„Nur Sie allein können ihm helfen“

Ein Roman zu einem aktuellen Thema

Ausgabe Nr. 2703

Zoltán Böszörményi: Immer wenn ich meine Augen schließe, Roman. Aus dem Ungarischen von Hans-Henning Paetzke, Mitteldeutscher Verlag, 2020, 120 S., ISBN 978-3-96311-386-4

Ein Thema, dem  in Rumänien vor allem seit dessen Beitritt zur Europäischen Union 2007 verschiedene Akteure immer mehr Aufmerksamkeit schenken, ist der Schutz von Kindern, deren Eltern ins Ausland arbeiten gegangen sind.  Mit der zunehmenden Globalisierung scheint dieses Phänomen vor allem in Mittel- und Osteuropa aber auch weltweit immer mehr in den Vordergrund zu treten. Kinder erleben regelrechte Traumen, indem sie darauf warten, dass die Eltern heimkehren.  In dem Roman „Immer wenn ich meine Augen schließe“ von Zoltán Böszörményi wird dieses erlebte Trauma sehr gut aus der Perspektive eines kleinen Mädchens vermittelt.

 

Der Roman, dessen Originalausgabe 2019 unter dem Titel „Sóvárgás“ erschien, wurde aus dem Ungarischen von Hans-Henning Paetzke, literarischer Übersetzer, Herausgeber, Journalist und Schriftsteller, übersetzt und trägt damit bei, ein Stück nackte Realität aus dem Leben von Kindern kennenzulernen, deren Eltern als Wanderarbeiter nach Westeuropa ziehen und dabei diese in der Heimat zurücklassen.  „Das Kind braucht Sie! Begreifen Sie doch, nur Sie allein können ihm helfen!“ sagt der Arzt zur Mutter im Roman. Im Roman wird die Perspektive des kleinen Mädchens wiedergegeben in Form des Ich-Erzählers. Was man als Außensteher sonst nicht mitbekommt, wird beim Lesen des Romans klar. Die Sehnsucht nach der Mutter, die unerfüllten Wünsche und Träume verschlechtern den seelischen Zustand eines Kindes bis dahin, dass es im Krankenhaus landet. Weder Verwandte, noch Bekannte, noch Ärzte sind in der Lage, zur Besserung zu verhelfen. Helfen kann scheinbar nur die Nähe der eigenen Mutter. Die emotionale Seite wird beim Lesen tief miterlebt und trägt dazu bei, besser zu verstehen warum der Schutz von Kindern von Wanderarbeitern wichtig ist, was die Beziehung zwischen Eltern und Kindern bedeutet und wie sich die Gesellschaft in einer zunehmend mobilen Welt verändert, wo teils noch ärmliche Verhältnisse herrschen.

Zoltán Böszörményi ist 1951 in Arad geboren und ist ein siebenbürgisch-ungarischer Romancier und ein erfolgreicher Geschäftsmann und Mäzen, der in Monaco, Budapest, Arad, Toronto und auf Barbados lebt. Seine ersten beiden Gedichtbände erschienen 1979 und 1981 in Bukarest. Nachdem er in den Fokus der rumänischen Geheimpolizei Securitate geriet, emigrierte er nach Kanada.

2012 erhielt er in Ungarn den „Attila-József“-Literaturpreis, 2018 den „Babérkoszorú“ (Lorbeerkranz). Im Mitteldeutschen Verlag erschienen desgleichen „In den Furchen des Lichts“ (Roman, 2016) und „Notlandung“ (Gedichte und Erzählungen, 2019).

Werner FINK

 

 

 

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