Celan sang rumänische Volkslieder

55 Stimmen von Zeitzeugen aus der Welt der Poesie

Ausgabe Nr. 2702

Petro Rychlo (Hg.): Mit den Augen von Zeitgenossen, Erinnerungen an Paul Celan, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 2020, 469 Seiten, ISBN: 978-3-518-42964-8

„Dann trank er zu einer Hammelkeule eine Flasche Mirabelle, einen starken Schnaps, seine Frau und wir tranken Bordeaux, er trank eine zweite Flasche Mirabelle, Bordeaux dazwischen, in der Pergola vor der Küche, am Himmel die Sommersterne. …er begann zu tanzen, sang rumänische Volkslieder, kommunistische Gesänge, ein wilder, gesunder, übermütiger Bursche.“ So konnte er auch sein, der große deutsche Dichter, der aus den Quartieren von Friedrich Hölderlin und Georg Trakl kam. Friedrich Dürrenmatt berichtet so von einem Besuch von Paul Celan in Neuchâtel.

 

Wer war dieser grandiose Poet, der mit seiner Lyrik Theodor W. Adorno widerlegte, der nicht nur mit dem paradigmatischen Gedicht „Todesfuge“ Verse über Auschwitz von solcher Wucht, solcher Musikalität und Suggestion geschrieben hat, dass der Dichtung Atemraum zurückgegeben wurde? Dichterische Menschen müssen zu Wort, zu ihrem Vers kommen, es ist nicht nur ihr Medium, nein: Dichtung ist Leben und Lebensverteidigung. Die Literatur über den vor hundert Jahren 1920 in Czernowitz geborene Dichter und Übersetzer aus acht Sprachen ist nicht mehr überschaubar. Er ist der Dichter schlechthin, der uns Deutschen den Himmel aufreißt durch Wortmagie, Klang und Klage. Der Vers aus der „Todesfuge“ „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“ ist eintätowiert in die Gedächtnishaut der Deutschen.  Wir werden ihn nicht los, er wächst mit uns in die Vorstellung von einem Deutschland, das seiner Geschichte nicht ausweichen kann, jetzt nicht und in tausend Jahren nicht. „Die schwarze Milch der Frühe“ wird bleiben. Und wir Nachgeborene werden sie trinken.

Das Bild, das Germanistik und Medien von Celan gezeichnet haben, hat ihn in Dimension des Unwirklichen gehoben, ein Dichter-Heiliger, kanonisiert durch Dichtung, die sich dem Verstummen nähert und oft hineinlotet in die Welt hinter den Worten und zudem durch das, was allen, besonders aber uns Deutschen den Atem nimmt: die Shoa. Erst seit 1996 gedenkt das deutsche Volk durch seine Repräsentanten im Deutschen Bundestag immer am 27. Januar an den Völkermord, an die Menschen Europas, die unsere Nachbarn waren als Juden, Sinti und Roma, als Kommunisten und andere NS-Verweigerer. Am Holocaust-Gedenktag 2021 spielte der Geiger Kolja Lessing Musik von Ursula Mamlok (1923-2016), eine Jüdin wie Celan, eine Komponistin aus Berlin, die sich retten konnte und die aus den USA zurück wollte in die deutsche Hauptstadt, die wiederkam, die wieder lebte in der deutschen Sprache und Musik wie Paul Celan. Sie kannten sich nicht, aber wer von seiner Dichtung spricht, bleibt nicht im Metaphorischen sondern nimmt die Verbindung zur Musik wahr. Sprachmusik. Celan hätte den einsamen Seelenklängen im Reichstagsgebäude von Corona-leeren Sitzreihen gerne zugehört, sind sie doch seiner Versmusik nahe. Deutsch: das ist die Sprache der Mörder, die dennoch ihre Anziehung für ihn nicht verlor, ihm Membrane bliebt wie für andere Überlebenden der KZs, wie für Ruth Klüger, die im Bundestag sprach.

Er kam aus Czernowitz, aus der Bukowina kam er, der den Mord an seinen Eltern durch deutsche Uniformierte nie verwand, besonders nicht den Verlust der Mutter. Das „Grab in den Lüften“ der „Todesfuge“ wie die gesamte herzzerreißende Elegie ist der Mutter gewidmet, ja das Gedicht des Sohnes ist das Grab der Mutter. Warum er im Deutschen blieb, warum es deutsch dichtete? Es war die Muttersprache, es war die Nabelschnur zu ihr, die in Rauch aufgegangen und so gegenwärtig blieb. Celan war ein Sprachgenie, perfekt in vielen europäischen Sprachen, besonders in Rumänisch, Französisch, Englisch und Russisch. Aber er wollte ein Dichter in der Sprache Hölderlins sein. Ein deutscher Dichter? Ja, sicherlich, wahrscheinlich, denn die Sprache macht das Land zu dem, was es ist. Und Deutschland ist das Sprachland. Das Land der Dichter und Denker? Eine Formel, die verblasst und doch noch lebt, leben muss, wollen wir uns nicht aufgeben und verwehen in der Kommandosprache der Täter. Celan hat durch das Festhalten am Deutschen zugleich uns Deutschen einen Schimmer an Hoffnung und Verweilen gegeben, nicht an Vernichtungsfeldzügen unserer Vorfahren in Wehrmacht und SS in Europa und besonders in den Lagersystemen der Nationalsozialisten zu verzweifeln, unser Mensch- und Staatsein als Deutsche nicht aufzugeben. Ohne Celan kein Deutschland. Die Dichtungen von Paul Celan adeln die deutsche Sprache und sagen uns zugleich: Die nationalsozialistischen Deutschen, unsere Vorfahren, Väter, Mütter, Großeltern und Großonkel, haben uns die Sprache doch nicht entrissen, wir dürfen sie weiter sprechen, in ihr dichten, uns begegnen im Wort, das bleibt, dass es uns doch zugehörig ist, dass es uns hört. Wenn der Schlußvers im Hölderlin Gedicht „Andenken“ je eine Beglaubigung erfahren hat, dann durch Paul Celan. „Was bleibet aber, stiften die Dichter.“

Die Ukraine ist diesem Dichter Europas so nahe wie wenige Staaten. Celan verbindet so mit Deutschland und auch mit Frankreich, in dessen Hauptstadt er vor einem halben Jahrhundert ganz in das innerste Ich, in die innerste Mitte hinabging, in Seine, in der Fluss durch Paris, der das ihm innig Seine, das ihm Gehörige war. Immer lebte er nah am Tod. Mit 50 Jahren vollendete er, indem er sich für immer verschwieg. Das Ins-Wasser-gehen, eine poetische Tat.

Paul Celan ist manchen ein ferner Stern, unnahbar und entrückt. Es ist kein Zufall, dass es einen Celan-Preis für Übersetzungen gibt, denn zu seinem Werk gehört ganz wesentlich das Über-setzen in andere Sprachen und das Hinüber-holen ins Deutsche (auch aus dem Deutschen). Aber es gibt keinen Lyrik-Preis mit dem Namen Paul Celan. Das zeigt, wie letztinstanzlich vielen sein dichterisches Werk ist. In Salzburg wird der Georg Trakl-Preis vergeben und so ein deutscher Dichter in der Gegenwart gespiegelt, der auch bleiben wird, vielleicht noch stärker ins 20. und 21. Jahrhundert hineinwirkt hat und fortklingt. Die Ende 2020 erneut herausgegebenen „Dichtungen und Briefe“ Trakls haben immer noch Klang, Nachklang und Horizont.

 

Aber Paul Celan war kein Gott, er war ein Dichter, ein Liebender, Verzweifelnder, aber ein Mensch, der lachen und auch saufen konnte. Ja, auch Tischtennis spielte er exzellent. Wer ihm nahekommen will, kann dies durch warmherzig geschriebene und einen liebenswerten Menschen zeichnende Essays von 55 Zeitzeugen, von Freunden, Liebhaberinnen, Beobachtern und vielen, die an ihm verzweifelten und doch liebten, kennenlernen. Czernowitz ist ein Hochplateau der Germanistik. Das verdankt die Universität und die Stadt besonders Petro Rychlo. Er hat nun in Celans deutschem Universalverlag, dem Suhrkamp Verlag, „mit den Augen von Zeitgenossen“ ein Lesebuch zu Celan zusammengestellt, das in der Tat die Augen öffnet und uns den Dichter in vielen Bereichen wieder auf den Boden holt, so auch zurück in die rumänischen Volkslieder, die er mit den Sternen des Alkohols, inbrünstig singen konnte. Diese Freundesstimmen sind klug zusammenkomponiert und haben Haltestationen in der Geburtsstadt sowie in Bukarest, Wien und Paris. So entfaltet sich der biographische und dichterische Meridian Celans. Besonders gehen zu Herzen die Sätze von Ilse Goldmann (1921-1983), Ruth Kraft (1916-1998) und Edith Silbermann (1921-2008) und andere Frauen, die ihm nahe waren, ihn dann doch verfehlten. Und dennoch bleiben sie ihm nah. Zu lesen, was Germanisten von der Flughöhe des Hölderlin-Verstehers Bernhard Böschenstein (1931-2019),der u.a. die wegweisende Dissertation zu Hölderlins Donau-Hymnen von Norina Procopan betreute  und was die geradezu zärtlich schreibenden Gerhart Baumann (1920-2006), Gerhard Neumann (1934-2017) ausbreiten, ist eine Wohltat, ein Lesegenuss. Keine der 55 Stimmen ist auszunehmen, alle wissen viel, alle lieben Dichtung und Dichter. Dass Rose Ausländer (1901-1988), Freundin und poetische Weggefährtin, hier nicht zu Wort gekommt, ist schade. Aber auch seine Dichterfreundin Ingeborg Bachmann (1926-1973), die den Rang seiner Lyrik erkannte und daran zerbrach, bringt sich in diesem warmherzigen Buch nicht ein. Wie auch. Petro Rychlo hat nichts „Letztinstanzliches“ zusammentragen wollen, sondern Lichtschneisen zu einem Dichter eröffnen und so zu Czernowitz, der Stadt, „in der Menschen und Bücher lebten“ (Celan) und in der wir uns wiederfinden können, die Poesie verspricht und die so Wien, Bukarest, Paris zu Nachbarstädten macht. Das Buch gibt Nähe im grauen Wirklichkeits-Deutschland in Zeiten der Weißen Pest. Ein liebendes Brevier.

Matthias BUTH

 

 

 

 

 

 

 

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