. Das Geschehen auf der Bühne habe viel Wahres, denn die Inspiration zu dem Stück gaben die Schauspieler selber. Alexandra Badea habe mit jedem Schauspieler und mit jeder Schauspielerin via Zoom ein Casting-Gespräch geführt und jede/r musste ihr eine Begegnung mit einem Menschen schildern, der oder die ihr oder sein Leben positiv beeinflusst hat. Aus diesen Gesprächen entstand dann das Theaterstück. „Es ist mir wichtig, die Geschichte von Menschen zu erzählen, die etwas Spezielles in ihrem Umfeld schaffen“, fügte Badea hinzu. Aktuelle Themen wie Luftverschmutzung, Bullying, Burnout, Diskriminierung, Migration, Gewalt, Gleichstellung der Geschlechter u. a. kommen in „De cealaltă parte a lumii“ nicht zu kurz. Die vielen Dialoge sind sehr spannend und erkenntnisreich. Es war keine Sekunde lang langweilig und die fast zwei Stunden vergingen wie im Flug. Wichtig dabei zu erwähnen wäre auch die exzellente Arbeit der Schauspieler, die sehr glaubwürdig rüberkamen.

Alexandra Badea hatte in den vergangenen Jahren noch zwei Kooperationen mit dem Radu Stanca-Nationaltheater. Sie schrieb und führte Regie für „Perfect compus“ und schrieb „Maternal“, das von Radu Alexandru Nica inszeniert wurde.

„De cealaltă parte a lumii“ wird in nächster Zeit auch online zu sehen sein. In dem Stück spielen: Gabriela Pîrlițeanu/Oana Brânzan, Ioana Cosma, Ali Deac, Horia Fedorca, Fabiola Petri, Cristina Ragos, Arina Ioana Trif, Cendana Trifan, Ștefan Tunsoiu, Iustinian Turcu und Marius Turdeanu.

Cynthia PINTER

 

 

 

 

 

 

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Theater.