Begnadet und dennoch bescheiden

Nachruf auf die Germanistin Johanna Bottesch

Ausgabe Nr. 2705

Johanna Bottesch in der Bibliothek des Deutschen Kulturzentrums Hermannstadt. Foto: DKH

Am 3. Januar 2021 ist Johanna Hermine Bottesch im Alter von 65 Jahren verstorben. Ihre Lehr- und Forschungstätigkeit belegt die fachliche Gründlichkeit, mit der sie die „Wissenschaft von der Sprache“ betrieb, und mit der gleichen Gründlichkeit vermittelte sie anschaulich auch das Wissen um Sprache.

Mit Respekt und Dankbarkeit gedenken wir dem Wirken einer Germanistin, deren pädagogische Begabung, Disziplin, Pflichtbewusstsein und Zuverlässigkeit musterhaft waren. Johanna war von der stillen Sorte und dennoch weit über die Grenzen ihres Wirkungsortes bekannt und geschätzt.

Johanna Bottesch war Lehrerin und Sprachforscherin von Format. Bis zu ihrer krankheitsbedingten Verrentung 2015 hat sie Generationen von Schülern, Studierenden und Sprachkursanten die Feinheiten der deutschen Sprache mit viel Hingabe beigebracht, sodass sie vielen bis heute als Vorbild gilt. Jüngere Lehrkräfte haben viel von ihr gelernt und auch ältere Fachkollegen suchten ihren Rat. Ihrem Engagement hat die Hermannstädter Germanistik viel zu verdanken.

Geboren wurde Johanna Bottesch am 28. Juni 1955. Ihre Kindheit und Jugend verbrachte sie in Großpold. Nach dem Besuch des Lyzeums in Mühlbach (1970–1974) studierte sie an der Klausenburger Babeș-Bolyai-Universität (1974–1978) Germanistik und Englisch. Nach dem Studium war sie als junge Gymnasiallehrerin in Mühlbach tätig bis sie 1992 zur neugegründeten Hermannstädter Universität wechselte. Bis in die letzten Wochen ihres Lebens hat sie gelehrt, sich aber vor allem an den beiden Enkelinnen erfreut.

Obwohl die Soziolinguistik, Phraseologie und Dialektologie zu ihren bevorzugten Forschungsbereichen gehörten, erregte Johanna Bottesch das Interesse der Fachkollegen im In- und Ausland auch durch Beiträge, die Fragen der Varietätenlinguistik und Grammatikvermittlung betrafen oder die sich der Behebung von Schwächen beim Lehren und Lernen (DaF, DaM) widmeten. Besonders hervorzuheben ist der in zahlreichen Fachpublikationen zitierte Aufsatz aus dem Handbuch der deutschen Sprachminderheiten in Mittel- und Osteuropa (Tübingen 2008, S. 329–392) zur Situation der und des Deutschen in Rumänien, der über die Faktenbeschreibung hinaus Förderinstitutionen, curriculare Regelungen und schulische Verhältnisse benennt und dabei auch das Rumäniendeutsche als regionale Standardvarietät in der fachlichen Öffentlichkeit verankert. In den 1990er-Jahren hat Johanna Bottesch als Mitautorin einer zweibändigen Monografie Die bairisch-österreichische Mundart der Landler von Großpold (Apoldu de Sus) in Siebenbürgen (Rumänien)(Wien 1992; zus. mit Martin Bottesch) Anerkennung erlangt. Es sollte aber nicht nur bei diesem einzigen Standardwerk bleiben. 2002 promovierte sie mit summa cum laude an der Bukarester Universität im Fachbreich Sprachwissenschaft unter der Betreuung von Professor Speranţa Stănescu. Es war die erste und bis dato einzige Dissertation über das Landlerische. Ihrer Doktorarbeit kann auch nach 20 Jahren kaum eine vergleichbare gründliche Studie zu diesem Einzeldialekt zur Seite gestellt werden. Das ist eine Leistung, die ihre Doktormutter mit Stolz erfüllte. Noch vor der erfolgreichen Promotion hat die gewissenhafte und fleißige Germanistin auch in der Fachzeitschrift des Hermannstädter Lehrstuhls Germanistische Beiträge mehrere Aufsätze zu den Besonderheiten des Landlerischen in Großpold veröffentlicht, wobei sie stets auf die vielseitigen und noch offenen Fragen der Dialektologie hinwies. Johanna Bottesch hat sich des phraseologischen Dialektwortschatzes großzügig angenommen und dessen Spezifik über Jahre hinweg erforscht. Bei der Beschreibung mundartlicher Auffälligkeiten ist sie stets soliden wissenschaftlichen Grundlagen gefolgt, was auf vielversprechende Ergebnisse schließen ließ. Vieles sprach somit dafür, dass ihre Dissertation Der phraseologische Wortschatz des Landlerischen von Großpold unter strukturellem, semantischem und pragmatischem Aspekt (309 S.), 2002 im Universitätsverlag erschienen, beträchtliche Verbreitung und Beachtung finden würde. Darin stellt die Autorin den mundartlichen phraseologischen Wortschatz dem standardsprachlichen gegenüber, um Unterschiede in Struktur, Bedeutung und Gebrauch aufzuzeigen. Die landlerischen Sonderformen und Eigenbildungen weisen siebenbürgisch-sächsische Entlehnungen oder mundartspezifische Elemente auf und haben deshalb keine Entsprechung in der Hochsprache. Doch es mag nicht nur am aufwendigen Unterfangen selbst liegen, dass der Autorin die Wertschätzung der inländischen und ausländischen Fachwelt zuteil wurde. Ihren guten Ruf begründete auch die vorbildliche Zusammenstellung und sorgfältige Auswertung des über einen Zeitraum von mehr als zwanzig Jahren empirisch erhobenen Datenmaterials zu den gebräuchlichsten mundartlichen Ausdrücken und Sprichwörtern (ca. 4.000). Die Studie, die auf einer akribisch durchgeführten Untersuchung des Mundartmaterials beruht und für weitere (kontakt)linguistische, volkskundliche und kulturgeschichtliche Untersuchungen mit Gewinn herangezogen werden kann, vermittelt auch dem interessierten Nichtfachmann einen guten Einblick in den Reichtum der mundartlichen Phraseologie und in das über feste Strukturen überlieferte Weltmodell dieser Gemeinschaft. Ein Novum für die damalige Zeit war auch die Berücksichtigung der lexikografischen Praxis. Ein weiteres, nicht minder wichtiges Ergebnis der Studie ist die Ausarbeitung eines Phraseologischen Wörterbuchs des Landlerischen von Großpold (3205 Einträge), das 2003 im Verlag der Universität erschien. Mundartwörterbücher als spezielle Wörterbuchtypen sind ein wesentlicher Teil der Kulturgeschichte einer Sprechergemeinschaft und auch für andere Sprachinseln und Fachbereiche wertvoll. Mit ihrer Dissertation hat Johanna Bottesch ein solides und grundlegendes Werk zur Dialektphraseologie hinterlassen, das der hiesigen und rumänischen Germanistik im Ausland Anerkennung eingebracht hat.

Johanna Bottesch war dank ihrer Kompetenz Mitglied vieler Gremien. Sie war Mitglied in Fachverbänden und im wissenschaftlichen Beirat diverser Fachpublikationen. Vielleicht sind ihr detektivischer Spürsinn und das Vermögen, Dinge und Menschen zu durchschauen und richtig einzuschätzen auch jenseits der wissenschaftlichen Neugierde begründet. Dass Johanna eine begeisterte Leserin von Kriminalromanen war, dürfte kein Geheimnis sein.

Johanna Bottesch hatte ein Gespür für das Detail. Sie erkannte und deutete die Zeichen der Zeit frühzeitig: Der nach der Jahrtausendwende einsetzende Prestigeverlust der traditionellen philologischen Ausbildung, veränderte berufliche Anforderungen, die Nachfrage nach Fachkräften. Diese Entwicklungen erforderten eine Neugründung von interdisziplinären Studiengängen mit praxisorientierten Inhalten. Sie war daher an der Umsetzung der Bologna-Reform 2005 und der damit einhergehenden Erweiterung des Lehrangebots und an der curricularen Umgestaltung für die Vermittlung berufsorientierter Qualifikationen beteiligt. Mit viel Energie hat sie sich Ende der 1990er-Jahre in die Organisierung des institutsinternen Sprachzentrums oder des Fernstudiums und in die unvermeidliche nervenzehrende Verwaltungsarbeit mit klarem Verstand und Weitsicht eingebracht. Als ihr deren Leitung anvertraut wurde, war sie bereits mit verwaltungstechnischen Aufgaben so vertraut, dass sie die bürokratischen Hürden und zahlreichen Mängel mit Tatendrang, Geduld und Gelassenheit ausgleichen konnte. Johanna Bottesch hat auch maßgeblich zur Einrichtung zweier Studiengänge – Angewandte Fremdsprachen und den darauf aufbauenden Masterstudiengang Interkulturelle Wirtschaftskommunikation – beigetragen und deren Leitung übernommen. Jahrelang war sie innerhalb der Lehramtsstufenprüfung für die Vorbereitung der Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer und die Betreuung wissenschaftlich-didaktischer Arbeiten im Fachbereich Sprachwissenschaft verantwortlich.

Doch nicht nur ihr Fachwissen wurde geschätzt und geachtet. Durch Fleiß, Ausdauer und Weitblick war Johanna Bottesch für die Hermannstädter Germanistik eine Impulsgeberin und treibende Kraft. Sie hat diese inhaltlich und organisatorisch mitgestaltet und geprägt. Mit viel Engagement hat sie gezeigt, wie die Vermittlung von germanistischem und berufsbezogenem Wissen in der universitären Ausbildung zu meistern ist.

Das kostbarste Vermächtnis, das Johanna Bottesch hinterlässt, ist jedoch auch von menschlicher Resonanz: in Wort und Tat einen Maßstab für mustergültige Arbeit zu setzen. Das Rumäniendeutsche und das Landlerische verlieren durch das Ableben von Doz. Dr. Johanna Bottesch, eine teure und treue Gefährtin. Die Fachgemeinschaft eine verdiente Lehrerin und Wissenschaftlerin.

Ruhe sanft!

Doris SAVA

Sunhild GALTER

 

 

 

 

 

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