Im Zeichen der Multikulturalität

Ungarn- und rumäniendeutscher künstlerisch-literarischer Dialog in Stuttgart

Ausgabe Nr. 2690

Gert Fabritius: Der Sprung über den Stein, ein vergebliches Hoffen auf die Erfüllbarkeit des Seins. Holzschnitt, 2010

Vor genau 30 Jahren hatte das Kulturinstitut der Republik Ungarn seine Tore in Stuttgart geöffnet. Vor 30 Jahren hatte dann auch die Zusammenarbeit mit der Donauschwäbischen Kulturstiftung des Landes Baden-Württemberg begonnen: Nach dem Mauerfall und der Grenzöffnung wollte man gemeinsam ungarndeutschen Kulturschaffenden auf dem Weg nach Europa eine Plattform bieten, ihre Schöpfungen bekanntzumachen. Zu dem Zeitpunkt beschränkte sich der Förderbereich der Stiftung allein auf die deutsche Minderheit in Ungarn.

 

Die damaligen historischen Ereignisse in Ost- und Südosteuropa haben die Voraussetzungen dafür geschafft, dass sich der Wirkungsbereich der Donauschwäbischen Kulturstiftung des Landes Baden-Württemberg unter anderem auch auf Rumänien erweitern konnte: Das geschah vor genau 25 Jahren. Diese drei Jubiläen nahmen wir zum Anlass, sie im Zusammenhang zu bringen, den Plattformgedanken deutschsprachiger Kulturschaffender in diesen Ländern in Richtung Europa wieder zu beleben und im Geiste der lebendigen Multikulturalität des Donauraumes eine Brücke zwischen ungarndeutschen und rumäniendeutschen Kulturschaffenden zu schlagen: Die erste in Form einer gemeinsamen Ausstellung zweier Künstler, des Ungarndeutschen Ákos Matzon und des Rumäniendeutschen Gert Fabritius. Die Vernissage fand gestern, am 17. September d. J., im Ungarischen Kulturinstitut, dem Balassi-Institut, in Stuttgart statt. Die Ausstellung soll rund 10 Tage später, am Montag, 28. September 2020, den dazu passenden Rahmen einer zweiten Veranstaltung, einer gemeinsamen Literaturwerkstatt, Austausch und Dialog, ungarndeutscher und rumäniendeutscher Autorinnen und Autoren bieten, die am Abend mit einer öffentlichen Lesung zu Ende gehen wird.

Wenn wir von Ungarn und Rumänien reden – und damit verbinden wir im Europäischen Kontext die Idee eines gemeinsamen südosteuropäischen Raumes, den Donauraum, dann reden wir von einer historisch multikulturell gewachsenen Region, in der Staatsgrenzen, wie überall, nur an der Oberfläche trennen: In den Tiefen des organisch Wesentlichen verbinden sie! Wenn man sich dessen bewusst wird, wie viele gemeinsame Wörter die in diesen Ländern unter Umständen auch europaweit gesprochenen Sprachen haben, dann wird man sich auch der Tatsache bewusst, dass uns alle – trotz historisch bedingter, nicht zu verdrängender oder verschönernder Konflikte und zum Teil auch nicht mehr wiedergutzumachender Ereignisse – mehr verbindet als trennt!

Kulturen sind das Ausleben, die Pflege existentieller Selbstverständlichkeiten. Sie unterscheiden sich durch die jeweiligen Selbstverständlichkeiten ihres Daseins. Die Politik regionaler Hegemonialansprüche ignorieren sie. Der Nationalismus schürt Vorurteile, der Chauvinismus – da hält man sich für besser und verachtet alle anderen. Die gedeihlichsten Regionen der Welt sind jedoch gerade die, in denen mehrere Kulturen zusammentreffen und im synergetischen Austausch zusammenleben. Eine in diesem Sinne gewachsene und verstandene Multikulturalität ist eine kontrapunktische Situation, in der jede Stimme zum Ausdruck kommen muss, um sich so mit einer eigenen Identität behaupten zu können und sich harmonisch in einer funktionierenden Ganzheit zu integrieren. Das lehrt die Musik, das soll mit dem Vorhaben im Ungarischen Kulturinstitut in Stuttgart, der Kunstausstellung wie auch der Literaturwerkstatt, verdeutlicht werden.

Akos Matzon wurde im April 75, Gert Fabritius im Februar 80. Man wird sicher dafür Verständnis haben, dass das allein wohl nicht gereicht hat, um sich für die beiden Künstler und ihre Werke zu entscheiden. Zwei Künstler zusammenzubringen und unter einem Dach auszustellen ist keine leichte Sache: Sie müssen entweder zusammenpassen, harmonieren oder total verschieden sein und sich als Gegensatz gegenüberstehen. Das Zusammentreffen ihrer persönlicher Jubiläen hat in der Tat die Aufmerksamkeit auf sie fokussiert, ausschlaggebend für die Entscheidung war jedoch der oben genannte, zweite Aspekt, die Gegensätzlichkeit künstlerischen Ausdrucks. Daher auch der programmatische Titel der Ausstellung: ,,Kontraste“.

„Die Dame lässt sich kaum definieren, aber man weiß, wenn man einer gegenübersteht.“ Diese Worte des Schauspielers Willy Birgel lassen sich auch auf das, was Kunst sein soll, übertragen: Die Kunst lässt sich kaum definieren, aber man weiß, wenn man einem Kunstwerk gegenübersteht! Dass es im Falle der ausgestellten Bilder um Kunst handelt, davon konnte man sich schon auf den ersten Blick überzeugen. Der Begriff Kunst kommt von Können und wird allgemein als Fertigkeit, eine Aufgabe auf bester, feinster Art zu bewältigen, verwendet. Wenn wir jedoch von Kunst als sinnenhaftes Angebot zur sinnenhaften Annahme sprechen, dann beziehen wir uns vor allem auf ein Kunstwerk. Das Kunstwerk ist Handwerk mit Prädikat. Und das Prädikat ist das Künstlerische, die vom Künstler induzierte Fähigkeit des Werkes, eine Erfahrung, ein ästhetisches Erlebnis, hervorzurufen. Am Hervorgerufenen lässt sich das Werk, das Künstlerische, „messen“. Dem bleiben Matzons und Fabritius‘ Werke keineswegs schuldig.

Die Werke von Akos Matzon sind in ihrer ästhetischen Klarheit Kammermusik. Sie offenbaren eine konsequente Auseinandersetzung mit geometrischen Formen der Ebene und den daraus abgeleiteten Reliefstrukturen, vor allem aber die immer wiederkehrende Schiefe: Sie wurde zum Markenzeichen des Künstlers. Seine Werke sind von „astrein“ gezogenen Linien und „glasklaren“ Verhältnissen kennzeichnet. Die geometrischen Formen reduzieren sich auf das Wesentliche und lassen mit minimalem Aufwand eine sensible, nicht zu überbietende Harmonie entstehen. Kein Strich zu viel, kein Punkt zu wenig. Die geringste Änderung, der kleinste Zusatz könnten den Zusammenhalt zerstören. Alles gerade so viel, wie viel die Essenz gerade nötig hat, um relevant zu werden. Eine stille, klar definierte, bewusst gestaltete graphische Disziplin, eine vom ästhetischen Sinn bestimmte und ihm dienende graphische Logik durchzieht wie ein roter Faden sein Werk. Keine emotionalen Ausbrüche, alles ist mit sachlicher Distanz zum affektiven Ich auf das Wesentliche reduziert, eine klare Harmonie, eine entschieden persönliche Handschrift und eindeutige Botschaft.

Ákos Matzon: II Omega Weg. Acryl, Holzkontraplatte, Leinwand, Spiegel, Relief, 2019

Auch in chromatischer Hinsicht bleibt der Künstler sich und seiner ästhetischen Idee treu: Kein Farbenrausch, keine Spekulationen, kein unnötiges Modulieren oder „Phantasieren“. Geordnet oder verspielte Flächen und Linien, ab und zu ein kontrastierender „Tupfer“ leuchtender Farbe lassen trotz graphischer Rigorosität Wärme und Poesie entfalten. Darin besteht die Kunst des Ákos Matzon.

„Wir müssen zum Schluss doch zugeben, dass wir jedes Mal von uns selbst sprechen, wenn wir nicht schweigen können.“ Mit dieser Einsicht des französischen Schriftstellers Anatole France gehen wir die Bilderwelt des Gert Fabritius an. Wenn wir Matzons Bilder als Kammermusik bezeichnet haben, dann sind Fabritius Werke symphonische Dichtungen. Charaktervoll gezogene Konturen, bizarre, von Angst gepeinigte, verkrampfte Gestalten und Schatten immer wiederkehrender Motive zeugen von einer als schreckhaft empfundenen menschlichen Kondition.

Auch wenn Fabritius‘ Bilder den Eindruck vermitteln, in einem bestimmten, relevanten Augenblick erfasst und festgehalten worden zu sein, sind sie zutiefst narrativ. Das Wort im Bild oder am Bild, Wörter und Syntagmen als Aussagen und Fragen fügen sich immer wieder in das Konstrukt ästhetischer Botschaft ein und fokussieren den Kern des Geschehens. Fabritius ist ein philosophierender Maler. Seine Werke sind jedoch keine Antwort auf existentielle Fragen, denn, glauben wir Reinhold Schneider, „es gehört zum Wesen der Kunst, Fragen offen zu lassen …“ Es sind eher mythische Anspielungen, wiederkehrende, thematisch verarbeitete Zeichen, Metaphern, Modulationen, Variationen und Auslegungen einer mehr oder weniger persönlichen Welt der Symbole, verschlüsselte Anstiftungen zu hinterfragen, zu erfahren, zu problematisieren.

Ein zwiespältiges Hinterfragen: Der Stein als Last, der Stein am Sisyphos‘ Werk absurd empfundener menschlichen Kondition oder als Symbol der Ewigkeit? Ein paradoxes Spannungsfeld: Versucht sich der Minotaurus am Sprung über den Stein ins Sein zu stürzen oder will er dem unnachgiebigen Labyrinth der Weltzeit zu entkommen? Das Boot treibt unaufhaltsam weiter, immer weiter: Tempus fugit – memento mori! Oder wie es in einem siebenbürgisch-sächsischen Lied heißt: „Ech gon af de Bräck uch kun nemmi zeräck …“ Die Kunst ist nicht ethnisch gebunden, die Worte im Bild des Siebenbürgen Sachsens Gert Fabritius  „Wuni ich gon af de Bräck, nemi de Stin zeräck“ sind nicht allein Ausdruck der Auseinandersetzung mit dem endlichen Dasein, sondern auch der Verbundenheit zur siebenbürgischen Heimat.

Immer wieder eine schräg, irgendwie lose schwebende Leiter. Wo führt sie hin? Himmelsleiter oder eine jederzeit einem einen Streich spielende, einen Strich durch die Rechnung ziehende Tugendleiter? Eine zwiespältige Erfahrung …

Eine zwiespältige Problematisierung: Der Stuhl als Thron, Thron oder Stuhl als Rätsel, wer an der Rechten und Linken sitzen dürfe, als Suche nach dem, der darauf überhaupt zu sitzen habe oder als Angebot, sich einfach selbst hinzusetzen!

Die Ironie ist die Waffe des Schwächeren, so Thomas Mann, der Humor hingegen ist eine Fähigkeit modernen Geistes (Milan Kundera), jedoch nicht als Lachen, Spott, Satire oder als spezifische Art des Komischen, sondern im Sinne Octavio Paz‘ als Fähigkeit des Geistes, alles was er berührt, vieldeutig zu machen und als solche zu akzeptieren. Beide führt Gert Fabritius in seinen Kälber-Bildern zusammen: Karikiertes Muhen oder Buhlen, lautes Gelächter oder Schrei, Lustempfinden oder Schmerz? Wieder mal ein zwiespältiges Angebot zur Auseinandersetzung, eine zweideutige Anspielung, denn nicht zufällig heißt das ausgestellte Bild „Wo ist Europa?“

Die Ausstellung ist bis zum 16. Oktober 2020 im Ungarischen Kulturinstitut der Republik Ungarn, Christophstraße 7 in Stuttgart zu sehen.

Eugen CHRIST

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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