Eine Geschichte von Liebe und Flucht

Der Roman ,,Einer, der Hans hieß“ von Dietfried Zink

Ausgabe Nr. 2708

 

Sucht man im Zusammenhang mit der Deportation unserer Landsleute nach Russland, im Januar 1945, nach schöngeistigen Darstellungen des Leidens und der Schrecken der Verschleppung zur Zwangsarbeit, so entdeckt man wohl kein anderes, welches das zwischenmenschlichen Geschehen und die Verwandlung des inneren Lebens der von der Deportation Betroffenen so überraschend thematisiert wie der Roman ,,Einer, der Hans hieß“ von Dietfried Zink. Und wohl keines, das so intensiv die Macht ihres inneren Lebens schildert, welches zunächst seinen Ausgang und darauf eine bedeutsame Erweiterung nimmt aus der Wechselwirkung von Zwecken und Trieben und ebenso von Vereinigung und Trennung  –  von Herausforderungen und von Handlungen somit, die die eigenen seelischen Zustände oder die des anderen beeinflussen.

Die Deportation von Frauen und Männern deutscher Volkszugehörigkeit in die Sowjetunion zur Zwangsarbeit, mit all ihrem Grauen und ihren Schrecken, ist zwar nur Kulisse und Beiwerk in Dietfried Zinks Roman ,,Einer, der Hans hieß“, und das Erinnern daran wird zur wuchtigen Aussage und Anklage ebenso nur im Klappentext des Buches. Das Wesentliche im Roman ist hingegen die (fiktive) Geschichte der Heimkehr des jungen Hans Meinert, ins Märchenhafte erhöht durch seine Liebe und Huldigung an die (beiden) russischen Frauen, als Erfüllung und Bürde der gefahrvollen Flucht aus der Deportation in das heimatliche Hermannstadt. Eine Bürde, denn es fehlen ebenso nicht die Schatten und die Misstöne der scheinbar so sorglosen liebevollen Zuneigung, die dem beglückenden Zusammenleben das unabwendbare Ende bereiten. Schon die Andeutung solcher Einbrüche in die Fülle der Leidenschaft genügt, um die Verzweigungen in den Bemühungen um das Gelingen der Flucht in die siebenbürgische Heimatstadt zu erahnen, der sich noch vor ihrem Beginn zum Teil unüberwindliche Hindernisse entgegenzustellen scheinen.

Noch offenbaren die einzelnen Schritte der Fluchtvorbereitung ihre Geheimnisse nicht, und der Leser fühlt lediglich, dass die Flucht äußerst kompliziert und verschlungen sein werde. Aber von der Geschehnisfolge her, die sich zum russischen Märchen steigert, ist feststellbar, in welchem Ausmaß das von Hans Meinert mitgebrachte siebenbürgisch-sächsische Erbe an Gesittung von der Art der russischen Einwohner beeinflusst wird. Und gleichermaßen lässt sich das Bild des Hinüberwirkens der russischen Art auf das Sinnen und Handeln des jungen Siebenbürgers entwirren, auch wenn sich der Leser zunächst mit Vermutungen begnügen muss und ihn die bisher wohl so nie gekannte Fremdartigkeit der russischen Art auch nicht überraschen mag.

Spätestens an dieser Stelle könnte man sich nun wohl mit Recht fragen: Wieso ist dies denn ein Märchen und keine Odyssee? Und was könnte denn ein Märchen über die Deportation wohl schon aussagen? Und dazu noch ein Märchen über Liebe, Trennung und Heimkehr eines Opfers der Deportation?! Hier sei zu bedenken, dass es Liebe schon immer gegeben hat oder immer wieder gegeben haben mag, auch in düsteren Zeiten, ja sogar in den Jahren höchster Not und Bedrohung. So in den Zeiten der Pest oder der Cholera, warum dann denn nicht auch zu den Zeiten der Deportation! Fürwahr: Innige, beglückende Liebe in der Gefangenschaft und Deportation, und dazu noch Liebe und Huldigung an Russinnen! Man möchte meinen, dass ein solcher „konkreter Erfahrungshorizont“ wohl nur das Ergebnis „märchenhafter Einbildungskraft“ sein könne, und diese sei „unzeitgemäß“, so die Theoretiker der Praxis der modernen Literatur. Denn das „Natürliche des Märchens“ sei der „magische Zauber“. Beziehen sich diese Überlegungen nun vorwiegend auf das Kunstmärchen als „paradigmatische Gattung der Romantik, namentlich der deutschen (Novalis, Tieck, Brentano, Eichendorff, Hoffmann)“, so lassen  Deutungen der literarischen Entwicklung der Gegenwart  – so heißt es weiterhin  – ein „neues Interesse an märchenartigem Erzählen“ erkennen, das begleitet wird von den Merkmalen „der Gattungstradition des Märchens“. In diesem Sinne betrachten wir Dietfried Zinks wunderbare Geschichte von einem, der Hans hieß, als einen Ausschnitt aus dem Ganzen dieser literarischen Entwicklung. Und schon dieser Titel erfüllt  – als Schlüssel zum Verständnis eines, man möchte meinen übernatürlichen Inhalts  – eine einstimmende Funktion.

Sucht der Leser nun, um einen gesicherten Ansatzpunkt zu finden, im Roman nach den Merkmalen der „Gattungstradition des Märchens“, so findet er sie in dem straffen, überwiegend berichtartigen Erzählen, in der gesamten Liebes- und Fluchtgeschichte  – auch diese, wie anders denn, eine fiktive!  -, die allerdings zur Parabel hin offen ist, sowie in der moralischen Bestimmung des Geschehens. Diese moralische Auslegung ist daran erkennbar, dass die ethischen Grundsätze und die gesamte Gesinnung der agierenden Personen nicht auf das Böse, sondern nach ihrem und aller Ermessen auf das Gute ausgerichtet sind. Man möchte meinen, der Grundriss des Romans habe einen vieldeutigen Bezug zu Gegenständen und Sachverhalten, eine „programmierte Vieldeutigkeit“ somit, die sich zunächst aus der Sinnbildhaftigkeit der „düsteren Viehwaggons“ und des „Eisenbahnfahrt-Marathons“ in die „weiße Landschaft Sibiriens“ ergibt. Nach Sibirien, in das „Land der unbegrenzten Grausamkeiten“, mit seinen Arbeitslagern und Baracken und den „Wehrmauern einer Burg“, die „jeder Beschreibung“ spotten. (S. 15ff.) Im Weiteren ergibt sich die Vieldeutigkeit aus der Symbolik der Traumbilder und der Zahlen, die der Handlung eine tiefere Bedeutung verleiht. Denn Hans Meinert nimmt drei Dinge auf die Flucht mit, und alle drei sind Erbstücke seines Großvaters: eine goldene Taschenuhr, die er zur Konfirmation bekommen hat, ein Schweizer Taschenmesser und eine Doppelkopfaxt mit kurzem Schaft. (S. 12 f.) In Russland gewinnen die Zahlenzusammenhänge erotische Bedeutung, denn hier umfasst die spannungsreiche Fülle seines Lebens drei Frauen: die beiden Zwillingsschwestern Sonja und Tanja und Natascha, die behinderte Tochter Sonjas. Zu Hause, in Hermannstadt, wo sich die Relation zwischen Zahlen-Bild und Sinn auf die vorgegebene bedeutsame Form des ehelichen Zusammenlebens von Mann und Frau und deren Nachkommen richtet, gehören zu seiner eigenen Familie auch nur drei Personen: außer ihm noch seine Frau Margarete und sein Sohn Markus.

Eine tiefere Bedeutung haben die Tagträume des jungen Mannes. Sie weisen auf geistige Zusammenhänge hin, reichen in die Tiefe seines Bewusstseins, sind bestimmten Gefühlslagen und Situationen zugeordnet und kehren wie ein Leitmotiv einprägsam immer wieder. Durch ihr mehrfaches Auftreten gliedern sie den Gang der Handlung, deuten als Fluchtträume voraus und führen als Träume von der Heimkehr zum spannungslösenden Teil des Geschehens.

Hans Meinert, der durch die Verwirklichung der Handlungsstränge, aber auch durch seine individuell geprägten Charaktereigenschaften als „Hans im Glück“ agiert, tritt (und ebenso auch die anderen Personen)  – im Unterschied zu den gängigen Märchenstoffen  –  in einer räumlich bestimmten Sphäre und mit realer zeitlicher Bindung auf. In der weiten Sibirischen Steppe überschreiten die von der Deportation Betroffenen  –  nach der endlosen Fahrt im Viehwaggon  – in der Nähe von Kansk die Ziellinie; und es war der 13. Januar 1945, als ihre Aushebung in Hermannstadt begann. Die realen zeitlichen Zusammenhänge bleiben im gesamten Handlungsverlauf erhalten, gliedern den äußeren Gang der Handlung, machen aber auch den gedanklichen Hintergrund sichtbar, wenn es heißt: nach „dreieinhalb Jahren“ war es soweit, dass Hans Meinert „sich in Form fühlte und alle Energie in das Gelingen“ seines „Fluchtplanes stecken konnte“. (S. 22)

Umfassender als die überlieferte Erzähltradition des Märchens ist allerdings die in zwei Teile gegliederte Grundstruktur des Romans. So sind in die Haupthandlung des Romans Episoden eingeschoben, die ein Gegenbild zum Hauptgeschehen vermitteln und antithetisch zur heimatlich-sozial geprägten Innerlichkeit des Haupthelden stehen. Die Haupthandlung ist thematisch vielschichtig und ergibt sich aus den Zusammenhängen des „10-Punkte-Katalogs einer erfolgreichen Flucht“, die sich Hans Meinert „im Kopf zusammengestellt“ hat und von denen „die ersten drei Punkte die wichtigsten waren und unbedingt berücksichtigt werden mussten“. (S. 18) Diese herauszufinden und Hans Meinert auf seinem gefahrvollen Fluchtweg zu begleiten, der vom sibirischen Kansk ausgeht und über Krasnojarsk, Novosibirsk, Omsk, Tscheljabinsk nach Moskau und von dort über Ungheni nach Bukarest führt und mit seiner Ankunft in Hermannstadt im Jahre 1950 endet, überlassen wir den geneigten Leserinnen und Lesern.

Nicht weniger spannungsgeladen als die äußere Handlung (die Haupthandlung) ist die Nebenhandlung (die innere Handlung), die sich aus abgeschlossenen Einschüben ergibt, die die geistige und seelische, aber auch die ethische Entwicklung des „Hans im Glück“ auf seiner Flucht in die Heimat markieren und wesentlich zur Vieldeutigkeit des gesamten Geschehens beitragen. Die Einschübe kommen sicherlich den Erwartungen der Leserinnen und Leser entgegen, denen mit „Hans im Glück“ zweifellos eine Märchengestalt vorschwebt, die die Erfahrungswelt des Alltags mit Erfahrungselementen des Wunderbaren verbindet. Dass in unserem wissenschaftlichen Zeitalter kein magischer Zauber zu unserer Erfahrungswelt gehören kann, ist offensichtlich. Infolgedessen sind nur märchenartige Episoden eingebaut in die Geschichte des Hans Meinert, der „in seinem bisherigen Geschehen immer Glück hatte“ und den „seine Freunde ‚Hans im Glück‘“ nannten (S. 10) und der sogar in der Deportation „Glück im Unglück“ hatte, denn er hat „drei Jahre zwar nicht ganz unbeschadet, aber doch gesund überstanden“. (S. 19) Diese „kleineren, keimträchtigeren und beweglicheren stofflichen Einheiten“  –  so die Fachliteratur  – ranken sich um „Hans im Glück“, der „sich in einen denkenden überlegenen Mann verwandelt“ hat, „der eigentlich immer genau wusste, was er zu tun hatte“ (S. 14), und schlagen als „kleinste Elemente der Erzählung“ nur Akkorde an, die der Stoff als ganze Melodie bietet. Es sind Motive, die nur Handlungsansätze bezeichnen und „nach zwei Seiten festgelegt sind, nach der formalen und der geistigen“.

So klingt im Roman  –  dennoch als tiefer Akkord – das Motiv der Liebesbeziehung zwischen Hans Meinert und den beiden Russinnen an: zunächst mit Sonja und darauf, nach seiner Flucht aus Omsk, mit Tatjana, der Zwillingsschwester Sonjas. Sonja und Tatjana sind zwei schöne Russinnen, die Hans Meinert das Leben mit Schönheit und sinnlich-leiblichem Eros erfüllen und durch die Mysterien der Liebe seine Tagträume vom Heimkehrerglück immer mehr verblassen lassen. Und dies, bis ihn ein Vorfall mit zwei brutalen KGB-Männern zur Erkenntnis treibt, „dass er hier in Russland, hier in der Sowjetunion immer in Gefahr war und dass ihn die Vergangenheit jederzeit einholen konnte“. (S. 70) Und dass es nun an der Zeit sei, die Endphase seines Fluchtwegs anzutreten, denn nach seinem Ermessen und in seiner Vorstellung über die Wirklichkeit war seine Hoffnung auf das „Wiedererlangen der Freiheit … etwas ganz Natürliches, … eine Selbstverständlichkeit“ geworden. (S. 25)

Weiterhin ist formal festgelegt das Motiv des Freundschaftsbeweises, das sichtbar wird in der Aufnahme Hans Meinerts in das Gemeinschaftsleben der Zirkusleute (in der Stadt Omsk). (S. 35 ff.) Diese Aufnahme  –  sie geschieht außerhalb jeder Ordnung und Verpflichtung der Zirkusleute  –  wird für den nun durchaus zufriedenen und genügsamen „Hans im Glück“ emotional und geistig zur Bewährung. Denn durch seine Freundschaft mit dem Clown Aljoscha, dem nicht geschiedenen Ehepartner der schönen Sonja, die beide ein tiefes Geheimnis verbindet, treibt ihn die Aufnahme in die „fast schon zur zweiten Heimat gewordene“ Welt des „Wanderzirkus“ (S. 39) in einen tiefen Gewissenskonflikt. (S. 50 ff.)

Zu unterscheiden sind im Weiteren auch Motivvarianten, so das Motiv des unbekannten Fälschers  –  im Roman anscheinend der gerade aus dem Gefängnis entlassene sowjetische Offizier und Alkoholiker, der den ganzen Krieg überstanden hat und eine wesentliche Rolle bei der Beschaffung des gefälschten Reisepasses für Hans Meinert spielt, so dass dieser nun die letzte Phase seines Fluchtplans antreten kann. (S. 76 ff.)

Mit diesem Fluchtplan strebt die fiktive Gestalt Hans Meinert ein weitgestecktes Ziel an, und für das Verständnis seiner Handlungsweise scheint uns wesentlich, auf seine ihm ganz eigene Stellung in der Gefangenschaft und Deportation hinzuweisen, auf seinen ganzheitlichen Bezug zur russischen Umwelt. In diesem Sinne ist zunächst festzustellen, dass aus der Perspektive Hans Meinerts dargestellt wird, dass er, Hans Meinert, an dem „Unrecht, das die Deutschen den Russen in Zweiten Weltkrieg zugefügt hatten“, nicht beteiligt war, an diesen Verbrechen auch nicht schuld war, „jedoch dafür mit seiner Arbeitskraft, mit seiner Energie, mit seiner Gesundheit, womöglich noch mit seinem Leben“ bezahlen musste. Dazu auch niemandem ein Leid zugefügt hat. „Er hatte ihnen nichts getan.“ (S. 24) Aus diesem Zusammenhang seiner Vorstellungen, aber auch aus seiner Wahrnehmung der russischen Umwelt hat Hans Meinert eine freie Bewertung der Menschen gewonnen, und diese hat ihn zur Erkenntnis – und wir zitieren an dieser Stelle aus einer literarischen Schrift über altägyptische Dokumente   – , „dass es nicht darauf ankommt, was früher war, sondern was jetzt ist“.

An dieses ägyptische Urerleben schließen wir auch die weiteren Zitate an und bestätigen hiermit dem Autor, dass er „das Wort in Besitz genommen“ und „über die Erkenntnis“ verfügt, dass sein Roman Einer, der Hans hieß keine bittere Abrechnung zu sein hat mit dem, was sich nach verhöhnenden Befehlen eines Diktators und grausamen Verordnungen von Regierungen vollziehen musste. Und lange Zeit eine Weltanschauung war. Kein Hass und keine Hetze somit. Ein solches mag den geist- und seelenlosen Politikern überlassen bleiben. Wir haben diesen Märchen-Roman vielmehr den Weg zu unserem Herzen finden lassen. Als ein Hohe-Lied auf die Liebe und auf die Innigkeit, auf die Herzenswärme und auf die Hinneigung. Und dies hat uns auch mit der Botschaft vertraut gemacht, dass das Vergeben und die Eintracht und vielmehr noch die einende Kraft der Einmütigkeit und der Verständigung ein völkerverbindendes Ziel sein kann.

Gerhard KONNERTH

 

 

 

 

 

 

 

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