Die poetische Zweisprachigkeit erfahren

12 Studien zu Paul Celan von Andrei Corbea im Polirom-Verlag erschienen

Ausgabe Nr. 2700

Andrei Corbea: ,,nu vrea/cicatrice“. Studii despre Paul Celan la împlinirea a 100 de ani de la nașterea poetului. Polirom-Verlag, Jassy 2020, 384 Seiten, ISBN 9789734682829.

Der Polirom-Verlag hat einen neuen Band in rumänischer Sprache herausgegeben, der dem Dichter Paul Celan gewidmet ist und 12 Studien von Andrei Corbea umfasst. Das titelgebende Zitat – ,,nu vrea/cicatrice“ stammt aus dem Gedicht, ,,Stimmen“ (rumänische Fassung George State). Es handelt sich um die beiden letzten Zeilen: ,,will nicht/vernarben“. Corbea schreibt in dem Vorwort, diese stünden für das Wesentliche in Celans Nachlass. Dessen Gedichte erinnern oft an eine offene Wunde, die nicht vernarben kann.

Celans Biografie ähnelte diesen Zeilen und fand ihr Ende im April 1970 durch Selbstmord in der Seine, kurz vor seinem 50. Geburtstag. Davon hatte er mehr als die Hälfte in Rumänien verbracht.

Paul Antschel (wie Celan noch hieß) ist am 23. November 1920 in Czernowitz geboren, das damals zu Rumänien gehörte, in einer Familie deutschsprachiger Juden. Als Jude wird er ab Mai 1941 zur Zwangsarbeit in Fălticeni und Tăbărești verpflichtet. Im Juni 1942 werden seine Eltern nach Transnistrien deportiert, wo sie ihren Tod finden. Nach Kriegsende, ab April 1945, wohnte er in Bukarest, wo er Mitglieder des deutschsprachigen Judentums aus der Nord-Bukowina traf, u. a. Alfred-Margul Sperber, Moses Rosenkranz, seinen ehemaligen Schulkollegen Immanuel Weissglass und weitere Freunde kennenlernte, u. a. Petre Solomon und Nina Cassian.

In Bukarest hat Paul Antschel in einem Verlag gearbeitet. Hier übersetzte er unter dem rumänisch geschriebenen Namen ,,Ancel“ aus dem Russischen ins Rumänische. Durch Anagrammieren wurde daraus Celan, ein Name, mit dem der Dichter schon seine ersten Veröffentlichungen  unterzeichnete, die ebenfalls aus der Bukarester Zeit stammen. Außer dem Gedicht ,,Tangoul morții“, das in der Zeitschrift Contemporanul in rumänischer Fassung veröffentlicht wurde (es handelt sich um die ,,Todesfuge“), veröffentlichte Celan unter dem gleichen Namen seine erstmalig gedruckten Gedichte in deutscher Sprache, in der von Ion Caraion geleiteten Zeitschrift Agora.

Er hat Rumänien im Dezember 1947 für immer verlassen. Einige Monate verbringt er in Wien, wo er Ingeborg Bachmann kennenlernt. Danach lässt er sich in Paris nieder, wo er bis zu seinem Tod leben sollte. Hier verfasste er literarische Texte (vor allem Gedichte) in deutscher Sprache und übersetzte ins Deutsche aus verschiedenen Sprachen (Französisch, Englisch, Russisch, Rumänisch u. a.).

Mit diesen Anhaltspunkten möchte ich auf die biografische und literarische Verbindung Celans mit der rumänischen Sprache und Kultur hinweisen. Diese Verbindung war ein wichtiges Argument bei der Umsetzung des Projekts, Celans literarische Texte ins Rumänische zu übertragen, die nun auch von dieser Studiensammlung ergänzt werden. Die Bände erschienen in relativ kurzer Zeit im Polirom-Verlag. ,,Opera poetica“, zwei Bände, in der sehr guten Übersetzung von George State (1. Band 2015 mit einem Vorwort von Andrei Corbea, 2. Band 2019, mit einem Nachwort von Andrei Corbea); 2020 folgte ,,Meridianul și alte proze“ in der Übersetzung von Andrei Corbea und schlussendlich der vorliegende Band, mit Celan-Studien von Corbea. Rückblickend scheint das Projekt in kurzer Zeit und von einem Mini-Team (Andrei Corbea und George State) umgesetzt worden zu sein, in Zusammenarbeit mit dem Polirom-Verlag. Vermutlich hatte man von Anfang an den 100. Geburtstag Celans im Visier, der schon im Untertitel dieses letzten Bandes erwähnt wird.

Der Band umfasst 12 Studien zum Leben und zur literarischen Tätigkeit Celans als Schriftssteller und Übersetzer. Sie lesen sich fließend, aber jede Aussage wird von Anmerkungen unterstützt, die insgesamt 100 Seiten umfassen und sich im Anhang des Buches befinden. Diese enorme Dokumentation beinhaltet die Aufzählung zahlreicher Studien über Werk und Leben Celans; schon veröffentlichte Tagebücher, Memoiren, Korrespondenz; Zeugnisse, Informationen, die Corbea in Gesprächen mit Personen aufgezeichnet hat, die Celan gekannt haben. Zu diesen traditionellen Dokumentationsmethoden gesellt sich eine aktuelle: die Analyse des Katalogs von Paul Celans Privatbibliothek, die im Deutschen Literaturarchiv Marbach aufbewahrt wird. Die minutiöse Aufzeichnung der in den mehr als 6000 Bänden enthaltenen Daten, die ins Netz gestellt wurden, erlaubte es Corbea, einige rumänische ,,Spuren“ zu entdecken.

Doch die vermutlich bedeutendste und schmerzlichste ,,Spur“, die Wunde, die nicht vernarbt, ist der Tod der nach Transnistrien deportierten Eltern, als ihr Sohn sich im Arbeitslager in Buzău befand. Wie er erfahren sollte, waren seine Eltern in ein direkt von den Deutschen verwaltetes Arbeitslager transferiert worden. Der Vater starb an Typhus und die Mutter wurde von einem deutschen Soldaten erschossen, weil sie von der Arbeit erschöpft war. Die verheerende Wirkung dieser Nachrichten wurde verstärkt von der Frage, ob nicht vielleicht alles anders gekommen wäre, wenn ihr Sohn, Paul, bei ihnen gewesen wäre. Dies war nicht bloß eine theoretische Spekulation. Wie er bald erfahren sollte, war dies das Schicksal der Familie Weissglass, die überlebten. Zu dieser gehörten zwei Söhne, Immanuel und Theodor. Letzterer spielte Geige und wurde zu den Unterhaltungen der kommandierenden Offiziere des Lagers bestellt. Aus der Studie zur Czernowitzer Diaspora (genauer aus der Anmerkung 101) erfahren wir, dass die Talente der beiden Weissglass-Söhne die Rettung der gesamten Familie erlaubt haben. Ein rumänischer Offizier verhinderte deren Transfer in das von den Deutschen kontrollierte Gebiet, aus Dankbarkeit fürdie von Theodor dargebotenen Konzerte. Er gab sogar an, dass Vater Immanuel Weissglass Doktor der Medizin sei, obwohl dieser Rechtsanwalt war, und als Arzt unabkömmlich sei in dem unter rumänischer Verwaltung stehenden Ghetto in Transnistrien. Ein anderes rettendes Ereignis betraf Celans Schulkollegen Immanuel Weissglass: Als ein rumänischer Offizier ihn durchsuchte, fand man bei ihm Übersetzungen aus dem Werk von Arghezi. Da der Offizier selbst ein Verehrer von Arghezi war, lieferte er Immanuel Weissglass nicht aus, er erlaubte ihm sogar, dem rumänischen Dichter eine Postkarte zu schreiben. Nach dem Krieg schilderte Arghezi diese Begebenheit in einer 1946 veröffentlichten Glosse (,,Tableta“), in der er den jungen Immanuel Weissglass ,,meinen verehrten Übersetzer“ nannte.

Die Ermordung seiner Mutter durch einen Deutschen, alle anderen Nachrichten von den Nazi-Verbrechen, hatten tiefgreifende Folgen für die Beziehung Celans zur deutschen Sprache, die für ihn die ,,Sprache der Mörder“ geworden war. Diese Spannung wiederspiegelt sich in dem Gedicht ,,Näher der Gräber“, schon 1944 verfasst: ,,Und duldest du, Mutter, wie einst, ach, daheim,/den leisen, den deutschen, den schmerzlichen Reim?“

Obwohl er fortfuhr, Deutsch zu schreiben und ins Deutsche zu übersetzen, bot ihm der kurze Bukarester Aufenthalt, als er viel ins Rumänische übersetzt und einige Texte in dieser Sprache geschrieben hat, die Erfahrung der poetischen Zweisprachigkeit und hatte eine ,,Wirkung der Distanzierung“ von der deutschen Sprache und ihren Konventionen. Andrei Corbea vertritt die Meinung, dass das Obskure von Celans Sprache übereinstimmt mit dem Obskuren der Geschichte, die er erlebt hat, weil sie die von der durchlaufenen Geschichte bestimmten Veränderungen erlitten hat. Hier zitiert Corbea aus der Ansprache, die Celan anlässlich der Entgegennahme des Literaturpreises der Freien Hansestadt Bremen gehalten hat: ,,Sie, die Sprache, blieb unverloren, ja, trotz allem. Aber sie mußte nun hindurchgehen durch ihre eigenen Antwortlosigkeiten, hindurchgehen durch furchtbares Verstummen, hindurchgehen durch die tausend Finsternisse todbringender Rede. Sie ging hindurch und gab keine Worte her für das, was geschah; aber sie ging durch dieses Geschehen. Ging hindurch und durfte wieder zutage treten, ‚angereichert‘ von all dem.“

Celans Texte muten oft geheimnisvoll an, auch weil der Dichter verschiedene Themen und persönliche Erfahrungen aneinanderreiht und verbindet, ohne deren Ursprung zu erwähnen. Corbeas Studie über die ,,rumänischen Büffel“ ermöglicht uns einen besseren Einblick in den komplizierten Entstehungsprozess einiger Gedichte von Celan. Die Büffel tauchen in dem Gedicht ,,Coagula“ auf, das Corbea ausnahmsweise ganz und zweisprachig der Studie voranstellt. Es stammt aus dem Gedichtband ,,Atemwende“ und steht hinter ,,Solve“, sodass die beiden Titel die Formel ,,solve et coagula“ (entwirre und koaguliere) der Alchemiker bilden. Der Name Rosa kann entweder auf die ,,alchemische Rose“ hinweisen oder auf die Gestalt diesen Namens aus Kafkas Erzählung ,,Der Landarzt“. Doch keine dieser Interpretationen liefert eine Erklärung für das Auftauchen der ,,rumänischen Büffel“. Obwohl Celan sich weigerte, seine Gedichte zu erklären, hat er dies  ausnahmsweise im Falle von ,,Coagula“ getan, in einem in französischer Sprache verfassten Brief an Petre Solomon. Darin erwähnt er die in diesem Text eingebrachten Motive, aber auch die Entstehung dieses Gedichts durch ,,Koagulieren“: ,,Die von Rosa Luxemburg durch die Gitterstäbe des Gefängnisses erblickten rumänischen Büffel stimmen überein mit drei Worten aus Kafkas ,Ein Landarzt‘ und mit dem Namen Rosa. Ich koaguliere. Ich versuche, zu koagulieren.“

Das Akkumulieren und ,,Koagulieren“ der Themen bereichert Celans Texte um neue Zusammenhänge und Analogien, obwohl sie dem Lesenden einen größeren Einsatz abverlangen. Celan war sich dieser Schwierigkeit bewusst, wünschte sich aber gleichzeitig und setzte auf den Dialog mit einem mündigen Leser, obwohl er wusste, dass dieser nicht leicht zu finden ist. Er drückte diese Idee in seiner Ansprache in Bremen aus: ,,Das Gedicht kann, da es ja eine Erscheinungsform der Sprache und damit seinem Wesen nach dialogisch ist, eine Flaschenpost sein, aufgegeben in dem – gewiss nicht immer hoffnungsstarken – Glauben, sie könnte irgendwo und irgendwann an Land gespült werden, an Herzland vielleicht.“

Nadia BADRUS

Deutsche Fassung: Beatrice UNGAR

 

 

 

 

 

 

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