Sächsisches Liederheftchen Anno 2020

Neuauflage einer kleinen Musiksammlung für spontanes Singen geplant

Ausgabe Nr. 2694

E Līdchen hälft äng. Saksesch Līderheftchen für zwo Gesangsstämmen mät Gitarrenbeglīdung. Version 2.0 – erwektert uch vuëlständij iwerarbet.

Anfang der neunziger Jahre entstand in „vielen Nächten, mit Schreibmaschine und jeder Menge Handarbeit, ein Bändchen mit 21 sächsischen Volks- bzw. volkstümlichen Liedern”. Der Kompilator war der damalige Student Udo-Jürgen Weber. Das Büchlein war seinerzeit schnell vergriffen, jetzt spielt der Autor – der selber auch einige Lieder im Buch komponiert hat – mit dem Gedanken einer Neuauflage. Mit ihm führte die HZ-Redakteurin Ruxandra S t ă n e s c u folgendes Interview.

 

Wie kam es zu dieser Sammlung Anfang der 1990-er Jahre?

Ich war zu der Zeit Dirigent des Konradwiesenchors und habe dafür immer wieder mal Stücke vierstimmig gesetzt; dazu kamen weitere Chorsätze, die ich für gewisse Anlässe (Aufführungen, Feste, etc.) geschrieben habe, sowie auch ein paar eigene Melodien zu Versen von siebenbürgischen Dichtern. Dieses alles beschloss ich im Sommer 1990 – mit quasi uneingeschränktem Zugang zu Kopierpapier und neuen Kopierern – unter dem Fanal der damals massenhaften Auswanderung als Broschüre zusammenzuführen, damit das Material nicht mehr lose bei mir herumliegt und damit es eventuell anderen Sangesfreudigen nützlich ist. So entstand ein schmales Bändchen mit 21 sächsischen Volks- bzw. volkstümlichen Liedern. Vervielfältigt wurde es in 200 oder sogar 300 Exemplaren im Sitz des Demokratischen Forums der Deutschen in Hermannstadt, drahtgeheftet in der Tipografia Mitropolitană und es war dann tatsächlich in kürzester Zeit „vergriffen”. Es wurde sogar in der Siebenbürgischen Zeitung vom 30. Juni 1991 in der Rubrik „Siebenbürgische Bibliographie” erwähnt.

Das war vor knapp 30 Jahren.

Ganz genau im Juni 1990. Verrückte Zeiten! Dann war ganz lange Zeit Ruhe damit, bis wir vor nicht allzu langer Zeit im Kollegenkreis beim gemeinsamen Singen einschlägiger Lieder merkten, dass wir – wohl auch altersbedingt – eigentlich eine Gedächtnisstütze bräuchten, um jene Stücke lückenlos zu Ende zu bringen, die früher mal spontan und komplett abrufbar waren. So holte ich meine „Jugendsünde“ hervor, ging sie durch, fand sie zu meiner Freude streckenweise immer noch ganz passabel – und beschloss, sie mit dem heutigen (Sach)Verstand und moderneren technischen Mitteln (DTP-, Notensatzprogramme, Digitaldruck etc.) im Sinne einer „zweiten Auflage” für das Singen in privatem Kreise zu beleben.

Wie sah diese zweite Auflage aus?

Sie trug voller Selbstbewusstsein immer noch den Titel der Erstausgabe von 1990, also „E Līdchen hälft äng“, war um zehn Lieder erweitert worden, allesamt zweistimmig gesetzt und mit Gitarrenbezifferung versehen. „Nur” noch zweistimmig aus dem Grund, weil meinem Empfinden nach im Jahr 2019 mehrstimmige Liedsätze weniger gefragt sein könnten als solche, die man unter Umständen zur Gitarre und gegebenenfalls auch zweistimmig singen kann. Selbstverständlich war diese Kleinstauflage hundertprozentige Handarbeit, hergestellt im Homeoffice und in meiner Werkstatt.

Titelblatt von ,,E Līdchen hälft äng“. Siebenbürgisch-sächsisches Chorbüchlein für 3-stimmigen Chor. Ausgewählt und bearbeitet von Udo-Jürgen Weber.

Gibt es auch andere Liedersammlungen mit siebenbürgisch-sächsischen Liedern? Was bringt ihre Sammlung neu, außer natürlich den Liedern, die Sie komponiert haben?

Zwar stehen sangesfreudigen Siebenbürger Sachsen heutzutage außer den „Klassikern” (Phleps, Siebenbürgen Land des Segens, Wolfenbüttel, 1952 und Teutsch, Siebenbürgisches Chorbuch, Innsbruck 1983) eigentlich nur noch „E Līdchen hälft ängden”, das 2017 von  Angelika Meltzer und Roswitha Chrestels im Verlag Haus der Heimat Nürnberg herausgegebene, DIN-A4-1200 g-Monumentalwerk zur Verfügung.

Das zuerst Erwähnte ist rar geworden; das Zweite ist zwar noch erhältlich, aber ein ausgewiesenes Chorbuch. Im Dritten, welches übrigens höchste Anerkennung verdient, haben die Autorinnen praktisch alles Siebenbürgisch- Sächsische was Notenzeilen über einem Text hat, zusammengetragen; das Werk ist aber meiner Ansicht nach für andere Zwecke vorgesehen als für’s spontane Singen bzw. im Handgepäck Dabeihaben.

Somit läge der Nutzen und das Alleinstellungsmerkmal meines Werks im handlichen Format, in der sorgfältig überlegten und reduzierten Auswahl, in den gut dazu passenden Gitarrengriffen und in der leicht sangbaren Zweistimmigkeit.

Angesichts des überragenden Werkes aus Nürnberg wird die dritte Auflage meiner Sammlung mit an Gewissheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch nicht mehr „E Līdchen hälft äng“ heißen – wer könnte denn heute noch sein Gedicht „Heideröslein“ nennen – sondern eventuell „De hescht saksesch Līder uch derzea en puër ījänen“ oder ähnlich.

Mittlerweile gibt es davon die Version 3.0. Was ist jetzt hier neu?

Zehn weitere Lieder, also nunmehr 42, davon eines ganz neu („Mutter“, Verse: Arnold Bruckner), viele Korrekturen und Änderungen in den alten Liedsätzen, ein etwas größeres Notenbild, kleinere Akkordsymbole, Strophen in der Regel gleich unter den Notenzeilen und kein Vorwort mehr. Dafür aber behalten die Vorworte der 1. Ausgabe (1990) und der 2. Ausgabe (2019) ihre Gültigkeit.

Sie spielen mit dem Gedanken, die Version 3.0 eventuell in einer größeren Auflage drucken zu lassen.

Richtig. Das Ganze befindet sich derzeit im (stabilen) Stadium eines Gedankenspiels. Außer der sehr überschaubaren Zielgruppe der in Siebenbürgen ansässigen Ensembles, die noch sächsische Lieder mehrstimmig singen und gegebenenfalls ein paar wenigen, im privaten Kreis Singenden, gäbe es meiner Wahrnehmung nach heute in Siebenbürgen aber kaum (noch) potenzielle Nutznießer einer solchen Sammlung.

Natürlich hätte manch einer der nicht aktiv musikpraktizierenden HZ-Lesern ganz bestimmt etwas dafür übrig, einige der so genannten „Sommersachsen” (ich mag übrigens den Ausdruck gar nicht) sicher auch, aber die Frage steht dennoch berechtigt im Raum, was – und ausgerechnet – dem Udo Weber eingefallen ist, nach 30 Jahren ein 1990 fast völlig übersehenes und beinahe überflüssiges Liederheftchen aus der Versenkung hervorzuholen und aufzutakeln?

Sollte es dann doch noch irgendwo mal gedruckt werden, ist eins für mich klar: Alleiniger Sinn und Zweck der Liedersammlung ist der, ,,mit Freuden und mit Freunden“ (Formulierung von K. M. U. entlehnt) daraus zu singen und keinesfalls, dass einer damit Geld verdient. Und selbst wenn sich Letzteres nicht verhindern lassen sollte, so darf sich heute schon eine einheimische Tierschutzorganisation meiner Wahl auf eine Spende in der vollen Höhe meines Honorars freuen.

Herzlichen Dank.

 

 

 

 

 

 

 

 

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