,,Ein gewählter Interessenvertreter“

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Gespräch mit dem deutschen Horsemanship-Ausbilder Birger Gieseke

Ausgabe Nr. 2693

Birger Gieseke geht mit dem Araber-Hengst Aramis auf ,,Tuchfühlung“.Foto: Beatrice UNGAR

,,EQS-Horsemanship bezeichnet das Miteinander von Pferd und Mensch auf partnerschaftlicher Basis, wobei der Mensch die Führung übernimmt, unter Berücksichtigung der Naturgesetze und der Bedürfnisse des Pferdes. Freundschaft, Kommunikation, Motivation, Fürsorge, Gerechtigkeit, Fairness, Teamgeist, Respekt und Vertrauen bilden das Fundament. Engagement, Enthusiasmus, Freude, Zielstrebigkeit, Ausdauer, Geduld, Toleranz und Selbstkritik sind die Bausteine.“ So umreißt einer der besten Horsemanship-Ausbilder Deutschlands, Birger Gieseke, auf seiner Homepage, was diese Disziplin ausmacht. Vor kurzem bot er auch in Harbachsdorf/Cornățel Kurse an, auf der Schulfarm der Familie Măsălar. Hier gewährte Birger Gieseke der HZ-Redakteurin Beatrice U n g a r folgendes Interview:

 

2017 haben Sie Ihre Firma, bzw. Ihre Online-Plattform gegründet­?

Genau, mit mehreren Leuten zusammen habe ich die Firma Apego gegründet, die es immer noch gibt. Damit sind wir zu der weltgrößten Pferdemesse, der Equitana in Essen, gegangen um zu zeigen, was wir da haben. Wir waren ein relativ großes Team und haben gezeigt, was man mit Pferden machen kann, wenn man das EQS-Horsemanship-System benutzt. Die Pferde folgen einem frei, man kann sogar ohne Zaumzeug reiten. Trotzdem hat man die Kontrolle über sie, obwohl es mehr aussieht wie Spaß, nicht wie Leistung oder Befehl und Gehorsam. Es ist vielmehr ein Zusammmenspiel.

Und dort haben Sie die Familie Măsălar kennengelernt?

Ja. Sie waren bei einer meiner Vorführungen dabei und von dem Augenblick sind sie mir auf der Messe überallhin gefolgt. Als wir dann miteinander gesprochen haben, haben sie mir von diesem Projekt hier mit Kindern erzählt. Das klang für mich sehr interessant, weil ich schon mal so etwas Ähnliches hatte. Das war vor der Grenzöffnung Ostdeutschland-Westdeutschland. Damals war ich auch auf der Equitana und jemand aus Ostdeutschland kam zu mir und fragte mich, was wir denn so machen. Ich sagte einfach, ich komme mal vorbei. Er müsse mir nur Diesel, etwas zu essen und einen Schlafplatz besorgen. Und dasselbe habe ich in diesem Fall auch gesagt: ,,Ich komme mal nach Rumänien und dann machen wir das zusammen“. Eigentlich dachte ich, dass es hier Kinder hat, mit denen wir dann so ein Sommercamp machen können. Weil ich aber nur zu einer bestimmten Zeit kommen konnte, waren keine Kinder da. So habe ich eben die Familie Măsălaru fünf Tage mit den Ponnies unterrichtet und das war wunderschön. Sie haben mir auch die Karpaten gezeigt, wo wir mit dem Fahrrad hochgefahren sind und den Wasserfall gesehen haben. Während dieser Zeit haben wir dann festgestellt, dass wir uns mögen und dass da eine sehr schöne Verbindung ist. Und dann kam Mălina an und sagte: ,,Schau, bald sind wir auf Gran Canaria und da habe ich auch ein Pferd und wir können es nicht verladen“. Ich bin dann hingeflogen. Dort haben wir dann auch eine Woche verbracht, haben das Pferd verladen und jetzt ist ihr Pferd auch viel glücklicher. Und damit ist natürlich auch sie glücklicher.

War es tatsächlich so schwierig, das Pferd zu verladen?

Ja, das Pferd hatte große Angst vor dem Anhänger. Aber weil ich da jetzt eine ganze Menge mit ihm gemacht habe, ist es mittlerweile so, dass Mălina die Türe des Anhängers öffnet und das Pferd ohne Halfter etc. einfach reinspringt. Daraufhin haben wir geredet, ob ich wieder nach Rumänien komme. Ich meinte natürlich, dass ich das machen kann, woraufhin wir besprochen haben, dass mehr Leute kommen, um das kennenzulernen. Deswegen wollten wir dieses Jahr eigentlich so eine Tour machen, in der wir mehrere Stellen anfahren, um das Programm vorzustellen. Man kann eben mit Pferden auch anders umgehen als mit Gewalt.

Das wäre hier in Rumänien wirklich sehr nötig.

Ja, wobei das in Deutschland genauso war. Seit ich in diesem Business bin, verstehe ich mich als Botschafter, der allen nahelegt, mit den Pferden besser umzugehen. Ich selbst hatte ja in jungen Jahren mit Westernreiten angefangen und da gab es auch schon Strömungen für gutes bzw. besseres Reiten. Dort habe ich mich auch schon zusammengeschlossen mit Leuten und wir haben einen Verein für gutes Westernreiten gegründet und haben auch etwas in unserer Szene bewirkt. Dann sind wir auch auf Turniere gegangen, wo ich recht erfolgreich war. Aber als dann irgendwann die Geschichte mit dem Geld dazu kam, und Geld versaut ja bekanntlich den Charakter, stand  nur der Sieg des Pferdes im Vordergrund. Igendwann kam dann einer und meinte, ich müsse das Pferd nur härter reiten und darauf sagte ich nein, das Pferd ist einfach nicht für diese Sache geeignet. Das hat nichts mit hart reiten zu tun. Irgendwann habe ich dann gesagt, bei diesem Zirkus mache ich nicht mehr mit. Ich lasse mich nicht mehr von Kunden unter Druck setzen, bei dem Pferd mehr Druck zu machen. Zur gleichen Zeit habe ich ein Video gesehen und von Pat gehört. Dann habe ich ihn eingeladen und war neun Jahre mit ihm zusammen, in denen wir jedes Jahr zusammen in die USA geflogen sind um dort zu reiten.

Wird der Profit oft über das Wohl des Pferdes gestellt?

Es ist, wie gesagt eine Sache des Geldes. Es kommen Menschen zu  mir, die nicht nur etwas für die Pferde tun, sondern auch ans Geld verdienen denken. Daran zu denken ist auch völlig okay, sonst kann man das Geld ja auch nicht benutzen um wieder größer zu werden und mehr Leute zu erreichen. Ein Pferd ist auch immer ein Investment. Die Frage ist nur, von wem und wie viel Geld ich nehme. Und es muss eine Balance herrschen. Wenn die nicht mehr stimmt, dann bin ich auch nicht mehr dabei.

Vor allem in dem Bereich Leistungssport wollen die Meisten finanziell viel aus ihrem Pferd rausholen, oder?

Ja, aber man kann auch Leistungssport betreiben und dabei fair sein, das geht.  Man muss eben zu einem Pferd hinhorchen und sich fragen; wie viel kann der leisten? Ich habe mein erstes Pferd auch verkauft, weil ich gemerkt habe, dass es nicht für den höheren Leistungssport geeignet ist. Aber ich habe einen Besitzer gefunden, der sich liebevoll darum gekümmert hat und dann habe ich eben ein Pferd gekauft, das mehr Leistungspotenzial hatte. Und so habe ich das auch fortgeführt, bis ich dann irgendwann einmal gesagt habe: ‚Jetzt habe ich mein Pferd und ich will keinen Leistungssport mehr machen, sondern nur gucken, dass ich Leute unterrichte, die Spaß haben wollen mit Pferden oder diesen Weg gehen wollen, um ein Leistungspferd zu trainieren. Man kann auch Leistungspferde trainieren, ohne dass man ihnen wirklich Schmerzen zufügen muss.

Irgendwann habe ich den Schweizer Freddie Knie kennengelernt. Er hat mir gesagt, dass ich bei ihm immer herzlich willkommen bin und darum habe ich ihn dann auch besucht. Beim Kaffee haben wir dann gefachsimpelt. Er ist nämlich im Herzen auch ein Pferdemensch, dennoch kann er sehr bestimmend sein. Bestimmend, aber trotzdem nie unfair, sondern er sagt: ,,Das Pferd kann das, also kann ich es auch fragen, das zu tun. Und man kann es auch durchsetzen, dass es das tut, mit fairen Mitteln“. Es ist wie in dem Film „Der Pate“,  in dem es den Satz gibt: ,,Ich machte ihm ein Angebot, das er nicht ablehnen konnte“. So mache ich das mit Pferden auch. Es ist besser für die Pferde, wenn sie das machen, wonach ich sie frage.

Und wenn es das nicht macht, gibt es ja auch bestimmte Konsequenzen?

Ja natürlich. Es ist genauso wie in der freien Wildbahn. Wenn das Pferd etwas, was es tun sollte, nicht tut, hat das auch Konsequenzen. Wir haben z. B zwei junge Spanier, die jetzt ein gutes Jahr alt sind,  zu uns in die Herde geholt. Und wenn man sie anguckt, sieht man, dass sie schon viele Konsequenzen erlebt haben. Sie haben überall kleine Bisswunden. Es ist typisch für junge Pferde, sie müssen erst lernen, wo die Grenzen sind. Und so zeigen die alten Pferde es ihnen, bis die jungen es dann auch glauben. Früher hab ich meine ganze Herde zusammen laufen lassen: Hengst, Fohlen, Stuten, und wenn die jungen Pferde in ein bestimmtes Alter kamen, quasi die Pubertät, dann sahen die nicht gut aus. Weil sie eben die Konsequenzen von den älteren Pferden erfuhren. Wenn wir Menschen es richtig machen mit den Pferden, brauchen wir ihnen keine Wunden zuzufügen. Aber sie müssen trotzdem auch manchmal fühlen, dass bestimmte Verhaltensweisen nicht gewünscht sind. Darum habe ich gemeinsam mit Tony Lander das Handbuch ,,EQS. Equine Quality System“ herausgegeben. Es geht darum, ein Pferd zu ,,lesen“ und um Strategien, dass die Pferde sich ändern.

Aber liegt das nicht auch an den Menschen?

Genau das ist der Grund, warum ich das Handbuch geschrieben habe. Damit die Menschen lernen können. Denn die größte Problematik zwischen Mensch und Pferd ist, dass beide instinktiv handeln und auch denken. Das heißt, der Mensch handelt instinktiv wie ein Raubtier und denkt wie ein Raubtier. Das Pferd denkt wie ein Fluchttier und handelt wie ein Fluchttier. Das sind eben zwei Dinge, die eigentlich nicht zusammenpassen. Jetzt kann ich aber nicht einfach zum Pferd sagen, du musst anders sein. Aber als Mensch kann ich mir sagen, dass ich selbst anders denken muss. Und dieses andere Denken ist relativ schwierig an den Mann zu bringen, weil es unbequem ist. Man muss wirklich völlig anders anfangen zu denken und man muss sich fragen, aus welchen Beweggründen handelt dieses Pferd hier? Es fällt uns schwer, uns in die Denkweise eines Pferdes hineinzuversetzen, weil wir sie eben nicht verstehen.

Und welche Rolle spielt dabei die vorangegangene Erfahrung des Pferdes?

Pferde leben im Hier und Jetzt. Das heißt, wenn das Pferd jetzt Angst hat, dann hat es Angst. Dann ist es meine Aufgabe, es zu überzeugen, dass es keine Angst zu haben braucht. Wenn jemand ein Pferd  zu mir bringt, höre ich mir seine Geschichte an. Das Pferd ,,erzählt“ mir aber eine ganz andere Geschichte. Die Menschen interpretieren manchmal Handlungen von Pferden menschlich, aber eben nicht wie ein Pferd. Z. B. sagen Viele, das Pferd sei mit einem Stock misshandelt worden, weil es Angst vor einem Stock hat. Dabei muss das gar nicht sein. Das Pferd kann auch einfach so Angst haben vor einem Stock, ohne das irgend etwas passiert ist. Und in dem Buch versuche ich Menschen eine Idee zu geben, wie sie quasi körperlich einem Pferd gegenüber treten müssen. Also es geht viel um Körpersprache mit einem Pferd und dabei wird oft zu viel in Details gesprochen. Dabei ist es eigentlich relativ einfach, man kann gegenüber dem Pferd nur vier Dinge ausdrücken. Ich kann sagen „In Ordnung“ , „Beweg dich“, „Tu was du tust und bleib dabei“ und „Komm her“. Und mit diesen vier Dingen kann ich alles sagen, was ich mit dem Pferd machen möchte. Natürlich gibt es dann auch Energien, die ich mit meinen Armen und Beinen mache, die Support-Energien. Denn wenn ich etwas ausdrücke, muss ich das verstärken können. Und wenn ich das alles zusammengebracht habe, dann gibt es noch die Horse Melody. Das bedeutet, wenn ein Pferd Angst hat, muss ich eine andere „Melodie“ spielen, als wenn es respektlos ist. Oder wieder eine andere wenn es sensibel ist usw. Wie man mit der Musik in Filmen Emotionen ausdrückt, so brauche ich auch für jede Einzelheit, die ich verändern will, eine eigene Melodie. Und dann versteht das Pferd das auch. Es ist also egal, was für ein Pferd man jetzt hier hätte. In relativ kurzer Zeit könnte ich mit ihm reden, da Pferde diese Energien verstehen.

Was meinen Sie, wenn Sie von von Energien sprechen?

Ich spreche immer nur von Energien wenn ich mit Pferden zusammen bin. Die meisten normalen Menschen sprechen immer von Druck: Man muss Druck machen, damit das Pferd etwas tut. Aber das ist etwas sehr Negatives für mich. Druck ist vorhanden, Energie fließt. Und wenn ich Bewegung haben möchte am Pferd, dann muss ich die Energie fließen lassen. Deswegen kann ich nicht einfach nur von Druck sprechen. Das Ganze kommt von meiner eigenen inneren Haltung. Wenn diese stimmt, dann kann ich die entsprechenden Energien fließen lassen, in wenigen Worten in diesem Büchlein ausgedrückt. Für den Otto Normalverbaucher ist es etwas schwieriger zu lesen, da eine andere Spache gewählt wurde und weil ein anderes Denken dabei ist. Man kann das Buch fünfmal lesen und hat es vielleicht immer noch nicht verstanden, wenn man weiterhin denkt wie ein Mensch und nicht wie ein Pferd.

In dem Buch gibt es keine Bilder. Welches Bild würden sie denn nehmen, um die Beziehung Pferd- Mensch darzustellen?

Ich bin nicht so der visuelle Mensch. Viele Menschen mögen ja die Bilder, auf denen man ein Pferd streichelt, aber das ist es nicht. Natürlich ist das ein schönes Bild, aber das ist nicht das, was die Beziehung wiederspiegelt. Mein Pferd kommt zum Beispiel und berührt mit seiner Schnauze meinen Arm, um mich zu fühlen. Und damit sagt es mir, dass es gerne mit mir zusammen  ist. Es geht nicht darum, dass der Mensch aktiv wird und das Pferd streichelt oder gar ihm ein Küsschen gibt. Das ist nicht das, was ich unter Horsemanship verstehe. Ich muss immer derjenige sein, der die Führung übernimmt, dann fühlt sich das Pferd sicher. Und wenn das Pferd dann zu mir kommt und ,,sagt“, „führe mich“, dann bin ich sein „gewählter Interessenvertreter“. Denn ich möchte nicht „Boss“ sein. Ich möchte aber auch nicht „Partner“ sein, weil Partner bedeutet immer, dass man diskussionsbereit ist. Wenn ich mit meinem Pferd einen Straße überquere, dann bin ich nicht diskussionsbereit. Dann muss es schon mitkommen. So muss man sich das vorstellen. Wenn ich aber so gut bin, dass es, wann immer ich es frage, das macht, was ich möchte, dann ist es okay. Das heißt, das Pferd muss mich „wählen“ als denjenigen, bei dem, wenn er es sagt, es gut zu machen ist. Und dann kommt auch das Pferd zu dir und sagt dir: ,,Hey ich bin bei dir, wo gehen wir hin und was möchtest du?“ Um das zu schaffen, muss man ja wissen, was die Pferde brauchen, damit sie mich wählen. Pferde wählen mich ja nicht aufgrund meiner schönen blauen Augen. Sie wählen mich, weil ich bestimmte Dinge kann. Und das muss man ihnen dann auch jeden Tag beweisen. Jedesmal wenn ich zu ihm hinkomme, ist es die Art und Weise wie ich das mache, wie ich ihm begegne, welche Regeln ich einhalte, welche Regeln die Pferde selbst einhalten müssen. Ganz interessant ist auch, dass Pferde förmlich danach suchen. Sobald sie merken, dass du irgendwie nachlässt, wählen sie dich nicht mehr. Von heute auf morgen. Sie brauchen ja jemanden, der ihnen genügend Sicherheit gibt. Und wenn ich zeige, dass ich nicht genügend Sicherheit gebe, dann suchen sie jemand anderen. Pferde sind da ganz ehrlich. Meine Aufgabe ist es eben, dass ich die Besitzer so unterrichte, dass sie für ihre Pferde der „gewählte Interessenvertreter“ werden. Darin sehe ich meine Aufgabe.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Veröffentlicht in Beruf, Aktuelle Ausgabe.