Offene Kunstwerke zum Anfassen

Gabriela von Habsburg stellt Skulpturen und Grafiken im Kunsthaus 7B aus

Ausgabe Nr. 2727

Nach dem Gespräch im Sitz des Demokratischen Forums der Deutschen in Hermannstadt bot der Vorsitzende des Siebenbürgenforums, Martin Bottesch, Erzherzogin Gabriela von Habsburg und Thomas Emmerling, Kunstsammler und Betreiber der Galerie Kunsthaus 7B (v. l. n. r.), eine kurze Stadtführung.      Foto: Beatrice UNGAR

Wenn ein so hoher Gast wie die Künstlerin Gabriela von Habsburg nach mehr als zwei Jahren Vorbereitung tatsächlich persönlich zu der Eröffnung ihrer ersten Ausstellung in Rumänien anreist, kann man schon verstehen, dass der Kunstsammler Thomas Emmerling ins Schwärmen gerät und und bei der Vernissage verkündet: ,,Kunst ist nicht systemrelevant, Kunst ist existenzrelevant“. Schließlich beherbergt seine kleine aber feine Galerie Kunsthaus 7B im Gebäude der ehemaligen Schule in Michelsberg seit Sonntag diese Ausstellung.

 

Doch bevor sie ihre Ausstellung vor Ort besichtigen konnte, besuchte Gabriela von Habsburg in Begleitung des Galeriebetreibers Hermannstadt. Hier wurde sie zunächst im Rathaus von Bürgermeisterin Astrid Fodor empfangen. Danach ging es über den Großen Ring zum Bischofspalais, wo Bischof Reinhart Guib dem hohen Gast Auskunft gab über die Evangelische Kirche A. B. in Rumänien. Zuletzt hatte sie ein Gespräch im Forumshaus mit Martin Bottesch, dem Vorsitzenden des Siebenbürgenforums und der Kreisrätin Christine Manta-Klemens. Da alle drei pädagogisch tätig sind – Gabriela von Habsburg unterrichtet Kunst u. a. an der Universität in Georgiens Hauptstadt Tbilissi – ging es hauptsächlich um die Bedeutung von Bildung und Erziehung.

Verwaltungsdirektorin Ferencz Emőke, Galerist Thomas Emmerling, Kuratorin Oana Ionel und Gabriela von Habsburg auf dem Weg vom Pfarrhaus zur Vernissage in der Galerie Kusnthaus 7B. Foto: Beatrice UNGAR

Anschließend begaben sich alle auf die von Martin Bottesch gebotene Stadtführung, mit einem kurzen Abstecher in den Innenhof des Brukenthalpalais, wo gerade eine Sonderausstellung mit europäischer Kunst aus drei Jahrhunderten (1500-1800) eröffnet worden war.

Die Künstlerin erklärte nach dem Kurzbesuch in Hermannstadt, sie sei beeindruckt von dem herzlichen Empfang und der wunderschönen Altstadt und könne nun kaum erwarten, ihre eigene Ausstellung zu sehen. Und als das endlich möglich war, sagte die Künstlerin, sie sei angenehm überrascht und begeistert von den hellen Räumen und von dem, wie die Kuratorin Oana Ionel diese Werke zur Geltung gebracht habe.  Die Kuratorin hatte die Auswahl der Werke  nämlich online durchführen müssen. Was das für die Aufstellung der Werke bedeutet, erfuhren die Veranstalter dann, als die größeren Edelstahl-Skulpturen eintrafen und nicht in die Galerieräume passten. Kurzerhand entschied man sich, mit diesen Werken einen kleinen ,,Skulpturenpark“ auf dem evangelischen Pfarrhof einzurichten. Hier kann man sie von allen Seiten betrachten und sie bieten auch überraschende Durchblicke auf die Michelsberger Burg und die Dorfkirche, passend zu dem    Titel der Ausstellung. Dieser lautet ,,Spațiu Între – In Between“, was soviel bedeutet wie: Zwischenraum (wobei auch der Plural passen würde). Galerist Thomas Emmerling sagte denn auch bei der Pressekonferenz, diese Ausstellung habe er unbedingt einmal in Rumänien zeigen wollen, da Rumänien einen Zwischenraum zwischen Ost und West darstelle, dessen Hauptmerkmal die Vielfalt sei. Dankbar sei er auch, dass er bei der Vernissage Ihre Königliche Hoheit, Prinzessin Sofia von Rumänien begrüßen dürfe, die selbst als Kunstfotografin tätig ist.

Gabriela von Habsburg: Gesmis, 2019, 18×25 cm, Edelstahl

In der Galerie selbst stehen kleinere Skulpturen und Farblithographien im Dialog zueinander. Besonders angetan war Gabriela von Habsburg von der ,,Skulpturenwand“, wie sie sie nannte. Oana Ionel hatte drei Kleinplastiken aus Edelstahl in einem Raum an eine weiße Wand angebracht, statt sie auf Sockel zu stellen, wie das gewöhnlich geschieht. Dadurch ergaben sich regelrechte Schattenspiele und die Künstlerin endeckte ihre Werke in einem neuen Licht, wie sie es formulierte.  Desgleichen lud sie alle ein, die Skulpturen auch anzufassen und sich darauf einzulassen, da sie, wie es auch der Kunstkritiker Elmar Zorn in seiner Präsentation formulierte, ,,offene Kunstwerke“ seien.

Die Ausstellung ist bis zum 5. September d. J. von Dienstag bis Sonntag jeweils zwischen 13 und 19 Uhr zu besichtigen.

Beatrice UNGAR

 

 

Erkenntnis und Genuss

Die Werke der Künstlerin Gabriela von Habsburg

 

Die Ausstellung mit Werken von Gabriela von Habsburg im Kunsthaus 7B würdigte bei der Vernissage am 20. Juni d. J. sachkundig und in seiner bewährten Art der Kurator, Dramaturg, Kunstkritiker, Publizist und Hochschullehrer Dr. Elmar Zorn. Im Folgenden lesen Sie Dr. Zorns Ausführungen, die er dankenswerterweise der Hermannstädter Zeitung zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt hat: 

 

Die Besucher dieser Ausstellung über das Schaffen der Bildhauerin und Grafikerin Gabriela von Habsburg können, auch ohne ihre monumentalen Werke im Original vor Augen zu haben, welche ja über viele Länder verteilt sind – u. a. Österreich, Schweiz, Deutschland, USA, Georgien, Ungarn, Italien, Russland, Lettland, Mazedonien, Slowenien, England und Kasachstan -, auch in den kleineren Formen die archetypische Variationsbreite ihrer Raumkörper sich entfalten sehen: durchgehend in einem extremen Kontrast der voluminösen Körper wie Kugel oder Kreisplatte – in sich gewellt modelliert – mit den vektorial spitz und kantig ausgreifenden Stabformen.

Gabriela von Habsburg: Niseko, 2015, 18×25 cm, Edelstahl

Bei solch dreidimensionalem Alphabet konstruktivistischer Kleinplastik hat die Künstlerin, mit maximaler Präzision kalkuliert, an den entscheidenden Stellen die Kontrastteile so miteinander verbunden, dass eine bewegliche Lagerung möglich wird, was sonst Kreis und Segment ja nur in zweidimensional geometrischen Konstellationen zulassen würde. Wie die Axialität des plastischen Raumgebildes im Rundum-Blick erfahrbar wird, wie diese Setzungen die Umgebung dominieren, so dass der Kontext des Raumes als ein entweder geschlossener oder als ein freier wahrgenommen wird: Diese Generierung eines Raumbewusstseins beim Betrachten der Skulptur liefert eine beliebige Zahl von Raumperspektiven und teilt, gewissermaßen wie eine Raumuhr, die Bilder in zeitliche Abfolgen ein. Als ob die Skulptur gewissermaßen als ein „Pilot-Boot“ des umgebenden Raumvolumens das Schiff auf die hohe See ästhetischer Gesamtwahrnehmung zöge, so vollzieht der Betrachter diesen Vorgang zugleich als Erkenntnis und als Genuss.

Auffällig ist, dass es in Gabriela von Habsburgs Formfindung und in ihrer Materialbehandlung der Plastiken bei aller Strenge keinerlei Kälte gibt. Die Qualität ihres Kunstschaffens ist es eben, dass sie – ohne ins gemütvolle plastischer Figürlichkeit zu verfallen – sich fähig zeigt, starke anthropomorphe Vorstellungen zu evozieren. Der Betrachter findet in ihren Skulpturen Grundmuster menschlichen Maßes wieder. Wie aber schafft die Künstlerin dies in Anbetracht einer so konsequenten Formreduktion in ihren Arbeiten? Denn die Nachvollziehbarkeit, einen organischen Körper vor sich zu haben, wird vom harten, glänzenden, ganz und gar unorganischen Material des Edelstahls hergestellt und ist denkbar paradox und überraschend. Die perfekt einheitlichen Oberflächen ihrer Werke erweisen sich eben nicht als abweisend, sondern als modellierbar. Gleichzeitig legen die hoch kreativ ausbalancierten und neu erfundenen Kombinationen zwischen linearen Strukturen und voluminös ausgefüllten Segmenten der Kreise und Rechtecke eine Vielzahl weiterer Konstruktionsoptionen und damit Organgestalten nahe.

Die Fantasie des Betrachters reagiert animiert, weil sie zur virtuellen Ergänzung der Skulpturen aufgefordert ist. Wir haben keine stumpfsinnigen Setzungen vor uns, wie dies so oft bei obrigkeitsgeprägten Denkmalserrichtungen weltweit geschehen ist und das Denkmal als solches in Misskredit gebracht hat.

Die geradezu suggestive Teilnahmefähigkeit der Betrachter dieser Skulpturen resultiert letztlich aus der hohen Empathie dieser Künstlerin. Sie schafft offene Kunstwerke, dies im Sinne der Festlegung des italienischen Kultur-Philosophen Umberto Eco, der in den 1960-er Jahren definierte, dass eine der wesentlichen und faszinierenden Qualität eines gelungenen Kunstwerkes darin bestand, dass es über seine vom Künstler angelegten offenen Valenzen das Publikum mitgestaltend einzubeziehen in der Lage sei.

Eine solch poetische Werkstruktur ist im zeitgenössischen Kunstbetrieb, der zwischen Live-Style-Anbiederung und elitärer Arroganz hin und her pendelt, selten zu finden, geschweige denn so meisterlich herausgearbeitet, wie dies bei Gabriela von Habsburg der Fall ist.

 

 

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