„Gott weiß mich hier“

Eginald Schlattner im Gespräch mit Radu Carp / Von Andreea DUMITRU

Ausgabe Nr. 2707

,,Gott weiß mich hier“. Radu Carp im Gespräch mit Eginald Schlattner. Aus dem Rumänischen übersetzt von Edith Konradt und überarbeitet von Eginald Schlattner, Pop-Verlag, Ludwigsburg 2020, 239 Seiten. ISBN: 978-3-86356-311-0

Ein Interviewband mit dem bekannten rumäniendeutschen Schriftsteller Eginald Schlattner ist Ende 2020 in der Reihe ,,Fragmentarium“ im Pop-Verlag Ludwigsburg erschienen. Es handelt sich um die Übersetzung der rumänischen Ausgabe „Dumnezeu mă vrea aici“, die 2018 im Beisein des Bukarester Politologen und Herausgebers Radu Carp in Hermannstadt vorgestellt wurde. Einleitend zu der damaligen Buchvorstellung präsentierte die Germanistin Dr. Andreea Dumitru-Iacob einige Fakten über den Pfarrer und Schriftsteller Schlattner und betonte am Ende ihres Vortrags, wie wichtig es sei, dass die rumäniendeutsche Literatur und die deutsche Minderheit aus Rumänien in den Fokus der rumänischen Leserinnen und Leser rücken. Man müsse in ganz Rumänien bekannt werden, weit über die Grenzen Siebenbürgens hinaus.

 

Eginald Schlattners Werk hat diesen Sprung geschafft und seine ersten drei Romane wurden ins Rumänische übersetzt. Diese stellen aber nur einen Bruchteil von dem dar, was der Schriftsteller als Persönlichkeit darstellt. Radu Carps Buch versucht vor allem, Schlattner als Geistlichen in den Mittelpunkt zu stellen – den Mann Gottes, der nach der Massenauswanderung seiner Rothberger Gemeinde entschieden hat, Siebenbürgen nicht zu verlassen. Die theologische Dimension stellt den roten Faden des Interviews dar, aber auch Fragen bezüglich der deutschen Minderheit aus Rumänien und der Zukunft der deutschen Sprache in Rumänien finden hier ihre Antworten. Der Band hat eine ungewöhnliche Vorgeschichte – Pfarrer Schlattner stürzt in der Kirche und muss in eine Reha-Klinik in der Nähe von Schäßburg. Dort trifft er den Bukarester Hochschulprofessor, der ihm ein Interview vorschlägt. So entsteht ein Buch: „nicht gewollt, dennoch geworden“.

Das Buch beginnt mit einigen Fragen zu der Person Schlattners und zu der identitären Selbstpositionierung. Der Pfarrer behauptet von sich selbst, ein Siebenbürger Sachse zu sein, und betont die Wichtigkeit seines Entschlusses nach 1990 in seinem Heimatland zu bleiben. Hier kann er das bleiben, was er schon immer gewesen ist – getreu dem Motto „Mir wallen bleiwen wat mer sen“ und muss sich in einer fremden Umgebung nicht neu bewähren. Zu diesem Thema gibt es im Buch einen kurzen geschichtlichen Exkurs, der sich auf die Situation seiner siebenbürgisch-sächsischen Landsleute um 1918 bezieht. Alle Deutschen aus Rumänien erkennen die Vereinigung der drei rumänischen Provinzen an und erhoffen sich die Einhaltung der Karlsburger Beschlüsse. Weitere Informationen über das Leben in Großrumänien betreffen schwerpunktmäßig die Zeit bis ungefähr 1950. Der Zweite Weltkrieg und die damit verbundene nationalsozialistische Ideologie, die Zwangsdeportation der arbeitsfähigen Siebenbürger Sachsen in die Sowjetunion, die Enteignung und die kommunistische Anfangszeit sind schmerzhafte Aspekte, die im Gespräch thematisiert werden. Diese geschichtlichen Ereignisse sieht Eginald Schlattner als entscheidungsträchtige Faktoren für die fast vollständige Auflösung der rumäniendeutschen Minderheit nach 1990. Ein positiver Aspekt, der das ganze Buch durchstreift, ist der Bezug zur deutschen Muttersprache, die trotz der oben erwähnten Sachverhalte in Rumänien nie verboten worden ist. Die Sprache gilt als identitätsstiftendes Merkmal, eine Rettung für alle Siebenbürger Sachsen. Sie dürfen ihre Sprache überall verwenden – in der Familie, in der Schule, in der Kirche, auf der Straße und sie haben so die Möglichkeit an ihrem Deutschtum festzuhalten.

Eng verbunden mit dem Schicksal der siebenbürgisch-sächsischen Bevölkerung steht auch der Werdegang Schlattners. Seine Familie wurde enteignet, er der Hochschule verwiesen und verhaftet. Seine Verhaftung stellt bis zum heutigen Moment einen Bruch in seiner Biographie dar; doch während der Haft bei der Securitate in Stalinstadt, zwei Jahre ohne Hofgang, kommt es zu einem Gelöbnis, das sein Leben verändern wird. Der junge Mann verpflichtet sich, Gottes Ruf zu folgen. Die Hinwendung zu Gott, die 1953 nach einem Semester Theologie schlagartig unterbrochen worden ist, nimmt erneut ihren Lauf. Der Ruf lässt auf sich warten, fünfzehn geschlagene Jahre. Vorerst muss sich der ehemalige politische Häftling mit seinem harten Schicksal auseinandersetzen; als Arbeiter in der Ziegelfabrik, als Tagelöhner und als Bautechniker kommt ihm das unabgeschlossene Studium der Hydrologie nicht zugute. Er fängt unten an, schließt sein Studium mit elfjähriger Verspätung ab und darf sich Ingenieur nennen. Gott hat aber andere Pläne für ihn: „Erst 1973, als vordergründig keine Dringlichkeit mehr bestand, traf mich der Ruf Gottes nach 15 Jahren des Wartens wie ein Blitzschlag.“

„Fürchte Dich nicht, ich habe Dich bei Deinem Namen gerufen. Du bist mein.“ (Jesaja 43,1) – Eginald Schlattner beginnt mit über 40 Jahren Theologie zu studieren und wird 1978 ins Pfarreramt eingeführt. Die Gemeinde setzt sich für den neuen Pfarrer mit Familie fürsorglich ein, sodass es ihm und seiner Familie an nichts mangelt.

Diese neue Funktion bringt Verantwortung mit sich und eine gebotene Hingabe an die Gemeindeglieder. In den Jahren 1990 bis 1991 wandert seine Kirchengemeinde fast vollständig ins Ursprungsland aus, nach 850 Jahren in Siebenbürgen. Eginald Schlattner entscheidet sich für die angestammte Heimat, befreit vom Kommunismus und bleibt. Dieser Entschluss erweist sich als der richtige. Ab 1991 wird er Gefängnispfarrer und kann so sein literarisches Werk in Rumänien schreiben.

„Pfarrer zu sein ist nicht irgendein Beruf, eine weltliche Angelegenheit von gut gemeisterter Routine […] Pfarrer zu sein ist eine Berufung, die Rechenschaft vor Gott erfordert.“ – so das Credo Schlattners. Er ist auch davon überzeugt, dass die Menschen nur das sehen, was sich vor ihren Augen abspielt, wobei Gott unser Herz kennt, in unser Wesen einblickt. Gott und Kirche gehen Hand in Hand miteinander; die Kirche spielt bei den Siebenbürger Sachsen beginnend mit der Geburt und bis hin zum Tod eine wichtige Rolle, da sich dort jedes Mitglied in der nachbarlichen Gemeinschaft geborgen fühlt. Jeder hat seine vordefinierte Rolle und kann vom vorgegebenen Weg nur schwer abweichen. Die evangelische Kirche A.B. in Rumänien hat ihre Rolle in jedem Dorf und in jeder Stadt bewahrt; Traditionen, Kultur und Sprache wurden hier großgeschrieben. Der Rothberger Pfarrer hat durch sein Wirken diese Verbindlichkeiten hochgehalten, wie es hier heißt: „So ist das Recht hier!“

In seiner Tätigkeit als Gefängnispfarrer betreut Eginald Schlattner nicht nur evangelische Gläubige, sondern auch Christen aus anderen Konfessionen: „Allen hinter Gittern sagte ich vom ersten Tag an, dass meiner Ansicht nach der Mensch nicht radikal böse ist, sondern von seinen Wurzeln her gut, da er nach dem Ebenbild Gottes geschaffen wurde.“ Dort kann er sich wegen seiner persönlichen Hafterfahrung mit dem Leid der Inhaftierten identifizieren und ihnen neue Perspektiven eröffnen. Er macht den Häftlingen Mut, mit Zuversicht in die Zukunft zu blicken – da wird auch mal in der Zelle gelacht. Menschlichkeit und Gottesnähe bringen Erlösung.

Das untersuchte Buch „Gott weiß mich hier“ nimmt Bezug auf die Beziehungen zwischen dem Siebenbürger Sachsen Eginald Schlattner und den Rumänen. Der Pfarrer verrät dem Herausgeber des Interviewbandes, dass man mit anderen Ethnien nur dann in einem guten Einvernehmen zusammenleben kann, wenn man jeweils die Herzenssprache des anderen spricht bzw. versteht. Das bedeutet, dass man die Kultur des anderen Volkes kennenlernen soll, damit man keine Vorurteile ihnen diesem gegenüber hat. Ein schwieriges Unterfangen, doch beweist Pfarrer Schlattner, dass er in seinem Dorf sowohl mit den Rumänen als auch mit den „braunen Brüdern am Bach“ zurechtgekommen ist und sich an dieser Erfahrung kulturell bereichert hat. Die Rumänen und die Roma sind zurzeit die wenigen Besucher seiner Gottesdienste; die verbliebenen Sachsen können wegen ihres hohen Alters nicht mehr in die Kirche kommen, obwohl regelmäßige Gottesdienste stattfinden. In diesem Kontext werden auch die Adressaten der Gebete erwähnt: „Am Ende der Woche, am Freitag, für alle, denen ich gegenwärtig Leiden verursache oder ehemals Leid zugefügt habe.“ Durch diese Angabe erweist sich das Interview als sehr persönlich.

Nicht nur das Vergangene wird thematisiert sondern auch die Zukunft der Rumäniendeutschen und deren Kirche. Die sogenannte „Volkskirche“ muss neu gestaltet werden; es handelt sich um eine „Kirche mit den anderen und oft auch für die anderen“, wobei mit den „anderen“ nicht nur die Rumänen gemeint werden, sondern ebenso die „Menschenkinder aus den Lehmhütten vom Bach“. Ohne die Mehrheitsbevölkerung miteinzubeziehen, gibt es laut Schlattner keine Zukunft für die evangelische Kirche A.B. in Rumänien. Das ethnische Element wird ausgeschlossen, es wird nur noch der Glaube an Gott zählen. „Die Phantasie Gottes überflügelt unsere vorausschauende Vorstellungskraft, weil wir es mit einem Gott ungeahnter Überraschungen zu tun haben.“

Die thematische Vielfalt des Interviewbandes wird durch Information über die orthodoxe Kirche ergänzt. Die markante Persönlichkeit des rechtgläubigen Priesters Teofil Părăian wird erwähnt, die Aufenthalte Schlattners im Nonnenkloster und das Semester an der Theologischen Fakultät über die orthodoxe Konfession. Die orthodoxe Spiritualität, meistens unbekannt, oft verkannt, wird von dem evangelischen Geistlichen als Bereicherung angesehen und er sagt sogar aus, dass das orthodoxe Weltbild in einem säkularisierten Europa den Menschen näher an Gott bringen könnte.

Ein Buch mit einem breiten Angebot an Sachverhalten steht nun für die Leserschaft bereit. Es gibt für jeden, der sich für die deutsche Minderheit aus Rumänien interessiert, Aufschlussreiches in vielerlei Facetten.

 

 

 

 

 

 

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