„Wie nah, wie fern ist der Ort, der Heimat ist“

Folkmusik aus der Feder eines ausgewanderten Sachsen

Ausgabe Nr. 2723

Hans Seiwerth: Im Spiegelbild ein Kakadu. Gesang: Angela Seiwerth (Nr. 4, 5, 13), Violine: Michael Gewölb (Nr. 9), Ton: Dietrich Schöller-Manno, Graphik: Nicolaus Damian, Layout. Michael Gewölb. Edition Musik Südost München, 2021.

Findet die Wahl-Hermannstädterin eines Tages die CD eines ihr unbekannten Liedermachers in der Post, verbunden mit der Bitte, doch eine Rezension zu schreiben, wird (noch vor dem Anhören…) fast aus Gewohnheit (und um manche Bedenken zu zerstreuen), zunächst die Suchmaschine angeworfen. Entdeckt man dann, dass es sich beim Künstler um einen bekannten rumäniendeutschen Folk-Sänger handelt, der in den 1980er Jahren einst Geschichtelehrer und Leiter des höchst aktiven Kammerchors „Cantores juvenes“ der Brukenthalschule war (bekannt ist die LP „Stimmen der Völker in Liedern“, 1987 bei Electrecord), siegt die Neugier über die Vorsicht.

 

Selbst einige Jahre am gleichen Gymnasium als Musiklehrerin tätig gewesen, wird wieder die Faszination an dem geweckt, was damals, lange vor der eigenen Zeit an diesem Ort, geschaffen wurde. Sowohl in gezeichneter Form auf dem CD-Booklet als auch auf dem Cover der Vinyl-Platte aus den 80er-Jahren: ein junger, sympathischer Mann mit Gitarre.

Der Spiegel als Motiv hat es ihm offensichtlich angetan: „Im Spiegelbild ein Kakadu“ (Musik Südost, 2020) heute, „Vor dem Spiegel“/„În Fața Oglinzii“ (Electrecord) damals. Es handelt sich bei Hans Seiwerth – für alle, die bis hier noch nicht erraten haben, um wen es sich handelt – also nicht um einen Unbekannten: vielmehr, könnte man sagen, um eine echte Hermannstädter Persönlichkeit.

Seit vielen Jahren in Deutschland lebend, feierte er im Jahr 2013 in der Aula der Brukenthalschule bei einem Liederabend sein 40-jähriges Bühnenjubiläum. Dass seine Karriere als Liedermacher und Sänger, wie Hannelore Baier damals in der ADZ schreibt, im Keller der Hermannstädter Universität mit einem Reinhard-Mey-Abend begann, kann man auch in den Liedern auf der aktuellen CD hören: Mit sanfter, aber klarer Stimme, virtuos begleitet mit dem für diese Musik so typischen Fingerpicking auf der Gitarre, stellt er sich als Siebenbürger Sachse auch gleichzeitig in die Tradition der Folkmusik in Rumänien. In Seiwerths Musik wird die rumäniendeutsche Variante, ja die plurikulturelle Perspektive hörbar. Und man hört ihm (z. T. im Background begleitet von der Stimme seiner Frau Angela Seiwerth) sehr gerne zu.

Spiegelungen sind nicht nur in Bezug auf die musikalische Vergangenheit ein Thema („Spätsommerlicher Schatten“ lässt sich als Pendant zu „Mein Schatten“/,,Umbra Mea“ aus den 80ern lesen), sondern in seinen poetischen Texten mit Augenzwinkern auch als Anklang an die Historie und Kultur, an das Lebensgefühl und die Vielfalt einer Heimat in Südosteuropa: Sei es die Melancholie der „Kleinen Elegie“ (Text: Walther Seidner), die Erzählung von „Dorule“, der rumänischen, personalisierten Sehnsucht, das Siebenbürgisch-Sächsische der Volkslieder oder das Vorkommen „Säulenheiliger“ der hiesigen Geschichte, wie Hermann Oberth und Johannes Honterus.

Die Tonqualität lässt leider noch Wünsche offen – leichte Übersteuerungen und zuviel Hall könnte man vermeiden. Diese „Kammer-Musik“ hätte hier in der Studioversion noch mehr Sorgfalt in Bezug auf ihre schlichte Schönheit verdient. Als Fan des rumänischen Folk und der siebenbürgisch-sächsischen Volkslieder würde nicht nur ich einem Auftritt Hans Seiwerths in Hermannstadt noch vor dem 50. Bühnenjubiläum mit viel Freude entgegenblicken. Die CD ist vorläufig ein sehr guter Ersatz.

Teresa LEONHARDT

 

 

 

 

 

 

 

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Musik.