Die Presse als Beispiel

,,Hermannstädter Gespräche“ über Oscar-nominierten Film

Ausgabe Nr. 2714

Premiere in der rumänischen Filmgeschichte: Der rumänische Dokumentarfilm „Colectiv“, in der Regie von Alexander Nanau (2. v. r.), wurde in zwei Kategorien (bester Dokumentarfilm und bester internationaler Film) in die kurze Auswahl für den Oscar 2021 nominiert. Unser Bild: Am Samstag war Nanau Gast der ersten Auflage der „Hermannstädter Gespräche“ in diesem Jahr und diskutierte mit Günter Czernetzky (1. v. l.), Aurelia Brecht (2. v. l.) und Raimar Wagner (1. v. r.).Foto: Cynthia PINTER

Seit Montag ist es offiziell: Der rumänische Dokumentarfilm „Colectiv“, in der Regie von Alexander Nanau, wurde in zwei Kategorien (bester Dokumentarfilm und bester internationaler Film) in die kurze Auswahl für den Oscar-Filmpreis 2021 nominiert. Das ist eine Premiere, denn kein anderer rumänischer Film hat es bisher auf die Shortlist der Oscar-Verleihung geschafft.

Einen besonderen Einblick in die Arbeit für den Film und die Veränderungen, die der Film in Rumänien und international mit sich brachte, konnte man bei dem Podiumsgespräch zum Thema „Colectiv. Tödliche Verflechtungen von Politik und Gesundheitssystem“, das am vergangenen Samstag im Spiegelsaal des Hermannstädter Forums im Rahmen der „Hermannstädter Gespräche“ stattgefunden hat, gewinnen.

 

Eingeladen waren der Regisseur des Films „Colectiv“, Alexander Nanau und Günter Czernetzky, ebenfalls Regisseur. Es moderierten Raimar Wagner, Leiter des Büros für Rumänien und die Republik Moldova der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit und Aurelia Brecht, Kulturmanagerin des Instituts für Auslandsbeziehungen am DFDH.

Premiere feierte der Film „Colectiv“, der den Untertitel „Korruption tötet“ trägt, im Jahr 2019 bei den Filmfestspielen in Venedig und kam 2020 in die rumänischen Kinos. Eine kurze Inhaltsangabe sowie der Trailer des Films gewährten den Anwesenden einen Einblick in die Handlung des Dokumentarfilms:

Im Oktober 2015 werden durch einen Großbrand im Bukarester Szeneclub Colectiv die politischen und gesellschaftlichen Strukturen in Rumänien erschüttert. Bei einem Konzert sterben in der Nacht vom 30. Oktober 27 Menschen, 180 werden verletzt, 37 von ihnen erliegen später im Krankenhaus – aufgrund der schlechten medizinischen Versorgung – ihren Verletzungen. Bereits kurz nach dem Brand war der Regisseur Alexander Nanau mit seinem Filmteam vor Ort, um die Ereignisse nachzuverfolgen und festzuhalten. Von einem Brand im Club, in dem die Sicherheitsbestimmungen nicht eingehalten wurden, entwickeln sich die Geschehnisse weiter: Das investigative Journalistenteam von der Zeitung Gazeta Sporturilor, das Nanau im Film „Colectiv“ über anderthalb Jahre begleitet, deckt einen der größten Skandale im rumänischen Gesundheitswesen auf und zeigt die engmaschige Verstrickung von Korruption, Gesundheitssystem und Politik.

Alexander Nanau diskutierte über die Veränderungen im Land nach dem Brand im Club Colectiv.                                       Foto: Cynthia PINTER

„Das traumatischste Ereignis seit der Revolution“, so bezeichnete Alexander Nanau die Katastrophe von Colectiv und erzählte erstmal, wie es dazu kam, dass er gerade dieses Thema für seinen Dokumentarfilm gewählt hatte. „Ich wollte den Film machen, um zu verstehen, wie korrupte Macht im Verhältnis zu den Bürgern funktioniert.“ Zuerst konzentrierte sich Nanau auf die Eltern der Brandopfer als Hauptprotagonisten im Film, danach auf die Journalisten um Cătălin Tolontan von der Gazeta Sporturilor und auf Vlad Voiculescu, den technokraten Gesundheitsminister der Cioloș-Regierung.

Wie der Großbrand im Club Colectiv die rumänische Gesellschaft verändert hat, darauf gingen die Gäste der „Hermannstädter Gespräche“ in besonderem Maße ein. Alexander Nanau ist der Meinung, dass sich die rumänische Gesellschaft nach dem Brand sehr stark verändert habe, vor allem im Verhältnis zur Presse, zu der sie wieder Vertrauen habe. Dazu beigetragen habe eine Ärztin, die den Mut hatte, die Wahrheit über die verdünnten Desinfektionsmittel in den Krankenhäusern zu sagen und dadurch die Investigation der Presse losgetreten hat. Das habe ausgelöst, dass die Menschen mehr Vertrauen in die Presse aufgebaut haben. „Zweitens hat es in der Zivilgesellschaft etwas ausgelöst, z. B. dass die Leute jetzt aus privaten Mitteln durch NGOs Krankenhäuser bauen. Ebenso sind die einzigen mobilen Covid-Krankenhäuser, die funktionieren, jene, die von NGOs aus privaten Mitteln gebaut wurden. Das sagt uns, wie sehr sich die rumänische Gesellschaft verändert hat“, sagte Alexander Nanau, der als Kind 1990 aus Bukarest mit seiner Familie nach Deutschland auswanderte und 2007, nach dem EU-Beitritt Rumäniens zum ersten Mal zurückkehrte. Dass er nun zwischen den Welten lebt, helfe Nanau besonders, eine Distanz für seine Arbeit als Regisseur zu gewinnen: „Ich fühle mich weder deutsch noch rumänisch, spüre keine Zugehörigkeit zu den Ländern, deswegen kann ich durch meine Arbeit das sagen, was ich sehe, ohne jemandem etwas schuldig zu sein.“

Das Kino-Poster des Dokumentarfilms „Colectiv“, der in zwei Kategorien auf der kurzen Liste für den Oscar nominiert wurde.     Foto: CineMaterial.com

Die Reaktionen zu dem Film seien international positiv gewesen. „Es hieß nicht, wie schrecklich Rumänien ist, sondern wie schrecklich das Gesundheitssystem ist, wie korrupt die Autoritätspersonen, aber was für eine unglaubliche Presse! Die Presse, die sich für ihre Gesellschaft eingesetzt hat, wird im Moment international als Beispiel dafür genommen, wie man Presse machen muss. Das ist für mich ein sehr positives Bild Rumäniens.“ Zufall oder nicht, in der Mongolei sei zwei Tage nach der Ausstrahlung des Films in einem privaten TV-Sender etwas Unerwartetes passiert. Journalisten hatten über die schlechte Behandlung von Covid-Patienten zu berichten begonnen, was dazu geführt hat, dass der Gesundheitsminister, gefolgt von der ganzen Regierung gestürzt wurden. Es sei schwierig zu sagen, ob wirklich der Film das beeinflusst hat.

In Rumänien kam „Colectiv“ Anfang 2020 in die Kinos. Während einer einwöchigen Vorstellungstour durch das ganze Land stellte der Regisseur fest, dass der Großteil des Publikums zwischen 16 und 30 Jahre alt war. „Es ist der Teil der rumänischen Gesellschaft, der Antworten braucht auf eine Frage: Bleib ich, oder geh ich? Verlier ich meine Zeit, wie meine Eltern in diesem Land und werde ich enttäuscht sein? Dieser Teil der Gesellschaft braucht Antworten und ist deswegen auch aktiv. Sie wollen ihr Land mitgestalten und man kann ihnen nicht so leicht etwas vormachen.“, sagte Nanau.

Günter Czernetzky erinnerte sich daran, wie sehr sich die Menschen seit den 1990-er Jahren in Rumänien verändert haben. Damals wollten vor allem öffentliche Institutionen genau Bescheid wissen, worüber man einen Film dreht, um nicht noch mehr dem sowieso schon schlechten Ruf Rumäniens (z. B. als Armenhaus Europas) zu schaden. „Da scheint sich mit der Zeit etwas geändert zu haben, die Bereitschaft in der Gesellschaft hat sich gewandelt, dass man auch erträgt, dass ein Bild nicht weichgezeichnet ist.“

Die sehr interessante Gesprächsrunde wurde mit Fragen aus dem Publikum vervollständigt, wonach man den Abend distanziert ausklingen ließ.

Die erste Ausgabe der „Hermannstädter Gespräche“ im Jahr 2021 fand den Pandemiebestimmungen entsprechend in kleinem Kreise im Spiegelsaal des Hermannstädter Forums statt, während viel mehr Menschen den Dialog online live verfolgen konnten.

Unter https://www.youtube.com/watch?v=X9zEg0PZX3w ist die gesamte Veranstaltung anzusehen. Wer den Film „Colectiv“ noch nicht gesehen hat, kann das in Rumänien auf dem Streaming-Kanal „HBOGo“ und in Deutschland in der Mediathek des Mitteldeutschen Rundfunks (www.mdr.de) tun.

Die erste Ausgabe der „Hermannstädter Gespräche“ war eine Kooperation zwischen der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, dem Demokratischen Forums der Deutschen in Hermannstadt (DFDH) und dem Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) und wurde aus Mitteln des Auswärtigen Amts der Bundesrepublik Deutschland gefördert.

Cynthia PINTER

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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