„Contrarevoluționar“ in der Steppe

Schriftsteller als Zeitzeuge der Bărăgan-Siedlungen / Von Luzian GEIER

Ausgabe Nr. 2721

Kopie (Vorderseite) der Personalakte (Vordruck 1952) des verbannten Schriftstellers Hans Bergel (geboren 1925).

Vor dem 70. Jahrestag der Massendeportation von etwa 40.000 Personen im Frühsommer 1951 aus Südwestrumänien (Banat und Mehedinți) in die Bărăgan-Steppe – Siebenbürgen war verschont geblieben -, stellte die rumänische Archiv-Zentralstelle CNSAS u. a. über 56.000 Personalakten von ehemaligen Zwangsumsiedlern ins Internet. In dem halben Jahrhundert Kommunismus in Rumänien war das Thema weitgehend tabu. Zum 50. Jahrestag hatte der gewählte Abgeordnete der deutschen Minderheit in Rumänien im Parlament, Wolfgang Wittstock, eine Erinnerungs- und Gedenkrede gehalten über diese Menschenrechtsverletzungen, die im Internet nachzulesen ist (Sitzung der Abgeordnetenkammer vom 19. Juni 2001).

 

Nach der großangelegten Um- und Ansiedlungsaktion in dieser Region und der Gründung von 18 neuen Dörfern zur höheren wirtschaftlichen Nutzung der unwirtlichen Gegend, kamen zu den „Staatsfeinden“ ab Mitte der 1950-er Jahre auch politische Häftlinge in mehrere Orte nach Ende oder zum Abschluss der Gefängnisstrafe, mit meist zusätzlichem Zwangsaufenthalt.

Pfarrer Andreas Birkners (1911-1998) Karteikarte (Vorderseite) aus der Zeit des Zwangsaufenthalts bis zur Entlassung.

Das bekannteste derartige Zwangsarbeitslager in diesem Raum war die Verwaltungsgemeinde („Comuna“) Rubla mit mehreren Weilern („cătune“).

Einer der Betroffenen aus Siebenbürgen war der renommierte Schriftsteller Hans Bergel (Jahrgang 1925). In den oben erwähnten Personalakten (Fișe) ist er als „Hans Berger“, Schriftsteller, geführt und laut Eintragung in der Rubrik zu Vorstrafen als „Contrarevoluționar“ (Konterrevolutionär), damals Sammelbegriff für politische Gegner des Regimes.

In dem Weiler der Gemeinde Rubla hatten ab 1962 auch der „Contrarevoluționar“ Schriftsteller und Professor Wolf von Aichelburg und der Pfarrer Andreas Birkner für je 24 Monate Zwangsdomizil.

Der Publizist und Autor Hans Bergel war (mit Andreas Birkner, Wolf von Aichelburg u. a.) bei dem bekannten, 1959 vom rumänischen Sicherheitsdienst inszenierten Kronstädter Schriftstellerprozess zu 15 Jahren Gefängnis mit Zwangsarbeit verurteilt worden. Durch einen Beschluss des Innenministeriums vom Dezember 1962 folgten nach Ableistung eines Teils der Haftstrafe in Fortsetzung 24 Monate Zwangsaufenthalt mit stark eingeschränkter Bewegungsfreiheit im Bărăgan, und zwar im Zwangsarbeitslager Valea Călmățuiului, Weiler der Gemeinde Rubla.

Dieser größere Ort Rubla – 450 Familien, davon 246 deutsche Familien, waren hier laut Statistik der „Securitate“ aus dem Jahr 1955, angesiedelt worden – zählte mit Giurgeni/Răchitoasa zu den wenigen der 1951 neuangelegten Dörfer, die nach 1956 nicht dem Erdboden gleich gemacht wurden.

Hans Bergel lebte hier im Weiler links des Călmățui-Baches bis zu seiner Entlassung 1964, die aufgrund einer Begnadigung für politische Häftlinge erfolgte. In seinen Erinnerungen an die Zeit im Arbeitslager erwähnt der Schriftsteller Bergel die Leidensgefährten Prinz Alexandru Ghika (Arzt), den bekannten Politiker Corneliu Coposu oder die heimlichen Besuche des in Rubla verbannten Rechtswissenschaftlers Dr. Nicolae Marinică.

Unweit, im Dorf Lățești, Gründungsname Bordușanii Noi, von der Familie des Banater Schriftstellers Ludwig Schwarz, dort damals Baumeister, mit aufgebaut, musste u. a. der aus Bessarabien stammende „Contrarevoluționar“ Paul Goma, der international bekannte Dissident, mehrere Jahre lang mit Zwangsaufenthalt leben.

Bis nach der Ausreise 1984 hat diese Karteikarte den „Politischen“ Wolf Aichelburg (1912-1994) begleitet.

Die Zeit in der materiell und sozial unversorgten Verbannung hat im literarischen Werk von Hans Bergel vielfältigen Niederschlag gefunden. Als Erinnerungen aufgezeichnet ist dieser Lebensabschnitt in dem Buch „Vom anderen Europa. Aus Geschichte und Gegenwart südosteuropäischer Landschaften“ (Osteuropazentrum Berlin 2015), in dem Kapitel „Lebensraum Verbannungsort. Zwangsaufenthalt für politische Häftlinge in der Donausteppe“ (Seiten 98-115). Bergel berichtet dabei nicht nur über das eigene Leben bzw. Überleben, sondern auch über die Pfarrer Andreas Birkner und Konrad Möckel sowie den Schriftsteller Wolf von Aichelburg. Ähnlich Bergels Beitrag, der unter dem Titel „Die Erdwarze in der Donausteppe“ in der Münchner Zeitschrift Spiegelungen (Nr. 3/2006, S. 9-15) abgedruckt worden ist.

Die Verflechtung der ursprünglichen Umsiedlungsziele mit Dorfgründungen 1951 und der nachfolgenden Einweisung politischer Häftlinge in diese Dörfer erschwerte später die Lösung der Bărăgan-Frage nach der Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen Rumänien und Tito-Jugoslawien im Sommer 1954 und der Beseitigung der Hauptvertrauten Moskaus aus der Bukarester Parteispitze nach Stalins Tod 1953.

Das Bărăgan-Problem wurde zum „gordischen Knoten“ der sich lockernden Beziehungen der Ostblock-Staaten zu Jugoslawien, obwohl die Banater Serben mit etwa 860 Familien zahlenmäßig nur rund zehn Prozent der Zwangsumsiedler ausmachten. Der Anteil der Deutschen betrug etwa 25 Prozent.

Auch nach der Belgrader Erklärung vom 2. Juni 1955 und der folgenden Moskauer Erklärung vom 20. Juni 1956 zur Normalisierung der sowjetisch-jugoslawischen Beziehungen war die Freilassung der Bărăgan-Serben ein Schlüsselthema. Der im Bukarester Innenministerium zuständige Chef der Kommission zur Überprüfung der Personen mit Zwangsaufenthalt („Bărăgan-Mission“), der ungarisch-jüdische Siebenbürger Altkommunist und Geheimdienst-Oberstleutnant Wilhelm (Vilmos) Einhorn (geboren 1911), wurde dann zum 1. Sekretär der Botschaft Rumäniens in Budapest wegbefördert. Für die Rückkehr der meisten Umsiedler aus der Steppe ins Banat 1956 spielten jugoslawische diplomatische Einsätze eine gewichtige Rolle. Daher waren die serbischen Familien die ersten, die 1956 in ihre Dörfer zurück durften.

Kollektivschuld und Sippenhaft in den Personalkarteien der Zwangsumgesiedelten in die Bărăgan-Steppe, hier Akte (Vordruck 1951, Ausschnitt) der dreijährigen Helga S., eingestuft in die Staatsfeinde-Gruppe („Categoria“) „SS“.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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