Eine Auswahl von roten Schals…

Drei Begegnungen mit Eginald Schlattner / Von Andreea DUMITRU

Ausgabe Nr. 2689

Die Verfasserin bei einem Besuch 2019 bei Eginald Schlattner in Rothberg.

Die Überzeugungen eines Menschen verändern sich im Laufe der Zeit und dass im Leben nichts zufällig ist, sollen folgende Sachverhalte beweisen.

Eginald? Ja, Eginald Norbert Felix Schlattner. Dieser Mensch hat die letzten Jahre meines Daseins entscheidend mitgeprägt. Doch beginnen wir mit dem Anfang, denn eine Rückblende kann den Bezug zu ihm verständlicher machen. Diesen Text widme ich dem Schriftsteller und Gefängnisseelsorger zu dessen 87. Geburtstag, den er am 13. September feiert.

 

Noch während meiner Schulzeit habe ich zum ersten Mal den Namen Schlattner gehört. Susanna Schlattner gehörte zu den bekanntesten Musiklehrerinnen unserer Stadt und war uns Schülerinnen vom Pädagogischen Lyzeum in Hermannstadt ein Begriff. Wir schrieben das Jahr 1999, als meine damalige Klasse an einer Fortbildung in Thalheim teilnahm, nahe Hermannstadt. Die Leiter des Seminars waren Lehrer aus Deutschland, und wir sollten uns als zukünftige Grundschullehrerinnen mit modernen Lehr- und Lernmethoden vertraut machen. Es war ein Jahr nach dem großen Erfolg seines Romans „Der geköpfte Hahn“. Damit unser Workshop nicht zu langweilig wurde, schlugen die aus Deutschland entsandten Lehrkräfte einen Ausflug nach Rothberg vor. Da wir alle im Teenageralter waren, äußerten wir über diesen Vorschlag lautstark unseren Missmut; doch da führte kein Weg dran vorbei. Der Ausflug fand statt, wir liefen einige Kilometer zu Fuß zu dem Pfarrer und neuerdings Schriftsteller Eginald Schlattner; war er doch der Mann unserer Musiklehrerin. Wie langweilig – Gottesdienst war angesagt, daraufhin ein literarisches Gespräch… und das alles in einer kalten Kirche!

Der Empfang war recht herzlich! Man lächelte und war nun gespannt auf das Treffen. Auf dem Pfarrhof erfuhren wir einiges über die geschrumpfte Gemeinde, über die Auswanderung der Siebenbürger Sachsen im Allgemeinen – alles, was uns nicht interessierte. Interessant war aber der Pfarrer in Person – weißes Haar, in Schwarz gekleidet, mit Hausschuhen… und einem roten Schal. Der Schal flatterte im Herbstwind und war für alle sehr mysteriös. Bei starkem Sonnenschein kam die rote Farbe des Schals gerade gut zur Geltung. Die Führung ging weiter, in die Kirche, einer Basilika von 1225; vom Portal aus drei Stufen hinab, ein Dutzend Meter geradeaus,  und wir setzten uns alle in die ersten Bänke des Chorraumes. Stille! Eginald Schlattner begann seine endlose Geschichte, wir hörten gespannt zu und verstanden wahrscheinlich nur die Hälfte von dem, was er mitzuteilen hatte. Gesang, Segnung… und eine letzte Frage: „Warum ist der Kirchenboden nicht auf demselben Niveau mit der Erdoberfläche?“ Richtige Stille, entsetzte junge Gesichter. Was sollte die Frage? Niemand … nichts … Und dann hörte ich meine Stimme: „Die Erde ist gewachsen!“

„Tatsächlich“, fuhr Pfarrer Schlattner fort.

Händedruck, Begeisterung, fast Umarmung… und die Frage nach meinem Namen … Andreea mit zwei „e“. „Denn Gott kennt uns nach unseren Vornamen“ und so weiter und so fort.

Wie geschehen, so vergessen! Geblieben ist allein der rote Schal.

Doch das Leben belehrt einen des Besseren, denn Eginald Schlattner sollte sich wieder in mein Leben einschleichen; einige Jahre später – wahrscheinlich 2002, ich war damals Studentin  – besuchte ich nichtsahnend ein Konzert in der evangelischen Stadtpfarrkirche in Hermannstadt. Hoher Besuch aus Deutschland war da, die Kirche voll, das Konzert bewegend!

Anschließend wurden alle Kirchenbesucher auf die Orgelempore eingeladen – Kaffee und Kuchen gespendet von den Chormitgliedern. Also nichts wie hin! Ich versprach mir neue Bekanntschaften und lehrreiche Gespräche. Mal hier, mal dort ein Gespräch, ein neuer Blickwinkel über die Siebenbürger Sachsen … und da fiel schon wieder der schon bekannte aber verdrängte Name Eginald Schlattner. Der Roman „Rote Handschuhe“ stand gerade hoch im Kurs; Vergangenheitsbewältigung der jüngsten Geschichte, Kontroversen und Bezichtigungen. Mit 20 Jahren sind das nicht gerade Themen, die dich anziehen, doch zuhören kostete ja nichts. Ich stellte Fragen, alles schien fremd. Ich erinnerte mich vage an den herbstlichen Besuch in Rothberg… roter Schal…

Eine Dame aus dem Gastchor kam plötzlich auf mich zu und fragte, ob ich den Schriftsteller Schlattner kenne. „Ja, natürlich“, war meine prompte Antwort. „Haben Sie etwas von ihm gelesen?“ „Nein, natürlich nicht…“.

Nach diesem Treffen hat sich alles verändert. Zwei Wochen später lagen die zwei schon veröffentlichen Romane – „Der geköpfte Hahn“ und „Rote Handschuhe“ – auf meinem Schreibtisch. Kostenlos nach Rumänien geschickt, einfach mal so. Ich hatte mich damals verpflichtet, sie zu lesen und der liebenswürdigen  Frau meine Meinung darüber zu schreiben.

Mit der ersten gelesenen Seite begann es! „Der geköpfte Hahn“ schien mir ein Durcheinander von Gestalten, Geschichten und Geschichte und das bedurfte einer genaueren Analyse. Ich begann über die Geschichte der Siebenbürger Sachsen zu lesen, die alten Bekanntschaften aufzufrischen. Erzählte Zeitzeugengeschichte ist doch viel aufschlussreicher als Geschichte schwarz auf weiß. Das Interesse für die Geschichte meiner Vorfahren hat auch heute nach fast zwanzig Jahren immer noch nicht nachgelassen.

Der abrupte Exodus der Sachsen hat in Siebenbürgen Literatur produziert. Sogar Weltliteratur. Man nahm nun Abschied, langsam aber sicher von einer Welt, die nahezu 900 Jahre eine siebenbürgische Realität dargestellt hatte. Die plurikulturelle Wirklichkeit meiner Kindheit fand sich nun in Büchern wieder. Und in den Gesprächen mit Eginald Schlattner, die nun regelmäßig stattfinden, denn jeder Besuch in Rothberg ist auch eine Lektion über zeitgenössische Geschichte. Schon im Flur hängt eine Auswahl der roten Schals.

„Rote Handschuhe“ hat mich damals wachgerüttelt, da der Kommunismus nicht wirklich ein Thema für mich war. Die Schlagworte: Securitate, Verhöre, Gefängnis – damit konnte ich nichts anfangen und ehrlich gesagt, erschien mir der Inhalt beim ersten Lesen wie ein Buch mit sieben Siegeln. Aber ich hatte ja der Chordame versprochen, eine kurze Rezension zu schreiben. Ich stand nun vor der Herausforderung, mich mit einem Sachverhalt zu beschäftigen, der nicht zu meinem Interessenbereich gehörte, weder literarisch noch biographisch. Also war das Geschenk aus Deutschland kein Geschenk sondern Arbeit. Lesen um schreiben zu können. Übungen zum Textverständnis. Hätte ich doch damals auf der Orgelempore gesagt: „Danke, das ist nichts für mich.“ Leider sind die handgeschriebenen Blätter abhanden gekommen und was ich damals nach Deutschland geschickt habe, bleibt wohl ein Geheimnis, denn der Kontakt zu der Spenderin ist abgebrochen.

Die beiden Bücher hatten nun ihren Ehrenplatz im häuslichen Bücherregal und niemand hat sie weiterhin beachtet. Ich war damals mit meinem Studium und den Freundschaften beschäftigt. Die sorgenlosen jungen Jahre, die jeder Mensch einmalig erlebt und denen er später nachtrauert.

Zeit für Lektüre hatte ich auch genug, und begann in Anlehnung an die Literatur von Eginald Schlattner rumäniendeutsche Autoren zu lesen. Mal da ein Buch, mal hier ein Buch. Dank sei den Leuten, die mir lesenswerte Empfehlungen gegeben haben. So hörte ich wieder den Namen Eginald Schlatter. „Den kennst du doch!“ und diesmal kaufte ich freiwillig sein Buch. „Das Klavier im Nebel“ – nach eigener Aussage das Lieblingsbuch des Autors. Ich begann zu lesen und verstand dank meiner vorherigen Lektüre die Konzepte der Inter- und Plurikulturalität. Für mich ein Erfolgserlebnis.

Jahre später, auf der Suche nach einem passenden Thema für meine Dissertation, hieß es apodiktisch: „Sie schreiben über Schlattner!“ So meine Doktormutter. Was die nächsten Jahre meines Lebens bestimmte. Der Kreis schloss sich und der rote Schal flatterte mir fast um die Ohren.

Andreea Dumitru: Inter- und Multikulturalität in Eginald Schlattners Romantrilogie „Versunkene Gesichter“.  Honterus Verlag, Hermannstadt 2017, 179 Seiten. ISBN 978-6-068573755

 

 

 

 

 

 

 

 

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Persönlichkeiten.