Wie reagieren wir?

Mögliche innere Einstellungen zur Pandemie / Von Dan DEDIU

Ausgabe Nr. 2708

Albrecht Dürer: Melencolia I (Die Melancholie).

Unter dem Motto ,,Der Feind ist nicht außerhalb von uns, sondern in uns.“ (Giorgio Agamben) hat sich der Komponist und Musikwissenschaftler Dan Dediu überlegt, ein paar Gedanken zu dem Chaos, das in Zusammenhang mit der Coronavirus-Pandemie in unseren Köpfen herrscht, zu Papier zu bringen. Aus diesem Anlass hat er versucht, verschiedene schriftlich geäußerte Meinungen mit einzubeziehen, er hat sich darüber hinaus aber auch eine Reihe von Interviews mit verschiedenen Würdenträgern, Denkern und Künstlern angesehen.

Insbesondere die zeitgenössischen, philosophischen Größen scheinen mir hier interessant. Was sagen sie dazu? Ein Großteil von ihnen kritisiert und warnt vor der Gefahr einer möglichen globalen Diktatur und vor Entmenschlichung: Der Deutsche Peter Sloterdijk spricht von ,,Demobilisierung“ und einem ,,generalisierten Hoffnungsverlust“, der Italiener Giorgio Agamben betont das ,,Klima der Panik“, das von Behörden und Medien aufrecht erhalten wird, er bedauert die Militarisierung und Aufrechterhaltung des Ausnahmezustands, die Degeneration der menschlichen Beziehungen und die Tatsache, dass das Leben nur noch auf seinen biologischen Zustand reduziert würde und seine sozialen, politischen, emotionalen und empathischen Dimensionen zu verlieren scheint. Der Slowene Slavoj Žižek sieht die Krise als einen Angriff im Stil einer Kampfkunstart (à la ,,Kill Bill 2″ von Tarantino), der dem Kapitalismus gilt und die digitale Neuerfindung des Kommunismus vorbereitet. Der Koreaner Byung-Chul Han prognostiziert die Entstehung einer unmenschlichen Gesellschaft, mit einer Hysterie des Überlebens um jeden Preis und dem Verschwinden des Glaubens, wobei die Virologie die Theologie entthront, die Freude auf dem Altar der Gesundheit geopfert wird und die Vision der Auferstehung einer Hygieneideologie, mit der Strenge des ,,Rauchen verboten“-Paradigmas, untergeordnet wird.

Wie aber hat jeder von uns auf den medialen Tsunami und die Virusgefahr reagiert? Ich denke, es gibt ein Muster, ein Modell, das aus verschiedenen Schritten besteht und gewissermaßen für alle ähnlich funktioniert. Zuerst waren wir angesichts des Unbekannten und der Neuartigkeit desorientiert, nicht zuletzt auch wegen der Geschwindigkeit, mit der ein Lockdown beschlossen wurde. Dann folgte die Bestürzung angesichts der weltweiten Vereinheitlichung der Schutzverfahren gegen die rasche Ausbreitung des Coronavirus: Handhygiene, räumliche Distanzierung, Tragen einer Maske. So konnte es in einem dritten Schritt zum Aufbegehren gegen die Freiheitseinschränkungen kommen, oder zumindest zur inneren Auflehnung dagegen, dass diese in dieser Form möglich sind. Schließlich gewöhnten wir uns langsam an die Idee von Schutzmaßnahmen und akzeptierten die De-facto-Situation.

Dabei beschreibt die Abfolge von Desorientierung-Bestürzung-Aufbegehren-Gewohnheit-Akzeptanz einen psychischen Mechanismus, der uns allen gemeinsam ist, sobald wir eine individuelle oder kollektive Katastrophe durchleben. Wie überleben wir unter diesen Bedingungen? Welche Strategien verfolgen wir? Welche inneren Einstellungen lenken schließlich unser Verhalten in unserem weiteren Leben?

Wir alle haben uns diesen Problemen gestellt. Jeder von uns hat versucht, einen inneren Handlungsmodus zu finden, der das Überleben in der entstandenen Stagnation sichert. Das heißt, eine bestimmte innere Haltung gegenüber der Pandemie einzunehmen. Was wären diese möglichen Einstellungen, fragte ich mich? Ich habe im Folgenden versucht, einige Antworten zu finden, die von den Menschen inspiriert wurden, die ich kenne. Die im Weiteren beschriebene typologische Tetrade ist nicht erschöpfend, und deshalb lade ich zu gemeinsamer Reflexion ein, um andere mögliche Standpunkte auszuloten, die wir dann durch den Filter des Verstehens laufen lassen, sie anschließend benennen, um sie schlussendlich besser erfassen zu können.

  1. Die geschäftige Abulie (griechisch ἀβουλία aboulia ‚,Willenlosigkeit“) bezeichnet das Fortsetzen eines Tagesablaufs, so als sei nichts geschehen. Es ist eine Haltung, die wenig Motivation (wenn überhaupt) in dem findet, was sie tut, die nicht tiefgründig ist, keine Entscheidungen treffen kann, stattdessen aufgrund des Trägheitsmoments weiterhin eingeübte Reflexe ausführt. Mag sein, dass die Welt an Sinn verloren hat oder ihr eine andere Bedeutung zukommt, aber das Einnehmen dieser Haltung scheint Neuheit und Veränderung nicht zu berücksichtigen. Sie bleibt im trockenen Automatismus eingefroren und bildet damit eine ontologische Blase um sich selbst: Das Individuum schließt sich in der Arbeit ein, wird ihr Sklave, rettet sich aber paradoxerweise auch dadurch. Es ist also eine gute Strategie, um im Beruf zu überleben: Weiterhin seine Pflicht zu erfüllen, im gleichen Tempo zu arbeiten, auch wenn man unmotiviert ist und gewissermaßen einer absurden Logik folgt. Daher besteht das Paradox der geschäftigen Abulie in ihrer inneren Passivität und dem Fehlen jeglichen gestaltenden Willens, jeglicher Zielgerichtetheit.
  2. Acedia (latinisiert aus altgriechisch ἀκηδία bzw. ἀκήδεια „Nachlässigkeit“, „Nichtsmachenwollen“), sagten die Mönche der Wüste, ist eine Krankheit der Seele, bei der man sich nicht mehr um irgendetwas oder irgendjemanden, noch nicht einmal um sich selbst kümmern kann. Sie tritt auf, wenn man alleine, in Abgeschiedenheit (oder in der heutigen Lockdown-Version) ist, und mit den eigenen Dämonen kämpft (heutzutage gut als ,,Tagesnachrichten“ wieder-zuerkennen). Der Heilige Johannes Cassianus bezeichnete Acedia als den ,,Mittagsdämon“ und beschrieb deren Nähe zur Apathie, jedoch mit viel schwerwiegenderen Symptomen: mangelnde Konzentration, Gleichgültigkeit und Überdruss. Im 19. Jahrhundert wurde der Begriff von Baudelaire „geschönt”, indem er von ,,Spleen“ (Marotte) mit einem Beigeschmack von Langeweile sprach, wobei er den Kerninhalt weiterhin unter ἀκηδία („Nachlässigkeit”) zusammenfasste. Walter Benjamin hingegen entdeckt sie in der Trägheit von Prinz Hamlets Herz, fügt dieser jedoch noch eine saturnische Komponente hinzu. Man nennt sie auch Erstarrung oder inneren Schiffsbruch. Kommt Ihnen das nicht bekannt vor? Ähnelt es nicht dem Zustand, den viele von uns im Jahr 2020 durchgemacht haben, gewiss in unterschiedlicher Farbabstufung und mit unterschiedlicher Symptomschwere? Haben wir uns nicht gefragt, „wozu das Alles”, in diesem oder jenem Tun? Für wen? Warum wieder kämpfen?
  3. Standhaftigkeit ist die Haltung, mit der wir einen inneren Kampf aufnehmen und unseren Glauben an das, was wir tun, stärken, indem wir bewusst daran arbeiten, die Qualitäten, Kenntnisse und Fähigkeiten, die wir besitzen, selbst gegen einen Widerstand zu steigern und gegen die innere Lethargie, Faulheit und Schläfrigkeit zu kämpfen. Entschlossenheit, Sturheit, Ausdauer, Belastbarkeit, Hartnäckigkeit, Halsstarrigkeit – all dies sind schwer fassbare Nuancen der Standhaftigkeit, die Tiefen auslotet und zu Recht meint, von dem Lockdown profitieren zu können, sei es um das Wissensspektrum zu erweitern, um zu studieren, zu lesen, Musik zu hören, oder besser reflektieren, schreiben und auftreten zu können. Ich kenne einige Menschen, die diesen Weg eingeschlagen haben, von wahrem Wissensdurst Getriebene, Wissenschaftler und Künstler, die sich für diese Verhaltensweise entschieden haben: sie vertiefen sich in neue Bücher, lernen neue Rollen, analysieren, stellen sich selber immer neue Herausforderungen, sie greifen Erfahrungen aus der Vergangenheit auf und bearbeiten sie neu, und integrieren das Trauma der Pandemie in ihr kreatives Produkt, wodurch diese einen Sinn erhält. Vielleicht sind sie die großen Gewinner dieser Zeit, die Menschen, die sich nicht entmutigen lassen und weiterhin die eigene Verbesserung vorantreiben, unabhängig von dem Witterungseinfluss des Egregors der aktuellen Zeitströmung.
  4. Eine vierte mögliche Haltung, die man angesichts der Pandemie einnehmen kann, wäre der innere Eskapismus, die Flucht aus dem eigenen Ich, die als Erkundungsabenteuer anderer Gefilde der umgebenden Realität definiert werden kann. Der innere Eskapismus manifestiert sich in einem entschiedenen Bruch mit der Vergangenheit und in der Veränderung des Interessensschwerpunkts im Leben: Veränderung von Beruf, Umwelt und Kontext (Land, Stadt, Familie, Freunde, Aussehen), was unweigerlich zur Frage der Veränderung des Selbst führt. Wir wissen, dass dies machbar ist, wir wissen, dass ontologische Flucht möglich ist. Der Erfolg dieser Suche ist nicht garantiert, und deshalb braucht es großen Mut, um sich diese Haltung anzueignen. Man tut es, angetrieben von Wut oder Stolz, aus Verzweiflung oder Ärger, Hoffnung oder Langeweile, und es gibt keinen wirklichen Weg zurück. Man wirft sich ins Leere, in dem Glauben, sich zu gegebener Zeit wiederherstellen zu können. Eine Flucht aus dem eigenen Ich hofft, das eigene Selbst durch Äußerlichkeit, durch neue Sets und Kostüme zu verändern. Tatsächlich kann diese Verwandlung funktionieren, ähnlich wie in James Camerons ,,Avatar“, wo sich der körperbehinderte Jake Sully manchmal sogar in einen Na’vi-Kapitän, dem Meister des fliegenden Riesen Toruk Makto, verwandelt.

Sehr wahrscheinlich dürfte es noch weitere mögliche innere Einstellungen geben, mit deren Hilfe wir die Herausforderungen der Coronavirus-Pandemie mit ihren soziopolitischen, rechtlichen, rationalen und emotionalen Nebenwirkungen bewältigen können. Aber ich belasse es dabei. Mir ist bewusst, dass wir weiterhin in Bewegung sind, dass die Pandemie ihren Gang durch die Menschheit fortsetzt und ein Ende nebulös und ungewiss ist. Wir müssten uns daher jeden Tag fragen, welche Einstellung wir wählen, um vorwärts zu kommen. Wir sind Menschen, das stimmt: Unsere Unbeständigkeit ist unser Trumpf. Wir ändern unsere Ideen und Gefühle, und das ist gut so. Es zeigt uns, dass wir uns weiterentwickeln, dass wir denken und fühlen. Manchmal überwältigt uns eine geschäftige Abulie, ein anderes Mal kämpfen wir mit Acedia, oft wollen wir aus dem eigenen Ich fliehen, aber die Vernunft ruft uns zurück, um zu kämpfen und uns mit Standhaftigkeit zu bemühen. Wichtig ist, sich immer wieder zu fragen, was wir in unserem Leben hervorheben wollen, während wir auf das Virus oder den Impfstoff warten. ,,Sein oder Nichtsein“, sagte schon Hamlet, ,,das ist hier die Frage!“

(Übersetzung: Monique POPESCU)

 

 

 

 

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