,,Facettenreiche Arbeit im Kulturbereich“

Gespräch mit der ifa-Kulturmanagerin Aurelia Brecht

Ausgabe Nr. 2698

Aurelia Brecht.                                                   Foto: Winfried ZIEGLER

Aurelia Brecht, 1987 in Frankfurt am Main geboren, hat Geschichte und Französisch an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz sowie an der Université de Bourgogne in Dijon, Frankreich, studiert und hat dort die Licence-Prüfung (Bachelor) abgelegt. Im Rahmen des Freiwilligendienstes „kulturweit“ des Auswärtigen Amtes verbrachte sie im Jahr 2010 sechs Monate am Goethe-Institut in Bukarest. Zurück in Mainz schrieb sie ihre Magisterarbeit zum Thema „Zwischen Ausharren und Aufgeben – Die Auswanderung der Siebenbürger Sachsen ab 1967“; im Herbst 2017 zog es sie schließlich wieder nach Rumänien – dieses Mal nach Hermannstadt. Nach einem Praktikum bei der Hermannstädter Zeitung 2017 trat sie eine Stelle beim Institut für Auslandsbeziehungen an und arbeitet seit Januar 2018 als Kulturmanagerin beim Demokratischen Forum der Deutschen in Hermannstadt.

Im Juli 2020 sprach der HZ-Praktikant Tobias L e i s e r mit Aurelia Brecht über ihre Arbeit.

 

Frau Brecht, was ist eigentlich eine Kulturmanagerin?

Die Kulturmanager sind Teil des Entsendeprogramms des Instituts für Auslandsbeziehungen. Das Institut entsendet insgesamt in neun verschiedene Länder, nicht nur nach Rumänien, sondern nach ganz Ost- und Südosteuropa – es gibt auch eine Stelle in Moskau. Im Entsendeprogramm gibt es sowohl Kulturmanagerstellen als auch Redakteursstellen; die Redakteure unterstützen die Zeitungen der jeweiligen deutschen Minderheiten. Als Kulturmanagerin organisiere ich Kultur-Projekte, die sich vorwiegend an junge Menschen wenden. Außerdem kümmere ich mich um die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.

Um was für Projekte handelt es sich da ganz genau?

Im Jahr 2018 und 2019 habe ich unter anderem zwei Lesereihen organisiert. Die erste zum Thema „Was ist Heimat?“ fand im Erasmus-Büchercafé im Teutsch-Haus statt. Fünf Gastautoren, deren Geschichten einen direkten Bezug zu Rumänien haben oder das Verlassen der Heimat thematisieren, lasen aus ihren Werken. Im Anschluss konnten die Gäste dann mit den Autoren diskutieren und Fragen stellen. Danach organisierte ich im Rahmen der zweiten Lesereihe „Autoren an die Schule“ Lesungen an verschiedenen Schulen in Fogarasch und Hermannstadt.

Ein anderes Projekt, das ich mitbetreue, das aber in dieser Form bereits seit 2009 regelmäßig stattfindet, sind die „Hermannstädter Gespräche“. Diese Gesprächsreihe ist darauf ausgerichtet, Diskussionen in der Minderheits- und Mehrheitsgesellschaft anzuregen. In der Regel finden die Gespräche sechsmal im Jahr statt – manchmal auch mit Simultanübersetzung. Am Anfang jeder Veranstaltung gibt es einen Impulsvortrag zum Thema. Danach wird dann gemeinsam über Politik oder Geschichte und alles rund um Hermannstadt diskutiert. Eines dieser Themen lautete „Autobiographien der Nation – Schulgeschichtsbücher in Rumänien und das Jahr 1918“; es ging hier darum, wie das Jahr 1918 in den Geschichtsbüchern aufbereitet wurde. Diese Veranstaltung habe ich damals moderiert. Insgesamt ist mein Aufgabenfeld wirklich recht abwechslungsreich.

Die „Hermannstädter Gespräche“ haben in diesem Jahr noch nicht stattfinden können. Gab es eines der Gespräche, auf das Sie sich besonders gefreut hatten?

Zum einen gab es die Idee, den evangelischen Theologen und Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer einzuladen. Das hat sich aber noch nicht ergeben. Konkret war eine Veranstaltung mit dem ehemaligen ARD-Korrespondent, Peter Miroschnikoff, geplant. Er hätte beim ersten Gespräch Mitte März diesen Jahres den eröffnenden Vortrag halten sollen; auch zwei seiner Dokumentarfilme über Siebenbürgen wären gezeigt worden. Darauf habe ich mich sehr gefreut, weil so Interesse und Kenntnis über die Region Siebenbürgen – auch aus journalistischer Perspektive – aufbereitet worden wären. Da hätte es bestimmt viele interessante Anknüpfungspunkte zur Diskussion gegeben. Leider war das aufgrund der gesundheitlichen Lage nicht möglich.

Gibt es schon einen neuen Termin?

Für das Gespräch mit Peter Miroschnikoff konkret nicht. Wir möchten die „Hermannstädter Gespräche“ weiterführen. Allerdings können wir zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen, ob und was im Einzelnen möglich sein wird. Wir arbeiten noch an einer Lösung und erwägen auch, die Gespräche digital fortzuführen.

Wie steht es um andere Projekte? Gibt es schon konkrete Pläne für die kommenden Monate?

Bis auf weiteres sind alle meine Projekte, die die Präsenz eines Publikums erfordern, auf unbestimmte Zeit verschoben. Es war ein politisches Planspiel in Arbeit, bei dem Schülerinnen und Schüler im Spiegelsaal des Forums in die Rolle von Parlamentariern hätten schlüpfen können. Ich denke, wir werden auch andere Projekte in den digitalen Bereich verschieben müssen, um deren Umsetzung im Ernstfall auch im nächsten Jahr gewährleisten zu können. Ansonsten habe ich die Zeit in den vergangenen Monaten dazu genutzt, unsere Internetpräsenz neu aufzustellen. Struktur und Texte für die neue Webseite sind fertig – jetzt fehlt noch der letzte digitale Schritt. Um die jüngeren Generationen auch in Zeiten der Pandemie erreichen zu können, sind wir nun auch in sozialen Netzwerken wie Instagram und YouTube vertreten. Auch eine Meme-Reihe in den sozialen Netzwerken erscheint regelmäßig – die Bilder haben Informationen und Zitate rund um Siebenbürgen zum Gegenstand. Zudem habe ich mich um Werbeartikel für das DFDH gekümmert: So haben wir nun auch eine Forumstasse, die in Kooperation mit einer Hermannstädter Künstlerin entstanden ist. Weitere Artikel sind in Arbeit.

Auf welche Ihrer Projekte sind Sie besonders stolz?

Der „Fokus des Monats“, der von 2018 bis 2019 auf der Webseite der Stiftung Kirchenburgen erschien und mit einem Rätsel versehen war, hat mir große Freude gemacht – jeden Monat konnten interessierte Leser ein Kirchenburgen-Memo oder ein Kirchenburgen-Quartett gewinnen. Hier war immer eine Kirchenburg  oder ein Detail einer Kirchenburg Gegenstand des Textes. Ich schreibe gerne und setze mich gerne mit Texten auseinander – da konnte ich mich austoben.

Auch gab es das Projekt der Kirchenburgen-Welcome-Seite: Auf dieser Webseite werden in zehn Sprachen Inhalte rund um die Kirchenburgen erklärt – so wird das interessante Erbe rund um die Kirchenburgen einem breiteren Publikum zugänglich gemacht. (Abrufbar unter htt  ps://welcome.kirchenburgen.org/).

Zusätzlich wäre hier das Kinderbuch „Kirchenburgen Rätselspaß“ zu nennen, das wir in Kooperation mit der Stiftung Kirchenburgen noch vor der Pandemie herausgeben konnten. Am 7. März haben wir es dann im Spiegelsaal vorgestellt. In dem Rätselheft finden Kinder und Jugendliche spielerisch Zugang zu Geographie und Architektur der Kirchenburgen. Dadurch soll ein Blick auf Geschichte und Kultur der Siebenbürger-Sachsen eröffnet und womöglich das Interesse an einer vertieften Beschäftigung geweckt werden. Im Anhang gibt es ein kleines Glossar, in dem die Begriffe detailliert erklärt werden; denn viele mittelalterliche Bezeichnungen sind ja heute nicht mehr so ohne weiteres verständlich. Und – ganz ehrlich – vielleicht findet ja auch mancher Erwachsene in dem Büchlein das ein oder andere, das für ihn neu ist.

Zuletzt die Frage: Warum eigentlich Siebenbürgen? Was hat Sie in diese Region verschlagen?

Zum einen habe ich mich während meines Studiums viel mit Rumänien und besonders mit Siebenbürgen beschäftigt; hierzu gab es an der Uni Mainz am Arbeitsbereich Osteuropäische Geschichte hinreichend Gelegenheit. Zum anderen habe ich eine rumänische Mutter und einen siebenbürgisch-sächsischen Urgroßvater, der Karl Breckner hieß. Seine im März 1918 in Agnetheln erstellte Konfirmationsurkunde ist übrigens heute noch im Familienbesitz. Während meines Aufenthalts in Bukarest am Goethe-Institut kam dann alles zusammen: Ich habe die Region für mich entdeckt – wir haben damals einen Ausflug nach Reichesdorf unternommen und die Erzählungen von Herrn Schaas haben mich dort sehr beeindruckt. Danach hatte ich den Wunsch auch einmal länger in Siebenbürgen zu sein, die rumänische Sprache zu verbessern, die Region hautnah zu erleben – dieser Wunsch wurde dann 2018 mit einer facettenreichen Arbeit im Kulturbereich Wirklichkeit.

Danke für das Gespräch.

 

Weitere Informationen zu den im Interview

genannten Institutionen finden Sie unter

https://www.facebook.com/forumhermannstadt/

https://forumulgermansibiu.ro/

https://www.ifa.de/

 

 

 

 

 

 

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