Tradition des Gedenkens fortgesetzt

Bildband mit Denkmälern und Gedenktafeln für Russlanddeportierte erschienen

Ausgabe Nr. 2707

Friedrich Philippi, Erwin Josef Ţigla: Denkmäler und Gedenktafeln für die im Januar 1945 in die Sowjetunion deportierten Rumäniendeutschen/Monumente și plăci comemorative pentru germanii din România deportaţi în ianuarie 1945 în Uniunea Sovietică, Bildband als 105. Buchveröffentlichung des Kultur- und Erwachsenenbildungsvereins „Deutsche Vortragsreihe Reschitza”, „Banatul Montan”-Verlag, Reschitza, 2020, 232 Seiten, ISBN 978-606-9656-08-2

,,Es ist, angefangen von der äußeren Ausstattung, dem dokumentarisch so wichtigen Text  bis hin zu den wunderbaren Bildern, ein großartiges Werk“. So beschrieb Altbischof Christoph Klein den Bildband ,,Denkmäler und Gedenktafeln für die im Januar 1945 in die Sowjetunion deportierten Rumäniendeutschen“, der im Rahmen der in Reschitza organisierten Veranstaltungen zum 76. Jahrestag der Russlanddeportation am Dienstag, dem 26. Januar , online vorgestellt worden ist. ,,Schon Ende März 2019 richtete Erwin Josef Țigla, der Vorsitzende des Demokratischen Forums der Banater Berglanddeutschen, einen Aufruf an ‚die Foren der Deutschen in Rumänien, die deutschen kirchlichen Gemeinschaften in Rumänien und die Verbände der Rumäniendeutschen weltweit‘ zur Mitarbeit an einer zweiten Auflage des von ihm herausgegebenen und 2010 erschienenen Bildbandes zum selben Thema. Die dabei eingelaufenen 47 Beiträge mit Abbildungen von Denkmälern aus ebenso vielen Ortschaften konnten – zusätzlich zu den von uns erstellten – in diesen Bildband aufgenommen werden, der dadurch eine Gemeinschaftsarbeit wurde. Ein besonderer Dank gilt auch dem Ehepaar Crina und Dorin Dărăban aus Sathmar, welche fast alle Denkmäler in Nordsiebenbürgen und Ungarn dokumentiert haben!“ schreibt Landeskirchenkurator Friedrich Philippi in seinem Vorwort, das im Folgenden auszugsweise zu lesen ist:

 

Zum Anlass nahmen wir die sich im Januar 2020 erfüllenden 75 Jahre seit Beginn der Deportation von Rumäniendeutschen zur „Aufbauarbeit“ in die Sowjetunion im Januar 1945. Aus ganz Rumänien waren es ungefähr 70.000 Frauen (im Alter von 18-30 Jahren) und Männer (im Alter von 17-45 Jahren) der deutschen Minderheit, die zur Zwangsarbeit in rund 85 Arbeitslager auf dem Gebiet der damaligen Sowjetunion verschleppt wurden. 12-15 Prozent  dieser Verschleppten haben die damit verbundenen Strapazen nicht überstanden. Ihrer wird auf den Denkmälern und Gedenktafeln meist namentlich gedacht. Denn in den Deportationsgebieten in der ehemaligen UdSSR gibt es für die in den Arbeitslagern Verstorbenen keine Friedhöfe mehr.

Das Zustandekommen der Denkmäler und Gedenktafeln ist ein Ausdruck des Traumas, das diese Ereignisse für die Erlebnisgenerationen bis heute hinterlassen hat. (…) Die hier dokumentierten Denkmäler und Gedenktafeln für die Opfer des II. Weltkrieges und der Russlanddeportation sind sowohl im Banat als auch in Siebenbürgen eine Fortsetzung der Tradition solchen Gedenkens für die Opfer des I. Weltkrieges. (…) Die meisten Denkmäler für die Opfer der Russlanddeportation entstanden nach der Wende von 1989.

Das erste große Denkmal in Rumänien wurde im Stadtzentrum von Reschitza 1995 errichtet. Sein Entwurf stammt  vom Künstler Ion (Hans) Stendl, einem gebürtigen Reschitzaer. Es wurde am 14. Oktober 1995 durch die beiden Bischöfe Msgr. Sebastian Kräuter (römisch-katholischer Diözesanbischof von Temeswar) und D. Dr. Christoph Klein (Bischof der Evangelischen Landeskirche A. B. in Rumänien) gesegnet.

Während auf den Denkmälern für die Verstorbenen des I. Weltkrieges diese noch als Helden bezeichnet wurden, werden die Verstorbenen des  II. Weltkrieges und der Deportation auf den Denkmälern als Opfer/Kriegsopfer bezeichnet. Das gilt für die offiziellen meist vom Bürgermeisteramt in der Dorfmitte aufgestellten Denkmäler nicht, auf denen die Kriegstoten immer noch als Helden hochstilisiert werden, wie in Rumänien auch sonst üblich. Außerdem wird bei diesen manchmal auch auf die deutschen (sächsischen) Mitbewohner vergessen. Ausnahmen bilden die Denkmäler in Alzen, Durles, Gergeschdorf, Petersdorf, Probstdorf, Wurmloch oder Bulkesch, wo das geschieht und die wir auch dokumentiert haben.

Beeindruckend ist die stilistische Vielfalt dieser Gedächtnisorte. Darunter sind in der Umgebung der Kirche oder auf dem Friedhof richtige künstlerisch gestaltete z. T. sehr große schöne Denkmäler besonders im Banat und in Nordsiebenbürgen (z. B. in Billed, Lenauheim, Reschitza, Fienen, Großkarol, Kalmandi, Schinal, Terebesch oder Trestenburg). In Wolfsberg, Weidenthal und Großmaitingen gibt es dafür kleine Kapellen. (…) Und auf einigen Denkmälern aus dem Banat wird auch der Opfer der Deportation in die Bărăgan-Steppe 1951-1956 gedacht.

In manchen Orten wurden die schon nach dem I. Weltkrieg errichteten Denkmäler durch das Hinzufügen weiterer Gedenktafeln ergänzt (z. B. in Lenauheim, Deutsch-Tekes, Großpold, Holzmengen, Michelsberg u. a.). Ansonsten sind in Siebenbürgen die Gedenktafeln meist im Innenraum der Kirchen angebracht worden. (…) Aber in vielen unserer Kirchen erinnern auch Gedenktafeln oder Fahnen und mit Bibelsprüchen bestickte Paramente an Kriegstote des I. oder II. Weltkrieges bzw. an Opfer der Russlanddeportation. (…) Als Betrachter der Namenslisten fällt einem auf, dass neben den Namen sehr oft die Hausnummer eingetragen ist. Das ist besonders in größeren Dörfern nötig, wo es oft vorkommt, dass mehrere Personen denselben Vor- und Nachnamen haben. Erst allmählich habe ich begonnen, auch die gestickten Texte auf den Paramenten (Behänge um Altar, Kanzel, Taufbecken oder Gestühlen) zu lesen. Und stelle mir dabei die Frauen und Mütter der Gefallenen oder Vermissten vor, wie sie ihr Leid und ihre Trauer in den Samt hinein stickten und dazu nicht nur die Namen ihrer Lieben, sondern auch einen Trost spendenden Bibelspruch, wie er auch auf den meisten Denkmälern und Gedenktafeln steht. (…)

Gerne hätten wir von den Denkmälern so viele Abbildungen gebracht, dass alle darauf verzeichneten Namen gut lesbar erscheinen. Da aber für jede Ortschaft nur eine Seite zur Verfügung stand, war das nicht immer möglich.

Erwin Josef Țigla, der auch für das Layout zeichnet, hat sich große Mühe gegeben, diesem Ziel näher zu kommen und daher immer wieder auch Ausschnitte von den Denkmälern vergrößert und separat wiedergegeben. Ihm sei ein aufrichtiger Dank für das Zustandekommen dieses Buches, für diese mit viel Liebe und Empathie ausgeführte Arbeit ausgesprochen!

 

Aufzeichnungen von den Gedenkveranstaltungen in und um Reschitza gibt es auf Facebook unter https://www.facebook.com/Demokratisches.Fo rum.der.Banater.Berglanddeutschen und auf Youtube unter https://www.youtube.com/channel//UC_kYvj3wj9oGipq7pmZoS_9?

 

 

 

 

 

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Geschichte.