Ein Kollege, kein Chef

Nachruf auf Georg Scherer

Ausgabe Nr. 2709

Georg Scherer (1944-2021) bei dem  50. Gründungsjubiläum der Hermannstädter Zeitung im Februar 2018.                 Foto: Laura MICU

,,Ich bin auch nicht als Kreisparteisekretär geboren“, soll der damalige Inhaber dieses Amtes gesagt haben, als der zu ihm beorderte Textilingenieur Georg Scherer Zweifel äußerte, ob er für die Stelle des Chefredakteurs der deutschen Wochenzeitung in Hermannstadt geeignet sei. Das war 1979, als Scherer die Geschicke der Hermannstädter Zeitung übernahm, die damals ,,Die Woche“ heißen musste, weil es verboten war, anderssprachige Ortsnamen öffentlich zu verwenden.

 

Die Redakteurinnen und Redakteure hatten wohl auch ihre Zweifel, ob ein Textilingenieur imstande sein werde, dieser Aufgabe  gerecht zu werden. Georg Scherer sollte der Aufgabe nicht nur gerecht werden, sondern die Zeitung in den schweren und trüben Zeiten der Ceaușescu-Diktatur mit sicherer Hand und klarem Verstand leiten und vor allem mit vollem persönlichen Einsatz hinüberretten in die zunächst vor allem finanziell schwierige Zeit nach dem Umbruch in Rumänien.

So beschloss er am Donnerstag, dem 21. Dezember 1989, als in Hermannstadt die Leute auf die Straße gegangen waren, um gegen den Diktator zu demonstrieren, erstmals in der Geschichte der Zeitung, diese vorerst nicht zu drucken. Dem Anrufer aus der Kreisparteizentrale, der darauf bestand, dass die Zeitung – die jeweils donnerstags in den Druck ging und freitags erschien – unbedingt die Rede des Diktators abdrucken müsse, die dieser am 20. Dezember 1989 im Fernsehen gehalten hatte, sagte Scherer, das ginge in Ordnung, sobald die offizielle Übersetzung vorliege. Diese kam aber nie in der Redaktion an… Und weil die Zeitung am Freitag nicht vorlag, trug eine übereifrige Sekretärin aus der Kreisparteizentrale, wahrscheinlich auf Anordnung, allen Mitabeitern die Kündigung des Arbeitsvertrags ins Arbeitsbuch ein. Die 1968 gegründete Hermannstädter Zeitung (ab 1971 ,,Die Woche“) war ja ein ,,Organ des Kreiskomitees der RKP und des Kreisvolksrates Sibiu“. Wie dem auch sei, die letzte ,,Parteizeitung“ erschien am 15. Dezember 1989.

Am Tisch im Wohnzimmer der Familie Scherer in der Wollgasse entstand sodann am 25. Dezember 1989 die erste Ausgabe des wieder Hermannstädter Zeitung genannten Wochenblatts. Nicht nur, weil das Haus der Scherers am nächsten zur Druckerei lag. Die Zeitung war sein Lebenswerk, er lebte dafür, auch nach dem Eintritt in den Ruhestand – das war 2009 – war der Freitag der wichtigste Tag der Woche. Sobald er die jeweils aktuelle Ausgabe in Händen hielt, habe er immer gesagt: ,,Wie gut sie riecht. Wem einmal der Duft einer frisch gedruckten Zeitung in die Nase gestiegen ist, der kann nicht genug davon haben.“ Leider hielt er am 29. Januar 2021 zum letzten Mal eine neue HZ in der Hand. In der Nacht vom 2. auf den 3. Februar 2021 verstarb er im Hermannstädter Kreiskrankenhaus. Sein Herz hatte nicht mehr mitgemacht.

Der am 23. April 1944 in Martinsberg geborene Georg Scherer hatte schon als Zehnjähriger die Diagnose ,,Herzklappeninsuffizienz“ erhalten und musste zu Hause unterrichtet werden. Er las nicht nur in jener Zeit viel, Bücher haben ihn ab diesem Zeitpunkt stets begleitet. Nach Abschluss des Lyzeums in Agnetheln studierte er in Jassy an der Fakultät für Textilindustrie. Als er diese 1967 absolvierte, wollte man ihn als Assistenten dort behalten,  nicht nur weil er während seines Studiums mit Übersetzungen aus Fachbüchern sein Einkommen aufgebessert hatte. Aber er wählte – er absolvierte als Zweiter – als Arbeitsstelle die Drapelul Roșu-Fabrik in Hermannstadt, um seiner Mutter, die inzwischen schwer erkrankt war, näher zu sein. Weil er hilfreiche Optimierungsvorschläge für die Maschinen in der Fabrik einbrachte, wurde er für zwei Jahre vom Wehrdienst freigestellt.

In Hermannstadt lernte er am 13. Mai 1968 über seine Cousine Hilda seine zukünftige Gattin, Erika Olmützer, kennen, die damals eine Ausbildung zur Apothekerin machte. Seit diesem Tag waren die beiden unzertrennlich.  Erika Scherer erinnert sich, dass Georg Scherer 1979, als er zum Chefredakteur ernannt worden war, viel Glück mit dem Redaktionssekretär Felix Caspari hatte, der ihm mit Rat und Tat zur Seite gestanden hat. 1996 übergab er dann die Leitung der HZ an Horst Weber und kümmerte sich als stellvertretender Chefredakteur bis 2009 vor allem um die Verwaltungsangelegenheiten.

Er war kein Chef, er war ein Kollege, das dürften sowohl die früheren als auch die aktuellen HZ-Redakteurinnen und -Redakteure bestätigen. Möge er ihn Frieden ruhen!

Beatrice UNGAR

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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